Das Baby im Kind

Albert Einstein hat schon recht. Die Zeit muss relativ sein. Anders wäre es auch nicht möglich, dass die Lichtgeschwindigkeit konstant ist. Aber auch ohne mit 1.079.000.000 km/h zu reisen kann man jeden Tag erleben, wie unterschiedlich sich die Zeit verhält. Wartet man auf einen Zahnarzttermin, dann vergeht sie wie im Flug. Ist es der Urlaub, den man nicht erwarten kann, dann vergeht sie viel langsamer. Auch bei der Entwicklung der Kinder verändert sich die Geschwindigkeit der Zeit. Als Mutter erlebt man Phasen, in denen es einfach nicht schnell genug geht und andere, in denen man versucht die Zeit, die zwischen den Fingern verrinnt, verzweifelt festzuhalten. Aber auch bei meinen Kindern merke ich, dass es Ihnen manchmal zu schnell geht und sie doch noch liebetr das Baby im Kind wären.

Der Lauf der Dinge

Es fängt eigentlich ganz harmonisch an. Man verbringt mit den Kleinen jeden Tag 24 Stunden und wenn es sein muss, dann auch alle 24 davon hellwach. Die meisten Dinge, die sie lernen, sind wunderbar und lassen das mütterliche Herz höher schlagen. Lächeln, Brabbeln und Kopf heben sind tolle Sachen. Unangenehm wird es, wenn sie beginnen sich umzudrehen und man langsam aber sicher die Wohnung auf kindersicher umbauen muss. Alles, was bisher einen hervorragenden Platz auf unter 50cm Höhe hatte, muss nach oben. Stattdessen hält das Kinderspielzeug Einzug in der Wohnung und ein Quadratmeter nach dem anderen wird übernommen. Aber bis dahin ist eigentlich die Welt in Ordnung. Man hat seinen eingespielten Tagesablauf und genießt die Zeit mit dem Kind, oder den Kindern. Doch dann schaltet die Zeit einen Gang hoch und das Tempo steigt.

Kita und Tschüss

Spätestens wenn die Kita startet geht es plötzlich zu schnell. Mit dem Eintritt in die Schule ist es dann viel zu schnell. Die Zeit, in der die Kinder tolle Sachen lernen und vom Baby zum Kleinkind reifen, ist wunderschön. Ich denke oft daran, wie es war, wie ich mich gefreut habe und wieviel Spaß wir hatten. Jetzt geht meine Kleinste alleine in die Kita und ihre beiden großen Geschwister besuchen die Schule. Mein Sohn hat sich rasch in die erste Klasse eingelebt und obwohl man ihn noch eine Woche lang in die Klasse bringen durfte, hat er das nach zwei Tagen dankend abgelehnt. Er geht selbstsicher alleine in den vierten Stock und verbringt dort seine Vormittage. Zusammen mit vielen anderen Kindern in einer Welt, in die ich keinen Einblick habe und die ich nur vom Elternabend kenne.

Großes Mädchen

Meine Älteste ist gerade erst in die Schule gekommen. Dummerweise nimmt die Zeit aber immer mehr Fahrt auf, also ist sie heuer bereits in der dritten Klasse. Die ersten Eltern bemühen sich bereits um den Platz in der nächsten Schule. Nur noch ein Jahr, dann ist es endgültig vorbei mit der einen Bezugsperson. Zuerst war es ich, dann ihre Lehrerin. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ungewohnt es war, dass plötzlich jede Stunde ein anderer Lehrer uns unterrichtet hat. Irgendetwas in mir findet es einfach nicht gut, dass es so schnell geht. Ich will nicht, dass mein Baby sich Tests und Arbeiten stellen muss. Ich will nicht, dass sie auf direktem Weg auf das Erwachsenwerden zu steuert. Ich will nicht, dass sie auszieht und ein Leben führt, von dem ich wenig mitbekomme. Umso erfreulicher ist es auch, dass die Kinder ihre Vergangenheit nicht leichtfertig hinter sich lassen. Ganz im Gegenteil.

Das Baby im Kind

Es kommt immer öfter vor, dass meine beiden Großen sich benehmen wie Babys. Gut, sie liegen nicht auf dem Rücken und sabbern, aber sie suchen Nähe, wollen zumindest genauso behandelt werden, wie ihre kleinste Schwester und haben einen starken Bezug zu den Gegenständen, die sie eigentlich schon immer haben. Mein Sohn hat, seit er klein ist, einen Kissenbezug. Als ich mit seiner kleinen Schwester im Spital war, hat er ihn bekommen und seitdem hat er keine Nacht ohne ihn verbracht. Wer jetzt Bedenken wegen der Hygiene hat, den kann ich beruhigen. Wir haben zwei davon und er nutzt sie abwechselnd. Aber er nimmt sie mit in unser Wochenendhaus, zu Übernachtungen bei Freunden und überall dort, wo er schlafen wird. Seine Kissen hat er früher auch in die Kita mitgenommen um seinen Mittagsschlaf zu machen.

Genießen

Dummerweise kann man die Zeit auch nicht anhalten. Egal wie wenig ich von der rasanten Entwicklung meiner Kinder bin, ich kann nichts dagegen tun. Heute malt mein Kleiner noch seine Ms in sein Hausübungsheft und schon bald wird er in seinem Zimmer komplizierte Hausübungen machen und lernen, wie die Welt funktioniert. Ich muss die Momente mit ihnen vorerst genießen und das Beste daraus machen. Dass die Kinder ihren Weg alleine gehen werden, ist aber ziemlich klar. Es wird nicht mehr so lange dauern, dass sie mich brauchen. Bald werde ich meine Platz als wichtige Bezugsperson komplett räumen müssen. Sie werden Freundinnen und Freunde finden und sich ihr eigenes soziales Netzwerk aufbauen. Ich kann als Mutter nur anbieten, für sie da zu sein. Einstweilen habe ich ja noch unsere Kleinste, aber wenn auch sie in zwei Jahren zur Schule geht, dann kann ich den ersten Lebensabschnitt mit meinen drei Kleinen endgültig abschließen. Dann muss ich wohl eine Umschulung machen und von der Mama zur mütterliche Freundin werden. Auch eine Rolle, auf die ich mich eigentlich schon freue.


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