Blogdiskussion II

Von Mexgeschichten

Wie nämlich der Mensch, wenn er vollendet ist, das beste Lebewesen ist, so ist er abgetrennt von Recht und Gesetz das schlechteste von allen. Das Schlimmste ist die bewaffnete Ungerechtigkeit. Denn das Recht ist die Ordnung der staatlichen Gemeinschaft, und die Gerechtigkeit urteilt darüber was gerecht sei.

Aristoteles, 384 - 322  v. Chr.

Nach meinem  ersten Post blieb es ruhig. Nicht das mich das überraschen würde, doch bleibt die Grundsatzdebatte weiterhin im (virtuellen) Raum stehen.  Ist die US-Presse (hier besonders Medien wie CNN, FOX, ABC, USA Today  und MSNBC) mit ihrer Art der Berichterstattung ursächlich an der Stornierung von Kreuzfahrten an die mexikanische Riviera beteiligt ?

Vallartina schrieb: Erst vor wenigen Tagen führte solch ein Artikel mit Umfrage dazu, vorerst 3 Kreuzfahrten  einer Cruise-Line nach Puerto Vallarta zu annullieren, da die Lage im Land unsicher sei.

Es haben auch weitere Kreuzfahrer ihre Routen geändert, Mazatlán und Acapulco wird auch von anderen Reedereien gemieden.  Cabo San Lucas und Ensenada werden noch angelaufen. Ist die Berichterstattung in den amerikanischen Massenmedien daran schuld? Helfen Aufrufe im Internet?

Massenmedien und Massentourismus. Passt irgendwie zusammen. Rund 2500 Menschen reisen auf einem Kreuzfahrtschiff. Wenn sich diese Massen in einem Ort wie Puerto Vallarta einige Stunden aufhalten, lassen sie dort viel Geld. Sie essen, kaufen ein, besuchen Veranstaltungen usw. Für einen Ort der vom Tourismus lebt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.  Fallen diese Besucher weg, wird es eng. Das ist Verständlich.

Der Aufruf von Jesus Alberto Reyes an die Medien in den USA die „sensationsheischende und Mexiko schädigende Berichterstattung zu mäβigen und eine gesunderes Miteinander der beiden Nachbarstaaten zu fördern“ ist in meine Augen nichts andres als der völlig sinnlose Versuch eine Problematik zu verschleiern und Dritte für die Konsequenzen eigener Handlungen haftbar machen zu wollen.

Mexiko ist ein traditionell korruptes Land. 70 Jahre PRI-Regierung haben diese Handlungsweise tief im öffentlichen und politischen Leben etabliert. Seit dem „historischen“ Machtwechsel vor 11 Jahren wird uns die Lüge aufgetischt, endlich in einer Demokratie zu leben. Dem ist beleibe nicht so. Die Korruption ist weiterhin der grosse Unbekannte, der aus dem Hintergrund heraus wichtige Entscheidungen „beschleunigt“, Konsens ermöglicht, Allianzen schmiedet. Und was braucht man um zu korrumpieren?

Geld, viel Geld.

Und wer hat am meisten davon? Richtig, kriminelle Kartelle, Organisationen die schon lange nicht mehr nur Kokain oder Marihuana in die Nachfragezentren nördlich der Grenze bringt. Es ist ein neuer Wirtschaftszweig enstanden, Entführung, Schutzgelderpressung, synthetische Drogen, Waffenhandel und  Geldwäsche sind die Hauptgeschäftsbereiche. Und um ungestört agieren zu können wurden Polizisten gekauft, Richter, Zollbeamte,  Gefängnissdirektoren, Politiker, Journalisten, kurz jeder der für einen schnellen Nebenverdienst empfänglich war. Wer sich verweigert oder nicht mehr wollte, wurde und wird einfach liquidiert.

„Plomo o plata“,  diese griffige Kurzformel die aus den kolumbianischen Drogenkartellen stammt, findet auch hier Anwendung. Die martialische Kriegserklärung des frischgewählten Präsidenten Anfang 2006 hat dazu geführt, daβ die Situation nur noch schneller eskalierte. Eine wirksame Bekämpfung des Krebsgeschwürs, der diese Gesellschaft in eine Orgie aus Gewalt und Gegengewalt geworfen hat, findet nicht statt. Korruption ist und bleibt das Grundübel dieser Gesellschaft.

Das der Massentourismus unter diesen Exzessen von Gewalt leidet ist eine logische Konsequenz. Die Berichterstattung darüber als Ursache brandmarken zu wollen ist lächerlich. Und das Reederein ihre schwimmenden All-inclusive Bettenburgen in sicherere Gewässer umdirigieren, wer will es ihnen verdenken?

Die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko leiden nicht unter reisserischer Berichterstattung der Medien auf beiden Seiten. Sie leiden unter der unsäglichen Apatie, die beide Regierungen an den Tag legen, wenn es  um die schwelenden Probleme wie illegale Migration, Drogen- und Waffenhandel geht. Und das hängt ursächlich mit korrupten staatlichen Strukturen zusammen.

Der Bericht über die beiden Harley-Davidson Reisenden zeigt wohl, das man dieses Land durchaus auf individuelle Art bereisen und geniessen kann. Wer aber glaubt, daβ sich Ströme von Massentouristen in Orten wie Mazatlán oder Acapulco ihrem Vergnügen hingeben können, ohne Gefahr zu laufen ins Kreuzfeuer des Krieges zu geraten, ist meiner Ansicht nach ein unverbesserlicher Optimist.

Solange dieser Krieg andauert, solange nicht die Wurzel, welche diese Hydra nährt, entschieden bekämpft und beseitigt wird, solange wird es Schlagzeilen und Berichte aus Mexiko geben, die Touristen verschrecken werden. Heute wird solches ja gerne als „collateral damage“ etikettiert. Bilder wie diese, die den Anschlag auf den Kandidaten für das Amt des Gouverneurs des Staates Tamaulipas zeigen, stelle ich hier nicht aus Morbus oder Sensationshascherei ein. Ich möchte damit nur eines klarstellen: Es herrscht Bürgerkrieg in Mexiko.  Wer das nicht wahrhaben will und zum Tagesgeschehen übergeht, blendet eine grausame Realität wissentlich aus. Die Folgen sind ebenso verheerend, wie das wegschauen und ausblenden der Korruption, die dieses wundervolle Land langsam zersetzt.


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