Blogparade: Wer ohne Elternsünde ist, der werfe den ersten Legostein

Janina vom „Herzmutter Mamablog“ hatte die großartige Idee zu einer Blogparade über Mama- und Papa-Sünden, die Eltern helfen, den mitunter stressigen Alltag mit ihren Kindern zu meistern. Eine Blogparade zur schwarzen Pädagogik sozusagen. Ein Thema, bei dem der Familienbetrieb nicht fehlen möchte.

Es freut mich besonders, als erster Vater einen Beitrag zu Janinas Blogparade beizusteuern. Nach ausführlichem Nachdenken und intensivem Reflektieren unserer Erziehungsmethoden habe ich in den folgenden Absätzen für die interessierten Leserinnen und Leser unsere gelegentlichen pädagogischen Aussetzer zusammengetragen.

 

Wahrscheinlich fragen sich die Leserinnen und Leser gerade, ob sich meine Nase beim Schreiben des Beitrags pinocchiohaft durch den Bildschirm gebohrt hat, und haben große Zweifel, dass es bei uns tatsächlich keine Eltern-Sünden zu beichten gibt. Sie mögen damit nicht vollkommen falsch liegen. Wobei ich als professioneller Kommunikationsberater nicht so weit gehen möchte, von Erziehungssünden zu sprechen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass auch im Familienbetrieb mitunter in seltenen Fällen Verhaltensweisen auftreten, die bei einer besonders kritischen Betrachtung und bei Zugrundelegen äußerst rigoroser pädagogischer Maßstäbe eventuell als graduelle, kaum wahrnehmbare Abweichung vom absoluten Erziehungsideal eingestuft werden könnten. Aber lesen Sie am besten selbst.

  • Als verantwortungsvolle Eltern legen wir großen Wert auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung unserer Kinder. Um sie von Karies verursachenden und Adipositas hervorrufenden Süßigkeiten fernzuhalten, opfern die Freundin und ich uns des Öfteren und verzehren die Schokolade, Kekse und Gummibärchen, die wohlmeinende Verwandte und Freunde den Kindern schenken. Allerdings beschriften die Kinder inzwischen ihre süßen Schätze mit einem Verbotszettel: „Finger weg von unseren Süßigkeiten, Mama + Papa“. Sie werden schon noch lernen, dass dies nur hilft, wenn sie die Süßigkeiten in einem Safe wegsperren, deren Kombination uns unbekannt ist und sie den Safe von bewaffneten Fremdenlegionären bewachen lassen.
  • Selbstverständlich möchten wir unsere Kinder, was den Konsum ungesunder Lebensmittel angeht, nicht unnötig in Versuchung führen. Von daher ziehen wir uns gelegentlich zurück, um unbeobachtet Schokolade und anderes Naschwerk zu uns zu nehmen. Dabei haben wir festgestellt, dass es einen besonderen Kick gibt, wenn sich im Körper die durch den Schokoladenkonsum produzierten Endorphine mit dem Adrenalin mischen, das aufgrund der Panik, von den Kindern erwischt zu werden, ausgeschüttet wird.
  • Nun sind wir aber keine unmenschlichen Tyrannen, die ihre Kinder vollkommen von zuckerhaltigen Lebensmitteln abschotten. So darf beispielsweise am Wochenende das Glas Nutella auf dem Frühstückstisch nicht fehlen. Allerdings gibt es dabei die Einschränkung, dass nur eine Brötchenhälfte mit dem braunen Gold veredelt werden darf. Diese Regel hindert mich jedoch nicht daran, häufig noch ein zweites Nutellabrötchen zu essen. Wenn dies den Kindern nicht entgeht (Und es entgeht ihnen nie!) und sie mich deswegen zur Rede stellen, entblöde ich mich nicht, dies als ein Versehen darzustellen.
  • Die Verknappung des Zugangs zu Süßigkeiten hat den unschätzbaren Vorteil, diese gelegentlich als wirkungsvolles Bestechungsmittel einzusetzen. Als der Sohn ungefähr anderthalb Jahre alt war und ich tagsüber bei ihm bleiben musste, da die Tagesmutter krank war, stand gleichzeitig eine wichtige Telefonkonferenz an. Um den Sohn währenddessen ruhig zu stellen, sorgte ich für eine nichtabreißende Zufuhr von Keksen. Alles in allem war diese Taktik recht erfolgreich. Erst nach einer dreiviertel Stunde musste ich den Sohn mit einem barschen „Sei ruhig!“ anherrschen. Da mein Handy in diesem Moment nicht stumm geschaltet war, schnitt ich damit auch dem Chef das Wort ab und die Telefonkonferenz wurde zügig beendet. Seitdem galt ich im Büro als sehr meinungs- und durchsetzungsstark.
  • Wie wohl alle Eltern wollen auch wir unsere Kinder möglichst lange von legalen und illegalen Drogen fernhalten. Dabei kann man verschiedene Strategien verfolgen – vom strikten Verbot bis zu einem konfrontationstherapeutischen Ansatz. Nach der Rückkehr von einem feuchtfröhlichen Betriebsausflug setze ich auf letzteren und gab – zur überaus großen Begeisterung der Freundin, die ihre Freude durch starkes Stirnrunzeln zum Ausdruck brachte – beiden Kindern einen Schluck Bier in ihre Gläser. Allerdings war das Ergebnis nur semi-befriedigenden: Während die Tochter, wie erhofft, den Geschmack ekelerregend fand, verlangte der Sohn begeistert nach Nachschub. Daher habe ich beschlossen, das gemeinsame Kiffen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.
  • Das wir als Eltern sehr verantwortungsvoll und vorbildlich mit Alkohol umzugehen wissen, stellten wir im Zuge der Einschulung der Tochter unter Beweis. Zu diesem gesellschaftlichen Großereignis, das in unserer Familie den Status der Mondlandung genoss, reisten bereits am Vorabend die Brüder der Freundin an. Da wir diese nicht besonders häufig sehen und die Großeltern die Kinder hüteten, wurde diese seltene Zusammenkunft mit ein paar alkoholischen Getränken begangen – zuerst auf einem Straßenfest, dann in einer Cocktailbar und schließlich in einem Indie-Club. Letzteren verließen wir erst, nachdem ich einen der Brüder dazu überreden konnte, sich beim Diskjockey den Smiths-Klassiker „Panic“ zu wünschen. Nachdem der ganze Club den Refrain „Hang the DJ“ brüllte, war unsere Anwesenheit nicht länger erwünscht. Am nächsten Morgen bzw. einige Stunden später mussten wir die Einschulungsfeierlichkeiten restalkoholisiert und mit einem veritablen Kater über uns ergehen lassen. Allerdings bin ich bis heute der Meinung, dass dies die Blockflöten- und Gesangsdarbietungen der Zweitklässler sowie die Rede des Schulleiters überhaupt erst erträglich gemacht haben. Nüchtern hätte ich mir das nicht zumuten wollen.
  • Ehrlichkeit ist eine Tugend, die bei uns sehr groß geschrieben wird. Meistens. Fast immer. Außer in begründeten Ausnahmefällen. Es ist nämlich so, dass sich die weiblichen Mitglieder des Familienbetriebs vor Spinnen ekeln und es die feinmotorischen Unzulänglichkeiten des Sohnes verhindern, dass er das Spinnengetier einfängt. Deswegen obliegt mir die Entfernung der achtbeinigen Eindringlinge. Zumeist sind diese Missionen von Erfolg gekrönt, aber auch nicht immer. Insbesondere abends stellt dies ein Problem dar, da sich die Tochter weigert in ihrem Zimmer zu schlafen, wenn die Spinne nicht eliminiert wurde. Von daher habe ich mir für die seltenen Fälle, in denen ich die Spinne nicht erwischen konnte, die Sprachregelung „Die ist weg!“ zurechtgelegt – was, streng genommen, nicht gelogen ist (man verdient ja nicht umsonst sein Geld als Kommunikationsberater) – und werfe dabei demonstrativ das zusammengeknüllte Taschentuch in den Müll.
  • Ich denke, niemand wird mir widersprechen, wenn ich sage, dass mein Umgang mit den Kindern durch Sanftmut, Nachsicht und Geduld gekennzeichnet ist (zumindest niemand, der mich nicht kennt). In diesem Sinne reagierte ich beispielsweise als die Tochter im Alter von gut zweieinhalb Jahren den Mittagsschlaf verweigerte und dies zum Ausdruck brachte, indem sie mit ihrem Schnuller nach mir warf. Ganz beherrscht und äußerst besonnen hob ich ihn auf und schmiss ihn aus dem geöffneten Fenster in den Hinterhof. Während mich Bernhard Bueb für diese erzieherisch sehr durchdachte Maßnahme sicherlich gerne in den pädagogischen Beirat des mit Zucht und Ordnung geführten Eliteinternats Salem berufen hätte, war die Freundin weniger angetan. Deshalb fand ich mich kurze Zeit später zwischen Biomülltonnen und Glasmülleimern wieder, wo ich zur Wahrung des häuslichen Friedens den Schnuller suchte. Eine Situation so demütigend wie in meiner Kindheit, wenn ich beim Tennisspielen in einem John-McEnroesken Tobsuchtsanfall den Schläger auf den Boden schleuderte und danach über den halben Platz gehen musste, um ihn wieder aufzuheben.
  • Gute Eltern wie wir sind immer darauf bedacht, ihren Kindern Unterstützung und Hilfestellungen anzubieten, um den Nachwuchs vor unnötigen Frustrationen zu bewahren. Diese Maxime verfolgend half die Freundin beispielsweise bereitwillig dem Sohn, der im Vorfeld der Fußball-WM Schwierigkeiten hatte, seine Panini-Bildchen fein säuberlich in sein Album einzukleben. Denn zum einen vertrugen sich die schiefen Spielerportraits nicht mit dem inneren Monk der Freundin, zum anderen hatte sie selbst großen Gefallen an dem Aufreißen der Tütchen, dem Abziehen der Bildchen und schließlich dem Aufkleben derselbigen. Entsprechend öffnete sie alle zehn Tütchen, die sich der Sohn von seinem Ersparten gekauft hatte, und klebte alle 50 Bildchen ein, damit er sieht, wie dies akkurat innerhalb der vorgesehenen Linien gemacht werden kann. Der Sohn nahm dies mit erstaunlicher Gleichmut und Gelassenheit hin. Ich denke, er fand es recht chic, eine Panini-Bildchen-Einklebe-Assistentin zu haben.
  • Samstagvormittage sind bei uns in der Regel reserviert für den Wocheneinkauf und für Putztätigkeiten, die verhindern sollen, dass sich Nagetiere in unserer Wohnung einnisten und die Nachbarn das Gesundheitsamt rufen. Dabei sind auch die Kinder angehalten, ihre Zimmer in Ordnung zu bringen und ihre Schreibtische aufzuräumen, damit sie dort unter der Woche in Ruhe und ablenkungsfrei ihre Hausaufgaben erledigen können. Bisher konnten wir den Kindern aber noch nicht zufriedenstellend erklären, warum diese Regel nicht auch für unseren Schreibtisch gilt. Dieser befindet sich bereits seit mehreren Jahren in einem Zustand, dass vermute, zwischen all der Post, den Büchern, Fotokopien, Ordnern und Prospekten könnte sich das Bernsteinzimmer befinden. Man müsste nur mal richtig suchen! Den Kindern erzählen wir inzwischen, es handele sich bei unserem Schreibtisch um ein Kunstwerk vergleichbar mit der schmutzigen Badewanne von Beuys. Wer Interesse am Erwerb der Installation „Schreibtisch, unaufgeräumt“ hat, möge sich bitte unter [email protected] melden. Allerdings schließt der Kauf auch die Übernahme unbezahlter Rechnungen ein, die sich höchstwahrscheinlich auf dem Tisch befinden.
  • Es gibt aber auch Situationen, in denen wir unser durchdachtes und ausgeklügeltes Erziehungskonzept um eines höheren Guts willen über Bord werfen. Beispielsweise bei mehrstündigen Zugreisen, die wir, die Kinder und vor allem die Mitreisenden in entspannter Atmosphäre verbringen möchten. Daher ist bei unseren Bahnfahrten immer für eine permanente Nahrungszufuhr gesorgt (deren wesentlicher Bestandteil Süßigkeiten und Kuchen ist), die Kinder dürfen zuckerhaltige Brausegetränke zu sich nehmen und wir schauen non-stop auf dem Laptop Pixar- und Disney-DVDs. Dies hat uns schon viele bewundernde und neidvolle Blicke von mitreisenden Kindern eingebracht, deren Eltern uns eher mit einer Mischung aus Verachtung und Hass anschauten, während sie mit äußerst begrenztem Erfolg versuchten, ihren Kindern Tartex-Vollkornstullen, ungesüßten Früchtetee und das Vorlesen von Astrid-Lindgren-Bücher schmackhaft zu machen.

Diese Liste könnte noch mit unzähligen weiteren Beispielen fortgesetzt werden. Um aber zu vermeiden, dass die werte Leserinnen- und Leserschaft das Jugendamt informiert, damit dem Familienbetrieb mal ein prüfender Besuch abgestattet wird, ist es wohl besser, die Aufzählung unserer pädagogischen Abnormitäten zu beschließen. Aber andererseits zeigen die vielen anderen Beiträge zu Janinas Blogparade, dass wohl alle Eltern hin und wieder zu erzieherisch eher fragwürdigen Maßnahmen greifen. Von daher: Wer ohne Elternsünde ist, werfe den ersten Legostein.

Auf jeden Fall bin ich schon sehr gespannt, die Teilnehmerinnen der Blogparade persönlich in der Eltern-Hölle kennenzulernen. Und ich freue mich auch darauf, denn in der Eltern-Hölle kann man bestimmt ausschlafen und in Ruhe aufs Klo gehen. Toll!


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