Brüderle Sexismus bla …

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Gastbeitrag, eingesandt von Uhupardo-Leser “Blend”

Der Weinselige hat an der Theke kurz vor Mitternacht den Dirty Old Man rausgehängt.  Vor einem Jahr. Macht er angeblich öfter.  Ist bestimmt auch so.  Gottschalk hat das  in jeder “Wetten dass”-Sendung getan.  Diesmal aber Riesentheater!  Endlich kann man sich mal richtig entrüsten im Netz. Aber volles Rohr.  Denn diese Entrüstung ist unteilbar.  Niemand wird sich wagen, da auch nur in Nuancen Einwände zu zelebrieren. Nicht mal zu differenzieren. Und wenn doch, dann alle zusammen mit noch mehr Entrüstung aufe Schnauze des Differenzierers, aber ohne Gnade!

Bei Jauch kann es natürlich auch kein anderes Thema geben. Wöchentliche Medien-Sau quiekend quer durchs Studio, unausweichlich. Brüderle, ein alter Mann, hat daneben gelegen im Ton nachts um Zwölf an der Bar. Hashtag Aufschrei. Netzexplosion, bumm. Wenn ich selbst mal den falschen Spruch gegenüber einer Lady abgefeuert habe – doch, passiert – kam in fast allen Fällen die Breitseite prompt. Ob nur ich mit emanzipierten und selbstbewussten Frauen umgehe? Alle anderen sind schrecklich deprimiert und reif für den Psychiater, wenn ihnen so ein blöder Satz entgegen kommt?

“Lästig” sei sowas, sagt Wibke Bruhns bei Jauch. Klar ist es das. Den vierten Korb am Abend in der Disko zu kassieren ist auch lästig. Hashtag Korb. Entrüstung. Ob ich Brüderles übergriffige Art verteidigen will. Nein, wirklich nicht. Nicht mal meine an einem schlechten Tag. Aber es ist das falsche Beispiel. Oder ein untaugliches mindestens. Weil es verharmlost und nicht einmal den Frauen hilft, die sich zu recht beschweren über Sexismus.

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Eine Journalistin, die einen blöden Spruch serviert bekommt, kann gefälligst einen zurückgeben, statt peinlich berührt die traurige Entrüstung zu fressen. Mir ist mehr als eine Frau begegnet, die ein Geschäftsgespräch mit einem halben Dutzend anwesenden Personen dazu benutzt hat, mich hemmungslos anzumachen. Übergriffigkeit? Ja was denn sonst! Hashtag Anmache. Entrüstung! Shitstorm, bitte, denn ich wollte nicht flirten. Sexismus der schlimmsten Form. Kann ich ohne Affront innerhalb der Gruppe nicht mal regeln. Aber ich regle es später. Höchstselbst. Auch beim nächsten Mal.

Etwas ganz anderes ist es, wenn zum Beispiel berufliche Abhängigkeiten im Spiel sind und der Chef sagte “Kiste oder Entlassung”. Dann bitte her mit der Entrüstung! Dringend. Da hört der Spass nämlich wirklich auf. Doch darum geht es doch beim Brüderle Sexismus bla gar nicht. Hier geht´s um den weinseligen Dirty Old Man an der Hotelbar um Mitternacht gegenüber einer Journalistin. Das trifft den Kern der tatsächlich erforderlichen Diskussion nicht über das “verkorkste männliche Gen”, das Frauen auch haben, nur seltener und in Moll. “Frauen sind leider auch nur Männer”, sagt Karasek gerade (auch wenn er damit nur sein neues Buch bewerben will).

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Was ich in der Summe sagen will? Männer, lasst die übergriffigen Sprüche weg! Frauen, schickt den Typen selbstbewusst und laut in die Ecke, in die er gehört, wenn euch das passiert. Macht ihr doch bei mir auch. Bis dahin lässt sich das auch alles regeln, vielleicht nicht in Iskenderun, aber in Deutschland ganz sicher. Vor allem, weil es sowieso jeden Tag wieder passieren wird zwischen Männern (die ich alle nicht leiden könnte, wenn ich nicht selbst einer wäre) und Frauen. Und sobald das klar ist, lasst uns bitte über solche Szenen reden, wenn die Beteiligten in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen, denn dann zählt es wirklich.

Die Brüderle-Geschichte über eine unerlaubte Ansammlung von Mittelalter-Kalk ist albern. Wirklich albern. Jauch sagt gerade: “Brüderle wurde von dieser jungen Journalistin in dieser Szene gegen Mitternacht gefragt, ob er denn in dem Alter noch zum Hoffnungsträger tauge. Stellen Sie sich mal vor, ein 25-Jähriger Journalist sagt das zu einer 65-jährigen Politikerin, was wäre denn dann los?” – Gut gebrüllt Jauch, dann wäre Emanzipations-Bürgerkrieg. Für eine Woche natürlich. Hashtag Mediensau. Entrüstung ohne Grenzen. Und Story im “Stern” samt Forumsdiskussion mit 100.000 “Likes” und 3.500 Beiträgen.

Der “Stern” und jede andere Illustrierte, die jede Woche säckeweise nackte Ladies als Blickfang nutzen, sind ganz sicher die richtigen Medien, um solche Themen an den Himmel zu sprühen. Glaubwürdig bis der Arzt kommt. Ach, hört mir doch auf, bitte. Keine Zeit mehr, gleich kommt die Wiederholung vom “Bachelor”.