Damion Davis – Querfeldein im Interview

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Zuerst einmal: Wie geht es dir?

Gut soweit. Es passiert gerade echt viel. Die Transformation von den Wintermonaten zum Frühling setzt ein und in diesem Zuge release ich mein Album. Ich ziehe gerade um und es passiert eine Menge Veränderung, aber man kann nur glücklich sein, wenn man sich immer verändert. Nichts ist so langweilig wie Stillstand und Stagnation. Wenn man die Frage wörtlich nimmt, “geht” es gut, weil man viele Wege laufen muss und ich komm gerade überall an. Von daher kann ich nicht klagen und wenn ich klagen müsste, hätte ich Probleme mit dem Anwalt.

Du hast ja jetzt doch einige Zeit lang nicht mehr viel von dir hören lassen…

Naja, vor 2 1/2 Jahren kam mein Mixtape “Lampenfieber” , dann kam kurz davor noch das Remixtape.. Dazu noch zwei Kinofilme und eine Menge andere Projekte. Die Leute sagen zwar immer, ich hab seit sechs Jahren nichts mehr gemacht, aber in der Zeit ist eine Menge entstanden. Zwar kein komplettes Album und viele Sachen, die nicht unbedingt released werden, aber ich hab auf jeden Fall etwas gemacht. Und das krasseste Album, dass ich rausgebracht hab ist sowieso mein Sohn, das ist das größte Release aller Zeiten. Von daher ist auf jeden Fall viel rausgekommen, aber nicht alles war für die Öffentlichkeit bestimmt.

Ich hab die ganze Zeit Sachen gemacht, Sachen geschrieben, Workshops veranstaltet, war mit dem Theater auf Tour und hab Filme gedreht. Aber vorallem bin ich Papa gewesen und habe mich um die Familie gekümmert. Diese ganzen Releases sind ja nur Eckpunkte, bei denen die Leute sagen können, da ist etwas rausgekommen. Manche Leute lassen sich Zeit mit Releases und andere bringen Alben wie am Fließband.

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Ich bin da halt eher so “alte Schule” und gehe an die Sachen eher so retromäßig ran, sodass man sagt, man nimmt sich Zeit für ein Album und wenn die Zeit gut ist, dann bringt man es raus. Man schreibt viel, man probiert viel aus und releast nicht alles Hals über Kopf. Alles zu seiner Zeit halt. Und da die Menschen ja heutzutage ein langes Leben haben, kann man sich ruhig ein wenig Zeit nehmen und ich möchte ja noch ganz lange Musik machen. Ich will auch nicht ewig der junge Hip-Hopper sein, sondern in Zukunft auch einmal etwas Neues machen. Hör dir einfach den Song “Schön dich zu sehen” an, da erzähl ich dir in knapp  sieben Minuten, was in den letzten sechs Jahren so passiert ist.

Wie lange hast du jetzt im Endeffekt nur an diesem Album gearbeitet?

So ca. 2010 sind die ersten Ideen, die ersten Beats, die ersten Texte entstanden. Das Album ist Ende 2012 komplett fertig gewesen…also rund 2 1/2 Jahre. In der Zeit hat sich auch in meinem privaten Umfeld sehr viel verändert und bis das alles wieder stabilisiert war, ist natürlich viel Zeit vergangen. Wenn alles so gelaufen wäre, wie es 2010 angefangen hat, hätte ich es auch sicher 2011 schon rausgebracht. Aber es ist einfach wie ein guter Wein, das muss gedeihen. Mann wartet immer auf den richtigen Moment, man wartet auf die Tracks, die noch mehr aussagen als die, die man bis jetzt geschrieben hat. Ich schreib ja für ein Album immer so 30 Tracks und wähle dann die Besten aus. Von Daher brauch ich wirklich das Gefühl, dass ich alles gesagt habe und meinen Kopf erstmal komplett leer gemacht habe auf meinem Album.

Von diesen gerade erwähnten privaten Sachen hat es auch das eine oder andere auf das neue Album geschafft…

Ja, genau. In erster Linie die verflossene Liebe und die Sehnsucht nach meinem Sohn. Die beiden Sachen sind hier sozusagen als Flaschengeist für die Ewigkeit konserviert worden. Einfach auch um loszulassen. Es gibt immer auch traurige Sachen im Leben und um das richtig loszuwerden, hab ich es auf diesem Album beschrieben. Es waren einfach Stationen in meinem Leben, die ich nie vergessen werde und die ich in diesem Moment rauslassen musste und dafür habe ich meine Musik als Ventil genutzt. Es gibt sicher auch Menschen, die in ähnlichen Situationen sind, Menschen, die Schwierigkeiten haben ihr Kind zu sehen weil die Mutter es nicht zulässt und Leute, die in ihrer Beziehung verarscht wurden. Klar, ich bin ein sensibler Mensch, wie vermutlich viele Künstler, und dann bewegen einen solche Dinge einfach. Musik lebt von Emotionen und als Musiker spielt man ja mit diesen Emotionen. So ein kleiner Windstoß kann einen da schon ganz schön umhauen als zartbesaiteten Künstler.

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Du sagst ja auf dem Song “An der Line”  selbst: “Es ist nicht fair, dass ich das veröffentlich’, aber ich teil lieber mein’ Schmerz bevor mein Herz daran zerbricht”.

Ja, ich musste das einfach rausschreien. Wie gesagt, andere Leute sind ja auch in ähnlichen Situationen und dafür mach ich Musik. Damit die Leute das teilen können, Leute die vielleicht auch den Schmerz haben, aber gar nicht wissen wohin mit all den Gefühlen. Es ist sozusagen die Schönheit der Zerstörung. Es ist auch einfach Schönheit, diesen Schmerz in einen Song zu kleiden.

Musiker sind wie Magier. Die Musik befreit dich, sie öffnet einen Kanal in deinem Körper und deinem Geist, sodass man alles irgendwie verarbeiten kann. Und deshalb glaube ich, ist es auch legitim, dass ich solche Songs raushaue.

Wo sieht du den Unterschied zwischen deinem neuen Album und deinen alten Alben?

Alles habe ich mit Silent Tone selbst mitproduziert. Der ist sehr gut auf mich eingegangen und hat immer versucht meine sehr forschen und komisch formulierten Wünsche umzusetzen. Textlich habe ich auf diesem Album noch mehr Themengebiete genauer ausgeleuchtet, einfach die Themen genau nehmen und Zeile für Zeile genau dem Thema zuzuspielen. Es gibt viele gesungene Hooks, ein paar politische Sachen,ein paar emotionale Sachen und ein paar wirklich nah emotionale Sache aus meinem Privatleben. Es ist auf jeden Fall ein wenig rockiger geworden, aber es ist kein riesengroßer Unterschied zu den vorherigen Alben. Es ist immer noch der Damion-Sound, einfach nur ein wenig rockiger. Es geht eigentlich mehr zurück zu meinen Wurzeln in den 90er Jahren, zu dieser Crossoverzeit. Das Album bringt mich ein Stück weit zurück in die Zeit, wo ich angefangen hab Musik zu machen.

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Wie du schon sagst, die Platte ist etwas rockiger geworden. Hast du bzw. habt ihr die Instrumente live eingespielt oder kommt der Sound straight aus dem PC?

Zum Großteil haben wir alles live eingespielt. Die Gitarren, teilweise Bässe, teilweise Drums und bei den Sachen, die Mortis One prozuiert hat, natürlich einige Samples. Es ist alles nicht so meldiös. Es ist ein junges Album von jungen Leuten produziert. Die beiden Jungs sind gerade 26 Jahre alt und das ist genau das Ding, was ich auch wollte. Ich wollte kein Hochglanz Coldplay oder “Wir sitzen in einer Höhle mit Pink Floyd Musikern und probieren die Supergeile neue Popindiewelle zu schieben”. Ich wollte, dass es klingt wie die Musik, die ich früher machen wollte, als ich noch keine Ahnung hatte. Es soll irgendwie nach den 90er klingen. Ich wurde in der Zeit musikalisch sozialisiert und mir hat die Zeit sehr viel musikalisch gegeben. Ich hatte immer Bock etwas in diese Richtung zu machen und jetzt habe ich es einfach gemacht. Und zwar mit Leuten, die ganz jung sind und nicht 20.000 € auf den Tisch haben wollen, sondern die einfach “nah” bei einem sind. Es sind einfach Jungs, die auch dein Nachbar sein könnte. Und die nehmen die Sache auch nicht so megaernst, dass sie sagen: “Ey wir müssen jetzt alles wegboxen, wir müssen in die Charts”. Das lief wie in der Schule damals, einfach Nachmittags treffen und entspannt Musik machen.

Auf deinem Album ist kein einziger Featuregast. Gerade für Spoken View ist das doch sehr ungewöhnlich…

Ja, mein Sound ist einfach ein wenig anders. Die Jungs fahren mehr so diesen “New Yorker MF Doom Boom Bap Style” und das passt nicht so zu meiner Musik. Die respektieren mich als Menschen und als Live-Musiker, aber musikalisch sind da nicht so große Interessen gemeinsam Musik zu machen – was ich auch verstehe und akzeptiere  Und da ich in der Zeit, als ich das Album geschrieben sowieso nicht so krass in der Rapszene unterwegs war, weil ich Familie hatte (und immer noch habe) ,hat sich einfach nichts ergeben, wo ich das Gefühl hatte mit dem und dem könnte ich jetzt einen Song machen. Ich kenne natürlich eine Menge Rapper, aber anzufragen “Haste Bock auf en Feature?”, das mag ich nicht . Das ist wie bei meinen Produzenten, ich will die Leute kennen lernen und wenn die man sich gegenseitig feiert, ergibt sich der Rest automatisch. Und ein Businessfeature zu kaufen, damit sich das Album besser verkauft, davon halte ich nicht viel. Dann feature ich lieber meine Freunde. Ich mache mit jedem gerne Features wenn sich das einfach ergibt, das war bei diesem Album aber nicht der Fall.

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Also hast du dich in der Entstehungszeit deines Albums nicht so viel mit Rap auseinander gesetzt?

Doch, doch, klar! Ich war nur nicht immer vor Ort, aber ich hänge jeden Tag im Internet und schaue die neuen Videos und lese Reviews…mit Deutschrap beschäftige ich mich jeden Tag – immer.

Du meintest 2011 auch, es ist an der Zeit für einen Generationswechsel im Deutschrap. Würdest du sagen, dass dieser Wechsel jetzt abgeschlossen ist?

Ja, auf jeden Fall! 2011 hat es sich ja schon angekündigt. Die Orsons, Casper, Marteria, Megaloh, Liquit Walker, Prinz Pi, auch wenn der schon ewig dabei ist, die ganzen Leute aus Frankfurt, Vega, Fard, Nate57, Edgar Wasser, Moop Mama, Kamp, Retrogott & Hulk Hodn, und noch viele mehr. 100% Generationswechsel. Die alten Leute sind inzwischen in Gold gemeißelt, da führt kein Weg dran vorbei; die sind einfach da und das ist auch okay so. Aber aktuell gibt es ja sogar eine ganz neue Generation, mit den VBT-Rappern wie Lance Butters. Alle wissen heute wie man rappt, wie man Worte setzt, haben die Technik verstanden, die Beats sind gut und alle geben sich Mühe und gehen die Charts.

Official im Gebäude wie in Amerika, bald werden 50-Jährige in Deutschland deutschen Rap in ihren Autos pumpen. Das ist einfach ne super Sache, von der ich niemals gedacht hätte, dass es nochmal so durchstartet. Einfach ein ganz tolles Zeitzeugnis, das hier abgeliefert wird. Weiter so!

Hast du eigentlich selbst auch Erwartungen an den Erfolg deines Albums?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin oldschool, was das betrifft. Ich bin kein Marketingmonster, ich bin im Osten groß geworden, ich bin wahrscheinlich ein wenig sozialistisch geprägt. Ich seh das alles ganz locker. Mein Lebensunterhalt funktioniert, ich habe jede Menge Spaß mit meinem Sohn. Ich kann ihm Sachen kaufen und ich kann ihm gutes Essen bieten. Ich werde definitiv nicht in die Charts kommen. Rapper wie ich kommen nicht in die Charts. Das ist wahrscheinlich einfach viel zu verkopft oder einfach nicht so “Ich hab die neon-grüne Jacke an und red auf der V.I.P. Party alle Leute an, die irgendetwas für mich tun können”. So war ich nie, ich hab mir immer alles selbst erarbeitet und immer mit Leuten gearbeitet, die ich persönlich kannte. Jeder verdient ja irgendwie ein bestimmtes Stück, aber Aufmerksamkeit und Erfolg werde ich mir wohl erst in den nächsten Jahren erarbeiten können – mit anderer Musik. Meine Art von HipHop ist eher nicht so geeignet dafür, kommerziell erfolgreich zu sein. Was aber irgendwie auch angenehm ist. Man ist einer von Allen, aber kein Nichts. Ich hab meinen Namen jetzt einmal durch Deutschland getragen und bin super dankbar für jeden Menschen der auf ein Konzert kommt, weil Konzerte sind das Herzstück, von dem was ich mache.

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Du sagst es selbst: Konzerte sind das Herzstück deiner Musik. Kommt jetzt endlich mal eine Tour von dir?

Hier wird zurzeit gebooked ohne Ende. Im Mai wird es eine Tour mit 12 oder 13 Dates geben. Wo und wann genau werden wir demnächst veröffentlichen. Wir feuern da keine Raketen ab oder haben große Visuals, es ist einfach “Two Turntables and a Mic”. Das ist einfach genau mein Ding.

Das splash! Festival steht ja diesen Jahr auch wieder auf dem Plan…

Ja, dieses Jahr Freitags, Hautbühne, nach Chefket. Da geht es ab! Kann wirklich gut werden…wenn es nicht regnet.

Was steht sonst noch an in nächster Zeit?

Im Moment hab ich sonst nichts auf dem Schirm. Aber die Leute sollen  einfach auf meine Facebook-Seite Damion Davis gehen, da gibt es alle News. Und unbedingt die kostenlose Download EP dort herunterladen. Dann holt euch am 12.04 mein Album und hört euch erstmal die Mucke an und dann kommen wir in eure Stadt. Ich sage es immer wieder: live Musik machen ist einfach mein Ding. Am liebsten würde ich jedes Album in einer Cypher, Freestyle, den Leuten vorrappen. Ich kann einfach nicht stillstehen, ich muss auf die Bühne gehen und ausflippen.

Und Musikalisch?

Naja, ich habe eine Band, wo ich Gitarre spiele und singe. Wir haben auch letztes Jahr ganz viel gemacht und geprobt, aber jetzt hat der Trommler leider einen Bandscheibenvorfall und wir können schon seit ein paar Monaten nichts mehr machen. Das ist eine Mischung aus Grunge, Rock und Post-Rock und die Songs sind noch emotionaler als meine Rapsongs. Meine Songs jetzt sind so Alkopops und ein paar Shots und diese Rock-Sache ist so richtig guter Rotwein. Mit dieser Band werde ich dieses Jahr auf jeden Fall ein Demotape machen.

Ich schreibe auch schon an neuen Rapsongs, aber da bin ich noch auf der Suche nach neuen Produzenten und vielleicht wird das dann ein wenig elektronischer – ich hab auf jeden Fall bock auf etwas Neues. Ich bin gerade auf der Suche nach Produzenten, egal welche Musikrichtung. Ich bin da für alles offen.

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Zum Thema Band: 2010 gab es da ja mal eine Facebook Aktion für ein neues Kaosloge Album. Was ist denn daraus geworden?

Das hat sich irgendwie durch die Gründung von “Rap am Mittwoch” eher in den Hintergrund gespielt und Chefkoch sitzt gerade sowieso im Knast. Aber wer weiß…wir scherzen öfters darüber und es kann durchaus sein, dass da mal eine EP kommt. Wenn jeder einen Part dazusteuert, kann es ganz schnell gehen, aber zurzeit hat eigentlich jeder seine eigenen Projekte am laufen. Ich wäre aber auf jeden Fall dabei und ich hätte auch nicht auf die 1000 Gruppenmitglieder gewartet, sondern eher gesagt: Hey, wir haben ne EP fertig, wenn hier so viele Leute dabei sind, hauen wir das Ding raus. Also ich bin bereit!

Auch wenn da draußen irgendwelche Musiker sind, die Bock haben mit mir etwas zu machen, meldet euch. Mein Album ist vom Tisch und jetzt gibt es einen Neustart. Wenn jemand wirklich das Gefühl hat, er lebt und liebt Musik , Lust hat etwas zu produzieren und viel Arbeit zu investieren… immer her mit den Mails. Ich bin auf der Suche nach neuen Vollblutmusikern.

Also kann dich jetzt jeder einmal anhauen, der Bock hat mit dir zu arbeiten?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe Lust, ich habe Ideen und ich habe Zeit. Let’s do it!

Super. Vielen Dank für deine Zeit!
Das letzte Wort gehört dir:

Hey Leute,  Free EP herunterladen, Album herunterladen (legal) und auf Facebook mit Damion Davis befreundet sein. Jeder Mensch sollte jeden Tag etwas Kreatives machen. Selbst wenn ihr nicht die Besten seid, macht immer weiter. Kunst ist Therapie.

 


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