Buddhistische Frühgeschichte

Von Rangdroldorje

Manche glauben, dass es den Buddhismus als einheitliche Tradition mit Sicht, Pfad und Ergebnis gäbe und vergessen, dass sich die Sicht im Dharma anhand von philosophischen Schulen entwickelt hat. Wurde beim 1. Konzil gleich nach dem Dahinscheiden von Buddha Shakyamuni noch um die Sammlung der Überlieferung gerungen, so fanden bald darauf Spaltungen anhand unterschiedlicher Sichtweisen statt. Da alle buddhistischen Schulen sich in ihrer Schriftensammlung auf Buddha Shakyamuni beziehen, muss man deren historische Entwicklung bei der Textsammlung und den Gelübden betrachten.
Gewiss mag es für einige beschwerlich sein, sich durch die einzelnen Fachbegriffe zu arbeiten, doch ist es notwendig, damit auch die Entwicklung des Dharma und der verschiedenen Standpunkte der Schulen verstanden wird. Die Darlegung der Sicht ist im Dharma von essentieller Wichtigkeit, da ohne Sichtweise wenig Sinn für bestimmte Methoden gegeben ist. Ein Schritt zum besseren Verständnis ist eben ein kurzer historischer Überblick.

Vier Nikaya-Schulen

In der Überlieferung des Dharma haben sich im Laufe der Jahrhunderte mehrere Überlieferungslinie gebildet, von denen heute noch zwei bis auf die Ursprünge zurückgehen. Eine Linie davon ist jene der heutigen südlichen Nikaya-Schulen der Theravadin. Diese beziehen sich auf die Überlieferung der Sthaviravadin, welche sich im Laufe der Zeit in drei große Traditionen gegliedert haben: 1) den Pudgalavada; 2) den Vibhajjavada; und 3) den Sarvastivada. Im 4. Jhdt. vor unserer Zeitrechnung hat sich die Sangha in die Sthaviravadins und die Mahasanghikas gespalten, woraus der andere Zweig besteht. Die Lehren der Sthaviravadin waren jene des Hinayana und wie der Name schon suggeriert, hat sich aus der Sicht der Mahasanghika das Mahayana weiterentwickelt. Ebenso wird die Sicht im Vajrayana basierend auf den Ansätzen des Sarvastivada (Hinayana), sowie der zwei Mahayana-Zweige der Yogachara (auch Cittamatra oder „Nur-Geist-Schule“ genannt) und Madhyamaka („Mittlerer Weg“) dargelegt. Die Sicht der Nur-Geist-Schule wird für die Darlegung der vorläufigen, der relativen Wahrheit herangezogen und die Sichtweise der Prasanghika-Madhyamaka wird für die Darlegung der letztendlichen Wahrheit verwendet.

Die Schule der Älteren

Der Sthavira Nikaya war eine konservative Schule in der Darlegung des Dharma. Ungefähr hundert Jahre nach dem Dahinscheiden des Buddha Shakyamuni spaltete sich die Sangha in Vaishali beim 2. Konzil in die Auffassung der Sthaviravada und der Mahasanghika. Die Spaltung entstand in der unterschiedlichen Auffassung über die Vollkommenheit des Arhat. Die Frage war, ob der Arhat gleich dem Buddha sei oder doch nicht die vollkommene, allwissende Buddhaschaft erlangt hatte. Die Mahasanghikas sahen den Arhat als noch etwas verschleiert an.
Andere wiederum sehen den Grund für die Spaltung in der Unfähigkeit der Sangha, sich über eine Reformation der Vinaya zu einigen. Von der großen Sangha – der Mahasanghika – spaltete sich eine Gruppe von „älteren Mitgliedern“ ab. Die größere Gruppe wollte eine Veränderung der Vinaya durch Hinzunahme von Regeln nicht akzeptieren, was aber eine kleinere Gruppe wollte. Von den Mahasanghikas wurden die Sthaviravadin daher als ein Abfallen von der ursprünglichen Vinaya angesehen. Heutige Gelehrten sehen daher die Mahasanghika als die ältere Vinaya-Tradition an und nicht die Sthaviravada.
Die Vinaya-Tradition der Sthaviravada blieb im Theravada erhalten. Die Theravada-Nikaya von Sri Lanka, Myanmar, Thailand etc. sehen sich als die „Älteren“ an, da das Pali-Wort „Thera“ dem Sanskrit-Begriff „Sthavira“ entspricht. Doch bestehen zwischen der Sicht des heutigen Theravada und der der Sthavira einige wesentliche Unterschiede. Zusätzlich haben sich die Sthavira ca. zwei Jahrhunderte später in weitere Gruppen aufgespalten.
Im 4. Jhdt. unserer Zeitrechnung wurden in der Dipavamsa-Chronik die Lehren des Theravada als einen großen Banyan-Baum bezeichnet, wohingegen die anderen buddhistischen Schulen lediglich Dornen wären. Heutige Vertreter des Theravada betrachten dies jedoch auch entspannter und sehen das heutige Theravada als eine unter mehreren alten Schulen.

Die Personalisten

Die Pudgalavadin vertraten die Sicht, dass es die Person als Realität gäbe. Deshalb werden sie auch als „Schule der Personalisten“ bezeichnet. Das stand natürlich im Widerspruch zur ursprünglichen Lehre des Buddha, der die Lehre vom Nicht-Ich (Anatta) verkündet hatte. Ihr Argument war, dass es zwar kein Ich (Atman) gäbe, aber es gäbe eine „Person“, die weder dasselbe wie die Skandhas sei, noch verschieden davon. Anhand dieser Sichtweise handelten sie Themen von Karma, Wiedergeburt und Nirvana ab. Ihre Sicht wurde vom Theravada (damals noch Vibhajjavada), sowie vom Sarvastivada und auch im Madhyamaka kritisiert. Dennoch behauptete diese Schule ihre Sichtweise ca. 1000 Jahre lang in Südwestindien und wurde schließlich von den brahmanischen Traditionen verdrängt.

Die Analytiker

Die Vibhajjavadin bilden den Ursprung der heutigen Theravadin. Ihr Name ist Programm, da die Analyse der Phänomene (dharmas) ihr Fokus in der Lehre war. Aus dem Vibhajjavada entstanden wiederum ein paar Schulen, wovon die Dharmaguptaka-Tradition jene ist, die wiederum eine eigene Tradition von Gelübden bis heute herauf hat.
Die Spaltung in der Sangha fand in Pataliputra beim 3. Konzil statt und entstand diesmal, weil eine Gruppe die Sicht, dass alle Phänomene (dharmas) in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren, zurückwies. Ihre Standpunkte findet man Kathavatthu dargelegt, das eines von sieben Büchern des Abhidhamma-Pitaka der Theravada darstellt. Sie waren in Südindien, Bangladesh, Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos, Vietnam und Kambodscha verbreitet. Lediglich in Südindien und Bangladesh sind sie mittlerweile durch die brahmanische Tradition verschwunden, in den anderen Ländern stellen sie in Form der Theravada die Hauptform des Buddhismus. Jedoch sei an dieser Stelle angemerkt, dass das heutige Theravada eine weit größere Sicht umfasst und nicht nur auf das Vibhajjavada begrenzt. Doch hat das Theravada mit dem Pali-Kanon, der Vinaya und dem Abhidhamma eine andere Überlieferungslinie genommen als die nördliche Tradition.

Theoretiker über alles Existierende

Die Sarvastivadin entwickelten sich in Nordindien und bildeten das Fundament für die späteren Dharma-Traditionen in Indien, China und Tibet. Beim 3. Konzil gab es Meinungsverschiedenheiten über den Abhidharma mit dem Vibhajjavada. Das Sarvastivada ist das Hinayana, auf das in den nördlichen Mahayana-Traditionen Bezug genommen wird. Es war in Zentralindien und im heutigen Pakistan verbreitet und wurde im Laufe der Zeit durch die gesellschaftlichen Veränderungen aufgrund der muslimischen Invasionen verdrängt und ausgelöscht.
Das Sarvastivada hatte eine eigene Sanskrit-Version von Buddhas Lehrreden – den Sanskrit-Kanon. Teile davon sind heute noch im Gandhara-Kanon erhalten und stellen die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen des Buddhismus dar. Ebenso verfügte das Sarvastivada über eine eigene Überlieferung des Abhidharma, die allerdings von der des Pali-Kanons stark abwich. Die Sarvastivadin vertraten eine Sicht des pluralistischen Realismus, d.h. sie sprachen den Daseinsfaktoren eine dauerhafte Eigenexistenz zu. Diese ewig bestehenden Faktoren wechseln lediglich vom Zustand der Latenz in die Manifestation und bilden dann den Erfahrungshorizont und die Dinge der Welt. Sobald deren Bindungen enden, fallen sie auseinander, aber verlöschen nicht vollständig, bis sie wieder aktiviert werden. Der finale Zustand der Erlösung bedeutet aus Sicht des Sarvastivada somit ein endgültiges Nicht-Aktivieren dieser Daseinsfaktoren und man gelangt in einen Zustand dauerhafter Ruhe. Deshalb wird diese Sicht von späteren Schulen dann verworfen, da sie kein vollständiges Verlöschen bedeutet.
Aus dem Sarvastivada entstand im Laufe der Zeit die Sicht der Sautrantika, die sich in Indien und auch in China, Japan und Korea verbreitete. Die Schule der Vaibhasika entstand dann einige Jahrhunderte später. Beide Schulen stellen die Sichtweise des Hinayana dar.
Daneben bildete sich noch die Tradition des Mulasarvastivada, welche die heutige tibetische Gelübdetradition darstellt. In dieser Linie wurde allerdings die Nonnenordination nie nach Tibet übertragen, sodass heutige Nonnen der tibetischen Tradition nach Taiwan ausweichen müssen, um die vollständige Ordination zu empfangen.