Arroganz

Von Mozartzuvielenoten

Arrogant: Bertrand Russell

Achso, ja: Das Buch, das ich hier gleich verreißen werde, habe ich gar nicht gelesen. Schließlich weiß jeder, dass das für einen genialischen Überflieger wie mich nur Zeitverschwendung wäre.

Die Rede ist von der Neuerscheinung “Eine kurze Geschichte der Arroganz”, verfasst von Ari Turunen – ein Finne, wie man unschwer sieht, und damit, wie die Welt richtig schreibt, “Mitglied einer der egalitärsten Gesellschaften” weltweit, womit das Schlamassel auch schon losgeht. Turunen hält nämlich als guter Skandinavier gar nicht viel von seiner Titelheldin: “Die Geschichte lehrt, dass Arroganz nie etwas anderes hervorgebracht hat als Kriege, Katastrophen, Hass und eine Unzahl von Misserfolgen.”

Wusch. Dann werden Napoleon und Mobutu genannt, Leopold II. und Mao, John Lackland und Lehman-Brothers-Chef Richard Fuld. Soweit okay. Spätestens aber wenn John Lennon, Murray Gell-Mann und Bertrand Russell auftauchen, wirds bizarr. Ich hatte die drei eigentlich noch nie mit “Kriegen, Katastrophen, Hass und einer Unzahl von Misserfolgen” in Zusammenhang gebracht. Aber gut, selbst ein genialischer Überflieger muss gelegentlich noch was dazulernen…

Ob Ludwig van Beethoven – ein gefürchteter Warlord aus dem 19. Jahrhundert, der mit markigen Sprüchen wie “Fürsten hat es und wird es noch tausende geben, Beethoven gibt es nur einen” bekannt wurde – auch Teil des Gruselkabinetts ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich werde jedenfalls anregen, in Bonn einen Stolperstein für alle Opfer der Schlacht bei Vittoria zu errichten und unsere Konzertprogramme baldmöglichst auf sozialverträgliche und bescheidene Friedenskomponisten umzustellen. Wagenseil und Dittersdorf waren sicher sehr nette Menschen.

Nun will ich hier selbstverständlich keine Lanze für die Arroganz brechen. Mir ist allerdings schleierhaft, wie jemand ein Buch über ein Phänomen schreiben kann, das er offensichtlich so gar nicht mag. Hat der Mann nichts besseres zu tun? Oder handelt es sich hier einfach um egalitaristische Miesmacherei, oder, um mit Norbert Bolz zu sprechen: NEID?

Klar: Arroganz ist tadelnswert. Sie ist aber gleichzeitig ein Zeichen, dass in der arroganten Person noch tiefere Sehnsüchte schlummern, als Nokia und Ikea befriedigen können. Selbst wenn die Arroganz nicht mit künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Großtaten einhergeht, selbst wenn sie völlig unbegründet, aufgesetzt und einfach nur nervig ist, so bleibt sie doch ein Zeugnis, ein tragisches Zeugnis des unerfüllbaren, zum Scheitern verurteilten Wunsches, sich selbst zu transzendieren.

Wenn die Arroganz aber begründet ist – und bei den meisten genannten Namen ist sie begründet: sie haben wirklich großes geleistet –, dann ist sie dadurch zwar immer noch nicht gut und richtig: aber es wird doch klar, dass die Arroganz sozusagen ein Nebenprodukt, eine überkandidelte, verdrehte Form von Wagnis und Entgrenzung ist – zwei Grundvoraussetzungen großer Kunst und Wissenschaft – und dass völlige und absolute Nichtarroganz nur allzuoft mit Langeweile und Konvention einhergeht.

Moritz Eggert schlägt neulich in der Zeit vor, Komponisten sollten sich “endlich von der Vorstellung verabschieden, für die Nachwelt zu komponieren, das ist typisch 19. Jahrhundert”. – Eine denkbar bescheidene, unarrogante Einstellung. – “Etwas heute zu machen, das morgen vergessen ist, aber ein brisantes Thema anspricht, warum nicht?”

Modern, bescheiden, skandinavisch. Quadratisch, praktisch, gut. Keine Chance, mit solchen Ansichten ins Gruselkabinett des Ari Turunen aufgenommen zu werden.

Die Kehrseite ist lediglich, dass die Musik, zieht man das konsequent durch, jeglichen utopischen Anspruch verliert. Warum Stücke schreiben, die schwieriger sind, als sie ein Ensemble bei der Uraufführung realistischerweise spielen kann? Morgen ist das Stück eh vergessen. Warum ein Jahr lang an neuen Satz- und Formtechniken feilen? Im selben Jahr könnte man zwanzig Stücke für den Augenblick schreiben.

Unversehns wird die Musik systemstabilisierend und affirmativ. Sie kann ironischerweise nicht einmal mehr das leisten, was sie will – “ein brisantes Thema ansprechen” –, weil sie ganz und gar im Hier und Jetzt aufgeht. Sie kann der Welt nicht mehr den Spiegel vorhalten, weil sie sie nicht mehr übersteigt.

Ikea rules. Wir sind nicht mehr arrogant. Wir sind brave Konsumenten. Skandinavien, das role model fürs ganze Universum.

Letzteres ist übrigens wörtlich zu verstehen. Gerade heute geht die Meldung durch die Zeitungen, das Universum werde ruhiger und bescheidener – es erzeuge nämlich immer weniger neue Energie. – “Das Universum hat es sich im Prinzip schon auf dem Sofa gemütlich gemacht, eine Decke übergezogen und ist dabei für immer und ewig einzunicken.”

Das ist ja eine nette Gesellschaft.

Wo bitte kann ich aus dem Universum austreten?!????