Darf man noch…?

Eines Tages würde wieder einer diese Frage stellen, das wusste ich ganz genau. Na ja, “wissen” ist vielleicht das falsche Wort, ich ahnte es wohl eher, als die Dinge auf dieser Welt anfingen, so aus dem Ruder zu laufen, dass wir nicht mehr einfach so tun konnten, als ginge uns das alles nichts an. Ich habe sie kommen sehen, diese Frage, weil sie mir in meinem Leben schon unzählige Male begegnet ist, mal garniert mit einem Hauch Selbstgerechtigkeit, dann wieder gewürzt mit dem unverkennbaren Geschmack einer tiefen inneren Zerrissenheit. “Darf man noch…? Wo doch die im Ostblock…?”, hiess es in meiner Kindheit. “Darf man noch…? Wo doch in Nordkorea….?”, fragte man etwas später. “Darf man noch…? Wo doch in Syrien…? In Griechenland…? In Eritrea…?”, lautet die Frage heute.

Berechtigte Fragen, finde ich, denn immer nur so tun, als ginge uns das alles nichts an, das geht nicht. Einfach nur ans eigene Vergnügen denken, wo doch andere ums nackte Überleben kämpfen, ist meiner Meinung nach schlicht und ergreifend unanständig. Und doch geht mir dieses “Darf man noch…?” zuweilen gehörig auf den Geist. Wenn Menschen auf die kleinen Freuden ihres Alltags verzichten, nicht etwa, weil sie die gewonnene Zeit dazu verwenden, um etwas zu bewirken, sondern einfach nur, um ihr Gewissen zu beruhigen, dann bringt das nicht nur keinem etwas, sie machen sogar die Welt ein kleines bisschen schlechter, weil sie mit ihrer Leidensmiene anderen den Tag vermiesen. 

Darum sind mir Menschen lieber, die fragen: “Was kann ich…?” Die machen nicht nur die Welt ein klein wenig besser, die erlauben sich auch, etwas zu dürfen, nachdem sie getan haben, was sie konnten.

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