Daft Punk: Dance with a message

Erstellt am 19. April 2013 von Stilschreiber @stilschreiber

Rummel, Trubel, Riesenaufregung. Seit Tagen. Der Grund: Das neue Album von Daft Punk – oder besser: Das, was man darüber bereits erfahren kann. Dabei stellt sich bei all den Nachrichten und Dementi von Fans, Plattenfirma und Coproduzenten die Frage, was davon denn nun wahr ist. In der letzten Woche wurden dann nahezu alle noch verbleibenden Geheimnisse um das neue Album von Daft Punk gelüftet: Es wird Random Access Memories heißen und am 17. Mai 2013 bei Columbia erscheinen. Die erste Single namens Get Lucky ist seit heute offiziell erhältlich und wurde im Vorfeld mehrfach pseudo-vorgestellt. Alle dieser scheinbaren Leaks entpuppten sich allerdings als Werke von Fans, die lediglich die bereits aus den aus Werbespots für das neue Album bekannten Snippets bestanden.

In diesem Beitrag soll es aber nicht primär um dieses neue Album gehen, sondern um das, was diese Band so anders, so viel besser macht, als die übliche House Combo. Daft Punk ist die tatsächlich beste Band der Welt, weil sie  ihre Entwicklung plant, gehen lässt und das Publikum zum Teilhaber des Prozesses macht. Dabei stehen Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo immer über kleinlichen Kategorien wie Genres. Den großen Gedanken, der ihr Schaffen prägt, kann man am deutlichsten in der Konsequenz sehen, mit der sie, musikalisch wie auch in angrenzenden Kunstformen, die Grenze zwischen Mensch und Maschine erforschen, hinterfragen und verwischen. Songtitel wie Robot Rock, Steam Machine, Human After All, Technologic oder Face to Face deuten bereits an, was mit der programmatisch betitelten Tour Alive 2007 dann zu einem Gesamtkonzept verschmolzen wird – das ganze stets unter der Maske des Roboters, ein Stilmittel, dessen sich das Duo bereits seit seinem zweiten Album mit dem Titel Discovery bedient.

Dancefloor-Philosophie

Die idée fixe der menschlichen Technik durchzieht auch Nebenprojekte der Band. So handelt ihr Film namens Electroma von zwei Robotern, die zu Menschen werden wollen und sich dadurch unter ihresgleichen unmöglich machen. Auch der von Daft Punk komponierte Soundtrack zum Disney-Film Tron: Legacy passt da ins Konzept. Diese enorme Stringenz ist Teil der Faszination Daft Punk und in dieser Form wohl einmalig in der Musikbranche. Daft Punk steht für Disco-Philosophie, für Dance mit Aussage. Das neue Album ist keine Ausnahme, obwohl es sich klar von bisherigen Alben abgrenzt – auch das ein Kontinuum der Schaffensgeschichte von Bangalter und de Homem-Christo. Im krassen Gegensatz zum vorangegangenen Human After All, dessen zehn Titel innerhalb weniger Wochen und mit nur wenigen, vorwiegend elektronischen Mitteln produziert wurden, dauern die Arbeiten an Random Access Memories bereits seit 2008 an.

Back to Disco

Unzufrieden mit frühen Versuchen für dieses neue Album entschieden sich Bangalter und de Homem-Christo dazu, die Wurzeln des heutigen Disco-Sounds zu erforschen – was vor allem viel analoges Arbeiten bedeutete. So spart man für Random Access Memories am Drumcomputer, an Samplern und digitalen Hilfsmitteln. Alle hörbaren Instrumente wurden Live eingespielt und anschließend weiterverarbeitet. Einzige altbekannte Arbeitsgeräte sind ein speziell für das Duo entworfener modularer Synthesizer, der während der Aufnahmen live gespielt wurde, sowie ein Satz analoger Vocoder. Der virtuose Umgang mit diesen Instrumenten zeigt das Bestreben der Band, konstant zu hinterfragen, ob genuin menschliches wie etwa die Sprache künstlich überformt werden kann, soll und darf und ruft damit eines der ältesten aktiven Topoi der Geschichte und zentrale Triebfeder des Dandytums auf: Ist Kunst die bessere Natur? Ein Gedanke, der nicht neu ist, aber selten so konsequent diskutiert wurde.

Das neue Album ist eine weitere Zwischenstation dieser Idee. Diesmal soll so etwas wie Seele in die elektronische Musik zurückkehren. Die Hilfe, der sich Daft Punk dabei bedient, besteht aus nahezu allen Persönlichkeiten, die für das, was wir heute Dance Music nennen, verantwortlich sind: Giorgio Moroder, der die Grundsteine für Synthie-Pop legte, Nile Rodgers, der durch Moroders Produktionen für Donna Summer zu Chics Le Freak inspiriert wurde, Todd Edwards, der seit langem Daft Punks Titel durch Sampling weiterdekliniert, Panda Bear, Pharrell Williams und viele mehr. Wie das Ergebnis dieser Zusammenarbeit klingt, wird man ab 17. Mai 2013 hören können – natürlich auch auf Vinyl, wie es sich für Retro-Disco-Sound gehört.