Córdoba (VIII)

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Und dann bin ich leer. Ja, leer, obwohl doch so Vieles im Kopf umher schwirrt. Wie aufgewirbeltes Laub, aber kein Blatt ist schön, Keines wert, sich nach ihm zu bücken, nein, Keines ist schön, weil alle schwarz sind. Das Denken – der missgünstige Zensor des Instinkts, seiner Gedanken – treibt mich nach dem hundertsten Satz, der sich in Grübeleien verliert, in Verzweiflung. Melancholisch schwankt die goldene Krone. Warum wankt sie nicht selig? Friedlich? Hoffnungsvoll? Vielleicht ist es Trauer, dieses sich breit machende dunkle Gefühl. Es ist schwer zu gehen, wenn man nicht gehen will. Aber es ist einfacher zu gehen, als verlassen zu werden. Warte, übe Geduld: Man muss die Worte kommen lassen, man darf sie nicht suchen, weil man nie das findet, was man erwartet zu finden. Und nun sitze ich im Garten des Gästehauses, mit einem Ticket nach Buenos Aires. Die Tätowierung im Kopf ist noch frisch, die Konturen in dichtem Schwarz, das sich mit geronnenem Blut und Schweiß vermischt. Aber bald schon werden die ersten Partien blättern, die Haut wird jucken, die Farben werden blasser, und wenn man dann darüber streichen wird, wird man die jetzt noch schmerzenden Schwellungen nicht mehr fühlen können.

Ich bin für die letzte Nacht in Córdoba in ein Hostel umgezogen. Denn Danis Eltern wollen sie besuchen und ihr Vater darf nicht wissen, dass ich da war. Denn manchen Eltern fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihr Kind irgendwann nicht mehr Kind ist. Manche Eltern wollen ihre Kinder vor Schlimmen bewahren, aber Leben bedeutet auch Schmerz und Reue, Gefahr und Betrug, Schuld und Sühne. Dani hat einmal gesagt, dass ihre Mutter mich mögen würde – aber nur solange ich ein langes Hemd tragen würde – denn manchen Eltern fällt es schwer zu akzeptieren. Ob Danis Vater etwas ahnen, ob er in ihren Augen etwas lesen wird können?

Die letzte Woche bei Dani verbringe ich mit Filmen und Spaziergängen. Ich suche nach einen Tätowierer – die Meisten jedoch enttäuschen mit mediokren trivialen Arbeiten. Im Gegensatz zu Deutschland üben ausschließlich Männer dieses Handwerk aus. Ich ignoriere das Schreiben, und nur für einen kurzen Augenblick, während ich berauscht von Musik, Alkohol und Zärtlichkeit auf Danis Terrasse in die Nacht blicke, überkommen und zwingen mich Worte den Bleistift in die Hand zu nehmen. Ich suche nach einem passenden Geschenk für Dani: Es wird Sexus von Henry Miller. An den späten Abenden, wenn Dani müde von der Arbeit heimkehrt, kochen und trinken wir.

Einmal werden wir von Danis Freunden zum Essen eingeladen. Unter den Gästen befinden sich auch drei mexikanische Studentinnen, auf die der Gastgeber scharf ist. Sie kochen Fajitas, Guacamole und Tortillas. Ich sitze derweil im Wohnzimmer und schaue fasziniert sowie angewidert zugleich Argentinisches ›Unterschichtfernsehen‹ – man möchte entspannen, sagt mir der Gastgeber. Ob er wegschalten soll? ›Nein nein‹ sage ich. ›Sie ist eine der populärsten Sendungen im TV‹, verrät er weiter. Man scheint eine Veränderung meiner Stimmung zu bemerken, so dass man mich in die Küche abkommandiert. Ich darf Tortillas anbacken. Das Essen ist famos, den Gesprächen kann ich leider wenig folgen. Gegen 3 Uhr morgens sind wir daheim. Dieser Rhythmus schlägt sich auch bei mir nieder, mit dem Unterschied, dass ich bis zum Mittag im Bett liegen bleiben kann. Ich frage mich, wie Dani und ihre Freunde das nur machen: Nie mehr als sechs Stunden Schlaf, bei neun, zehn oder zwölf Stunden Arbeit …

Am letzten – der schließlich doch der Vorletzte wird – Abend bereiten wir Locro zu, Argentinischen Eintopf. Dazu haben wir getrocknetes Mais eingeweicht, dieses kochen wir dann mit Kürbis und mit einer festen würzigen, mit Paprika und Knoblauch gewürzten, Schweinewurst auf. In einer separaten Pfanne machen wir Zwiebeln, Lauchzwiebeln und Knoblauch, rote und grüne Paprika, Schweinekotelett und Filet vom Rind gar. Ein schmackhaftes Gericht – allerdings nichts für Anfänger, als der sich dann mein Magen äußert. Locro wird traditionell am 25. Mai, dem Tag der Unabhängigkeit gegessen. Und da Dani an diesem Abend auch zufällig noch einen Argentinien-Anstecker am Revers trägt, frage ich sie, wie sich denn das mit Rassismus in diesem Land verhält. Und Dani antwortet, dass Rassismus hier nicht existiert. ›Wir sind ja im Grunde alle von überall, aus Spanien, Italien, China, Deutschland, Arabien, Brasilien.‹ Der latente Konflikt mit Chile ist vielmehr politisch motiviert. Lediglich beim Thema Fußball fallen ›seltsame‹ Bemerkungen: So werden ›hijo de puta‹ (Hurensohn) und ›boliviano‹ synonym verwendet, um etwaigem Ärger Luft zu machen. Und als Dani das sagt, denke ich an der Deutschen Männlichkeit liebstes Schimpfwort, was sie natürlich nie als solches verstanden wissen will – ›schwul‹ … Ich gebe mich nicht zufrieden, denn den Grundtenor der Trucker gegenüber den Menschen aus Chile, Peru und Bolivien empfand ich als schon deutlich diffamierend. Dani weiß allein, das zu Zeiten der Wirtschaftskrise um die Jahrtausendwende eine Stimmung gegen diejenigen in der Luft lag, die den Argentiniern die Arbeit wegnahmen. Und das erinnert mich an das ewige Geplärr des braunen Gesindels. Und Eines, das werde ich vermutlich nie verstehen, warum ›man‹ nämlich in solchen Fällen, immer nur gegen den ausländischen, um seine Existenz kämpfenden, Arbeitnehmer hetzt, und nicht gegen den Deutschen, vom Profitinteresse geleiteten, Arbeitgeber …

Ich verbringe nun also die letzte Nacht in Córdoba, und Dani möchte mich noch einmal sehen. Ihre Eltern kommen doch erst nachts, so dass ich sie zunächst in ihrer Wohnung besuche. Ich schmeiße Bruce Springsteen an. Ihre Freundin hat graduiert und geladen. Dani steht vor dem Spiegel und trägt, wie so oft, einen weiten dunklen Pullover. Und während sich Danis Schulterblätter bewegen, ihre Ohrringe schaukeln, höre ich Danis Schwester, sich über ihren ›unweiblichen‹ Rücken lustig machen. Ich lege Dani einen Kollier aus Küssen um den Hals. Sie dreht sich um. Und wischt sich die Tränen von der Wange. Und ich, ich bin müde, müde von all den Abschieden. Sie sagt, meine Hand sei sanft – und manchmal denke ich, dass das, das Einzige ist, was sanft an mir ist.

Ihre Freunde wohnen irgendwo in einer Etage dieses Hochhauses. Sie begrüßen mich herzlich, einer der Männer sogar mit einem Kuss auf die Wange. Ich bekomme Bier eingeschenkt. Aber ich bin nicht guter Laune, bin still, wie den ganzen Tag schon, trotte ich meinem Leib hinterher. Später reicht man mir eine Bong – und am nächsten Morgen werde ich sagen, dass dies die letzte in meinem Leben war. Wir stehen auf dem Balkon. Und einer der Gastgeber erzählt ganz begeistert von seines Freundes Reise in Deutschland. Und er spricht, wie ich über Argentinien spreche. Und wie Regen irgendwann einmal fällt, fällt auch diesmal das Thema ›Frauen‹. Und ich frage, ob das nicht seltsam sei, dass die ›Argentinier‹ stolz auf ihre Frauen seien. Aber das, das wäre humorvoll gemeint, entgegnet er mir. Und als ein weitere Gast auf den Balkon kommt, begrüßt er die Frau mit ›Siehst’e, hier hast’e ein Musterbeispiel einer Argentinischen Frau!‹ Sie gibt ihm ein Klaps. Und ich rätsle, was länger ist: Ihr gewelltes rabenschwarzes Haar oder ihre Beine. Dani setzt sich später zu mir, sie hat erraten, was ich denke, und ich weiß, was sie denkt. Wir gehen zurück in ihre Wohnung, denn ihre Eltern bleiben diese Nacht doch noch bei ihrer Schwester, die ein paar Blocks weiter wohnt.

Morgens umarmen wir uns. Zum letzten Mal. Aber nicht lange genug, denn jeden Augenblick könnten ihre Eltern eintreffen. Und dann ziehe ich die Tür hinter mir zu. Und schleppe mich durch den Tag. Es ist schwer ›Auf Wiedersehen‹ zu sagen, wenn man weiß, dass es ein Wiedersehen nicht geben wird.


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