Berlin: Neue Kreuzberger Mythen um Hysterie und Intoleranz

Berlin: Neue Kreuzberger Mythen um Hysterie und Intoleranz

Wird Kreuzberg intolerant? (Bild via http://mono-blog.com/)

Die umstrittenen Pläne, das BMW-Guggenheim-Labs in Kreuzberg stattfinden zu lassen, haben eine regelrechte Welle von Diskussionen zur Stadtentwicklung in Kreuzberg ausgelöst. In der Berliner Zeitung meldet sich mit Robert Kaltenbrunner (Leiter der Abteilung “Bauen, Wohnen, Architektur” des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung – BBSR) nun ein renommierter Stadtplaner zu Wort: “Das bisschen Luxus mischt sich unter”. Er sieht mit den  “unbefriediegenden Debatten um die Ansiedlung des BMW Guggenheim Lab” den Mythos Kreuzberg (“Multi-Kulti-Image” und “Bewusstsein vom Anders- und Besonders-Sein”) in  Gefahr und fühlt sich berufen sich  mit den vielfach befürchteten Gentrificationprozessen auseinanderszusetzen. Die Hauptthese wird bereits in der Überschrift verkündet: “Das bisschen Luxus mischt sich unter” – soll wohl bedeuten, dass so ein bisschen Gentrification nicht gleich den ganzen Stadtteil umstülpt.  Die Argumentation von Robert Kaltenbrunner ist dabei ein wenig inkonsitent, weil er einerseits auf eine starke Persistenz-Struktur der Kreuzberger Mischung verweist, auf der anderen Seite die dringend notwendigen Investitionen betont.

… im Eifer des diskursiven Gefechts sieht man allenthalben fundamentale „Aufwertungen“, unterschlägt aber geflissentlich zwei Aspekte: Erstens, dass Kreuzberg tiefgreifend von der Multikulti-Mischung des Kiezes geprägt ist. Was dem Bezirk ein robust widerständiges Potenzial verleiht, das, so viel Prognose sei erlaubt, eine Nivellierung und Homogenisierung á la Prenzlauer Berg nicht erlaubt. (…)

Zweitens lügt man sich in die Tasche, wenn man nicht bereit ist anzuerkennen, dass es sich um ein Stadtviertel handelt, welches tatsächlich viele Investitionen benötigt, damit es der Mehrheit der Bewohner künftig besser geht.

Weil die Argumentationsfiguren  (“alles nicht so wild” und “notwendige Investitionen”) relativ typisch für die aktuellen Debatten zur Stadtentwicklung in Kreuzberg – und zu Gentrification-Prozessen generell – sind, ein paar Gedanken dazu.

Mythos der Kreuzberger Mischung

Die auch in Robert Kaltenbrunners Artikel deutlich gewordene Perspektive auf Kreuzberg muss sich die Frage nach dem Realitätsgehalt gefallen lassen, da sie letztendlich auf der Ausblendung einer sozial Fragmentierung und der Romantisierung von prekärer Lebenswirklichkeiten beruht.

Folgen wir der Lesart des Artikels, dann ” rühmt sich Kreuzberg eines spezifischen Lebensgefühls, ist durch ein “Multi-Kulti-Image” und das “Bewusstsein vom Anders- und Besonders-Sein” geprägt, gilt als “Synonym für ein linksalternatives Wohn- und autonomes Hausbesetzeridyll” und gilt zudem als “multikultureller Vorzeige-Kiez”. Nicht betrachtet werden in diesen lebensstilbezogenen Beschreibungen beispielsweise, die in den 2008 veröffentlichten Sozialstudien festgestellten 25 bis 30 Prozent von Haushalten in den Sanierungsgebieten (Bergmannstraße Nord, Graefekiez, Luisenstadt) die unterhalb des konventionellen Existensminimums leben müssen (topos 2008: 28) und die durchschnittlich Mietbelastung (bruttokalt) von ca. 30 Prozent in diesen Gebieten. Vor allem ärmeren Haushalten steht das Wasser der Mietkosten schon jetzt bis zum Hals und auch scheinbar kleine, harmlose Mietsteigerungen können den Verbleib in der Wohnungen und im Stadtteil gefährden.

Robert Kaltenbrunner bezeichnet die Anti-Gentrification-Proteste in Kreuzberg als eine “wortgewaltige Hysterie”, die sich scheinbar an Einzelfällen (Fichtebunker, Carloft, BMW-Guggenheim-Lab) abarbeitet, die letztendlich keinen nachhaltigen Einfluss auf die Gebietsentwicklung hätten. Der Autor übersieht dabei stillschweigend, das es sich bei den genannten Beispielen um exemplarische und hochsymbolische Mobilsierungen handelt, in denen einer tiefergehenden Konfliktlage in den Stadtteilen Ausdruck verliehen wird.  Denn im Gegensatz zu Mieterhöhungsbescheiden, Abgeschlossenheitserklärungen zur Umwandlung in Eigentumswohnungen  oder  Aufforderungen von Jobcentern zur Reduktion der Unterkunftskosten sind Carlofts und Guggenheim-Labs in der spektakelverwöhnten Medienöffentlichkeit sicht- und thematisierbar. Daraus zu schlussfolgern die aktuellen Stadtteil- und Mietermobilisierungen würden sich ausschließlich an Leuchttürmen der Aufwertung abarbeiten entspricht schlichtweg nicht den Realitäten. Ein Blick auf die Kreuzberger Kiezinitiativen und organisierte Hausgemeinschaften würde ausreichen um zu sehen, dass es neben dem Spektakel um Carloft und Co. eine breite Landschaft von mietenpolitischen Initiativen gibt, die sich in ihren Häusern und Stadtteilen dem für sie alltäglichen Mietenwahnsinn und der Verdrängungsgefahr entgegenstellen.

Robert Kaltenbrunner findet “eine bloße Verteufelung der Gentrifizierung billig, ja unsinnig” und appeliert an “ein Bewusstsein von der Grenze, an der die Chose zu kippen droht”. Das klingt ersteinmal vernünftig – ist aber nur auf Kosten eines exkludierenden Planerblicks zu haben. Denn die Festlegung von irgendwelchen Kipp-Punkten (an denen die Sozialstruktur des gesamten Stadtteils außer Fugen gerät) interessiert die konkret von Verdrängung bedrohten Mieter/innen in der Regel herzlich wenig. Um die konflikt- und protestfreudigkeit  der Kreuzberger Initiativen zu verstehen, braucht es keine übergreifenden Einschätzungen  von allgemeinen Stadtentwicklungstrends sondern einen schlichten Blick auf die Mieter/innen, die schon jetzt ihre Miete kaum bezahlen können. Für die Mieter/innen in den sogenannten  Sozialwohnungen am Kotti (Kotti & Co)  die im Durchschnitt fast 50 Prozent ihrer Einkommen für die Miete zahlen ist es völlig irrelevant, ob sich Stadtplaner und andere Expert/innen die “Prognose erlauben, eine Nivellierung und Homogenisierung á la Prenzlauer Berg” sei nicht zu erwarten. Ganz egal, ob sich der Kotti auf dem Weg zum Kollwitzplatz befindet oder nicht, ist die Verdrängung längst zur Realität in vielen Kreuzberger Häusern geworden.

 

Investitionen für wen?

Das zweite Argument von Robert Kaltenbrunner bezog sich auf die anbgeblich notwendigen Investitionen, “damit es der Mehrheit der Bewohner künftig besser geht”. Halten wir uns an die im Kaltenbrunner-Text beschriebenen Investitionen (Ausbau des Fichtebunker mit Wohnungen für 700.000 Euro und die elf Wohungen im Carloft für Preise zwischen 486.000 und 1,6 Mio. Euro), dann erschließt sich die These des allgemeinen Nutzens für die Bewohner/innen Kreuzbergs nicht wirklich. Selbst Anhänger/innen von fragwürdigen Sickereffekten dürfte einleuchten, dass die Investition in den Ausbau von Eigentumswohnungen und die steigenden Umsätze des Grundstückshandels vor allem zu steigenden Mieten und nicht zu höheren Einkommen für die Bewohner/innen führen werden. Die aktuellen Aufwertungs- und Verdrängungtstendenzen mit vagen Hoffnungen auf eine künftige Lebensqualität zu legitimieren, blendet die aktuellen sozialen Kosten für die Verdrängungsbetroffenen aus. Anders als in den Diskussionen um die Stadterneuerung in den Ostberliner Sanierungsgebieten gilt in Kreuzberg nicht einmal das Argument der rückständigen Wohnverhältnisse. In Folge der Behutsamen Stadterneuerung in den 1980er Jahren wurden die Mehrzahl der Wohnungen mit modernen Heizungen und Bädern ausgestattet. Nur noch 10 Prozent des Wohnungsbestandes in den Sanierungsgebieten verfügen noch immer über Ofenheizungen und nur 2 Prozent haben kein eigenes Bad (topos 2008: 29).

Der Ruf nach Investitionen in den Kreuzberger Wohnungsbestand kann im Moment eigentlich nur als eine Einladung an Investoren verstanden werden, die mit den erheblichen Ertragslücken zwischen den Bestandsmieten und Neuvermietungen  einen guten Schnitt machen wollen. Um auf der Argumentationslinie zu bleiben, “lügt man sich in die Tasche, wenn man nicht bereit ist anzuerkennen, dass es sich um ein Stadtviertel handelt, in dem tatsächlich viele Investitionen mit dem Motiv getätigt werden, damit es der Mehrheit der Investoren künftig besser geht”. Ob und welchen Umständen dies zum Vorteil der verdrängungsbedrohten Mieter/innen in Kreuzberg gereichen soll, bleibt das Geheimnis solcher Argumentationen.