Chicago Marathon - Erfahrungsbericht zum Major in der Windy City

Von Kulikeljudi

Der Bank of America Chicago Marathon ist Teil der sechs World Marathon Majors. Das alleine ist für viele Läuferinnen und Läufer wahrscheinlich schon Grund genug, um mitlaufen zu wollen. Doch was bietet der Marathon darüber hinaus? Das habe ich in diesem Jahr versucht herauszufinden.

Was macht den Chicago Marathon aus?


Neben dem Fakt, dass der Chicago Marathon Teil der World Marathon Majors-Serie ist, ist er auch richtig schnell. Das beweisen unter anderem der Streckenrekord bei den Männern vom Kenianer Dennis Kimetto aus dem Jahre 2013 (2:03:45 h) sowie der in diesem Jahr von der ebenfalls aus Kenia stammenden Läuferin Brigid Kosgei aufgestellte überragende Frauenweltrekord über die 42,195 Kilometer (2:14:04 h).
Zudem hat Chicago selbst aber auch einiges zu bieten. Dazu aber später mehr. Besonders spannend finde ich, dass sich ein Großteil des Rennens in der Nähe der Loop (Quasi die Ringbahn von Chicago) abspielt. Man läuft gefühlt Sternförmig immer wieder aus der Stadt raus und rein. Das bietet vor allem den Vorteil, dass einen Familie und Freunde mit wenig aufwand an mehreren Punkten entlang der Strecke anfeuern können.

Wie kommt man an einen Startplatz?


Wie bei allen Majors, gibt es auch beim Chicago Marathon mehr Menschen, die mitlaufen wollen, als Startplätze. Insofern ist es gar nicht so leicht einen Startplatz zu bekommen.

Bereits Tage vorher begegnen einem Überall in der Stadt Plakate 

Die preiswerteste Variante für Jedermann ist die Lotterie. Diese beginnt kurz nach dem letzten Marathon Ende Oktober und läuft bis Anfang Dezember. Hat man hier Glück, darf man einen Startplatz bewerben (die Anmeldegebühr für den Marathon 2019 lag für non U.S. residents bei 230 $ - für US-Bürger geringfügig günstiger). Über die Lotterie einen Startplatz zu ergattern ist aber eher unwahrscheinlich.
Zum gleichen Preis, aber für einen deutlich eingeschränkten Personenkreis gibt es auch die Möglichkeit sich über seine Zeit zu qualifizieren. Die Zeitlimits sind zwar lockerer als bspw. in Boston oder Tokyo, trotzdem aber nicht ohne. Als Mann unter 30 Jahren muss man eine 3:05h vorweisen können, als Frau einen 3:35h oder besser. ABER: So eine Zeit bedeutet nicht automatisch, dass man dabei ist. Je mehr Läufer sich bewerben, desto weiter sinkt die Zielzeit. Weitere Infos findest du auch hier direkt beim Veranstalter.
Zudem kann man auch durch Spenden einen Charity-Platz ergattern. Hier siegt die Verrücktheit und wer am meisten sammelt, ist dabei. Kann man machen, bedeutet aber, dass man im Zweifelsfall mehrere Tausend Euro zusammenkriegen muss. Machbar, aber dann gibt es vielleicht doch noch eine günstigere Variante.
Den guten alten Reiseveranstalter. Hier sind die Plätze sehr begrenzt, dafür garantiert. Schnell sein lohnt sich, denn der Andrang ist groß. Genau wie der Preis. 2.500€ aufwärts muss man für einen Kurztrip inkl. Startnummer kalkulieren. Dafür hat man in den meisten Fällen ein Rundumsorglospaket und kommt entspannt durch das Wochenende.

Rahmenprogramm - was gibt es vor Ort zu erleben?


Wer den Marathon laufen will, bekommt am Freitag und Samstag seine Startnummer auf der Abbott Health & Fitness Expo im McCormick Place. Hier warten neben neben den großen Sponsoren wie Nike auch viele spannende kleinere Stände diverser lokaler und regionaler Aussteller rund um die Themen Sport und Gesundheit. Ein kleiner Foodcourt sorgt für die Energiezufuhr, damit man in Ruhe alles erkunden kann.
Auf keinen Fall sollte man sich den Chicago International 5K entgehen lassen. Dieser 5 Kilometer-Lauf findet am Samstag vor dem Marathon in der Innenstadt statt und ist quasi der Shakeout Run vor dem Marathon. Auf jeden Teilnehmer wartet neben der schicken Finisher-Medaille eine schön warme Mütze im Chicago-Desgin. Die Anmeldung kostet circa 35 $. Start ist um 7:30 Uhr am Daley Plaza.  Mehr Infos zu diesem Lauf bekommst in meinem oben verlinkten Blogpost zum Chicago International 5K.

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Ein Beitrag geteilt von Lars (@kulikeljudi) am Okt 27, 2019 um 10:56 PDT

Zudem bekommt man als Marathoni im Zeitraum um den Marathon Rabatte bei einigen Sehenswürdigkeiten in Chicago. Eins davon ist das Art Institute of Chicago. Dieses 1866 gegründete Kunstmuseum enthält viele berühmte Kunstwerke und weiß selbst nicht unbedingt kunstaffine Besucher zu begeistern. Ein Museum mit echtem Wow-Effekt!
Zudem bietet Chicago auch darüber hinaus noch einige Sehenswürdigkeiten, wie den beeindruckenden Ausblick aus dem 103. Stock des Willis Towers (412m Höhe). Und erst recht sollte man sich die Chicagoer Deep Dish Pizza nicht entgehen lassen. Die gibt es mittlerweile auch als vegane Variante bei der Pizzeria The Chicago House of 'Za.

Ein absolut Muss in Chicago - Deep Dish Pizza. Bei The Chicago House of 'Za vegan.


Die Organisation am Renntag


Das Rennen selbst ist typisch amerikanisch gut organisiert. Wer nicht direkt in Downtown Chicago wohnt, wird aller Wahrscheinlichkeit irgendwo auf der Loop ankommen. Von hier aus sind es zu Fuß nur wenige Meter bis zum Startbereich. Doch bevor man diesen betreten darf, wartet ein ausführlicher Sicherheitscheck auf einen. Zugelassen sind nur die durchsichtigen Kleiderbeutel, die man mit seiner Startnummer bekommt. Dieser wird vor Ort noch einmal gründlich inspiziert und das kostet Zeit. Obwohl ich rechtzeitig da war, waren die Menschenschlangen beim Sicherheitscheck extrem lang.

Das war nur die Spitze des Eisberges was die Schlangen vorm Security Check angeht..


Hat man diesen passiert, wartet schon das nächste Nadelöhr auf einen. Im Startbereich war die Toilettensituation für meinen Geschmack deutlich unterdimensioniert, weshalb ich Läufer (sowohl Männer als auch Frauen) gesehen habe, die noch kurz vorm Start IM Startblock gepinkelt haben. Was muss das muss. Aber angenehm ist anders und definitiv vermeidbar. Das kannte ich aus New York und London deutlich besser organisiert. Hier waren die schlangen doch eher übersichtlich.
Zum Glück wird man aber seinen Beutel schnell los und dann kann es auch schon Richtung Startblock losgehen. Ich durfte aus dem letzten Block der ersten von drei Startwellen starten. Das bedeutete, dass ich gegen 7:50 Uhr (offizieller Start ist um 7:30 Uhr) die Startlinie überqueren konnte.

Zeit für das Rennen - der Bank of America Chicago Marathon 2019


Wie bereits eingangs erwähnt, bietet die Strecke in Chicago ein besonderes Highlight. Sie ist beinahe sternförmig und führt immer wieder aus dem Stadtzentrum heraus und wieder herein. Dadurch können sowohl Anwohner von außerhalb, als auch Menschen in der Innenstadt anfeuern. Und gerade die Leute in der Innenstadt kommen dank der Loop schnell von A nach B und können an mehreren Streckenabschnitte anfeuern. Das ist ein echter Mehrwert und sorgt für starke Stimmung am Streckenrand.
Doch von der ach so schnellen Strecke merkt man zunächst nichts. Im Gegenteil. Die ersten Kilometer sind dank einiger Brücken halbwegs wellig, doch sobald man Richtung Norden aus der Stadt herausläuft, geht es rund. Nach und nach ebnet sich der Weg und klimatisch warten klassischerweise gemäßigte Temperaturen bei 5 bis 15 Grad auf die Läufer. Dadurch wird Chicago richtig schnell. So schnell, dass hier Bestzeiten definitiv möglich sind, wenn einen der Wind nicht zu hart triff. Dieser hielt sich diesmal aber zum Glück zunächst zurück und so galt bei mir aller Fokus dem grandiosen Publikum und der um weite Strecken sehr ansehnlichen Strecke.
Der Veranstalter sprach tags darauf von weit über 1,5 Millionen Zuschauer (Berlin hat bei gutem Wetter circa 1 Mio.), was die Strecke zu einem einzigen Stimmungshotspot werden lässt. Und das bei 4 Grad morgens! Die Menschen in Chicago verdienen ein ganz großes Lob. So macht Marathon Spaß. Stimmungsmäßig ist der Lauf also eine reine Empfehlung.
Getragen von der guten Atmosphäre lässt sich die Strecke schnell bewältigen. So schnell. dass man es kaum mitkriegt, dass man sich schon kurz vorm Ziel befindet. Da signalisiert höchstens der Körper, weil er aus jedem Loch pfeift. Die Strecke lässt es ohne Ortskenntnis kaum vermuten, dass man schon nah am Grant Park ist. Und genauso war das auch bei der Stimmung (weil die schon über Kilometer zuvor super war). Insofern habe ich das erst gemerkt, also ich das Schild mit "600m" gesehen habe. 600 Meter vorm Ziel. Da muss man sich mental schnell auf den Schlussspurt vorbereiten. In Berlin und New York beispielsweise fühlt es sich schon deutlich eher nach "dicht am Ziel" an.
Nichtsdestotrotz fühlt sich der Zieleinlauf im Grant Park super an. Denn bei strahlendem Sonnenschein geht es auf breiten Straßen Richtung Erlösung.

Die Verpflegung


Für mich führt mittlerweile kein weg mehr an eigener Verpflegung vorbei. Zu oft hatte ich Probleme mit dem Magen. Deshalb konzentrierte ich mich bei den Verpflegunspunkten allein auf das Wasser. Dennoch gibt es von mir ein dickes Lob für die gesamte Verpflegungssituation. An insgesamt 19 Punkten (also ca. alle 2 bis 2,5km) gab es Wasser und Isodrinks. Und diese Stände waren so lang, dass eigentlich jeder ohne Stau direkt sein Getränk greifen und weiterlaufen konnte. Hier gab es echt nichts zu meckern. Und zudem gab es an vier Stationen ab der Halbmarathonmarke Verpflegung in Form von Obst wie Bananen und ich meine auch Äpfel und Orangen ausgemacht zu haben. Zudem wartete kurz vorm Kilometer 35 die Biofreeze Pain Relief Zone darauf, schmerzenden Läuferbeinen Erholung durch Kälte (in Form von Sprays) zukommen zu lassen.

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On October 13, we had more than 12,000 volunteers helping our @BankofAmerica #ChicagoMarathon-ers’ dreams come true. If you know someone who was out there this year, tag them in the comments so they get that well-deserved credit!Ein Beitrag geteilt von Chicago Marathon (@chimarathon) am Okt 25, 2019 um 10:30 PDT

Im Ziel angekommen


Bei aller Liebe zum Marathon bin ich nämlich auch froh, wenn es rum ist. Und die Zielverpflegung ist erste Sahne. Wasser und Isodrinks warten nach wenigen Metern. Genauso bekommt man eine Plastikfolie, damit man nicht auskühlt und wenige Meter später wartet auch schon ein Beutel mit Obst und Knabberzeug auf einen. Und wenn man denkt man hätte schon alles, kommt ein langer Stand mit Bierdosen im Design des Marathons. In Amerika. Alkohol mitten auf der Straße. Ohne Alterskontrolle. Für mich als Berliner Alltag (hier trinkt gefühlt jeder Zweite nachmittags sein Feierabend in der Bahn), in den USA etwas besonderes. Und das Bier besonders lecker. Vielleicht lag es aber auch daran, weil die Dose zum Sammeln einlädt und unter dem Logo des Marathons sechs Felder warteten, die von einem mit der Zielzeit __:__:__ ausgefüllt werden wollten.

Da ist das gute Stück


Etwas weniger gut fand ich, dass ich nach meiner Zielankunft rund 45 Minuten in der Schlange für meinen Kleiderbeutel anstehen musste. Gerade im nassgeschwitzten Zustand nach einem Marathon geht das gar nicht. Hier ist dringender Optimierungsbedarf, denn das habe ich echt bei keinem meiner 12 Marathons zuvor so schlecht organisiert erlebt.
Gut ist aber, dass Start und Ziel an einem Punkt sind. Das spart viel Zeit (verglichen mit der weiten Anreise wie in New York oder London) und Nerven. Und zudem kann man sicher sein, dass der Beutel auf der Strecke von A nach B nicht verloren geht.
Und genauso gefällt mir auch, dass es in Chicago keine Medaillengravur vor Ort gibt, sondern iTAB. Hierbei bekommt man ohne anstehen wenige Tagen nach dem Rennen eine kleine gravierte Platte, die man auf der Rückseite der Medaille befestigen kann. Dieser Spaß kostet 10 $. Nicht billig, aber schnell gemacht und deutlich günstiger als bspw. die 25 $ für die Gravur in New York beim Marathon). Zudem kann man diesen Service auch noch einige Wochen nach dem Marathon buchen.

Zeit für Party


Hat man sich endlich selbst besiegt und die 42,195 Kilometer erfolgreich gemeistert, wartet die Biofreeze 27th Mile Post-Race Party auf einen. Erst hatte ich mich gewundert, was hinter dem komischen Namen verbirgt. Aber vor Ort war ich sehr begeistert davon. Denn vor Ort war eine riesige Party im Grant Park organisiert. Mit Livemusik, Essen und Getränken kann man also vor Ort mit seinen besten zusammen auf den tollen Marathon anstossen und feiern. Tolle Idee, die mich sehr begeistert habe. Dementsprechend lange waren wir nach dem Rennen auch noch vor Ort. So eine Art von Party gefällt mir wesentlich besser als die in Berlin am Abend nach dem Rennen.

Gute Laune ist bei der Biofreeze 27th Mile Post-Race Party garantiert


Mein Fazit zum Rennen


Die Stimmung war echt grandios. Davon getragen hat es bereits zwei Wochen nach dem Berlin Marathon (3:21h) gleich noch einmal für eine neue Bestzeit bei mir gereicht. In 3:17h ging es für mich über den Rundkurs, der sich trotz Großstadt und mehr als anderthalb Millionen Zuschauern von der Atmosphäre her wie ein kleiner überschaubarer Lauf angefühlt hat. Und das meine ich absolut positiv. Ich habe mich beim Lauf direkt angekommen gefühlt und dadurch ist es einfach geflutscht. Zudem merkt man einfach bei Läufen in den USA, wie Sportverrückt die Menschen sind. Sowohl vor  als auch nach dem Rennen wird man als Marathoni mit höchster Achtung behandelt. Viele geben dir das Gefühl, du wärst ein außergewöhnlicher Held, weil du 42 Kilometer weit laufen kannst. Das ist echt Gänsehaut pur.
Zudem ist auch die Anmeldegebühr mit umgerechnet rund 200€ kein Schnäppchen, aber im internationalen Vergleich absolut im Rahmen. Denn in der Anmeldegebühr ist auch noch eine Laufshirt von Nike inkludiert. Nichtsdestotrotz hat mich Chicago nicht vollends überzeugt. Der Lauf war schön und die Stadt nett, aber irgendwie fehlte mir der besondere Kick, den zum Beispiel New York hat. Für einen schnellen Marathon würde ich noch einmal an den Start gehen, aber den kriegt man auch in Europa hin. Und Stimmungsmäßig ist und beim New York für mich die Messlatte.

Wie geht es für mich nun weiter?


Mein Ziel sind ganz klar die Majors. Irgendwann will ich gern noch Nummer 5 und Nummer 6 voll machen - Boston und Tokyo. Dafür brauche ich aber viel Geld. Oder schnelle Beine. Ersteres habe ich nicht, weiteres lässt sich womöglich antrainieren. Denn für Boston hätte ich beim letzten Marathon Beispiel eine Zeit unter 2:58h gebraucht, um mich über die Zeit qualifizieren zu können. Und dabei bin ich stolz, nach vielen Jahren endlich auf eine 3:17h gekommen zu sein. Und noch einmal 20 Minuten davon abzureißen wird hart. Verdammt hart. Aber zum Glück bin ich ja nicht jung und habe viel Zeit. Bis dahin warten sicher noch viele andere schöne Läufe auf dieser Welt auf mich, die gelaufen werden wollen. Insofern halte ich die Augen auf. Manchmal wartet das Gute ja schon auf einen und will nur entdeckt werden..

Weiterhin mein Ziel: Die Six Star Medal