Berlin: Randwanderung der Armut als Rückseite der Medaille

Von Andrejholm

Sozialmonitoring: Rückläufige Arbeitslosenquoten in den Innestadtbezirken - Gebiete mit hoher Konzentration am Stadtrand

Über Gentrification wird viel und gern geschrieben – meist enden die Geschichten und Studien mit dem Verdrängungsbefund: „mussten Ausziehen“, „konnten sich die Wohnung nicht mehr leisten“, „ist keiner mehr da“. Über die konkreten  Folgen und Zielorte der Verdrängung gibt es nur relativ wenige Studien und Berichte. Ein Blick auf die sozialräumlichen Dynamiken in Berlin legt jedoch eine Randwanderung der Armut nahe. Während in den mittlerweile angesagten Innstadtquartieren vor allem junge, gut ausgebildete und zum Teil auch besserverdienende Haushalte zuziehen, sind es in den Großsiedlungen am Stadtrand vielfach diejenigen, die sich woanders keine Wohnungen mehr leisten können. Die kleinräumigen Berichten des Berliner Sozialmonitorings weisen sowohl für einzelne Wohnlagen in Spandau als auch in Marzahn Hellersdorf eine steigende Konzentration von Armutsindikatoren aus.  Noch gibt es keine Ghettos wie in Paris, doch die Randwanderung der Armut liegt auch in Berlin im Trend.

Die Redaktion von heute.de hat diese Fragestellungen aufgegriffen und ein kleines Interview zum Thema auf die Seite gestellt: „Steigende Mieten: Vielen bleibt nur der Rand von Berlin„.

Steigende Mieten: Vielen bleibt nur der Rand von Berlin
Forscher Holm: Einige Stadtteile auf dem Weg zum Ghetto

Interview, heute.de, 30.12.2011

Steigende Mieten in Berlins Innenstadt-Bezirken treiben immer mehr Menschen mit wenig Einkommen in die Vorstädte. Viele wollen gar nicht dort leben, haben aber kaum eine Chance wieder wegzuziehen, sagt Stadtforscher Andrej Holm im Interview mit heute.de.

heute.de: „In den Berliner Vorstädten drohen sich die Slums des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.“ Das sind die Worte des verstorbenen Berliner Stadtsoziologen Hartmut Häußermann. Teilen Sie diese Einschätzung?

Andrej Holm: Das ist eine drastische Perspektive auf reale Entwicklungen. Anders als in anderen europäischen Großstädten lebten Menschen mit geringem oder keinem Einkommen immer auch in der Berliner Innenstadt, in Bezirken wie Neukölln und Wedding zum Beispiel. Seit drei, vier Jahren ändert sich das: Diese Haushalte ziehen nun verstärkt in die Großsiedlungen am Stadtrand von Berlin, also nach Marzahn und Spandau.

heute.de: Warum?

Holm: Weil die Innenstädte aufgewertet werden. Dort steigen die Mieten. Familien mit geringem Einkommen können sich die aufgehübschten Innenstadtviertel nicht mehr leisten und wandern in Stadtteile mit günstigen Mieten ab.

heute.de: Wie kommt es, dass die Mieten in der Innenstadt gestiegen sind?

Holm: Das hat vor allem zwei Gründe. Die Viertel innerhalb des S-Bahn-Rings sind wieder attraktiv für Angehörige der Mittelschicht und Besserverdienende: Der Arbeitsplatz ist in der Nähe, Kollegen und Freunde wohnen in der Nachbarschaft, dazu das kulturelle Angebot.
Gleichzeitig kaufen immer mehr professionelle und renditeorientierte Investoren Wohnungen in der Stadt. Die Stadt Berlin hat ihre öffentlichen Wohnungsbestände an private Investoren verkauft, die Zahl der Sozialwohnungen reduziert sich Jahr für Jahr und durch die Umwandlung in Eigentums- und Ferienwohnungen verringert sich das Wohnungsangebot. Die Folge: Eigentümer und Hausverwaltungen können nun Höchstpreise verlangen, da die Nachfrage nach Wohnungen in der Innenstadt steigt.

heute.de: Die Stadt ist auf dem Weg sich aufzuspalten. Sind Stadtteile wie Marzahn oder Spandau auf dem Weg zum Ghetto?

Holm: Das kann man schon so sagen. In einem Ghetto konzentrieren sich Benachteiligte, die keine Möglichkeit haben, da wieder herauszukommen. Auf Hartz-IV-Familien trifft das zu, sie haben kaum die Möglichkeit, aus Marzahn oder Spandau in andere Stadtviertel zu ziehen, da ihnen das Jobcenter die hohen Mieten in der Innenstadt nicht zahlt.

heute.de: Bei dem Begriff Ghetto läuten bei den meisten Menschen die Alarmglocken.

Holm: Weil sie den Begriff „Ghetto“ mit bestimmten Vorstellungen von Gewalt, Vernachlässigung und Suchtproblemen verbinden. Das hat auch mit der öffentlichen Darstellung dieser Bezirke zu tun: Über Spandau und Marzahn wird in den Medien meist nur berichtet, wenn alkoholisierte Jugendliche ins Krankenhaus eingeliefert werden, oder das Jugendamt einen Fall von Kindesmissbrauch übersehen hat.
Statistisch gibt es aber keinen Beleg dafür, dass es in den Vorstädten problematischere Jugendliche oder höhere Kriminalitätsraten gibt als in anderen Bezirken. Das Hauptproblem ist ein anderes: Immer mehr Menschen leben in Bezirken, in denen sie nicht leben möchten.

heute.de: Welche Probleme ergeben sich daraus, dass Menschen unfreiwillig umziehen müssen?

Holm: Die Menschen fühlen sich nicht zuhause, ihrer Nachbarschaft gegenüber sind sie eher gleichgültig. Darunter leidet dann der Zusammenhalt in den Quartieren. Dadurch können neue Konflikte zwischen den Alteingesessenen, die dort gern leben, und den Neuankömmlingen, die dort unfreiwillig leben, entstehen.

heute.de: Was müsste die Politik tun, damit wieder mehr Menschen Zugang zum Wohnungsmarkt bekommen?

Holm: Sie könnte einiges tun: Beispielsweise wieder mehr öffentliche Wohnungen anbieten. Oder verhindern, dass Käufer Wohnungen luxussanieren. Dann könnten es sich mehr Menschen leisten, dort auch nach der Sanierung zu wohnen. Nicht zuletzt muss die Politik aber auch Lösungen finden, wie die Menschen wieder Arbeit und einen fairen Lohn bekommen. Dann sind sie nicht gezwungen, an Orten zu leben, an denen sie nicht wohnen möchten.