Brasilianischer Tabak macht arm und krank

Von Nu

Brasilien produziert 700 Tonnen Rauchwaren im Jahr, mehr als 80% sind für den Export bestimmt. Die Tabakindustrie hat einen Umsatz von 15 Milliarden R$ (ca 6,5 Milliarden Euro). Das wenigste davon bleibt bei den kleinen Tabak-Produzenten Brasiliens hängen. 9 von 10 Tabakbauern pflanzen den Tabak auf eigenen Äckern an. Die Hauptproduktion konzentriert sich auf Südbrasilien und in der Regel auf Flächen, die nicht größer als 20 Hektar sind.
Die Bauern erhalten ihre Aufträge von einem Agenten der Tabakindustrie, der Instruktor oder Koordinator genannt wird. In der Regel beginnt eine fatale Abhängigkeit des Tabakanbauers von der Tabakindustrie in dem Moment, in dem er einen “Ankauf-Verkauf-Vertrag” unterschreibt. Damit akzeptiert er, dass er nur diejenigen Samen sät, die er von seinem Vertragspartner erhält. Er muss ein “technologisches Paket” mit den vom Agenten  zusammengestellten Pestiziden übernehmen.  Mit der Unterzeichnung des Vertrages mit dem Tabakunternehmen verliert der Tabakbauer sein Recht über das, was er anbauen und wie er es anbauen will. Es gibt dann nicht mehr das Verkäufer-Käufer-Verhältnis, sondern er rutscht in ein Verhältnis Arbeitgeber – Angestellter. Er muss dem Agenten eine Vollmacht ausstellen, mit der von diesem in seinem Namen Samen und Pestizide finanziert werden. Bezahlen muss er dann mit der Ernte. Die  Finanzierungen haben Kreditlinien von 10,15 und 20 Jahren. In dieser Zeit bleibt der Tabakbauer in Abhängigkeit der Tabakindustrie. Nach der Ernte kommt der Agent wieder und taxiert die Qualität des Tabaks. Auch hier hat der Bauer die schlechteren Karten. In der Regel hält er so wenig, dass die Einkünfte kaum zum Überleben reichen. Die Tabakunternehmen arbeiten im Stil eines Kartells, so dass der Produzent keine Möglichkeit hat, seine Ernte anderswo zu einem besseren Preis zu verkaufen.
Dabei ist der Tabakanbau eine schwierige und gefährliche Arbeit. Die schlimmste Zeit ist die der Ernte und des Trocknens der Tabakblätter. Dies geschieht mitten im Hochsommer. Viele Bauern beklagen, dass die Schutzkleidungen die Haut verbrennen. Aber ohne sie würden sie der Grünblätter-Krankheit der Tabaks ausgesetzt. “Spätestens nachmittags werden die Beine schwach, man bekommt Angstanfälle. Ein schreckliches Unwohlgefühl. Es macht dir den Schlaf kaputt, die ganze Nacht liegt man schlaflos da”, erklärt ein betroffener Bauer. Der Geruch der Tabakpflanzen dringt in die Nase und verursacht im Mund einen sauren Geschmack. Das freigewordene Nikotin verursacht Fieber, Ohnmachtsanfälle, Schüttelfrost. Am Ende eines Arbeitstages war der Bauer eine Dosis von 54 Miligramm Nikotin ausgesetzt, was dem Nikotingehalt von 36 Zigaretten entspricht. Die schwierigste Arbeit ist das Trocknen der Blätter. Jede Stunde der Nacht muss der Bauer aufstehen und Holz für das Feuer nachlegen. Das passiert 8 bis 10 mal in der Nacht. Wenn das Blatt langsam gelb wird, ist der Bauer mit seinen Kräften völlig am Ende. Aber es beginnt dann der Stress mit der rechtzeitigen Fertigstellung der Lieferung an den Agenten. Einige Wochen lang verpackt er seinen Tabak in Pakete von 60 kg, die er dann zum Tabakunternehmen bringt. Dort wird eine Probe von jedem Paket gezogen, auf Grund der der Unternehmer bestimmt, wie viel er zahlen wird. Der Bauer kann dann nur noch hoffen, dass der Preis wenigstens so hoch ist, dass er nicht ruiniert wird. Reklamieren ist nach allen Erfahrungen zwecklos.
Während der normale Landwirt wenigstens Teile seiner Produktion, sei es nun Mais oder Manjok, selbst verwerten kann, hat der Tabakbauer diese Möglichkeit nicht. Ein Bauer hat einmal ausgerechnet, was er im Strich mit dem Tabakanbau verdient. Es blieben nur 1,77 R$ (0,80 Euro) pro Tag übrig. Dieses Einkommen steht im krassen Gegensatz zu den Gewinnen der Tabakindustrie, die in Lateinamerika im Jahr 2010 einen Reingewinn von 1,6 Milliarden R$ (700 Millionen Euro) erzielt haben soll. Da die Tabakbauern Kleinbauern sind und in Familien mit durchschnittlich 4 Personen leben, können sie sich keine Angestellte leisten. Deshalb müssen ihre Kinder schon in jungem Alter bei der Anpflanzung und Ernte mithelfen.
Am Beispiel von Lídia Maria Bandacheski do Prado, wohnhaft in Rio Azul,  190 Kilometer von Curitiba, kann man ein solches Kinderschicksal erleben. Sie verlor mit 9 Jahren ihren Vater. Um ihrer Mutter zu helfen, übernahm sie bereits in diesem Alter Arbeiten beim Tabakanbau. Nach etwa 10 Jahren bekam sie große gesundheitlich Probleme. Eine gute ärztliche Versorgung konnte sich die Familie nicht leisten und alles verschlimmerte sich. “Ich war fast zwei Jahre zu Hause, ohne schlafen zu können. Ich hatte Schmerzen in den Armen, in den Beinen. Ich lief wie Gespenst durch das Haus”, erzählt sie. Lidia braucht zum gehen einen Laufstuhl, denn ihre Arme sind sehr zerbrechlich. Sie sieht kaum mehr was und verliert häufig ihr Erinnerungsvermögen. “Ich habe dem Tabakunternehmen meine Schulden bezahlt und was ich dafür bekam waren Gesundheitsprobleme”, fügt sie hinzu. Das Gesundheitszentrum der Universität von Paraná wurde auf Lidia’s Fall aufmerksam. Es untersuchte daraufhin die Lage der Tabakbauern in ihrer Gemeinde und stellte fest, dass chronische Vergiftungserscheinungen und Erkrankungen auf Grund der angewandten Pestizide weit verbreitet sind. Der Koordinator des Forschungszentrums  erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass nach Ausbringung der Pestizide die Anpflanzung 7 Tage nicht mehr betreten werden darf. Aber leider sind die Anbauflächen klein und die Häuser liegen direkt in der Nähe der Anpflanzung, so dass der gute Rat für den Bauern ins Leere geht. Die Tabakindustrie schiebt die Verantwortung für solche Probleme wieder an die Kleinbauern zurück. Diese würden die empfohlene Schutzkleidung nicht tragen. Mit der Familie von Lidia will jetzt kein Tabakunternehmen mehr Verträge machen.
Kein Wunder, dass viele Kleinbauern weg vom Tabakanbau wollen, aber nicht aus den Klammern der Tabakindustrie kommen. Die brasilianische Regierung hat sich der von der Weltgesundheitsorganisation verfassten Konvention zur Kontrolle des Tabakanbaus aus dem Jahre 2005 angeschlossen. Sie fördert deshalb eine Wende im landwirtschaftlichen Anbau weg vom Tabak hin zu Nahrungsmitteln. Eine für die Bevölkerung besonders günstige Möglichkeit ist der ökologische Landbau. Er schont die Gesundheit und bringt den Landwirten ein gesichertes Einkommen. Das einzige Problem ist die Vermarktung der Produkte, die die Bauern jetzt wieder selbst übernehmen müssen. Beim Tabak war es die Industrie, die alles bestimmte. Es gibt aber auch hier Ansätze, die den Bauern zeigen, dass es über Genossenschaften oder ähnliche Organisationen möglich ist, die produzierten Nahrungsmittel zu verkaufen.
So zerstört der Tabakhandel nicht nur den Konsumenten, sondern auch den Produzenten. Dazwischen sitzt die fette Made der verarbeitenden Industrie und des Handels. Raucher werden in den letzten Jahren mit Informationskampagnen über die Schädlichkeit des Rauchens überzogen. Sie sollten aber auch wissen, dass die ganze Produktionskette eine einzige Abfolge von Leid ist. Er sollte verstehen, dass er durch das Rauchen einen Beitrag zu erniedrigender Arbeit, miserabler Bezahlung, Vergiftung durch Pestizide und Kinderarbeit leistet.
Informationsquelle:
O passivo do fumante começa na roça – Brasil Atual