Beifallstürme für Evgeny Kissin und Alexander Vakoulsky in Straßburg

Beifallstürme für Evgeny Kissin  und Alexander Vakoulsky in Straßburg

Evgeny Kissin (c) OPS

Kennen Sie die Steigerungsform von musikalisch? Die müsste wohl genial heißen, was bedeutet, dass es Musiker gibt und – Genies.

Straßburg erlebte ein solches, möchte man an dieser Bezeichung tatsächlich festhalten, am 19.2. im ausverkauften Saal Erasme bei einem Konzert des OPS. Der Pianist Evgeny Kissin, der unter der Leitung von Alexander Vakoulsky Chopins Klavierkonzert Nr. 2 spielte, zeigte dem Publikum und den Musikerinnen und Musikern des OPS wie Chopin klingt, wenn er von jemandem gespielt wird, dessen Musikalität außerhalb der mediokren Form existiert. Was Kissin an diesem Abend spielte – neben dem bereits erwähnten Konzert die Etüde opus 10, sowie zwei Chopinwalzer, alle drei als Zugaben, machten mit einem Schlag klar, warum er als Ausnahmeerscheinung unter den Pianisten gilt. Seine außergewöhnliche Bühnenpräsenz, die von der ersten Minute an alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist beeindruckend. Sein kräftiger Anschlag, der einer impulsiven Ausdrucksweise folgt, ist von einer Brillanz und Schärfe, die ihresgleichen sucht. Seine atemberaubenden, bis ins letzte ausgereizten Tempi, die zwischen extrem langsam und rasanter als rasant pendeln und nicht zuletzt seine persönlich gefärbten Interpretationen, machen sein Klavierspiel unverkennbar. Was er interpretiert, trägt seine Handschrift und das ist heute bei einem großen Angebot herausragender Pianistinnen und Pianisten eine unglaubliche Leistung. Kissin zieht das Publikum in einen Sog von Musik, dem es nicht entrinnen kann. Während seines Spiels scheint die Zeit stehen zu bleiben, das Rundherum vergessen und die Musik das einzige, was in diesen Augenblicken zählt. All jene, die sich mit dem Klavierspiel abmühen oder der Meinung sind, ein gewisses Niveau erreicht zu haben, auf dem es sich gut ausruhen lässt, müssten nach einem Auftritt Kissins eigentlich den Klavierdeckel schließen, und das für immer. Denn er zeigt wie kein anderer, dass man nur dann zur lebenden Legende wird, wenn sich die Obsession und die Leidenschaft für die Musik mit dem Geschenk der Begabung verbinden. Und auch nur dann, wenn ein Mensch die Musik so verinnerlicht hat, dass sie zu seinem absoluten Lebenszentrum wird, kann eine Musik entstehen, wie Evgeny Kissin sie macht. Dass Alexander Vakoulsky das OPS während des Klavierkonzertes Nr. 2 von Chopin so feinfühlig wie möglich agieren ließ, kam Kissin natürlich zugute. Allerdings merkt man bei seinem Spiel, dass sich tatsächlich das Orchester nach ihm richtet und nicht umgekehrt. Ganz im Sinne Chopins, für den sich in seinen Klavierkonzerten der orchestrale Part in ganz großen Teilen tatsächlich dem Klavier nur zart begleitend unterordnet. Wie sich das OPS im zweiten Satz, der empfindsame Seelen zu Tränen rühren kann, zurücknahm und auf jede kleine Abweichung des Normmetrums auf Kissin reagierte, war große Orchesterkunst. Und wie Kissin selbst ein so bekanntes Werk noch immer frisch, neu und aufregend interpretiert, ist einfach atemberaubend. Jeder einzelne, von ihm angeschlagene Ton, macht in seiner Interpretation Sinn. Seine winzigen Tempoverschiebungen innerhalb nur eines Taktes hauchen Leben in die Noten, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt und dass Chopin Werke geschrieben hat, die als Weltkulturerbe klassifiziert werden müssten, wird einem bei Evgeny Kissins Spiel wieder richtig bewusst. Die extrem langsame Einleitung des zweiten Satzes steigerte Kissin noch mit einer künstlich eingeschobenen Atempause schon nach wenigen Takten, was bewirkte, dass man ob dieser aufgebauten Spannung in eine andere Welt versetzt schien. Der nach dem zweiten Satz wiederum fast ohne Pause aufgenommene Schlusssatz, überraschte dazu dann fast kontrapunktisch. Evgeny Kissin, dessen Zugabefreude die ohnehin schon große Begeisterung des Publikums beinahe ins Maßlose steigerte, lieferte damit eine unglaubliche Performance, die das Publikum in Straßburg zu frenetischem Applaus hinriss.

Zuvor schon wurde es von Tschaikowskys Symphonie Nr. 1 bezaubert, dem sogenannten „Wintertraum“ der von Tschaikowskys Landsmann Vakoulsky nicht nur mit großer Kennerschaft, sondern ebensolchem Respekt vor der Partitur geleitet wurde. Die schönen, runden Gesten dieses Dirigenten, seine Aufmerksamkeit und seine präzise Unterstützung auch anscheinend weniger bedeutender Einsätze gegenüber machten deutlich, wie vertraut er mit dem Werk ist. Er vermittelte den Eindruck, Tschaikowskys Sprache zu sprechen, ihn zu verstehen und seine Musik so zu interpretieren, als hätte er bei ihrer Entstehung dem Komponisten direkt über die Schulter gesehen. Ihm hilft dabei sicherlich sein Verständnis der russischen Musik sowie seine Kenntnis der russischen Landschaft und der russischen Seele, die alle wichtige Komponenten in dieser Symphonie darstellen. Die sich häufig auf- und abbauende Dramatik oder die fast bildliche Beschreibung einer unter einer glitzernden Schneedecke ruhenden, weiten Landschaft, wurden einerseits transparent vermittelt, andererseits fehlte nie der große Spannungsbogen, der Blick für die Einheit in der vorgegebenen Vielfalt. Vakoulsky ist trotz aller analytischen Arbeit kein Zerstückler, sondern ganz im Gegenteil bemüht, die Musik so fließend wie möglich voranzutreiben. Das Tanzmotiv im letzten Satz, von dem man meinen könnte, es stamme aus dem russischen Volksliedgut, was aber ganz und gar nicht stimmt, war es doch eine komplette Neuschöpfung des Komponisten, dieses Tanzmotiv schob sich zwischen all die Spannung und Dramatik mit einer Freude, die in den Gesichtern der Musiker sichtbar wurde. Einen besseren Beweis einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen dem Dirigenten und dem Orchester mag es wohl nicht geben. Die Erfahrung, dass sich Tschaikowskys Symphonie mit jener Chopins in unglaublicher Art und Weise durch die in beiden Werken vorhandene Dramatik verschränkte, konnte als “surplus” – also als zusätzliche Erkenntnis dieses Konzertes mit nach Hause genommen werden.

Ein Abend, den man lange nicht vergessen wird, da er zu jenen seltenen gehört, die das Wunder der Musik tatsächlich offenbaren.

Wer sich den Tourneeplan von Kissin ansehen möchte findet die Daten hier: http://www.kissin.dk/concerts.html

üüßüßßöääß–äüßöüääü Datum der Veröffentlichung: 20 Februar 2010
Verfasser: Michaela Preiner
In folgenden Kategorien veröffentlicht: Konzert

Schlagwörter: Alexander Yakoulsky, Chopin Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2, Evgeny Kissin, Konzertkritik, OPS, Tchaikovsky, Tschaikowsky Symphonie Nr. 1

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