Bürokratie frisst Gesundheit

In letzten Tagen tun sich Krankenkassenvertreter wieder mit öffentlichen Ratschlägen hervor, um die Gesundheitswirtschaft mal wieder ins Billigere reden zu wollen. Sie meinen, in der Gesundheitswirtschaft lägen Ressourcen brach, die nicht gut genug genützt würden. Und damit wäre die Solidargemeinschaft der Versicherten belastet, weil Krankenhäuser uneffektiv arbeiten würden, Doppeluntersuchungen immer noch das Budget der Krankenkassen belasten würden, Trennung zwischen ambulant und stationär für steigende Behandlungskosten der Patienten verantwortlich wäre.

Seit Seehoher, seinerzeit Bundesgesundheitsminister mit den Gesundheitsreformen angefangen habe, hat sich die medizinische Versorgung verteuert. Jeder weitere Reform oder kleine Reform zwischendurch hat bis heute das Gesundheitssystem nicht nur verteuert sondern weiter bürokratisiert. Die Versorgung der Patienten muss immer schneller und immer mehr symptomorientert nach Pauschalen durchgezogen werden. Den Mitarbeitern in den Gesundheitsbetrieben wie Krankenhaus, ärztliche Praxen und in allen anderen Behandlungsbetrieben gelingt es noch mit Engagement die Ethik und Qualität der Behandlung weiterhin als hohes Gut und Wertvorstellung der Ärzte und aller anderen Tätigen im Gesundheitsbetrieb beizubehalten. Sehr häufig werden Anträge nach Abgeltung von Überstunden von den Verantwortlichen süffisant mit dem Hinweis abgelehnt: „Sie haben doch diesen Beruf gewählt, um Menschen zu helfen! Wo bleibt ihre Ethik?“

Dabei verbraucht die Gesetzliche Krankenversicherung mit aberwitzigen bürokratischen Anforderungen Milliarden, die für die Behandlung von Patienten fehlen. Und: sie wälzen diese bürokratische Arbeiten an die Krankenhäuser und Praxen ab.

Das Gesundheitswesen befindet sich in einer bürokratischen Falle.

„…auffälligste Charakteristikum des deutschen Gesundheitssystems ist seine wachsende regelungsdichte rund um die zentralen steuerungsschnittstellen und hin zu den einzelnen
Leistungserbringern. in den letzten 15 Jahren wurden immer wieder einschneidende Modifikationen durch Reformen vorgenommen, denen in kurzen Zeitabständen weitere Änderungen folgten, oftmals in Form von „quick-fixes“. Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass erkannte Systemfehler primär an ihren Symptomen behandelt, die Problemursachen jedoch unangetastet bleiben. Eine Vielzahl dieser „quick-fixes“ zeigt die Tendenz, die bereits erhebliche Komplexität des Gesamtsystems zu intensivieren. Durch die im Rahmen der Reformen immer wieder neu eingeführten Kontrollinstanzen entstehen regelmäßig neue Schnittstellen für die Kommunikation innerhalb des Systems….“ (Auszug herunterladen )

„…Im öffentlichen Gesundheitssystem fielen im Jahr 2010 etwa 40,4 Milliarden Euro Verwaltungskosten an. Das entspricht fast einem Viertel der Gesamtausgaben in Höhe von 176 Milliarden Euro, beziehungsweise 23 Cent je Euro eingezahlter Beiträge. Im Gesundheitsbereich fallen damit relativ fast viermal höhere Verwaltungskosten an als im Durchschnitt bei deutschen Industrieunternehmen…
„…verursacht allein die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) direkt und indirekt einen Verwaltungsaufwand in Höhe von etwa 27,5 Milliarden Euro, das sind mehr als zwei Drittel der gesamten Verwaltungsausgaben im Gesundheitssystem. Wesentlicher Preistreiber seien Tätigkeiten und bürokratische Regelungen, welche die GKV auf die Leistungsträger – also etwa die befragten Ärzte oder Physiotherapeuten – abgewälzt habe…“ (Süddeutsche Zeitung)

Deutsches Gesundheitssystem auf dem Prüfstand – Kostenfalle Komplexität

„…Die Studie von A.T. Kearney zeigt erstmals auf, dass die Verwaltungskosten im öffentlichen deutschen Gesundheitssystem im Jahr 2010 tatsächlich 40,4 Milliarden Euro betragen haben. Das bedeutet konkret, dass von jedem einzelnen Euro Beitragszahlung höchstens 77 Cent für direkt am Patienten wertschöpfende Tätigkeiten ausgegeben werden konnten. Die 23 prozentige Verwaltungskostenquote des Gesundheitssystems ist um den Faktor 3,8 höher als der durchschnittliche Wert in deutschen Industrieunternehmen, der 6,1 Prozent beträgt. Darüber hinaus kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass 68 Prozent der gesamten Verwaltungskosten bzw. 27,5 Milliarden Euro durch die GKV verursacht werden. Das entspricht einem tatsächlichen Verwaltungsaufwand von 15,6 Prozent bezogen auf die 176 Milliarden Euro Gesamtausgaben. Dieser Verwaltungskostenanteil ist um den Faktor 2,9 größer als die von der GKV offiziell berichteten Verwaltungskosten von 5,4 Prozent bzw. 9,5 Milliarden Euro. Die Studie hat bezogen auf die Verwaltungskosten ein Einsparpotenzial von mindestens 13 Milliarden Euro identifiziert. Von jedem Beitrags Euro können mindestens 8 Cent eingespart werden und der heutige Beitragssatz von 15,5 Prozent auf 14,2 Prozent gesenkt werden. Das Einsparpotenzial beträgt somit konkret 252,90 Euro pro Beitragszahler pro Jahr oder 1,3 Prozentpunkte des Beitragssatzes. Das deutsche Gesundheitswesen verfügt über ein signifikantes und bislang ungenutztes Effizienzsteigerungs- und Kostendämpfungspotenzial. Im Rahmen der unabhängigen und eigenfinanzierten Studie wurde im Zeitraum Juni bis August 2011 eine Marktforschungsanalyse mit 6.000 Leistungserbringern durchgeführt…“ (A.T. Kearney 2012)

Diese Studie beschäftigt sich nur damit, wie die Kosten im Gesundheitswesen durch die stetige Vermehrung von Verwaltungsaufwand in die Höhe getrieben werden. Es werden weitere Studien erforderlich sein, die auch die Kostensteigerung durch die Pauschalsysteme nachweisen werden. Die medizinische Versorgung ist seit Anfang der Reformen nicht billiger geworden. Dabei sind Betten abgebaut und eine Anzahl von Krankenhäusern bereits geschlossen worden. Die Fallzahlen sind gestiegen, die Zahl der Mitarbeiter reduziert worden. Insgesamt ist die Arbeit für Ärzte und Krankenpflegepersonal dermaßen belastend und wenig attraktiv geworden, dass wir immer weniger Bewerber auf ausgeschriebene Stellen bekommen. Ärztemangel und Pflegenotstand. Auf der anderen Seite sind durch die Einführung von den Pauschalsystemen neue Stellen nötig geworden, die ein Krankenhaus vor den Reformen nicht gebraucht habe. Codier-Fachkräfte und Case-Manager, Medizincontrolling usw., usw. Diese patientenfernen Leistungen müssen aus den Beitragssätzen und aus den Entgelten für die Krankenhäuser finanziert werden. Damit verringert sich genauso wie bei dem Verwaltungsaufwand der Anteil an Finanzressourcen, die der Behandlung und Betreuung von Patienten zur Verfügung steht. Immer neue Vorschläge zu Bewältigung der Kostenfalle sind die Folge. Da diese Vorschläge weder Patienten- noch Mitarbeiterorientiert sind, vergrößern sie nur die Komplexität und produzieren weitere Belastungen für alle. Ein systemischer Ansatz fehlt.

Aber die Stimmen werden gleich zu Beginn des neuen Jahres 2012 wieder erhoben, es sollen Krankenhäuser geschlossen werden und mehr Verzahnung zwischen ambulant und stationär erfolgen. D.h., dass da wo die Mitarbeiter eh schon nicht dem allen nachkommen, sollen sie neue Strukturen entwickeln, für die es keine neue Finanzen gibt. Wie man so schön sagt, sich das wieder aus den Rippen schneiden.

„…In dieser Situation nun fordert Christoph Straub, Chef der größten Krankenkasse Barmer GEK die Krankenhäuser zum Strukturwandel auf. In Deutschland gebe es mehr Krankenhäuser mit mehr Betten als in anderen Industrieländern, sagt er “Welt Online“. Außerdem sei die Trennung zwischen dem ambulanten Sektor, also den Arztpraxen, und dem Krankenhausbereich noch zu strikt. Viele Operationen könnten inzwischen ambulant ausgeführt werden. Und wenn Patienten anschließend im Krankenhaus bleiben müssten, sei dies weniger lang nötig als noch vor einigen Jahren….
….Auf der anderen Seite verzeichnen 20 Prozent der Häuser einen Verlust. Mit anderen Worten: Jede fünfte Klinik steckt in den roten Zahlen…“ (Welt-Online)

Unter den erfolgreichen Krankenhäusern sind nicht selten kleine Krankenhäuser. In letzten Jahren zeigt sich, dass gut geführte kleine Krankenhäuser entgegen der Meinung der Bürokraten erfolgreich sind, keine Defizite schreiben und von den Patienten aus der Einzugsregion sehr geschätzt werden. Meistens befinden sich kleine Krankenhäuser in einem kommunalen Krankenhausverband oder in einer Krankenhauskette und werden dann geopfert, wenn die größeren Krankenhäuser zusätzliche Ressourcen brauchen. Dann werden Mitarbeiter und Strukturen auf die anderen Häuser im Verbund verteilt, das kleine Haus geschlossen. Der Bevölkerung bleibt nur wütend hilflos zuzuschauen, wie ihre wohnortnahe Versorgung verscherbelt wird. Oder sie demonstrieren und organisieren sich, um ihr Krankenhaus zu retten. Wenn in diesem Streit zwischen der Bevölkerung und der kommunalen Administration erkannt wird, dass bei einem solchen Vorgehen der Schließung Innovationen auf der Strecke bleiben und Mitarbeiter zu zukunftsorientierten Häusern abwandern, lassen sich Schließungen verhindern und die Innovation vor Ort zum Wohler aller mit gezielten, systemischen Investitionen zum nachhaltigen Konzept für alle Beteiligten fördern.

Dazu ist es aber notwendig, dass die Notwendigkeit der Sicherung von Gesundheit der Bevölkerung in einer alternden Gesellschaft als einer der wichtigen Ressourcen zur Lösung aller Probleme dieser Gesellschaft erkannt wird. Die psychosoziale Gesundheit ist die wichtigste Innovation des nächsten Wachstumszyklus. Bislang wurde dieser Aspekt vor allem im Bereich der privaten Anbieter im sog. Wellnes-Bereich erkannt.

Stattdessen werden bereits seit 1.1.2010 auch für die Psychiatrie und Psychotherapie Weichen für die Einführung eben eines solchen, die Behandlung verteuernden Pauschalsystem gestellt und wieder ein Dokumentationsaufwand produziert, der mit der direkten Arbeit mit Patienten nichts zu tun hat. Die seit 1990 bestehende Personalberechnung soll mit dem Pauschalsystem beseitigt werden, weil sie wohl zu gut war – die Personalberechnung (Psych-PV) ist transparent und zeigt immer genau, wie viel Personal für die Behandlung von Patienten erforderlich ist. Transparenz mögen die Kassen aber nicht, weil die Transparenz keine Pauschalpakete erlaubt, die Kassen den Krankenhäusern in Budgetverhandlungen mit Vorliebe diktieren. Bei der Einführung des neuen Entgeltsystems für die Psychiatrie sind die Weichen einstweilen so gestellt, dass Psychiatrie und Psychotherapie in diese aberwitzigen Verhältnisse auch hineingezwungen werden.



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