Auf den Strassen Saigons

Ich habe meinen Yamaha Mio Classico 115 cc Roller schon 18 Tage gemietet und bin erst 2 Mal gefahren. Nachts, wenn wenig Verkehr ist und dann nur bis zum Fluss und zurück. “Das zählt nicht Mai!” – sagt Charlie, mein kalifornischer Nachbar. “Wenn du nicht übst, wirst du nicht besser!” Er hat recht. Wozu bezahle ich 65 USD pro Monat, um dann nicht zu fahren?

Normalerweise bin ich der Typ, der gerne und schnell fährt, aber wer noch nicht in Vietnam bzw. den Grossstädten Ho-Chi-Minh City (umgangssprachlich Saigon genannt, was viel romantischer ist) und Hanoi unterwegs war, versteht nicht, dass es auf den ersten Blick einem Kamikaze gleicht, nur die Strasse zu überqueren. Die Strassen Saigons werden von Rollern und Motorädern dominiert. Fussgängerüberwege und Ampeln dienen hier nur zur Deko.

In Vietnam gelten 2 Regeln:

Regel Nummer 1: Der Grössere hat immer Vorfahrt. Kommt dir ein Bus oder LKW entgegen versuche auszuweichen oder ihm Vorfahrt zu geben, denn er wird in 99% der Fälle nicht anhalten.

Regel Nummer Zwei:  Überquere die Strasse langsam und mit  festen Blick. Bleibe NIEMALS stehen oder gerate in Panik. Die Zweiräder kalkulieren deine Schritte mit ein und weichen dir aus. Rennst du los, geraten alle in Panik und du wirst von einem vorbeifahrenden Roller getroffen.

Sonntag spätmittags, 5 Uhr, in Saigon.

Es ist soweit. Ich hole meinen Roller aus der Garage, Helm auf, Bremsen gedrückt und Motor an.

“Warum fährt er nicht los??? Warum geht der Motor dauernd aus?” – denke ich mir. Tja, es liegt daran, dass ich den Roller über eine Woche nicht angefasst habe und dieser etwas warm laufen muss. “So ein Mist aber auch! Jetzt bin ich mental bereit und der Kleine will heute einfach nicht!”

Nach ca. 5 Minuten und der Hilfe von unserem Sicherheitsmann springt der Motor an und ich düse los auf die lebendigen Strassen Saigons. Was für ein Gefühl strömt mir durch den Körper. Ein Gefühl der Freiheit und der Unabhängigkeit. Ich lebe!!!

Ich lebe in Tan Dinh in Distrikt 1, leider am falschen Ende. Um ins Zentrum zu gelangen, muss ich ca. 10 Minuten südlich die Hai Ba Trung Strasse runterfahren, einer der längsten und dicht befahrensten Hauptstrassen Saigons.

Da ich etliche Male mit meinen Xe Oms (Mopedtaxis) gefahren bin, kenne ich viele Abkürzungen um die Hauptstrasse zu meiden, auch wenn es heisst (bitte jetzt nicht aufschreien) den Bürgersteig zu benutzen. In Vietnam v.a. in Saigon gelten die normalen deutschen Regeln nicht. Hier fährt man mal gegen den Strom, biegt bei rot rechts ab, fahrt über rot und benutzt den Gehsteig. Als Fussgänger lebt man hier definitiv gefährlich.

Also biege ich rechts auf die TRANG QUANG KHAI Strasse, um auf die HAI BA TRUNG zu kommen. Gut, eine rote Ampel. Das heisst ich kann langsam links abbiegen, ohne mir gross Sorgen zu machen. Warum ich mir Sorgen mache, wenn ich links abbiege?

Um das zu verstehen, erkläre ich euch den Aufbau der Strassen in Vietnam. Es gibt 2 oder 3 Spuren. Die rechte Spur gehört den Zweirädern. Die Linke den Autos und Bussen. Die Mittlere wird dann öfters von den Zweirädern genutzt, wenn nicht gerade ein Porsche einen mit aufdringlichem Gehupe nach rechts befördert. Zum Linksabbiegen muss man dann 2 Spuren kreuzen und dann noch den Gegenstrom abwarten, der wenn keine Ampel vor Ort ist (meist, wenn man in eine kleine Nebenstrasse abbiegen möchte), nicht für dich hält. Der Trick ist sich einer Gruppe Linksabbieger anzuschliessen, den gemeinsam ist man stärker, oder im besten Fall sich hinter einem abbiegenden Auto/Bus zu verstecken. Im Fall einer anwesenden und funktionierenden Ampel ist es viel einfacher auf eine Haupstrasse abzubiegen.

Ich fahre gemächlich meine 25 km/h während viele mich riskant überholen. “Mir egal, Hauptsache ich komme heil an” – denke ich mir und beschleunige dann mal auf 30 km/h. Langsam an den stockenden Verkehr gewöhnt fahre ich ins Zentrum. Auf der rechten Seite der Reunification Palace, eines der Attraktionen der Stadt, links ein grosser grüner Erholungspark. 5 Minuten später fahre ich an Ben Thanh Market vorbei, während eine leichte Winterbrise für Abkühlung sorgt.

Mutig genug das Zentrum zu verlassen mache ich mich auf den Weg zum Saigoner Zoo um meine Oma zu besuchen. Sie liegt seit Sylvester im Krankenhaus und ich habe sie heute noch nicht besucht. Ich bin die Strecke erst einmal gefahren, aber da ich ziemlich gut im Navigieren bin (und Google Maps sei Dank), erkenne ich die Strassen zum Gia Dinh Krankenhaus.

Ich parke den Roller im Parkhaus und renne die 2 Etagen hoch zu Oma. Diese glaubt ihren Augen kaum, denn sie hat nicht mehr mit mir gerechnet. “Was machst du hier? Und wie bist du hier hergekommen?” – fragt sie mich. “Ich bin natürlich hierher gefahren. Alleine. Um dich zu besuchen Oma!”

Der Ausdruck in ihrem Gesicht ist unbezahlbar. Sie fängt an zu lachen und meint nur, dass ich unglaublich bin. Unglaublich dumm und unglaublich mutigJ

Als dann meine Verwandten dazu stossen, frage ich nach dem Weg zu meiner Wohnung in Tan Dinh, weil mir der Rückweg über den Zoo abends doch zu lang und gefährlich ist.

5 Minuten später bin ich wieder auf den Strassen Saigons unterwegs. Ich schliesse mich einem Schwarm Linksabbieger ab und fahre dem Sonnenuntergang entgegen, etwas mutiger und mittlerweile sogar mit 40 km/h.

Mai Pham, Praktikantin in Ho-Chi-Minh City, Vietnam


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