"Blade Runner" [USA, HK, GB 1982]


Viele Filme vertrauen nicht dem Wunder. Sie haben Angst vor entgleitender Kontrolle, Angst vor dem Zerbersten. In "Blade Runner" dagegen sind Wunder ausdrücklich gestattet. Es sind wundersame Wunder. Es sind Wunder des Menschlichen inmitten des Morgen. Es sind Worte, Taten, Tränen. Zwischen den grimmigen Geheimratsecken einer Metropole, deren Gesicht von spitzen Schatten, saugenden Lichtern deformiert wird, verdampft und schüttet es nie enden wollend. Regenschirme, ganz viele Augen. Die Geburt einer Nation nach der Nation, der Naturzustand der Urnatur an der Grenze zum Tierischen: wild, versoffen, zertrampelt. Allgewaltig. Irreal. Deckard (sprich: Descartes) fragt sich, ob er ist, und mit ihm das Subjekt, das sich durch die "Innenwelt seiner Zeit" (Georg Seeßlen) bewegt. Oder: durch die Innenwelt von Welten, einer sozialen wie der technologischen, der organischen wie einer künstlichen. Oder: durch die Innenwelt der Identität, die sich, anstatt in der Art des Äußeren, in der Erinnerung des Inneren konstituiert. Ridley Scotts Entwurf der Moderne nach Philip K. Dick hätte schwerlich fleischlicher sein können, denn die Heiligsprechung des Körpers romantisiert ausgedehnte Augenblicke reichen Lebens sowie jenem, das "da" ist, im rein Manifesten aber auch entdeckt werden will: Liebe, Ruhe. Nicht zu vergessen: chinesische Nudeln, mechatronische Puppen. An diesem postfortschrittlichen Film entzündet sich eine ätherisch-ontologische Sanftheit gegenüber einer verlorenen Schöpfung, die zart, gar friedfertig wenige reine reinigende Momente für sich festhält, bevor sie stirbt. Ganz Mensch ist "Blade Runner", nicht mehr Konstrukt; eine Warnung, eine Vision, eine humanistische Suche in unserer Ding- und Geist(er)welt, der Suche nach Wundern, unerklärlichen. "Blade Runner" transzendiert das Wunder.
9 | 10