Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand

Michaela Preiner

„Mario und der Zauberer“ (Foto: Werner Kmetitsch) Oper Ein in die Jahre gekommenes Zirkuszelt umspannt den Raum und die Decke der Studiobühne der Grazer Oper. Gerümpel macht den Ort unwirtlich, alte Sessel, wie von einem Trödler erstanden, stehen herum. Hinter der Absperrung eines Bauzaunes sitzt, rund um einen jungen Dirigenten platziert, ein Kammerorchester, das den Anschein erweckt, noch zu proben.  Nach und nach füllt sich der Raum, unbemerkt auch mit einem Teil des Ensembles selbst, wie sich später herausstellen wird. (Bühne und Kostüme Christoph Gehre) „Mario und der Zauberer“ steht derzeit am Spielplan der Grazer Oper. Ein Werk, für das der englische Komponist Stephen Oliver 1988 nicht nur die Musik, sondern auch das Libretto schuf. Grundlage dafür bot ihm die gleichnamige Novelle von Thomas Mann, die dieser in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts verfasste.

 Darin geht es um die Begebenheit rund um den Auftritt eines Magiers in einem italienischen Urlaubsstädtchen. In diesem herrscht ein nationalistischer Geist, der Fremde kategorisch mobbt und ausschließt. Cipolla – der Zauberer, der in das Städtchen kommt – schafft es bei seinem Auftritt, das Publikum so zu beeinflussen, dass einige Menschen unter Trance Dinge tun, die ihnen im Wachzustand eigentlich peinlich sind. Ein junger Mann streckt coram publico die Zunge heraus, ein anderer bildet sich ein, in Cipolla seine große Liebe, Silvestra, zu erkennen und versucht verblendet, den  Zauberer zu küssen. Nicht zuletzt veranlasst der Manipulator das Publikum auch dazu, rauschhaft zu tanzen.

 All das übernimmt Christian Thausing auch in seine Inszenierung, in der die Oper Graz mit der Kunstuniversität Graz kooperierte. Auch trägt das Städtchen den italienischen Namen Torre die Venere, wie in der Vorlage von Thomas Mann, allerdings ist das Geschehen deutlich in die Steiermark verlegt. Steireranzüge, von den Honoratioren der Stadt getragen und ein Feiertagsdirndl, in dem Signora Angiolieri, die Hotelbesitzerin, auftritt, machen dies deutlich. Die Mutter – die von einem Einheimischen angeklagt wird, Sitte und Anstand des Landes verletzt zu haben, trägt ein Kopftuch und ist Muslimin. Dabei hat sie nichts anders getan, als ihrer Tochter in der Sandkiste den Badeanzug auszuziehen, damit sie diesen leichter vom Sand reinigen konnte.

Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand „Mario und der Zauberer“ (Foto: Werner Kmetitsch) Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand „Mario und der Zauberer“ (Foto: Werner Kmetitsch) Die Anfangsszenen spielen sich an unterschiedlichen Orten des Raumes der Studiobühne ab, der sich im Tiefparterre befindet. Erst als der Zauberer selbst auftritt, konzentriert sich das Geschehen auf die Raummitte. Das tut vor allem der Verständlichkeit des Librettos gut, das zu Beginn von einigen Plätzen aus schwerer zu verstehen war. Das Publikum ist selbst Teil der Zaubervorstellung, bei der es weniger um Tricks, sondern vielmehr um eine Machtdemonstration des alten Cipolla und um Willensmanipulationen geht. Die beiden Hauptstränge – die Ausländerfeindlichkeit, die mit scharfen Wortgefechten zu Beginn deutlich wird – und die Verführbarkeit der Menschen, verbinden sich auf seltsame Weise in einer Person. Es ist der junge Mario, der mit der zu einem Bußgeld verurteilten Mutter und deren Tochter gemeinsam die Vorstellung des Magiers besucht.

Seine offene Art und sein Zur-Seite-Stehen gerade jenen gegenüber, die von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden, steht ganz im Widerspruch zu seinem Gehorsam. Diesen bringt er, trotz anfänglichem Widerstand, dem Zauberer letztlich entgegen. Dass der Mob sich Mario als Opfer ausgesucht hat, bedeutet eine Abänderung der Handlung von Thomas Mann, wirkt aber schlüssig.

Es ist ein zutiefst negatives Menschenbild, das in diesem Werk aufgezeigt wird. Nicht nur, dass Recht und Ordnung vor Menschlichkeit stehen. Auch die vermittelte Erkenntnis, dass jeder und jede von uns verführbar sind, wird er oder sie nur geschickt manipuliert, wirft eine dunkle Schattenseite auf unsere Gesellschaft. Schon in „König Roger“, einer selten gespielten Oper von Karol Szymanowski, die im Februar im großen Haus der Grazer Oper Premiere hatte, stand das Thema der Verführbarkeit von Massen im Zentrum des Geschehens. Hier wie dort fehlt es letztlich an tiefgründigen Erklärungen. Hier wie dort bildet das Charisma des Verführers jenen Anstoß, der eine Gesellschaft völlig zum Straucheln und in den moralischen Verfall bringen kann.

Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand Bei geschickter Manipulation bröckelt der Widerstand „Mario und der Zauberer“ (Fotos: Werner Kmetitsch)

In einer höchst gelungenen Besetzung stehen Sonja Saric als Signora Angiolieri und Andrea Purtic als Mutter Seite an Seite den politisch verblendeten Männern gegenüber. Valentino Blasina sprüht nur so vor Fremdenhass und stachelt den Bürgermeister, Mario Lerchenberger, mit seinen rhetorischen Giftspeilen zu einem unbotmäßigen Richterspruch auf. All diese Partien sind stimmlich perfekt ausgestattet und auch Mario, gesungen und gespielt von Romain Clavareau, fügt sich bestens in das Ensemble ein. Mit Markus Butter wurde ein Cipolla besetzt, der ein Idealbild des alten Zauberers abgibt. Groß und breitschultrig, versteckt unter einer technisch perfekten Maske, die unglaublich abstoßend wirkt, durchbohrt er mit seinem scharfen Blick so manch eine Person aus dem Publikum. Die schwere Partie, die er zu singen hat, erscheint trotz aller Atonalität, die der Musik ihren charakteristisch- drängenden Charakter verleiht, für ihn völlig natürlich zu sein.

Marcus Merkel leitet das Kammerorchester der KUG und wird dabei auf Bildschirme, die im Raum verteilt sind, übertragen. Auf diese Weise muss ihn das Ensemble nicht permanent im Auge haben, sondern hat die Möglichkeit, den jeweiligen Einsatz, egal von welchem Platz aus, gut angezeigt zu bekommen.

Das verstörende Ende lässt das Publikum mit dem Gefühl zurück, Zeuge eines Vorganges gewesen zu sein, bei dem man vielleicht einschreiten, oder zumindest an einer Stelle seine Stimme erheben hätte sollen. Der Applaus verhallt ohne Resonanz und lässt die folgenrichtige Frage im Raum: Darf man applaudieren, auch wenn man selbst Teil eines Geschehens geworden ist, das moralisch mehr als nur zu hinterfragen ist?

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