Big Thief: Besser alles zugleich

Big Thief: Besser alles zugleichBig Thief
„U.F.O.F.“

(4AD)
Nein, in dieser Gemeinschaft hätte man Adrianne Lenker nun wirklich nicht vermutet. Daß also die Frau mit der zarten, zuweilen recht brüchigen Stimme, Texterin und Bandleaderin von Big Thief aus Brooklyn, ihre zweite Passion im Beobachten von extraterrestrischem Leben gefunden hat. Die Anzahl derer, die das besonders gern und oft tun, soll ja gerade in den USA recht hoch sein, doch natürlich führt uns Lenker mit dem Albumtitel, der sie mit dem vierten Buchstaben als „Friend“ von undefinierbaren, fliegenden Objekten ausweist, auf eine falsche Fährte. Denn mit dem Außerirdischen soll hier eher das Unbegreifliche gemeint sein, das außerhalb unseres gesellschaftlich konditionierten Bewußtseins existiert, das uns anrührt, aufwühlt, beunruhigt, den Geist in Bewegung hält. Die Annahme, dass die oft recht persönlichen, nicht selten schmerzhaften Einblicke, die Lenker in den Lyrics ihrer Band (und ebenso in denen ihres letztjährigen Soloalbums „Abyss Kiss“) gewährt, aus den verstörenden Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend herrühren, ist nicht allzu gewagt. Aufgewachsen in einem überaus religiös geprägten Elternhaus, früh mit zwischenmenschlicher, seelischer und wohl auch sexueller Gewalt konfrontiert, mündeten diese prägenden Erlebnisse, kaum verwunderlich, in Depression und Persönlichkeitsstörungen, an denen sie sich nun künstlerisch abarbeitet.
Und wie so oft hat gerade dieses Schicksal dafür gesorgt, dass sich die Musik von Big Thief wohltuend vom oft sehr braven Standard anderer Folkpopbands unterscheidet, bringt die Verletzlichkeit und der Wille zur katharischen Entäußerung jenes spannende Moment ein, der sie abhebt vom bloßen Wohlklang. Man kann sich ihrer nicht sicher sein, schon die beiden Vorgängeralben „Masterpiece“ und „Capacity“ ließen mit überraschenden Klängen und Wendungen aufmerken und auch „U.F.O.F.“ braucht nur einen Song, um hier anzuknüpfen. „Contact“ beginnt mit vorsichtig gezupfter Akustik, Lenker haucht ihre Verse auf fast kindliche Art und singt davon, wie es sich anfühlt, wenn Taubheit und Gefühllosigkeit den eigenen Körper einhüllen. Dann, im letzten Drittel, ein Schreien, das befreiend sein soll (und doch etwas gruselig anmutet), sie stürzt in die Gegenwart, ihre Umwelt ist plötzlich und endlich physisch spürbar und unmittelbar mit ihr verbunden.
Alles, was folgt, handelt von solchen Augenblicken, die dem eigenen Empfinden nachspüren, von den Glückgefühlen in der Natur, aber auch der Vergegenwärtigung von Vergänglichkeit und Tod: „Life is like this one big process of letting go. That’s what makes it so sweet, is that it is finite, that it is passing, so you can just really come into the present”, erzählte Lenker dem Netzportal The Line Of Best Fit, eine eigenwillige, stimmige Sicht, die dennoch schwer umzusetzen ist. Ihr bei diesem Prozeß gleichsam zuzuhören, ist eine sehr intime Erfahrung, die sich einem sonst selten bietet. Seltsame Szenen bebildern da die Texte, meistensteils Frauen kommen zur Sprache: Caroline im traurig tröstlichen „Cattails“, das unablässig wie ein Traditional marschiert, Betsy, die sie mit wehenden, roten Haaren auf einer Rundfahrt durch New York begleitet und nicht zuletzt Jenni, deren körperlich Gegenwart man, begleitet von dronigen, schiefen Gitarrenakkorden, selbst als Zuhörer zu spüren scheint. Wenn dann bei besagtem Song „Betsy“ Lenkers Stimme plötzlich tief, voll und sehr sinnlich klingt, zeigt sie uns Zuhörer eine weitere, neue Seite und wir sind schlicht baff. Platten wie diese, die zugleich so verstörend, aufregend und feinfühlig sind, wird es in diesem Jahr nicht mehr viele geben. https://bigthief.net/
03.06.  Berlin, Lido
04.06.  Zürich, Bogen F

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Hilfe, ich habe Mundgeruch!