Bloody Sunday

Von Aristo
In Gedenken an die Opfer. Der 30. Januar 1972 wird in Nordirland als Blutiger (Bloody Sunday) Sonntag bezeichnet. Soldaten des British Parachute Regiments erschossen an diesem Tag während einer friedlichen Demo für Bürgerrechte und gegen die Internment-Politik von Edward Heath in der Stadt Derry 13 unbewaffnete Menschen. 14 weitere Personen wurden schwer verletzt, von denen eine kurze Zeit später starb.
Ein erster Untersuchungsbericht machte aus dem Massaker eine „legitime terroristische Abwehr“. 38 Jahre mußten die Opfer und Angehörigen auf einen vollständigen Untersuchungsbericht warten. Dieser Bericht war eine Blamage für das britische Militär. Im Juni 2010 bat der britische Premierminister David Cameron, im Namen der Regierung, um Verzeihung für die Taten der britischen Soldaten.
Keiner der beteiligten Soldaten wurde bis heute angeklagt. Wegen andauernden Protesten der Angehörigen gegen die ersten Untersuchungen, die die Armee praktisch "frei sprach", kündigte im Januar 1998 der damalie Primeminister Blair eine Revision an. Unter der Leitung von dem Juristen Lord Saville wurden über 2.500 Zeugenaussagen ausgewertet. Der Saville-Report ist die längste und teuerste Untersuchung in der britischen Geschichte. Er kostete umgerechnet ca. 230 Millionen Euro und umfasst über 5000 Seiten.
Im September 2011 beschloss die britische Regierung, die Hinterbliebenen der Opfer zu entschädigen. Einige Familien hatten jedoch angekündigt, eine Entschädigung erst anzunehmen, wenn die beteiligten Soldaten angeklagt werden.
Die Todesopfer
„Es fällt auf, dass die britischen Soldaten an jenem Blutsonntag nur Amok gelaufen sind und, ohne wirklich nachzudenken, wild um sich geschossen haben. Sie haben unschuldige Menschen getötet. Dass diese Menschen an einer nicht gestatteten Demonstration teilgenommen haben, rechtfertigt bei weitem nicht das Verhalten der Soldaten. Aus diesem Grund bezeichne ich das Verhalten der Soldaten als nichts anderes als bloßen Mord.“
Hubert O’Neill, Rechtsmediziner der Stadt Derry: im Obduktionsbericht der Opfer
Bis heute wird darüber spekuliert, ob die Soldaten unter Drogen standen. Dabei sind keine herkömmliche Drogen gemeint, sondern spezielle von der Armee entwickelte Drogen, die die Kampfbereitschaft steigern, die Agressivität erhöhen und die Hemschwelle sinken lassen sollen. Bislang gibt es dafür jedoch keine Beweise.
- Jackie Duddy (17 Jahre alt) wurde auf dem Parkplatz des Rossville-Wohnblocks durch einen Schuss in die Brust getötet. Vier Zeugen sagten später aus, dass er unbewaffnet war und vor den Soldaten wegrannte. Drei von ihnen sahen einen Soldaten, der bewusst auf ihn zielte.
- Patrick Doherty (31 Jahre alt) wurde von hinten erschossen, als er versuchte, sich kriechend auf dem Vorplatz des Rossville-Wohnblocks in Sicherheit zu bringen. Sekunden bevor er starb, wurde er von dem französischen Fotografen Gilles Peress fotografiert. Die Fotografien zeigen, dass er unbewaffnet war.
- Bernard McGuigan (41 Jahre alt) wurde von hinten in den Kopf geschossen, als er versuchte, Patrick Doherty zu helfen. Er winkte mit einem weißen Taschentuch, um den Soldaten zu zeigen, dass er friedvolle Absichten hatte.
- Hugh Gilmour (17 Jahre alt) wurde in die Brust geschossen, während er auf der Rossville Street von den Soldaten weglief. Er wurde Sekunden, nachdem er getroffen wurde, fotografiert. Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war.
- Kevin McElhinney (17 Jahre alt) wurde von hinten erschossen, während er versuchte, sich im Vordereingang des Rossville-Wohnblocks in Sicherheit zu bringen. Zwei Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war.
- Michael Kelly (17 Jahre alt) stand nahe der Trümmer-Barrikade vor dem Rossville-Wohnblock, als man ihm in den Bauch schoss. Er war unbewaffnet.
- John Young (17 Jahre alt) wurde in den Kopf geschossen, als er nahe der Trümmer-Barrikade vor dem Rossville-Wohnblock stand. Zwei Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war.
- William Nash (19 Jahre alt) stand in der Nähe der Barrikade, als man ihm in die Brust schoss. Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war und anderen helfen wollte, als er erschossen wurde.
- Michael McDaid (20 Jahre alt) wurde ins Gesicht geschossen, als er sich von den Soldaten wegbewegte. Die Flugbahn der Kugel, welche ihn traf, deutet an, dass er von Soldaten, die auf den Derry Walls positioniert waren, erschossen wurde.
- James Wray (22 Jahre alt) wurde zunächst nur verwundet und anschließend aus kurzer Entfernung erschossen, als er auf dem Boden lag. Augenzeugen sagten aus, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Beine zu bewegen, als man auf ihn schoss.
- Gerald Donaghy (17 Jahre alt) wurde in den Bauch geschossen, als er versuchte, sich zwischen Glenfada Park und Abbey Park in Sicherheit zu bringen. Er wurde in ein nahe gelegenes Haus gebracht, wo ihn ein Arzt untersuchte. Seine Taschen wurden nach außen gewendet, als man versuchte, ihn zu identifizieren. Ein späteres Foto der Polizei von seiner Leiche zeigte Nagelbomben in seinen Taschen. Weder die, die seine Taschen durchsucht hatten, noch der britische Armee-Arzt, welcher seinen Tod feststellte, konnten sich an diese Bomben erinnern. Gerald Donaghy war Mitglied der IRA-nahen Fianna Éireann, einer republikanischen Jugendbewegung.
- Gerald McKinney (34 Jahre alt) wurde kurz nach Gerald Donaghy erschossen. Zeugen sagten aus, dass er hinter Donaghy rannte. Er riss seine Arme hoch und schrie „Don’t shoot!“ [Nicht schießen], als er sah, wie Donaghy zu Boden ging. Darauf wurde ihm in die Brust geschossen.
- William McKinney (27 Jahre alt, nicht mit Gerald McKinney verwandt) wurde in den Rücken geschossen, als er versuchte, Gerald McKinney zu helfen.
Saville-Report
Künstlerische Aufarbeitung
Zahlreiche Künstler habe sich mit diesem Ereignis auseinandergesetzt. So u.a. John Lennon und die Gruppe U2 mit ihrem Song „Bloody Sunday“. Hier das Musikvideo dazu, danach geht es im Artikel weiter.

Paul Greengrass drehte über die Ereignisse vom 30.01.1972 einen halbdokumentarischen Spielfilm, "Bloody Sunday", der im Jahre 2002 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.
Der Spielfilm kann auf Youtube angesehen werden.
Das Ballymurphy-Massaker
Der Öffentlichkeit kaum bekannt, wenige Monate vor dem Bloody Sunday war dieselbe Fallschirmspringereinheit, die am 30.01.1972 13 unbewaffnete Personen tötete, in einen weiteren Konflikt verwickelt. Vom 9. - 11. August erschossen die britischen Fallschirmjäger 11 unbewaffnete Zivilisten in Belfast im Stadtteil Ballymurphy. Darunter einen Vater von sechs Kindern, einen Priester und eine Mutter von acht Kindern.
Im November 2011 hat die nordirische Staatsanwaltschaft eine neue Untersuchung des Massakers angeordnet. Bis heute werden die Identitäten der Täter geheimgehalten. Sie werden wohl niemals angeklagt werden, denn dann könnte doch herauskommen, dass die Soldaten möglicherweise an geheimen Drogentests zu jener Zeit teilgenommen haben.
Weitere Infos auf Ballymurphymassacre.com.
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