Brief an einen Freund. # Baby mit Trisomie 18.

Brief an einen Freund. # Baby mit Trisomie 18.

Lieber Nehem*, liebe Clara*,

dich, Nehem kenne ich schon richtig lange, Clara, dich habe ich bisher noch nicht oft gesehen,

aber du warst mir von Anfang an sympathisch.

Das Schicksal (oder an was auch immer ihr glaubt) hat euch in eine Situation gebracht, die man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht. Früher war es so: Man hat ein Kind bekommen, geguckt, was es braucht, und ihm gegeben, was man ihm geben konnte. Jetzt bekommt man eine Diagnose und muss (in relativ kurzer Zeit) selbst entscheiden, und zwar über Leben und Tod.

Eine frühere Freundin von uns hat einmal gesagt: Nirgendwo liegen Freud und Leid so nahe beieinander wie beim Kinderkriegen. Sie hatte so recht. Bei uns ist letztendlich alles gimpflich ausgegangen, aber die erste Geburt war ein Trauma für mich (weil die Ärzte so sch…) waren und die  zweite Geburt war wahrscheinlich ein Trauma für uns alle. Für den kleinen Melek, weil er nicht verstehen konnte, warum Mama ständig im Krankenhaus war, für die Zwillinge, weil sie auf der Intensivstation landeten und für David vielleicht, weil er zwischen allen Stühlen saß und es keinem recht machen konnte.

Warum schreibe ich das mit dem Trauma?

Ihr habt nun zwei Möglichkeiten: Die eine ist: Ihr könnt eure Tochter töten lassen.

Ich ahne, dass dies eure Wahl ist. Ich weiß nicht, was eure Erwägungen oder Gefühle oder Argumente sind. Ich könnte mir vorstellen, dass Eltern in eurer Situation sich vorstellen: Wenn das Kind schnell weg ist, ist es quasi, als ob nichts passiert wäre, und wir können weitermachen wie bisher. Ich bin sicher, dass ihr wisst, dass das nicht so einfach ist. Vielleicht steckt der Wunsch dennoch dahinter. Ich zumindest würde mir das wünschen: Dass dies alles einfach nicht passiert ist. Dass ich alles rückgängig machen könnte. Dass ich einen Zeitumkehrer habe, der mir die Wahl lässt. Vielleicht steckt auch der Wunsch dahinter, die Leidenszeit zu verkürzen, dass es mit einer Spätabtreibung nicht so schlimm wird wie mit einer normalen Geburt. Dass das Leiden weniger ist. Es ist alles so surreal …

Die heutige Wortwahl für Kinderkriegen, Schwangerschaft und Elternwerden ist die gleiche wie früher, als man noch nicht in den Bauch hineingucken könnte. Man sagt so etwas wie: „Wir sind Eltern geworden“, wenn das Kind geboren ist, oder: „Das Kind ist da“, wenn das Kind geboren ist. Tatsächlich täuscht uns aber die Sprache. Man ist ja schon Eltern, das Kind ist ja schon da, wenn auch für uns ersteinmal unsichtbar und winzig klein. Mit einer Tötung kann man die Schwangerschaft also nicht ungeschehen machen. Das Baby ist da – wenn auch unsichtbar, im Bauch.

Ich würde also sagen, ihr seid schon Eltern. Das Baby gibt es. Man kann seine Existenz nicht ungeschehen machen. Eine Hebamme hat einmal gesagt: „Wenn der Bauch ein Fenster hätte, würde niemand mehr abtreiben.“

Interessanterweise ist es in Deutschland so, dass man ein Baby im Bauch töten lassen darf. Außerhalb nicht, egal, wie stark es behindert ist. Aber ist es darum mehr Mensch, wenn es außerhalb des Bauches ist?

Inzwischen seid ihr in der Frauenklinik gewesen. Ihr seid darüber beraten worden, wie die Abtreibung ablaufen wird. Vor einigen Jahren war es noch so, dass manchmal Babys zur Welt kamen, die noch atmeten und wimmerten. Eure Tochter ist ja noch klein, da ist das wohl eher unwahrscheinlich. Dass das Baby noch lebt, muss für die betroffenen Eltern sehr, sehr schlimm gewesen sein. Es gab sogar Fälle von Babys, die ihre eigene Abtreibung überlebt haben. Tim, das Oldenburger Baby, ist so ein Beispiel. Also wurde die Methode geändert. Soweit ich weiß, gab oder gibt es drei Methoden, ich weiß nicht, welche in der Frauenklinik angewendet wird. Vermutlich wird man Clara Hormone geben, die die Geburt einleiten. Es kann sein, dass sie euch noch einmal nach Hause schicken, weil es seine Zeit dauert, bis sie auf den Körper wirken. Vielleicht bleibt ihr auch lieber im Krankenhaus. Der Körper ist ja noch auf Schwangerschafthalten eingegestellt und wird sich vermutlich wehren. Wenn es so abläuft, dann ist es eine ganz normale Geburt, die leider auch sehr schmerzhaft sein kann. Je nach Krankenhaus und euren Wünschen, gehen die Ärzte sehr großzügig mit Schmerzmitteln um, dann tut es fast gar nicht weh.

Vermutlich wird das Baby während oder kurz nach der Geburt sterben. Eine frühere Freundin von uns hat ein Baby in der 18. SSW geboren (eine Schwäche des Muttermundes). Es gibt Fotos von dem Kind, aber sie wollten es nicht ansehen. Das war natürlich ein ziemliches Trauma. Je nach Krankenhaus wird den Eltern Zeit gegeben, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Man kann Fotos machen, es in den Arm nehmen, es in eine Decke hüllen, evtl. auch beerdigen. Der Vater ist nicht darüber hinweggekommen und konnte nie darüber reden, hat uns die Mutter erzählt. Sie haben sich getrennt.

Es kann sein (aber ich glaube, dafür ist die Kleine noch zu klein), dass euer Kind mit einer Injektion getötet wird, um sicher zu gehen, dass es tot geboren wird. Da gibt es meines Wissens zwei Möglichkeiten: Eine Spritze mit einem Nervengift wird durch die Bauchdecke in den Körper des Babys geführt und Kalium-Chlorid wird in das Herz gespritzt. Es gibt Berichte, dass die Kinder merken, dass etwas nicht in Ordnung ist und dass ihr Herz wie wild zu schlagen beginnt. Es ist wohl auch nicht so einfach, das Herz zu treffen, so dass der Arzt manchmal mehrere Versuche braucht.

Um sicher zu gehen, dass es tot zur Welt kommt, wird auch diese Methode angewendet: Man gibt Rivanol in die Fruchtblase, aber ich glaube, das wird nicht mehr so häufig gemacht. Auch wenn es nicht mit einem Gift getötet wird, wird euer Baby merken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es wird zappeln und sein Herz wird schneller werden. Es ist nicht so, dass es friedlich stirbt.

Es scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass es wichtig ist, sich von dem Kind zu verabschieden und zu trauern, es also noch einmal anzusehen. Für viele Eltern ist das natürlich sehr, sehr schwer. Ein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Auch dort, wo die Spätabtreibung befürwortet wird, wird den Eltern geraten, das Kind zu verabschieden und sich Zeit für Trauer zu nehmen. Ich habe vor vielen Jahren über Spätabtreibungen gelesen, die wissenschaftlich untersucht wurden. Man kommt zu dem Schluss, dass „der Aspekt der Traumatisierung … eine große Rolle spielt.“ (Quelle, z.B. S. 94) Es scheint so  zu sein, dass das Risiko eines Traumas größer wird, je weiter die Schwangerschaft vorangeschritten ist, ich vermute mal, weil man schon eine emotionale Beziehung zu dem Kind aufgebaut hat. Du schreibst von deiner Kleinen – für mich hört es sich so an, als ob du schon eine emotionale Beziehung zu deiner Tochter hast.

Es kann sogar sein, dass der Prozentanteil größer ist. Das liegt daran, dass ein Teil der Menschen mit einem Trauma (egal, wodurch verursacht) nicht für Interviews zur Verfügung steht, weil sie jeden Gedanken an das Erlebte verdrängen wollen. Das ist Teil eines Traumas. Es kann auch sein, dass zunächst die Erleichterung überwiegt und es den Frauen gut geht. Es kann nach vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten passieren, dass ein Trauma sich Bahn bricht.

Du hast geschrieben, dass ihr beide recht klar seid, recht aufgeräumt und sortiert. Das können auch Kennzeichen eures großen emotionalen Stresses sein. Man nennt dies Rationalisieren. Das kann eine Zeitlang gut funktionieren, hilft es einem doch, diese unglaublich schwierige Zeit ersteinmal zu überstehen. Die gewaltigen Gefühle können Tage, Wochen, Jahre später hervorbrechen.

Warum habe ich das also mit dem Trauma geschrieben?

Ich bin mit meinem Trauma nicht klargekommen. Das Trauma der ersten Geburt war dabei schwieriger als das zweite. Bei dem ersten Trauma gab es nämlich Schuldige, da waren nämlich Ärzte, die mich nicht würdevoll behandelt haben, da spielten Ohnmacht und Schockstarre und die Unmöglichkeit wegzulaufen eine Rolle. Gott sei Dank habe ich eine sehr gute Psychologin gefunden, die mir geholfen hat, damit klar zu kommen. Bei mir war es auch so, dass durch die Geschehnisse im Krankenhaus alte Kindheitstraumata neu aufgebrochen waren. Sonst wäre es vermutlich nicht so schlimm gewesen. Frauen, die bereits Traumata erlebt haben, haben ein höheres Risiko für ein weiteres Trauma, man nennt dies Retraumatisierung.

Das zweite Trauma, die Geburt der Zwillinge bzw. die Zeit danach, war auch schrecklich und wenn heute etwas mit Sohni passiert, heule ich sofort, weil meine Haut so dünn ist, er war klein und bekam so schlecht Luft, ständig hatte er Sauerstoffabfälle, einmal ist er blau gewesen. Aber bei dem zweiten Trauma gab es keine Schuldfrage. Die Zwillinge waren einfach zu groß für meinen Bauch gewesen und sind daher zu früh geboren. Ich hatte keine Schuld, die Ärzte hatten keine Schuld, niemand hatte Schuld und als die Zwillinge geboren waren, haben sich alle bemüht, die Situation erträglich zu machen.

Warum erzähle ich das von dem Trauma und den Schuldgefühlen?

Eine Frauenärztin, Jette Brüning, die Frauen vor und nach einer Spätabtreibung berät, sagt: „Schuldgefühle verhindern oft die Trauer. Die Frauen geben sich die Schuld am Tod des Kindes. Sie gehen durch die Hölle.“ (Quelle)

Eine Spätabtreibung hat also, verständlicherweise, das Potenzial, ein Trauma hervorzurufen. Dazu aber kommt noch, dass man nicht vorhersehen kann, ob man Schuldgefühle haben wird. Ich glaube, sein winziges Baby im Arm zu halten und zu wissen: Ich habe seinen Todeszeitpunkt bestimmt, hat das Potenzial dazu, sich schuldig zu fühlen. Dann hat man also ein Trauma, das mit Schuldgefühlen verknüpft ist. Dazu kommt, dass so winzige Kinder ja auch noch nicht aussehen, wie man sich ein Baby vorstellt. Die Augen sind geschlossen, die Haut ist sehr dünn und rot, Hände, Gesicht und Füße sind winzig. Ich habe winzige Babys auf der Intensivstation gesehen, es ist ein unglaubliches Erlebnis – in beide Richtungen.

Was will ich also sagen?

Eine Spätabtreibung kann traumatisch sein, sie kann unglaubliche Schuldgefühle hervorrufen, und auch sie erfordert Trauer, um das Ganze zu verarbeiten. Sie macht die Existenz eines Kindes nicht ungeschehen.

Was wäre der Unterschied zu einer spontanen Geburt?

Ich kenne nur einen Mann, der eine schwer behinderte Tochter hat. Er ist auch traumatisiert. Interessanterweise hat er aber nie die Geburt seiner Tochter infrage gestellt. Er ist immer noch verbittert darüber, dass die Ärzte die Eltern mit einer schwer behinderten Tochter nach Hause entlassen haben und sie völlig hilflos darüber waren. Meine Freundin Maike, die die ambulante Betreuung in Familien mit behinderten Kindern beruflich organisiert hat, hat mir gesagt: „Ich habe nie eine Familie kennengelernt, die gesagt hat: Hätten wir doch lieber abgetrieben.“

Unbesehen glaube ich, dass die Geburt und das Erlebnis ein behindertes Kind zu haben und es sterben zu sehen, das Potzenzial hat, traumatisch zu wirken. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass man keine Schuld hat. Du und ihr, ihr seid es nicht gewesen, die den Zeitpunkt des Todes festgelegt haben. Das Kind entscheidet, das Schicksal, oder je nachdem, woran du glaubst, Gott entscheidet. Bei beiden Möglichkeiten wird eine riesengroße Trauer eine Rolle spielen, aber bei der mit dem natürlichen Todeszeitpunkt wird Schuld keine oder eine kleinere Rolle spielen.

Ich weiß, dass du nicht an Weisungen glaubst, an Zeichen oder wie auch immer man das nennen magst. Als du mir erzählt hast, dass du Annette Frier getroffen hast, einen Tag vor der Diagnose, da hat es mich gekribbelt. Was wäre das für ein unglaublicher Zufall!

Leider habe ich die Dokumentation nicht mehr gefunden, von der ich dir erzählt habe. Da ging es um eine Familie, die nach zwei Kindern ein drittes Mal schwanger wurde. Die Diagnose war das Potter-Syndrom. Kinder mit Potter-Syndrom sterben einige Stunden nach der Geburt. Die Eltern haben sich Zeit genommen, sich beraten und sich noch einmal mit dem Kinderarzt beraten. Der sagte (sinngemäß): „Das Leben Ihres Kindes wird kurz sein. Machen Sie ein Fest daraus.“

Ich fand diesen Satz so toll, so stark, so mutig.

Ich wünsche euch, dass ihr den Mut und die Kraft findet, euer Baby nach seinem eigenen Zeitplan leben und sterben zu lassen, ich wünsche euch, dass ihr den Mut und die Kraft findet, eure Tochter kennen zu lernen und euch in Würde zu verabschieden, ich wünsche euch alles, alles Gute.

Eure Mara.

*Alle Namen wurden geändert.


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