Berlin: Festivalisierung der Wohnungsnot

Berlin: Festivalisierung der WohnungsnotWillkommen im Zeitalter der Eventkultur! Ganz egal wie es um die Wirtschaft, die Städte oder auch die Wissenschaft steht – einen Grund für das Spektakel scheint es immer zu geben. Schon seit etlichen Jahren ist eine Festivalisierung der Gesellschaft zu beobachten und massenkompatible Veranstaltungsformate sollen das Image des jeweils Umworbenen aufpolieren. So soll die „Lange Nacht der Museen“ Tourist/innen und Besucher/innen ausserhalb der Ferienzeiten in die Austellungen locken, die „Lange Nacht der Industrie“ soll qualifizierte Facharbeiter für die traditionellen Wirtschaftszweige gewinnen und eine „Lange Nacht der Wissenschaften“ soll den Universitäten ein bisschen Bürgernähe verschaffen. Nun organisiert auch noch ein Immobilienportal eine „Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen„.

Der Marktführer ImmobilienScout24 lädt für heute Abend (20. Oktober) zu einem

einzigartigen Event (ein und will) alle Wohnungssuchenden die Möglichkeit (geben), zahlreiche attraktive Wohnungen in den beliebtesten Stadtteilen Berlins zu besichtigen.

Die Wohnungsnachfrage in der Berliner Innenstadt braucht eigentlich keine zusätzlichen Werbemaßnahmen, denn schon jetzt gibt es mehr Wohnungssuchende als Wohnungen. So gerät das Marketing-Event von ImmobilienScout24 zur unfreiwilligen Demonstration der aufziehenden Wohnungsnot in Berlin. Auf den sechs Routen der „langen Nacht…“ stehen insgesamt gerade einmal 140 Wohnungen zur Auswahl – angesichts von tausenden Wohnungssuchenden in der Stadt keine wirklich erfolgversprechende Aussicht. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 450.000 Personen in und nach Berlin umgezogen (Amt für Statistik). Die meisten von ihnen mussten dafür eine geeignete Wohnung suchen und finden.

Verschiedene Initiativen kritisieren zudem die hohen Neuvermietungsmieten, die vor allem für Haushalte mit beschränkten finanziellen Ressourcen die Auswahl von Wohnungen deutlich einschränken. Verschiedenen Wohnungsmarktstudien (1 / 2) zufolge sind die Preise der Neuvertragsmieten allein seit 2009 um über 12 Prozent gestiegen und mehr als drei Viertel aller Wohnungsangebote liegt über dem (ebenfalls gestiegenen) Durchschnitt der Bestandsmieten in Berlin. Umziehen in Berlin heisst also nicht mehr Wahlfreiheit und Verwirklichung von Wohnpräferenzen, sondern vor allem höhere Kosten. Die eigentlich lustvolle Suche nach der womöglich noch besseren Wohnung wird so zum Privileg der Besserverdienenden. Aus dieser Situation auch noch eine Party zu machen ist in der Tat zynisch.

Einige Initiativen nutzen den Anlass der „langen Nacht…“ für eigenen Akzente. So kursieren auf verschiedenen Webseiten und Blogs Aufrufe zu einer „Langen Nacht der Wohnungsbesetzungen“ (18 Uhr Alexanderplatz), zur grafischen Begleitung der Besichtigungstour („Der Edding ist der Freund der Nacht„)und dazu, die „lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen nackt zu stürmen“ (18 Uhr Alexanderplatz / Route dunkelrot durch Mitte und Kreuzberg). Berlin kann sich also jetzt auch noch auf ein lebhaftes Protestevent einstellen.