Bistum Hildesheim: Wissentlicher Einsatz von Sexualtätern 1993-2009

Wie kann ein pädo­phi­ler Pfarrer jah­re­lang mit sei­nen Opfern ver­rei­sen, sie bei sich über­nach­ten las­sen und ihnen teure Geschenke machen? Wie kann es sein, dass seine Vorgesetzten wuss­ten, dass der Pfarrer mit einem Jungen im Urlaub war und mit ihm im sel­ben Bett über­nach­tet hatte, ohne dass sie Verdacht schöpf­ten, ein psych­ia­tri­sches Gutachten ein­hol­ten oder dem Pfarrer zumin­dest unter­sag­ten, wei­ter mit Kindern zu ver­rei­sen oder sie bei sich über­nach­ten zu las­sen?

Wer sich ange­sichts des Verfahrens gegen den Priester Andreas L. aus dem Bistum Hildesheim diese Fragen stellt, wird sich auch für das Verhalten des Bistums seit 2002 inter­es­sie­ren, als die Deutsche Bischofskonferenz ihre „Leitlinien zum sexu­el­len Missbrauch“ ver­ab­schie­dete. Im März 2002 wurde Dr. Michael Lukas Pressesprecher des Bistums Hildesheim, und seit­dem erwarb sich das Bistum schnell den Ruf, in Missbrauchsfragen beson­ders fort­schritt­lich und offen zu sein. Seit dem Missbrauchsskandal von 2010 ist es aller­dings mög­lich, die dama­li­gen schö­nen Worte dem tat­säch­li­chen Verhalten der Bistumsleitung gegen­über zu stel­len. Dabei kommt man zu fol­gen­den Ergebnissen:

Einsatz von Sexualtätern

Das Bistum Hildesheim hat von 1993 bis Ende 2009 fast durch­gän­gig Priester als Gemeindepfarrer mit Kindern und Jugendlichen arbei­ten las­sen, ob wohl es von sexu­el­lem Missbrauch durch die betref­fen­den Priester wusste. Ab 2002 stand deren Einsatz im Gegensatz zu den Leitlinien der Deutschen Bischofskonfrenz, ab 2006 lag die Verantwortung hier­für bei der jet­zi­gen Bistumsleitung: Bischof Norbert Trelle und Personaldezernent Heinz-Günter Bongartz.

von Mattias Krause

Peter R., einer der bei­den Haupttäter aus dem Berliner Canisius-Kolleg, war von 1982 bis 2003 im Bistum Hildesheim tätig, das ihn 1995 von den Jesuiten über­nahm, obwohl es spä­tes­tens seit 1993 von einem Missbrauch durch R. wusste. Nach neu­er­li­chen Vorwürfen wurde R. 1997 zunächst nach Wolfsburg, spä­ter nach Hannover-Mühlenberg ver­setzt, wo er mehr­tä­gige Reisen mit Jugendlichen unter­neh­men durfte. Die Gemeinden wur­den nicht über R.‘s „beson­dere Problematik“ infor­miert.

  • Pressemitteilung des Bistums zu dem Fall:
  • Interview mit dem Wolfsburger Prälaten Heinrich Günter: „Von den Vorwürfen haben wir damals nichts gewusst.“
  • Interview mit R.‘s Vorgesetztem in Hannover-Mühlenberg:
    Als er damals in Hildesheim ange­fragt habe, warum denn Peter R. in seine Gemeinde nach Mühlenberg geschickt werde, habe man von Unregelmäßigkeiten bei der Finanzverwaltung gespro­chen. „Also habe ich zuge­se­hen, dass er nicht mit Geld und Verwaltungsdingen in Berührung kam.“ Von den Missbrauchsvorwürfen habe er erst ver­gan­gene Woche erfah­ren – nicht durch die Kirchenleitung, son­dern als Journalisten bei ihm anrie­fen.
  • „Ich war zum Schweigen ver­don­nert“: Interview mit R.‘s Nachfolger in der Hildesheimer Gemeinde „Guter Hirt“, der sich dafür ein­setzte dass R. nicht wei­ter mit Kindern und Jugendlichen arbei­ten sollte.

Hermann S., den das Bistum wei­ter­hin als Gemeindepfarrer in Celle-Vorwerk beließ, obwohl es 2003 erfuhr, dass er 1995 einen 12-Jährigen miss­braucht hatte. Nach erneu­ten Vorwürfen 2006 wurde S. aus Celle abge­zo­gen. Von Oktober 2007 bis zum 30. November 2009 – acht Wochen vor dem Missbrauchsskandal 2010 – setzte das Bistum S. als Pfarrer für drei Dörfer im Eichsfeld ein.

  • Pressemitteilung des Bistums zu dem Fall
  • Bericht des Göttinger Tageblatts
  • Interview mit Heinz-Günter Bongartz in der Hildesheimer KirchenZeitung Nr. 14 vom 4. April 2010 (nicht mehr online, Text kann bereit­ge­stellt wer­den)
  • Darstellung von Bongartz gegen­über S.‘ ehe­ma­li­ger Gemeinde in Celle-Vorwerk
  • Interview mit dem Duderstädter Propst Damm zu dem Fall

Rudolf A. wurde nach einem Missbrauch und anschlie­ßen­der Therapie zwar nicht mehr als Gemeindeleiter ein­ge­setzt, wurde aber in Göttingen mit der Krankenhausseelsorge und Seelsorge in meh­re­ren Gemeinden betraut. Nachdem dar­über im Zuge des Missbrauchsskandals berich­tet wurde, beur­laubte das Bistum A. zunächst und schickte ihn etwas spä­ter in den Vorruhestand. Trotzdem war A. aus­weis­lich eines Pfarrbriefs noch am 7. August 2010 für einen Einschulungsgottesdienst vor­ge­se­hen.

  • Nach Missbrauch Neuanfang: Bericht des Göttinger Tageblatts
  • Pressemitteilung des Bistums zu dem Fall

Klaus J., ein beken­nen­der Pädophiler, dem man nach eige­ner Aussage „von Kindern fern­hal­ten muss“, wurde offen­bar 1997 noch wäh­rend sei­ner Therapie mit Auflagen wie­der als Subsidiar (Unterstützungskraft) in einer Gemeinde ein­ge­setzt. Er wohnte dort im Pfarrhaus. Seit 2009 im Ruhestand, ist er noch heute auf der Website der Gemeinde als Unterstützer des Pfarrteams auf­ge­lis­tet. Bereits in den 60er Jahren war J. als Kaplan zu einem Bußgeld ver­ur­teilt wor­den, nach­dem er ver­sucht hatte, Nacktfotos von 13- und 14-Jährigen zu machen. Das Bistum zog ihn dar­auf­hin zwar für einige Monate aus dem Verkehr, danach war J. aller­dings 30 Jahre lang in allen erdenk­li­chen Positionen mit Kindern und Jugendlichen tätig – bis 1995 die Pfarrsekretärin bei ihm einen Stapel Kinderpornos fand. Kindesmissbrauch im eigent­li­chen Sinne hat J. laut eige­ner Aussage nie began­gen.

Gerd E. war über 30 Jahre lang Pfarrer in Wolfsburg. 2010 kam her­aus, dass er vor 30 Jahren einen Jugendlichen miss­brauchte. Das Bistum will erst 2010 von dem Missbrauch erfah­ren haben. Allerdings hatte E. zwi­schen­zeit­lich eine Therapie gemacht, es besteht also die Möglichkeit, dass das Bistum zumin­dest von sei­nen Neigungen gewusst hat. Bistums-Pressesprecher Dr. Lukas teilte mir hierzu mit:

Das Bistum hat erst im Jahr 2010 vom sexu­el­len Missbrauch durch Pfarrer [E.] erfah­ren. Alle von ihm wahr­ge­nom­me­nen the­ra­peu­ti­schen Hilfen konn­ten sei­tens des Bistums darum über­haupt nicht in irgend­ei­nen Zusammenhang von Missbrauch gebracht wer­den.

Mit dem Missbrauch viel­leicht nicht – aber wenn das Bistum (und/oder der Montfortaner-Orden, dem E. ange­hört) wusste, dass sich E. einer Sexualtherapie unter­zog, hätte es den Priester zumin­dest nicht mehr an einer Grundschule ein­set­zen und ihm die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ver­bie­ten sol­len.

  • Pressemitteilung des Bistums zu dem Fall

Dieser Artikel wird fort­ge­setzt

[Erstveröffentlichung: Skydaddys Blog]


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