Dacia Maraini – Das Mädchen und der Träumer

„Eine dunkle Seite unserer Zivilisation“

Dacia Maraini – Das Mädchen und der Träumer

Dacia Maraini gilt als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Italiens. Ihr neuer Roman „Das Mädchen und der Träumer“ erscheint jetzt auf Deutsch im Folio-Verlag. Ich konnte der Autorin einige Fragen stellen.

Das aktuelle Buch der gerne als Grande Dame der italienischen Literatur betitelten Schriftstellerin ist ihr erstes Werk, das aus der Perspektive eines Mannes geschrieben wurde. Das ist insofern interessant, da sie als feministische Autorin gegen die herrschende Macho-Kultur in ihrer Heimat anschreibt. Vielleicht lässt sie gerade den Lehrer Nani Sapienza diese Geschichte erzählen, um junge Lehrer zu ermutigen, sich ihrer Aufgabe und somit den Kindern, die sie unterrichten, mit mehr Leidenschaft zu widmen. Sie selbst ist häufig in Schulen unterwegs und liest aus ihren Büchern. „Bei solchen Besuchen in Grundschulen traf ich junge, leidenschaftliche Lehrerinnen, die geradezu verliebt in ihr Fach waren. Die Mehrheit der Grundschullehrer bei uns sind Frauen. Ich habe nie wirklich junge Lehrer getroffen, die vollkommen eingenommen waren von ihrer Arbeit und sich ihren kleinen Schülern so sehr hingaben. Nani Sapienza ist zwar ein problematischer Mensch, aber er ist aufrichtig und leidenschaftlich in Bezug auf seine Arbeit“, erzählt Maraini.

„Heute Nacht habe ich von ihr geträumt. Der Traum war klar und deutlich. Lucia hatte leere Augenhöhlen, wie die heilige Lucia in der Kirche von Pozzobasso. Wo sind deine Augäpfel?, habe ich sie gefragt, in einer Art Gebärdensprache, ohne meine Lippen zu bewegen. Sie lächelte geheimnisvoll. Und dann war sie weg.“

Nani Sapienza ist Lehrer in einer italienischen Kleinstadt. Eines Morgens erwacht er aus einem Traum, in dem er ein Mädchen sah, das er zunächst für seine Tochter hielt und das ebenso unvermittelt wieder verschwindet, wie es aufgetaucht ist. Seine Tochter ist tot. Sie hat den Kampf gegen die Leukämie nicht gewonnen. Kurze Zeit später verließ den Lehrer auch seine Frau, weil sie es in dem gemeinsamen Haus nicht mehr aushielt. Als Sapienza an diesem Morgen das Radio anschaltet, berichtet die Nachrichtensprecherin vom Verschwinden der jungen Lucia, einem Mädchen, eine Schülerin der Schule, in der er unterrichtet. Sie ist morgens losgegangen, aber nie in der Schule angekommen. Seitdem fehlt jede Spur von ihr. Das Erstaunliche an dieser Meldung: Die Personenbeschreibung Lucias passt exakt auf das Mädchen in seinem Traum, sogar die Kleidung ist die gleiche. So beginnt der Lehrer nach dem Mädchen zu forschen, über Monate hinweg geht er allerlei Spuren nach, obwohl alle die Suche bereits aufgegeben haben, sogar Lucias Eltern. Dabei bezieht er zum Leidwesen der Direktorin und der Eltern selbst seine Schulklasse mit ein.

Schon im Titel des Buches wird deutlich, dass Träume eine bedeutende Rolle in dem Roman spielen. Ein Traum ist es, der Sapienza überhaupt erst dazu bewegt, nach der kleinen Lucia zu suchen. Für Maraini sind Träume Signale, die mit reiner Logik nicht zu erklären sind, jedoch immer eine tiefere Bedeutung haben. „Deshalb beziehen sich die Psychoanalytiker auch auf diese rätselhaften Geschichten der Nacht.“, sagt sie, „aufgrund von Träumen entscheiden sich Kriege, Expeditionen, Ehen, Allianzen.“

Die Erzählung als moralische Erziehungsmethode

Sapienza lehrt seine Schüler oft auf unorthodoxe Weise, indem er ihnen Geschichten erzählt. „Geschichten sind sehr wichtig, weil sie, nicht nur den Verstand ansprechen, sondern auch die Sinne“, so Maraini. „Und, wie David Hume sagte, um unsere Beziehung zur Welt, zur Natur und zum Geheimnis des Lebens zu verstehen, müssen wir oft sowohl die Sinne als auch den Verstand einbeziehen.“ So bringt der Lehrer seine Schüler dazu über den Fall des vermissten Mädchens nachzudenken, als er ihnen die Legende der von Zeus geraubten Europa vorträgt. Aber er sensibilisiert sie auch für andere gesellschaftliche Fragen.

„Jeder handelt nach seinem Gewissen, Mariuccio. Wenn wir den Gedanken eines großen griechischen Philosophen folgen wollen, der die Menschen und Tiere gleichermaßen liebte, dann handeln wir uneigennützig und verantwortungsvoll, aber wenn wir das nicht wollen, und Hühnchen und Schweinefleisch essen, dann ist das auch in Ordnung.“

Vor dem Hintergrund des Vermisstenfalles schneidet Maraini eine ganze Reihe gesellschaftlicher Thematiken an. Meist geschieht dies im Rahmen des Unterrichts, in dem Sapienza gerne abschweift. Da geht es etwa um die Frage, ob eine Entführung ethisch gerechtfertigt sein kann, um das Thema Islamismus und den Islamischen Staat, um Bedenken beim Fleischessen und so weiter. Und insgeheim wird hier auch Marainis Kritik an einer Gesellschaft deutlich, die immer gleichgültiger zu werden scheint. „Viele Kinder werden jedes Jahr als vermisst gemeldet und das nicht nur in Italien. Dieses Thema berührt mich immer sehr. Es ist ein dunkler Teil unserer als progressiv und liberal geltenden westlichen Zivilisation, die vermeintlich respektvoll mit Schwächeren umgeht, jedoch kaum im Angesicht Tausender verschwundener Kinder pro Jahr reagiert“, sagt die Schriftstellerin.

 

Fehlen Gegenstimmen in der heutigen Gesellschaft?

Unsere Gesellschaft ist nicht mehr dieselbe wie vor dreißig, vierzig Jahren. Das kann man mit Sicherheit sagen. Das liegt an zahlreichen Entwicklungen. Eine davon mag die drastisch gestiegene Informationsflut sein, die uns gegenüber Schicksalen und Nöten anderer desensibilisiert. Wir drohen abzustumpfen. Vielleicht fehlt es auch an Gegenstimmen, die Ungerechtigkeiten anprangern.

Dacia Maraini

Dacia Maraini – Foto: Ireneo Alessi (Sinix Lab/ Rom)

Diese Rolle haben in der Vergangenheit vor allen Dingen Intellektuelle übernommen. In Italien etwa Menschen wie der vor zwei Jahren verstorbene Umberto Eco oder Pier Paolo Pasolini, mit dem auch Dacia Maraini bis zu seinem gewaltsamen Tod gut befreundet war, und an den sie sich gerne erinnert. Jedoch glaubt Maraini nicht, dass es heute zu wenige Intellektuelle gibt. Auch nicht in Italien. Vielmehr habe sich die kulturelle Situation geändert. Zu Pasolinis Zeiten hätten sich die Intellektuellen als Gemeinschaft verstanden: „Sie trafen sich und diskutierten mit ihresgleichen, um gemeinsam gegen die Arroganz der Macht zu reagieren. Heute jedoch ist alles flüssiger, fragmentierter. Es gibt keine künstlerische Gemeinschaft, die sich als solche versteht, die sich um ihrer selbst willen trifft. Heute herrscht eine Art anarchischer Individualismus vor, aus dem sich ab und an eine Stimme hervorhebt, wie etwa Moretti zu Berlusconis Zeit oder Saviano gegen die Camorra. Es fehlt aber das Gefühl der Gemeinschaft.“ 

Dacia Maraini ist ein bewegendes Buch gelungen. Sie schafft es, ihrem Roman eine gewisse Sentimentalität zu verleihen, etwa in den Rückblenden, die sich um die Beziehung Nanis zu seiner Tochter drehen. Und doch ist der Roman, obwohl er ein so ernstes, trauriges Thema verhandelt, nicht bedrückend. Vielmehr unterhält er den Leser in seiner schnörkellosen Sprache und gibt Hoffnung, dass es sich doch manchmal lohnt, den eigenen Träumen nachzugehen. 

Dacia Maraini – Das Mädchen und der TräumerDacia Maraini
Das Mädchen und der Träumer
Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Folio Verlag
Ca. 340 Seiten
ISBN 978-3-85256-715-0
Ca. € [D/A/I] 22,–
Erstverkaufstag: 21. Februar 2017

Im März ist die Schriftstellerin auf Lesereise:

28. März 2017, Literaturhaus München
29. März 2017, Italienisches Kulturinstitut Berlin
30. März 2017, Italienisches Kulturinstitut Köln
31. März 2017, Hauptbücherei am Gürtel Wien

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