"Auguste Rodin" [F, B, USA 2017]


Er muss sie berühren, die Bäume, so wie er alles berühren muss: den Ton, die Körper, die Frauen. Das Wahre. Die Wahrheit. Aber sobald er berührt, berührt er das Unvollendete, das nie Reine, Absolute, ausgeliefert seinem gestrengen, an einem Mikroskop befestigten, altväterlichen Blick. Wiederkehrende Riten stecken in der (lange verkannten) Arbeit des Meisterbildhauers Auguste Rodin. Jacques Doillons gleichnamiges Knetwerk (fälschlicherweise als Biopic bezeichnet) dokumentiert ihn in seinem Atelier in musikalischen, klassisch französischen Bewegungen ohne den schöpferischen Bausatz der Hände mit einem unnötigen Schnitt zu zerstören, aber diese Geschichte – Hauptschwerpunkt: Rodins animalische Liaison mit Camille Claudel samt einschlägiger Zeitgenossen – dekonstruiert alle Entstehungskunst dahingehend, wie besessene Arbeit zermürbt, einschließlich ihrer Automatismen, die niemals enden, und Arbeit erst deshalb Schönheit herausfiltert. Eine fast abstoßende, grässliche Körperlichkeit verkrustet diesen Film; immer, wenn Vincent Lindon Rodin nicht spielt, sondern ihn bis zur Obszönität studiert, entblößt sich dieses Fleischungeheuer. Der entsättigten Statik, euphemistisch: Anmut, des Formensuchens setzt Lindon eine tumbe, primitive Sinnlichkeit entgegen. Er, der Verführer, Genießer, weckt das Biest. Lindon ist groß in dem Bestreben, alle weggelächelte Größe seiner Werke verschmitzt wegzulächeln – und sich zu entladen, bei Claudel (Izïa Higelin), seinen Modellen. Rodin war unaufhaltsam, ein Mann im Urzustand. Doillon hat ihn modelliert wie zivilisiert.  
6 | 10