“Catching Fire” von Francis Lawrence

Erstellt am 25. November 2013 von Denis Sasse @filmtogo

Peeta Mellark (Josh Hutcherson) und Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) müssen wieder für die Hungerspiele trainieren.

Die Hungerspiele wurden ein weiteres Mal eröffnet. Basierend auf dem zweiten Teil der Jugendromanvorlage von Suzanne Collins, schickt Regisseur Francis Lawrence (bereits für das zweiteilige Finale Mockingjay bestätigt) die beiden Gewinner des letzten Durchgangs – Katniss Everdeen und Peeta Mellark – sowie eine ganze Reihe weiterer ehemaliger Hungerspiele-Überlebende erneut in die todbringende Arena. Der zweite Teil einer Reihe stellt eine besondere Herausforderung dar. Man möchte mehr bieten als im Auftakt, zugleich darf man sich nicht in ausschweifender Effekt-Megalomanie verlieren und muss in diesem Fall noch beachten, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Catching Fire ist das Mittelstück und verdient deswegen größtmögliche Aufmerksamkeit. So etwas kann schnell daneben gehen, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht.

“I was continuously impressed and entertained throughout; I love how much bigger and how much darker they’ve expanded this world and the story.” schreibt Alex Billington auf firstshowing.net – und die Welt scheint diese Begeisterung zu teilen: Am Startwochenende spielte Catching Fire laut Schätzungen des produzierenden Studios Lionsgate 161.1 Millionen US Dollar ein – ein Rekordstartergebniss für den Monat November (bisher mit 142.8 Millionen US Dollar von New Moon aus der Twilight-Saga gehalten), sowie ein vierter Platz (hinter The Avengers, Iron Man 3 und Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 2) in der All-Time-Bestenliste der Kinostarts.

Die Friedenswächter-Armee führt Katniss’ Love Interest Gale (Liam Hemsworth) ab.

So etwas geschieht, wenn ein Film einfach alles richtig macht. Die Darsteller sind weitaus besser aufgelegt – vielleicht beflügelt durch den Erfolg des ersten Teils – als noch im vergangenen Jahr, wo Jennifer Lawrences Katniss Everdeen noch relativ unbeeindruckt von dem Umstand erschien, an den Hungerspielen teilnehmen zu müssen. Dieses Mal holt sie aus ihrem Spiel eine ganze Ladung Emotionen heraus, trifft zielsicher jeden starken Moment, den ihre Rebellions-Gallionsfigur hat, wechselt aber ebenso schnell zu den schwachen Momenten, in denen sie sich von dem bereits abgeleisteten Dienst in den vorherigen Hungerspielen traumatisiert zeigt und immer die Angst leben muss, dass ihrer Familie, ihren Freunden und den Menschen die sie liebt, etwas angetan wird, wenn sie sich nicht an die Regeln des Capitols hält.

Das Capitol ruft Erinnerungen an den Krieg der Sterne hervor. Donald Sutherland spielt den diktatorischen Führer, der keinen Aufstand in seinen Distrikten duldet. So hält Catching Fire einige harte Momente parat, in denen die Friedenswächter-Armee des Capitols wie Sturmtruppen des Imperiums rebellisch agierende Menschen aus der Masse greifen und vor den Augen aller exekutieren. Das ist der düstere Stil den Regisseur Lawrence hier verfolgt und damit eine geniale Dystopie entwickelt. Seine Zukunftsvision besteht aus filmischen Diktatursystemen à la Star Wars, den römischen Gladiatorenkämpfen und der Entertainmentisierung der Gesellschaft (Die Truman Show, The Running Man) und den üblichen Zutaten einer erfolgreichen Jugendserie. Während Twilight an dieser Stelle als bloße Schmonzette für Teenie-Girls funktionierte und Harry Potter, bei aller Liebe, in magisch-fantastische Welten entführte und die Coming-of-Age Geschichte eines jungen, begabten Waisenkindes erzählte, zeigt die Tribute von Panem-Reihe hier weitaus mehr aktuelle Bezüge. Buch wie Film fangen eine breite Masse an gesellschaftlichen Ängsten ein und verwandeln sie in ernstzunehmende Unterhaltung, wie es nur wenige andere Blockbuster-Produktionen schaffen.

Diktatorisch: Präsident Snow (Donald Sutherland)

Das liegt allerdings nicht allein an der Beschaffenheit der Geschichte – die Drehbuch-Umsetzung stammt von Simon Beaufoy (Oscar-Gewinner und Nominiert für Slumdog Millionair und 127 Hours) und Michael Arndt (Erfahrung mit starken Frauen in Little Miss Sunshine und Pixars Merida) – sondern auch an den Darstellern, die neben Jennifer Lawrence agieren. Noch im ersten Ausflug in die Hungerspiele erschien der größte Teil der Tribute – also die armen Seelen, die für den Kampf bis zum Tode auserwählt werden – wie gesichtslose Opfer, die reine Statisten auf dem Weg zum Ziel waren. In Catching Fire bekommen diese Statisten Gesichter. Das dient dann auch gleich wieder der Geschichte. “Ich soll diese Menschen umbringen?” fragt sich Katniss in einem Moment, denn wie auch die Zuschauer lernt sie ihre Gegner dieses Mal viel besser kennen – in einem von wenigen amüsanten Augenblicken, entkleidet sich Tribut Johanna Mason (Jena Malone) vor den Augen von Katniss, Peeta und deren Mentor Haymitch Abernathy (Woody Harrelson), kommentiert dies mit den simplen Worten “Das müssen wir mal wieder machen”, bevor sie die drei einfach stehen lässt.

Wo wiederum der Film den Zuschauer etwas alleine stehen lässt ist bei der Erklärung der Welt von Panem. Anfänger sollten sich vor Catching Fire noch einmal dem ersten Teil widmen – oder die Bücher lesen – um die Spiele und das politische Konstrukt zu verstehen, dass hier der Rebellion ausgesetzt wird. Denn hierauf ruht sich Catching Fire etwas aus. Er funktioniert stellenweise als eine Fortsetzung, die den vorherigen Teil voraussetzt, für sich alleingenommen zwar Spaß macht, aber Fragen aufwirft.

Mehr kann nicht kritisiert werden. Catching Fire ist ein Must-See der dystopischen Sci-Fi Filmkultur, auch für diejenigen geschaffen, die dem Genre eher abgeneigt sind. Selten gibt es solche Filme, die einen so sehr in ihren Bann ziehen, eine Welt erschaffen, die es zu erleben gilt. Wenn Jennifer Lawrence am Ende mit zornigen Augen in die Kamera blickt, dann hat sie nicht allein das Feuer gefangen. Die Zuschauer sind bei ihr, wollen eine Rebellion, das Capitol soll stürzen. Wann das geschehen wird, kann vorausgesagt werden: Im November 2014 und November 2015 starten Die Tribute von Panem: Mockingjay Teil 1 und Teil 2.


“Die Tribute von Panem: Catching Fire“

Originaltitel: The Hunger Games: Catching Fire
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA , 2012
Länge: ca. 146 Minuten
Regie: Francis Lawrence
Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Woody Harrelson, Elizabeth Banks, Lenny Kravitz, Donald Sutherland, Philip Seymour Hoffman, Liam Hemsworth, Willow Shields, Jeffrey Wright, Amanda Plummer, Sam Claflin, Lynn Cohen, Jenna Malone, Stanley Tucci, Toby Jones

Kinostart: 21. November 2013
Im Netz: thehungergamesexplorer.com