Auf Kaffeefahrt durch Anatolien

von Simon Argus
Ich habe eine Reise gewonnen - eine Pauschalreise. Und auch wenn ich so etwas noch nie gemacht habe, ist es in Deutschland doch die weitaus populärste Art der Urlaubsreise. Grund genug für eine geographische Expedition in die Türkei - nicht in die echte Türkei zwar, aber ins Wunderland des Massentourismus, des Nepp und der guten deutschen Organisation.

Auf Kaffeefahrt durch Anatolien

Sonnenuntergang an der türkischen Riviera nahe Side. 20 Kilometer westlich tagen zur gleichen Zeit die Staatsoberhäupter der G20 Staaten, 300 Kilometer weiter östlich ist Krieg in Syrien - doch hier sind wir in unserer eigenen Welt.

Eigentlich hatte die Reise meine Mutter gewonnen, in einem Preisausschreiben, genauso wie alle anderen der ca. 40 Teilnehmer unserer einwöchigen "Traumreise" von der türkischen Riviera nach Kappadokien und retour. Aber da sie beschäftigt ist fliege ich gemeinsam mit einer Freundin an ihrer statt. Zielflughafen ist Antalya, inzwischen noch vor Palma de Mallorca die Nummer Eins für Pauschalreisende aus Deutschland. Dort lernen wir auch die anderen aus der Gruppe kennen, ältere Menschen vor allem. Niedrigere bis mittlere Einkommen wäre jetzt eine oberflächliche Einschätzung, würde aber der Statistik entsprechen. Man reist nicht, man lässt reisen. Bei einem "Willkommens-Cocktail" - sehr süßer Saft, der auch beim inkludierten Frühstücksbuffet gereicht wird - lernen wir von unserem Reiseleiter mehr über das bevorstehende "Abenteuer". 
In unserem Bus sind alle "Gewinner"
 Zu den "gewonnenen" Leistungen zählen neben dem Flug (Onur-Air, vor ein paar Jahren aufgrund von Sicherheitsmängeln noch mit einem Flugverbot für Europa belegt) auch die Hotel-Übernachtungen (4 oder 5 Sterne türkischen Standards) mit Frühstück sowie die Bustransfers. Zusätzlich buchbare Leistungen gibt es sehr viele: Mittag- und Abendessen für die Woche (ca. 90,- €; buchen außer uns fast alle), ein Sightseeing Paket mit allen Eintrittsgeldern für die Woche (200,- €; wir und etwa 6 weitere Personen verzichten) sowie zusätzliche Ausflüge, Massage-Treatments und so weiter. Für alle Reisenden fallen Kerosinzuschlag und Saisonzuschlag an. Cindy, Mitte 20 aus Berlin, die mit ihrer Großmutter reist, rechnet mir nach drei Tagen vor, dass sie bereits über 1.000 Euro ausgegeben hat. 
Und das ist auch ganz im Sinne unseres Reiseleiters, der für alle zusätzlichen Umsätze Provisionen kassiert. Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass wir hier ausgenommen werden sollen, ist er von Anfang an ganz offen. Die deutschen Touristen kann man mit einem pragmatischen Geschäftssinn durchaus für sich einnehmen:  Da die Reise kostenlos ist - großzügig finanziert von türkischen Unternehmen - sei es nur fair, dass diese Unternehmen unterwegs zusätzliche Angebote unterbreiten und es wäre eben nur recht und billig wenn die Gäste von diesen Angeboten großzügig Gebrauch machten. Den meisten in unserer Gruppe leuchtet das ein.
Nach 2 Tagen werden wir im Industriegebiet ausgesetzt
Dieser moralische Druck gegen die "Trittbrettfahrer", also uns, die hier nur die kostenlosen Leistungen in Anspruch nehmen möchten, wird am zweiten Reisetag noch einmal verstärkt. Wir werden vor der zentralanatolischen Stadt Konya in einem Industriegebiet ausgesetzt, wo wir zwei Stunden auf den Rest der Gruppe warten sollen, der eine hinzu gebuchte Stadtführung unternimmt. Dass er mich als Geographen so  nicht ärgern kann, ich vielmehr hoch begeistert durch das türkische Industriegebiet ziehe (Konservative türkische Kleinunternehmer aus Konya sind die treuesten Anhänger des türkischen Staatschefs Erdogan, hier arbeiten sie und nebenan, in neuen Wohnhochhäusern mit akkuraten kleinen Parks wohnen sie) weiß unser Reiseleiter nicht. 
Trotz allem - die Reise macht Spaß und mit manchen Mitreisenden verstehen wir uns nach ein paar Tagen sehr gut. So eine Busreise ist ein bisschen wie Klassenfahrt - es entsteht eine gewisse Gruppendynamik. Und unser Reiseleiter hat ganz klar die Charaktereigenschaften eines strengen Erziehers. In Kappadokien koppeln wir uns zwei Tage von der Gruppe ab und gehen auf eigene Faust in der wunderschönen Landschaft wandern. Vorher haben wir einem mitreisenden Pärchen noch den gutgemeinten Ratschlag gegeben, ihre Euros doch mal in die landestypische Währung umzutauschen, um damit deutlich Geld zu sparen. In der Tat sind fast alle touristischen Angebote auf unserer Reise auch in Euro ausgezeichnet - somit fällt der Vergleich mit den deutlich niedrigeren Preisen bei den weniger touristischen Angeboten schwerer. 
Die Zahlungsbereitschaft wird systematisch abgeschöpft
Am vorletzten Tag steht wieder Shopping auf dem Programm. Jetzt gilt es, wer bis jetzt noch kein Schnäppchen gemacht hat verspürt einen gewissen Erfolgsdruck. Die Teppichmanufaktur ist der erste Halt - dem allgegenwärtigen Überangebot von stark reduzierten Teppichen in Deutschland wird hier ein charismatisches Verkaufsgespräch entgegengestellt. Die Webstühle die wir besichtigen, sind jedoch offensichtlich nur während unserer Führung besetzt - die Ware wird tatsächlich andernorts produziert. Besonders gerissen ist die Verkaufsstrategie im "Juwelier"-Center. Ein riesiger Komplex: der Vordereingang edel gestaltet, die Ansprache gediegen, die persönlichen Verkaufsberater unerschütterlich. Die Gäste werden durch mehrere Ebenen geschleust, gleich einem Sieb werden sie hier entsprechend ihrer Zahlungsbereitschaft abgeschöpft. Zuerst die edlen Steine aus eigener Produktion (eigentlich No-Name Produkte mit besonders großer Gewinnspanne), dann weltbekannte Schmuck-Marken (Restposten (?) edel aufbereitet), dann mittelpreisige Uhren und schließlich - das Gebäude hat sich in eine schmucklose Industriehalle verwandelt - der gewöhnliche Souvenirkram am Hinterausgang, wo der Bus bereits auf die Weiterfahrt wartet. 
Letzter Stop vor Antalya und ein persönliches Highlight der Reise ist das Leder-Verkaufscenter mit vorgeschalteter Modenschau mit den "neuesten Kollektionen" für den konservativeren aber preislich flexiblen Kunden. Eine Mär wird gesponnen von internationaler Designerware, die in Europa zu noch viel höheren Preisen in den schicksten Boutiquen der Großstädte verkauft werde und hier einzigartig preiswert (Jacken um die 2.000 Euro - mit allen Rabatten um die 900 Euro) angeboten ist. Nicht wenige aus unserer Gruppe greifen zu. Bei meiner Begleitung und mir hat unser Reiseleiter dagegen längst resigniert. Wir hatten eine wirklich schöne und tatsächlich bis zum Schluss sehr preiswerte Reise.

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