„Blitzmädchen“ Frauen und ihre Kriegsgeschichte als Wehrmachtshelferin

Von Lupocattivo

Geschichte, zumal die der Kriege, wird meist als Geschichte der Männer erzählt. Die Helden sind Soldaten und Generäle, Väter und Brüder, Widerstandskämpfer und Politiker. Wer aber fragt Frauen nach ihrer Kriegsgeschichte? Wehrmachthelferin oder „Wehrmachtshelferin“ war die Bezeichnung für Mädchen und junge Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges Dienst bei der deutschen Wehrmacht taten. Soldaten nannten diese Frauen auch „Blitzmädchen“. Erstveröffentlichung bei Weltkrieg.cc

Über sechzig Jahre herrschte sowohl bei den Überlebenden als auch in der Forschung Schweigen über den Einsatz von einer halben Million Frauen, die im Gefolge der Wehrmacht in den Zweiten Weltkrieg zogen. Rosemarie Killius hat auf diesen bisher vernachlässigten Aspekt der Militärgeschichte aufmerksam gemacht: Der Historikerin gelingt es, die Frauen zum Sprechen zu bringen, bewegende Schicksale, aber auch bisher verdrängte Erinnerungen werden sichtbar. Die unterschiedlichen Schilderungen verraten viel über den Alltag an der Front, den Befindlichkeiten in einer männlich dominierten Umgebung. Die Mehrzahl der Frauen erlitt den Krieg nicht passiv, sondern fühlte sich für ihr Tun auch ganz bewusst verantwortlich.

Schau mal, da sind die Mädchen in Uniform, das sieht doch schick aus, da hast Du Gelegenheit, ins Ausland zu kommen… Eine Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht und mir Bilder aus einer Illustrierten gezeigt. Ja, die Uniform bei der Wehrmacht sah gut aus und erst mit dem Schiffchen! Und mit dem Blitz, das gefiel mir besonders. Das waren ja die Blitzmädchen. Und es gelang mir, mich dienstverpflichten zu lassen. Ich hatte die Möglichkeit, Funkerin, Telefonistin oder Fernschreiberin bei der Wehrmacht zu werden. So meldete ich mich als Fernschreiberin, weil mir das am interessantesten erschien. Ja, richtig, es war Krieg, aber der stand ganz im Hintergrund.

Da war mehr dieses Abenteuer, das mich lockte. Gerda R. sitzt mir in ihrem hellen Wohnzimmer gegenüber. Sie ist weißhaarig und 85. Wenn von »damals« die Rede ist, spricht sie sehr bestimmt und selbstbewusst – damals, das heißt im Zweiten Weltkrieg. Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion lief auf vollen Touren. Frankreich war besetzt und die sechste Armee auf dem Weg nach Stalingrad. Gerda R. war 22 Jahre jung und arbeitete bei der Sparkasse ihres Heimatorts in Ostpreußen. Dort war nichts los, nur Eintönigkeit tagein, tagaus. Die junge Frau aber hatte Fernweh, wollte die Welt sehen, etwas erleben – mitten im Krieg. Waren das die Motive jener halben Million junger deutscher Frauen, auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen Europas, sogar in Frontnähe, als Nichtkombattantinnen Dienst zu tun? Oder handelte es sich hier um fanatische Parteigenossinnen?

Ich wollte schon seit langem wissen, was diese Frauen bewegte, die zum großen Teil freiwillig in den Krieg zogen. Deshalb suchte ich unter anderem durch einen Zeitungsaufruf Kontakt zu ehemaligen Wehrmachthelferinnen. Frauen bisher kein Thema für die Militärgeschichte Militärgeschichtliche Studien werden selten mit Frauen in Verbindung gebracht. Die Militärgeschichtsschreibung kennzeichnet bisher einen doppelt männlich geprägten Blick: Zumeist männliche Historiker befassen sich ausschließlich mit männlichen Akteuren. Die Armee führt Kriege, doch der Krieg hinterlässt Witwen und trauernde Mütter.

Die beiden Weltkriege haben im 20. Jahrhundert die Frauen entscheidend geprägt und verändert. Zur Politik der »Gleichschaltung«, die das nationalsozialistische Regime vor allem zwischen 1933 und 1939 praktizierte, gehörte auch der Arbeitseinsatz für den Staat: Im Wehrdienstgesetz von 1935 waren alle Deutschen, Frauen und Männer für den Einsatz in einem möglichen Krieg verpflichtet worden.

Die etwa 500000 Wehrmachthelferinnen unterstanden als Mitglieder des Wehrmachtgefolges dem Kriegsstrafrecht beziehungsweise dem Militärstrafgesetzbuch. Bereits ab 1939 waren Frauen als Nachrichtenhelferinnen, Stabs-, Flak- und Luftwaffenhelferinnen tätig. Sie sollten in den verschiedenen Wehrmachtsteilen, Verwaltungen und besonders im Nachrichtenvermittlungsdienst die Soldaten entlasten und sie sogar ersetzen, um Männer – wie ihnen eingeredet wurde – »für die Front freizumachen«. Viele Frauen wurden mit Schießübungen für den Ernstfall vorbereitet. Nach der Niederlage in Stalingrad wurden Frauen zum Kriegsdienst gezwungen, auch wenn sie noch nicht volljährig waren. Den größten Umfang erreichte das Wehrmachthelferinnenkorps zur Jahreswende 1944/45, als der Krieg fast zu Ende war.

Während der letzten Kriegsmonate kamen viele Frauen in sowjetische Gefangenschaft, und man schätzt, dass etwa 20000 von ihnen dort umkamen. Viele gerieten im Chaos des Rückzugs in Tieffliegerangriffe, Bombardements und Partisanenüberfälle. Die genaue Zahl der Umgekommenen, Vermissten und Gefangenen ist nicht feststellbar; weder Behörden noch Forscher haben bisher genaue Fakten vorgelegt.

Meinen Interviews mit 60 Frauen lag ein Gerüst zugrunde, um Informationen und Einschätzungen zu Einsatzorten, Dauer, Uniform, Kriegsgeschehen, Motivationen, politischem Interesse und Repressionen des Regimes zu erfragen. Diese Untersuchung stellt eine Oral-HistoryArbeit im weiteren Sinne dar, sie will eine breite Öffentlichkeit über bisher unbekannte historische Ereignisse informieren, die Frauen zwischen Front und Heimat erlebt haben. Die vom Tonband original zu Papier gebrachten Erlebnisse der Frauen habe ich so bearbeitet, dass die Ursprünglichkeit der Aussagen nicht verloren ging. Die einzelnen Berichte wurden so in eine lesbare Form gegossen, bei der ich sorgfältig darauf geachtet habe, ihnen nichts von ihrer Authentizität zu nehmen. Attraktivität der Auslandseinsätze, Flucht vor dem Bombenkrieg daheim. Die Auslandseinsätze bei der Wehrmacht wurden damals von den Frauen eher positiv empfunden, weil sie ihnen unbekannte Möglichkeiten und Freiheiten eröffneten, dagegen wurde der Einsatz in der Heimat zu einer immer größeren Belastung.

Die Schrecken des Bombenkrieges, den Verlust aller Dinge und Beziehungen, die materiellen und emotionalen Halt boten, erfuhren die daheim eingesetzten Frauen meist direkter als die Frauen und Männer an der Front. Nach einer zweimonatigen Ausbildung wird der Bendlerblock in Berlin zur neuen Dienststelle von Gerda R. Und da erlebt sie, dass die »Blitzmädchen« mit dem »Blitz am Ärmel und am Kragen« in der Bevölkerung kein sehr gutes Ansehen genießen. Sie will endlich in die große weite Welt. Schließlich gelingt es ihr, ins Ausland versetzt zu werden. Von der »Heeresschule für Nachrichtenhelferinnen« (HSNH) in Gießen werden die jungen Frauen in ihre Einsatzorte geschickt. Sie hofft auf Paris, 1940 als Standort wegen des kulturell anspruchsvollen Lebens noch sehr begehrt, bis die »Résistance« aktiver wurde. Mit einer Kameradin zusammen kommt Gerda R. schließlich nach Belgrad. »Endlich hatte ich es geschafft«, sagt sie. »Wir fühlten uns wichtig« – als Repräsentantinnen der deutschen Frau im Ausland.

Der Einsatz im Osten, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 galt vielen als suspekt und war weniger beliebt. Auch wenn es als Stabshelferin des Heeres in einer Schreibstube in der Sowjetunion sein musste, der Reiz überhaupt ins Ausland zu kommen, was sonst fast unmöglich war, galt als interessanter und beliebter als in der Heimat zu bleiben. Als Angehörige der Deutschen Wehrmacht fühlten sie sich auch als Repräsentantinnen der deutschen Frau im Ausland. Dass sie sich sogar teilweise freiwillig meldeten, hing damit zusammen, dass die Wehrmacht als das kleinere Übel galt. Arbeit in einer Munitionsfabrik wäre die Alternative gewesen. Und Politik war vielen jungen Frauen ziemlich gleichgültig: »Wir waren doch jung, so um die 20, und hatten so viele andere Dinge im Kopf«, sagt Erna K. und fügt noch hinzu: »Natürlich wollten wir etwas für unser Vaterland tun. Und man hatte uns doch gesagt, dass jede von uns einen Soldaten für die Front ersetzen könnte. Das hat uns stolz gemacht und wir haben uns wichtig gefühlt.«

Auch Helga D. als Stabshelferin des Heeres in Minsk möchte diese Zeit im besetzten Land nicht missen. Die Kameradschaft sei beispielhaft gewesen, das wird auch von anderen immer wieder betont. Für Politik habe sie sich wenig interessiert. »Ich habe mir gesagt, es ist im Grund ja egal, was ich mache… Was hätte ich denn machen wollen, wenn ich gesagt hätte, ich gehe da nicht hin!«

Abenteuerlust wich: »Es war schrecklich bis zum Ende« Emmy F. als Flakwaffenhelferin in der Nähe Frankfurts eingesetzt betrachtet den Einsatz mit deutlich kritischer Distanz: »Es ist von Anfang bis Ende schrecklich gewesen, ich bin dienstverpflichtet worden und wollte da auf keinen Fall hin. Man hat uns benutzt und uns um unsere besten Jahre betrogen. Wir waren doch so lebenshungrig. Wir waren jung und gehorsam und diese alten kriegsunfähigen Männer und Nazibonzen, die uns ausbilden sollten, behandelten uns oft so unverschämt.«

Wie hat Gerda R. das Kriegsende erlebt? Die Rote Armee erobert im Januar 1945 endgültig deutschen Boden. Der Standort Belgrad muss aufgegeben werden, und sie wird mehrfach versetzt.

Im September 1944 hätte sie noch einen Einsatz in Norwegen bekommen können. Sie lehnt ab. Die Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen, in Gefangenschaft zu geraten, den Russen in die Hände zu fallen, war längst der Abenteuerlust gewichen. Sie landetauf einem Lazarettschiff, das mit Geleitschutz von Pillau nach Gotenhafen fährt. Die »Wilhelm-Gustloff« war nach dem Angriff durch ein russisches U-Boot schon untergegangen. In ihrer Wehrmachtsuniform wird Gerda R. als Rotkreuzhelferin eingesetzt: »Da waren 2000 Verwundete auf diesem Schiff. Sie schrieen Tag und Nacht.«

Ihre Odyssee auf der Flucht vor den Russen geht von Danzig über Stettin nach Neubrandenburg. Dort gerät sie am 2. Mai 1945 in kanadische Gefangenschaft.

Wechselfälle: Damals unkritisch mitgemacht – Heute verunsichert und voller Scham. Die nationalsozialistische Propaganda suggerierte diesen Frauen, dass jede Einzelne von ihnen »einen Soldaten für die Front freimacht«, und dass sie dazu beitragen könnten, dem Krieg eine positive Wende zu geben.

Das machte sie stolz. Sie fühlten sich unglaublich wichtig. Heute stehen diese Frauen am Ende ihres Lebens. Für sie hat sich bisher niemand interessiert. Und sie haben über das Geschehene wenig nachgedacht. Wir können uns heute nur schwer Zeitgeist und Normen der Erziehung in einer Diktatur vorstellen. Diese Wehrmachthelferinnen waren Frauen ihrer Zeit, Frauen, die in der Nazi-Diktatur aufgewachsen sind. Und doch sind Gefühle und Träume junger Menschen damals und heute vermutlich nicht so unterschiedlich.

Um den Krieg überhaupt ertragen zu können, suchten sie Ablenkung. Sie sagen, dass sie sich damals nicht für Politik interessierten, dass sie mit sich selbst beschäftigt waren. Sie liefen mit – wie viele andere Deutsche auch.

Heute ist es für die ehemaligen Wehrmachthelferinnen nicht leicht, über diese Dinge zu sprechen, über Scham und schlechtes Gewissen, über jugendliche Unbeschwertheit in unmittelbarer Nähe von Morden und Sterben, vor allem über das, was sie eigentlich hätten wissen müssen, vielleicht sogar wussten. Aber darüber sprechen sie kaum. Die Distanz, die sie zu dem Thema aufgebaut haben, ist bei allen Befragten spürbar. Damals hatten sie Angst, und heute schämen sie sich, wie sie sagen. Einem Menschen in Not zu helfen, schien für sie damals fast unmöglich. Manche gaben da und dort Brot. Mehr trauten sie sich nicht. Nach dem Krieg herrschte bei den Überlebenden Schweigen über diese Lebensphase. Die Enttäuschung und vor allem die Scham darüber, einem verbrecherischen Regime gedient und die Erkenntnis, das bessere Los gezogen zu haben, konnte nicht zur Verarbeitung, sondern musste zur Verdrängung der Erlebnisse führen.

Immerhin waren sie vom Bombenkrieg an der Heimatfront verschont geblieben. Diese subjektiven Erlebnisse sind ein wichtiger Mosaikstein für das Gesamtverständnis des Zweiten Weltkriegs. Der Widerspruch zwischen Kriegsgeschehen und der eigenen positiven Wahrnehmung ist nicht aufzulösen. Er könnte aber die Ursache dafür sein, dass die Betroffenen bisher geschwiegen haben.

Rosemarie Killius studierte Geschichte und Romanistik in Frankfurt und Madrid, sie ist Pädagogische Mitarbeiterin im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt. Forschungsschwerpunkt ist der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg.

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