Auf der Suche nach dem verlorenen Schlüssel

Die ursprüngliche Grundforderung nach SEIN innerhalb der Grenzen meiner individuellen Eigentümlichkeit bedingt meine Wünsche und dadurch meine Hoffnungen und meinen Glauben. Als Träger einer solchen Forderung bin ich gleichzeitig Träger einer Sehnsucht einer Erwartung. In der Überzeugung, dass mir etwas fehle, erwarte ich das, was diesem Mangel abhelfen soll.

Diese zunächst etwas allgemeine Sehnsucht findet ihren besonderen Ausdruck in der Erwartung eines „wahren Lebens”, eines Lebens, das sich von meinem gegenwärtigen dadurch unterscheiden würde, dass ich darin eine umfassende und vollkommene, nicht nur eine geteilte und unvollkommene Bestätigung — wie  jetzt — erfahren dürfte. Jeder von uns, ob er sich Rechenschaft darüber ablegt oder nicht, lebt in der Erwartung, dass einmal das „wahre Leben” beginnen wird, in dem keine Verneinung mehr möglich ist.

Nun hat aber jeder, gemäß seiner besonderen Wesensart und dem jeweiligen Lebensaugenblick, eine andere Vorstellung von diesem „wahren Leben”. Genauer gesagt, stellt sich jeder etwas darunter vor, was imstande wäre, ein neues, seinen eigenen Bedürfnissen angepasstes Zeitalter heraufzuführen, in welchem alle Unvollkommenheiten seines jetzigen Lebens ausgelöscht sein würden. Eine innere Stimme flüstert mir zu, dass es „ohne Zweifel herrlich sein müsste, dieses oder jenes zu besitzen, . .. oder endlich wie dieser oder jener Mensch zu sein, … oder zu erleben, dass etwas Erhofftes einträte.. .  .Manchmal glaube ich schon klar zu erkennen, was imstande sein müsste, das „wahre Leben” heraufzuführen, dann wieder bleibt es unbestimmt, wird Erwartung von „irgendetwas”, was meiner Überzeugung nach alles in Ordnung bringen würde. Zeitweise schweigt diese innere Erwartung, doch handelt es sich dann nur um einen vorübergehenden Schlummer, aus dem unsere Sehnsucht nach einem endgültig befriedigenden Leben bald wieder neu erwachen wird. Es ist, als wähnte ich mich ausgeschlossen aus einem irgendwo vorhandenen Paradies, als glaubte ich in irgendeiner bestimmten Erscheinungsform der Außenwelt oder meines Innern den Schlüssel zu erkennen, der imstande wäre, das verlorene Paradies wieder aufzuschließen.

Und so verbringe ich mein Leben auf der Suche nach dem verlorenen Schlüssel. Während dieser Erwartungsfrist ” schlage ich die Zeit tot”, so gut es geht. Ein Teil meiner Lebensenergie kann in der wirksamen Vorarbeit zu diesem „Schlüssel” investiert werden: so arbeite ich etwa auf irgendeinen Erfolg auf materiellem oder geistigem Gebiet hin. Doch kann ich nur einen Teil meiner Energie dabei ansetzen, und so verschwende ich den Rest an Ausgeburten meiner Vorstellungskraft, an Träumereien, die alle jenen unaufhörlichen „Prozess” vor meinem inneren „Tribunal” umkreisen, dessen glücklicher Ausgang mir diesen Schlüssel verschaffen könnte. Ich fühle mich gezwungen, meine Energie irgendwo anzusetzen, mich zu bewegen, sei es nach außen oder im Innern.

Ich kann nicht bewegungslos verharren während der Erwartungszeit. Im Übrigen gäbe es ohne Bewegung auch keine „Erwartung”, keine Spannung auf das hin, was kommen soll, keine Sehnsucht. Ich wäre ohne jene verlangende Bewegung meines Innern gleichsam tot. Je weniger ich mich äußerlich bewegen kann, um den erhofften Schlüssel zu erwerben, desto fieberhafter werfe ich mich innerlich hin und her, indem ich Bilder hervorbringe, die mir das Warten erleichtern sollen. Wie übrigens alles, was wir bei unserer naturbedingten Wesensanlage beobachten können, ist diese Erwartung zwar in sich selbst durchaus richtig, jedoch falsch ausgerichtet. Sie ist richtig, insofern sie der Ausdruck ist für mein tiefes Bedürfnis nach einer Erkenntnis der Dinge, wie sie wirklich sind, nach jener Erkenntnis, die für mich am Eingang zum „wahren Leben” stehen wird.

Weil jedoch meine Sehnsucht sich auf die Dinge richtet, wie ich sie im Augenblick sehe, ist die Ausrichtung meiner Erwartung falsch. Solange mein Verständnis noch nicht geweckt worden ist durch die richtige Unterweisung, richtet sich mein Verlangen notwendigerweise auf das, was ich kenne, auf das, was ich mir vorstellen kann, d. h. auf die dualistische Welt der Erscheinungen. Für meine Suche nach dem „verlorenen Paradies” ist es verhängnisvoll, dass ich mir den Schlüssel als etwas vorstellen muss, was mir schon begegnet ist, oder was wenigstens von der gleichen Art ist, wie alles, was ich sonst kenne, auch wo es mir noch nicht konkret begegnet ist. Selbst wenn ich den Schlüssel nicht in festumrissener, gestalthafter Art vor mir sehe, so stelle ich mir meine Rückkehr ins verlorene Paradies doch als einen vollkommen glücklichen inneren Zustand vor, der den glücklichen Zuständen gleichen mag, die ich schon erlebt habe.

Die „natürliche” Richtung meiner Sehnsucht liegt notwendigerweise auf der horizontalen Ebene des zeitgebundenen Dualismus. Sie strebt nicht nach etwas Neuem, nach etwas, was diese  Ebene durchbricht, sondern nach einer Verbesserung innerhalb der Grenzen des mir schon Bekannten.

 

Der Irrtum

Nun liegt aber hierin ein handgreiflicher Irrtum: denn ich erwarte von einer Verbesserung das Vollkommene. Keine Verbesserung von etwas Unvollkommenem, und sei sie noch so umfassend, wird aber je Vollkommenheit erreichen.

Keine „Entwicklung” und kein „Fortschritt” führt zu dem Ort, den der Zen-Buddhismus als „Ort der Ruhe” bezeichnet. Auch müssen wir beachten, dass unsere Sehnsucht, sofern sie sich auf den Gegensatz Zufriedenheit-Unzufriedenheit, Freude-Schmerz richtet, kein Recht hat, die Auflösung dieses Dualismus zu erwarten, der allein im Tao Versöhnung finden kann. Die auf dieses Gegensatzpaar gerichtete Sehnsucht kann ja nur wieder die beiden Pole ihrer Zweiheit herbeirufen. Je stärker meine Sehnsucht ist, desto stärker wird meine innere Gespaltenheit, gleichviel, ob ich mir ihrer bewusst werde oder nicht.

Wenn ich nach dieser Quelle dürste, so werde ich nur Salzwasser trinken, das den Durst nach einem kurzen Augenblick vermeintlicher Stillung von neuem wieder steigert. Der Mensch, der das „wahre Leben” innerhalb der Welt der Erscheinungen, innerhalb der ihm vertrauten Welt erwartet, wird bis zu seinem Tode vergeblich darauf warten.

Das „Richtige” an meiner Sehnsucht liegt aber darin, dass ich auf etwas anderes als auf mein gegenwärtig gelebtes Leben warte. Dadurch entgehe ich der vollständigen Identifizierung mit diesem Leben, bewahre ich mein Bewusstsein vor einem restlosen Aufgehen in den jeweils gegenwärtigen Erscheinungsformen dieses Lebens. Da jedoch meine Sehnsucht falsch ausgerichtet ist, gerate ich unwillkürlich in eine andere Gleichsetzung hinein: ich identifiziere mich nämlich mit irgendetwas mehr oder weniger klar Vorgestelltem als durchaus Wünschenswertem.

 

Und da ich es mir vorstelle, muss es schließlich auch eine Form haben (sei sie auch noch so subtil), die mein Bewusstsein gefangen nimmt. Wenn ich auch meinem Traum vom wiederzufindenden Paradiese einerseits eine gewisse geistige Verfügungsfreiheit gegenüber den jeweiligen Lebensumständen verdanke, so entwertet er andererseits diese so kostbare Freiheit durch die Vorstellung von einer auf bloßer Einbildung beruhenden erscheinungsmäßigen Vollkommenheit.

 

Durch diese falsche Ausrichtung meiner Sehnsucht wird in mir die Illusion der Zeit hervorgerufen und das schmerzliche Gefühl, dass diese Zeit sich mir unaufhörlich entzieht.

 

Warum Ziele begrenzen.

Wenn das Ziel meiner Sehnsucht eine Verbesserung irgendwelcher mir vertrauter Erscheinungen bleibt (die durch Raum und Zeit bedingt sind), so verlege ich damit meine endgültige Befriedigung in die Zukunft. Auf diese Weise entsteht für mich die angeblich absolute Wirklichkeit der Zeit, der Zeit, die sich mir endlos zu dehnen scheint zwischen dem gegenwärtigen unvollkommenen und dem zukünftigen vollkommenen Augenblick, den ich herbeisehne.

 

Merke.

Es ist immer alles Hier-Jetzt! Es ist wie es ist! Es kommt wie es kommt! Den Punkt kann jeder durch die momentane Achtsamkeit aktivieren.

Achtsamkeit ist in jedem Menschen vorhanden. Sie braucht nur wieder belebt und hervorgebracht zu werden. Achtsamkeit ist auch nur eine Gewohnheit.