Bretagne 2015 – Anreise 2: Von Nuspli-Dilemmata, belgischer Verkehrssicherheit und französischen Autofahrern

Erstellt am 18. Juli 2015 von Christianhanne

Es ist erneut 3 Uhr morgens und nicht das Murmeltier grüßt, sondern der Bonner Freund, der uns weckt. Der Entspannungsfaktor unseres Urlaubs ist definitiv noch ausbaufähig, wenn man zwei Tage hintereinander mitten in der Nacht aufstehen muss, um dann stundenlang Auto zu fahren. Aber wenigstens haben wir dann einen guten Grund, uns erholen zu müssen, wenn wir in der Bretagne ankommen. Finde, für die frühe Stunde ist das wirklich eine bestechende Logik.

Nachdem alle Erwachsenen und Kinder durchs Bad geschleust wurden („Jeder geht noch mal auf Toilette, egal ob er muss oder nicht.“), sitzen wir um kurz vor vier wieder in unserem KIA. Stelle als routinierter Autofahrer fest, dass die Tankanzeige bedrohlich rot leuchtet und steuere als erstes eine Tankstelle an. Dort erwerben wir außer dem Benzin zwei Kaffee. Bitter und stark ist er, wie es sich für einen richtigen Tankstellen-Kaffee gehört.

BILD: Kaffee. Weckt Tote auf. Und bringt sie wieder um.

Bin mir nicht sicher, ob der Kaffee meine Lebensgeister weckt oder vertreibt. Wahrscheinlich beides. Fahre daher wie ein Zombie auf Speed auf die Autobahn. Zur Stärkung der Moral essen wir alle erstmal Nuspli-Stullen.

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Nachdem wir eine Weile unterwegs sind, überqueren wir die Grenze nach Belgien, das Land, in dem die EU-Institutionen beheimatet sind. Das Radio spielt ‚Heal the world‘ von Michael Jackson. Halte das für ein bisschen dick aufgetragen. Bevor die EU die Welt rettet, wäre es schön, wenn sie das mit Griechenland hinbekommt.

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Während der Rest der Familie schläft, bemerke ich auf der Mittelkonsole die letzte Nuspli-Stulle. Das stellt mich vor ein schweres moralisches Dilemma: Einerseits äße ich sie gerne („Nervennahrung für den Chauffeur“), andererseits müsste ich sie zur Aufrechterhaltung meines Images als treusorgender Familienvater für die Kinder aufheben.

Was wohl Dr. Dr. Erlinger dazu sagen würde. Der ist Philosoph und gibt in seiner Kolumne „Die Gewissensfrage“ jede Woche im SZ-Magazin Ratschläge zu Leserfragen wie „Darf ich eine nicht entwertete Fahrkarte ein zweites Mal benutzen?“ (Nein!) oder „Muss ich meiner besten Freundin sagen, dass ich ihre Kinder nicht mag?“ (Nicht unbedingt.).

Wahrscheinlich würde Dr. Dr. Erlinger den kategorischen Imperativ von Kant anführen (Das macht er nämlich sehr häufig), der umgangssprachlich besagt: „Was du nicht willst, was man dir tut, das füg‘ auch keinem andren zu.“ Also, wenn ich nicht möchte, dass mein Vater mir die letzte Nuspli-Stulle wegisst, muss ich sie meinen Kindern überlassen. Mein Vater mag aber überhaupt kein Nuspli, was im Umkehrschluss bedeutet, dass er gar keinen Wert auf die Stulle legt und ich sie demnach essen kann. Eine philosophisch-argumentative Meisterleistung, wie man sie nur nach zwei Nächten mit zu wenig Schlaf zu vollbringen imstande ist.

Greife gerade nach dem Brot, als der Sohn aufwacht und fragt, ob er sie haben kann. Resigniere seufzend und sage, er müsse aber die Hälfte seiner Schwester abgeben, sonst würde Dr. Dr. Erlinger dolle schimpfen. Der Sohn schaut mich verständnislos an. Dann weckt er seine Schwester und sie teilen sich die Nuspli-Stulle. Es sei Ihnen vergönnt. Ein bisschen.

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Fahre etwas missmutig über die belgischen Autobahnen, als mir ein Plakat am Straßenrand auffällt. Ein – anscheinend bekannter – belgischer Tischtennis-Spieler ist in Sportler-Kluft abgebildet und daneben ist geschrieben, er spiele gerne, aber nicht mit seinem Leben. Kurze Zeit später entdecke ich ein zweites Plakat mit einem Tennisspieler, der die Autofahrer ermahnt, häufiger Pausen einzulegen. Warum die beiden Sportler dafür werben? Keine Ahnung. Wahrscheinlich das Ergebnis eines Einmann-Brainstorms eines belgischen Werbepraktikanten.

BILD: Belgische Verkehrssicherheits-Kampagne. Andere Länder, andere Sitten.

Überlege, wie man die Kampagne auf Deutschland übertragen könnte. Da könnten Boris Becker oder Lothar Matthäus mehr Sicherheit im Verkehr anmahnen. Kichere in mich hinein. Ist doch ein toller Gag, oder? Findet man zumindest, wenn man um 3 Uhr morgens aufgestanden ist und seit mehreren Stunden im Auto hockt. Wahrscheinlich kommt Mario Barth so zu seinem Bühnenprogramm. Er steht mitten in der Nacht auf, fährt durch die Nacht und schon schreiben sich die Zoten von fast alleine.

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Etwas später erreichen wir Frankreich. Mir gefällt, dass hier auf den Autobahnen Tempo 130 gilt. Das ermöglicht eigentlich recht entspanntes Fahren. Frage mich allerdings, wie französische Männer mit kleinen Penissen, dies kompensieren können, wenn sie nicht mit 210 km/h über die Autobahn brettern dürfen. Wahrscheinlich, in dem sie extrem schlecht Auto fahren. Blinken scheint nämlich in Frankreich nur nach dem Zufallsprinzip vorgenommen und meistens in die entgegengesetzte Richtung, die man eigentlich einschlagen möchte, es wird außerdem extrem dicht aufgefahren und einen anderen Fahrer, in die Spur hineinzulassen, verstößt möglicherweise gegen irgendeinen französischen Autofahrer-Kodex.

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Werde allmählich müde und daher übernimmt die Freundin das Steuer. Versuche ein wenig zu schlafen. Das ist allerdings einfacher gesagt, als getan. Zuerst braucht der Sohn Hilfe beim Öffnen der Wasserflasche. Dann fragt die Tochter, ob sie eine DVD schauen darf. Außerdem möchte die Freundin eine Cola gereicht bekommen. Und das Navi plärrt unentwegt, dass wir weiter geradeaus fahren müssen. Verabschiede mich endgültig von dem Projekt Schlaf.

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Da unser Auto mehr Benzin schluckt als Harald Juhnke Cognac in seinen besten Tagen, müssen wir nach knapp 600 Kilometern an einem Rasthof halt machen. Das gibt uns die Möglichkeit den Tank aufzufüllen und die Blasen zu entleeren.

Gerade als wir gehen wollen, mache ich im Tankstellen-Shop eine großartige Entdeckung. Eine Kaffeemaschine fürs Auto! Wenn das nicht nobelpreisverdächtig ist! Die Freundin will trotzdem nicht, dass wir sie kaufen. Schade.

BILD

Vielleicht kommen wir auf dem Rückweg in zwei Wochen noch einmal hier vorbei. Möglicherweise kann ich die Freundin dann überzeugen.

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Da wir im letzten Jahr auf der Fahrt in die Bretagne so häufig auf den mautpflichtigen Autobahnen im Stau standen, haben wir uns diesmal für einen mautfreien Weg entschieden. Um es abzukürzen: Wenn wir letztes Jahr die Pest hatten, so leiden wir dieses Jahr an Cholera.

Unser schon etwas veraltetes Navi lotst uns über abenteuerliche kurvige Landstraßen und gibt uns die Möglichkeit, die französischen Landschaften zu bestaunen. Das ist aber auch nur für eine knappe Stunde erquicklich und danach eher so inspirierend wie ein ???

Den ein oder anderen Stau nehmen wir aber trotzdem mit. Ungefähr 250 Kilometer vor unserem Ziel stelle ich mit Entsetzen fest, dass sich unsere Süßigkeitenvorräte allmählich dem Ende entgegen zu neigen. Die Kinder tragen es allerdings mit mehr Fassung als ich.

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Als ich dann kurze Zeit später freudestrahlend verkünde, dass es jetzt nur noch zwei Stunden bis zu unserer Ankunft sind, hält sich wiederum die Begeisterung der Kinder in Grenzen. Nie war die Meuterei in dem KIA näher als in diesem Moment!

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Ungefähr 16 Stunden nachdem wir heute Morgen losgefahren sind, erreichen wir das Ferienhaus in Esquibien. Die Bonner Freunde sind schon seit mehreren Stunden da und haben für alle gekocht. Zur Einstimmung auf den Urlaub gibt es landestypisches bretonisches Abendessen: Spaghetti Bolognese. Guten Appetit“