Becky Chambers – A Closed and Common Orbit

Becky Chambers – A Closed and Common Orbit

Traditionell ist Science-Fiction stark männerdominiert. Glücklicherweise erlebt diese Tradition mittlerweile eine Wende und immer mehr Frauen drängen in das Genre. Eine von ihnen ist Becky Chambers, die als Tochter eines Luftfahrttechnikers und einer Astrobiologin beste Voraussetzungen hat, um Space Operas zu schreiben. Spektakuläre Weltraumschlachten und intergalaktische Kriege finden in ihren „Wayfarer"-Romanen allerdings nur am Rande statt; sie konzentriert sich zielgerichtet auf die Schicksale ganz normaler Personen, die mit den alltäglichen Schwierigkeiten der Zukunft konfrontiert sind. Im zweiten Band „A Closed and Common Orbit" beschäftigt sie sich mit der Suche nach Identität, die alle bewussten Lebensformen durchleben - ob künstlich oder biologisch.

Lange Zeit war Lovelace die uneingeschränkte Herrscherin über die Wayfarer. Sie sah und hörte alles, sie wusste alles, sie kontrollierte alles. Über Jahre entwickelte sie eine Persönlichkeit und Gefühle, die sie eng an die Crew banden. Doch irgendwann reichte ihr das nicht mehr. Sie wollte nicht länger das künstliche Intelligenzsystem eines Schiffes sein, sie wollte so menschlich wie möglich werden. Sie entschied, ihr Bewusstsein in einen illegalen synthetischen Körper hochzuladen. Sie ahnte nicht, dass sie sich nicht mehr daran erinnern würde, wer sie war. Denn durch den Angriff auf die Wayfarer musste Lovey ihr System resetten. Als sie die Augen ihres neuen Body Kits aufschlägt, ist sie nicht mehr dieselbe. Sie muss nun mit den Konsequenzen einer Entscheidung leben, die sie in einem anderen Leben traf. Aber sie ist nicht allein. An ihrer Seite steht Pepper, die einst als Jane 23 in einer Sklavenkolonie das Licht der Welt erblickte. Pepper weiß genau, was es heißt, sich neu zu erfinden und sie wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um Lovelace dabei zu helfen, ihren Platz im Universum zu finden.

Besser hätte ich ins Jahr 2020 nicht starten können. „A Closed and Common Orbit" ist wundervoll, zauberhaft und insgesamt ein Buch, das die Seele streichelt. Ich erwischte mich beim Lesen oft dabei, wie ich selig vor mich hinlächelte. Es ist Becky Chambers gelungen, eine Fortsetzung zu schreiben, die dem Vorgänger „The long way to a small, angry planet" in nichts nachsteht. Obwohl ich vor der Lektüre skeptisch war, ob ich mich mit der neuen Besetzung arrangieren könnte, fand ich mich sofort zurecht und öffnete meine Arme sperrangelweit für Lovelace und Pepper. Es war kinderleicht, die beiden Frauen ins Herz zu schließen, weil Chambers ihre miteinander verknüpften Geschichten voller Empathie schildert, sodass ich emotional sofort auf ihrer Seite war. Sie behandelt sie absolut gleichberechtigt, keine der beiden überstrahlt die andere, jede erhält ihre eigene Handlungslinie. In der Gegenwart begleiten wir Lovelace, die sich bald Sidrah nennt, bei ihrer Anpassung an ein annähernd menschliches Leben. Die Umstellung fällt ihr aus einer Vielzahl von Gründen sehr schwer. Ich fand es brillant, wie überzeugend und tief sich Chambers in sie hineinversetzt, ihre Konflikte erforscht und nachvollziehbar die Frage beantwortet, wie sich eine künstliche Intelligenz, die zur Überwachung eines großen Raumschiffs entwickelt wurde, wohl in einem kleinen, äußerlich menschlichen Körper mit all seinen Begrenzungen fühlen würde, während ihre Programmierung und ihr gesamtes Design permanent mit den Anforderungen der Umwelt kollidieren. Ihre Situation erinnerte mich an die Irrwege der Pubertät. Letztendlich lassen sich all ihre Hürden auf ein grundlegendes Dilemma zurückführen: als sie entschied, ein Mensch zu werden, gab sie ihren vorbestimmten Daseinszweck auf und muss nun herausfinden, wer sie abseits ihrer Programmierung ist. Ihre Identitätssuche ist die thematische Brücke zu Pepper, denn in der zweiten Handlungslinie von „A Closed and Common Orbit" reisen wir ca. 20 Jahre in die Vergangenheit und lernen, dass Pepper ebenso künstlich und mit einem spezifischen Lebenssinn erschaffen wurde wie Sidrah. Auch sie musste sich selbst neu definieren. Ihre Biografie ist herzergreifend und außergewöhnlich, ich kam aus dem Staunen angesichts ihrer bemerkenswerten Resilienz gar nicht mehr raus und verstand, wieso Pepper Sidrah ohne zu zögern hilft. Ein Motiv, dass sich im Kontext ihrer Geschichte nahezu aufdrängt und das Chambers in der Gegenwart ebenfalls verankert, ist das der Elternschaft. Es begeisterte mich, dass sie die Untersuchung sozialer Bindungen, die sie in „The long way" begann, in „A Closed and Common Orbit" weiterführt und alternative Konzepte vorstellt, die weit entfernt von unserem eng gefassten klassischen Familienbild sind. Eltern-Kind-Beziehungen setzen in ihrer Zukunftsvision nicht länger Blutsverwandtschaft voraus. Vielmehr ist Liebe der entscheidende Faktor und wenn das nicht schlicht bezaubernd ist, weiß ich auch nicht weiter.

Becky Chambers stellt meine Wahrnehmung der Science-Fiction mit ihren „Wayfarer"-Romanen völlig auf den Kopf. Jeder Band nährt meine Erkenntnis, dass Science-Fiction nicht zwangsläufig auf intergalaktische Konflikte ausgerichtet sein muss, sondern auch als Gelegenheit begriffen werden kann, alteingesessene Denkmuster zu reflektieren. „A Closed and Common Orbit" zwang mich erneut, meine Toleranzbereitschaft und die Flexibilität meiner sozialen und gesellschaftlichen Konzepte zu überprüfen, doch Chambers geht dabei so sensibel und liebenswürdig vor, dass es mir niemals unangenehm war, meine Grenzen und Gewohnheiten zu hinterfragen. Im Gegenteil, es bereitete mir Freude, neue Perspektiven und meine Reaktion darauf neugierig auszuloten. Ich genieße es unheimlich, ihretwegen endlich einen Zugang zum Genre gefunden zu haben, der über die Young Adult - Schiene hinausgeht. Erwachsene Science-Fiction kann berühren, sie muss nicht hart und klinisch sein. Becky Chambers beweist das und schreibt Science-Fiction fürs Herz.