Archäologen finden Fischsoßen-Fabrik

An der Algarve haben Archäologen aus Deutschland und Portugal jetzt Überreste einer Fischsoßen-Produktion aus römischer Zeit entdeckt. Sie stießen bei Ausgrabungen in Boca do Rio bei Budens auf Tanks aus der Zeit zwischen dem ersten und fünften Jahrhundert nach Christus. Damals wurde die Algarve-Fischsoße „Garum" in Amphoren zunächst ins heutige Cadiz gebracht und von dort ins ganze römische Reich verschifft. Hauptabnehmer war die römische Armee.

„Geomagnetik und Geoelektrik haben uns auf die konkrete Fährte geführt", berichtet Florian Hermann. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter vor Ort und gehört zum Team von Projektleiter Prof. Félix Teichner von der Philipps-Universität Marburg. Partner auf portugiesischer Seite ist Prof. João Pedro Bernardes von der Universität der Algarve.

Archäologen verwenden zerstörungsfreie Methoden

Geomagnetik und Geoelektrik sind beides zerstörungsfreie Methoden der archäologischen Erkundung. Sie zeigen laut Hermann jeweils auf unterschiedliche Weise an, welche Anomalien es an welcher Stelle im Boden einer vermutlichen Fundstätte es gibt. „So konnten wir bei unseren Grabungen hier fast zentimetergenau ansetzen", erläutert der Grabungsleiter.

Das deutsch-portugiesische Team, zu dem noch elf Studierende aus Deutschland, Portugal und Brasilien gehören, konnte sich dank der Vorarbeit des portugiesischen Archäologen Estácio da Veiga auf den Einsatz vorbereiten. Er hatte bereits im 19. Jahrhundert das dortige Gelände präzise kartografiert.

Die Archäologen stießen am Hang seitlich der Flussmündung am Strand von Boca do Rio auf drei gemauerte Tanks. Sie sind mit Opus Signinum, einem römischen wasserundurchlässigen Estrich ausgekleidet und haben rund 4,5 Kubikmeter Fassungsvermögen.

„Fischknochen und sonstige Überreste aus vergleichbaren Anlagen aus der Algarve beweisen: In diesen Tanks wurde zunächst eine Lage Fisch, dann eine Lage Salz, dann wieder eine Lage Fisch und so weiter aufeinandergeschichtet und dann fermentiert", so der Marburger Archäologe.

Es handelte sich um frisch gefangene, nicht ausgenommene Fische aus dem Atlantik. Sie wurden mit grobem Salz für drei Monate unter glühender Sonne fermentiert. Die entstandene Flüssigkeit filterten die Produzenten und füllten sie in Tonamphoren.

Bei der Herstellung von Garum entstand ein so übler Geruch, dass die Produktion in Wohngebieten manchmal verboten war. Kein Wunder, dass die Produktionsstätte von Budens in der Nähe des kleinen Hafens von Boca do Rio am Strand lag...

Die fertige Fischsoße, das Garum, setzte die antike römische Küche als universelles Gewürz ein. Es wurde für salzige wie auch süße Speisen etwa so häufig verwendet, wie Fisch- und Sojasoße heute in der asiatischen Küche zum Einsatz kommen.

Archäologen: Hauptabnehmer für Algarve-Fischsoße „Garum" war Armee

Zum Transport füllten die Produzenten in Boca do Rio ihre Algarve-Fischsoße in etwa 90 Zentimeter hohe Amphoren ab. Direkt neben der Produktionsstätte in Boca do Rio konnte die Fracht auf Boote verladen werden, die im geschützten Teil einer kleinen Lagune festmachten. Heute befindet sich dort ein Parkplatz, auf dem Algarve-Urlauber ihre Autos und Wohnmobile abstellen.

„Die Logistik war damals im römischen Reich ähnlich aufgebaut wie in unserer heutigen Wirtschaft", verrät Archäologe Bernardes. Das dezentral an der Algarve-Küste und in Nordafrika produzierte Garum wurde zunächst in den zentralen Verladehafen Cadiz (früher Gades genannt) gebracht. Von dort aus ging das Produkt, das zum Beispiel zur Grundversorgung der römischen Armee gehörte, zu vielen Stellen des Weltreichs. „Auch in Pompeji konnten zum Beispiel Scherben von Amphoren gefunden werden, die aus der Algarve stammen", sagt der portugiesische Archäologe.

Bernardes befasst sich schon seit vielen Jahren mit Forschung rund um die wirtschaftliche Entwicklung der Algarve in der Antike. „Knochen einer rund 40-jährigen Toten, die wir in einer Grabstätte auf dem Hügel oberhalb von Boca do Rio fanden, zeigen anhand von Abnutzungserscheinungen, wie hart die Arbeit rund um den Fischfang schon damals war", berichtet Bernardes. Funde zeigten dem Forscher auch, dass es im Verlauf der Jahre Veränderungen bei der Größe der Amphoren und der Behälter gab, in denen das begehrte Algarve-Produkt Garum verschifft wurde.

Wem die Fischsoßen-Fabrikation von Boca do Rio gehörte, weiß niemand. „Vielleicht der Familie, die direkt nebenan am Strand eine schöne Villa bewohnte", vermutet Bernardes. Mosaikreste aus dem Gebäude, dessen Reste aus der Uferkante noch herausragen, sowie die Abbildung eines Mannes auf einem Stück bemalten Wandputzes konnten vor drei Jahren entdeckt und geborgen werden. Sie sind im Museum von Lagos bzw. in Vila do Bispo zu bestaunen.

Tsunami von 1755 deckte laut Archäologen vieles zu

„Der Tsunami nach dem schlimmen Erdbeben von 1755, das heftige Zerstörungen in ganz Portugal hervorrief, hat hier manches zerstört. Aber die rückfließenden Wassermassen haben die Gebäude auch mit viel Sand zugeschüttet", sagt Bernardes.

Deshalb berge die Grabungsstätte noch viel Potenzial, ist sich auch der deutsche Archäologe Hermann sicher. Er wird auch im nächsten Jahr wieder in Boca do Rio für das geoarchäologische Labor am vor-und frühgeschichtlichen Seminar der Uni Marburg tätig sein.

Kürzlich hatten Hermann und Bernardes rund 60 Teilnehmern eines internationalen Tsunami-Symposiums der Universität Lissabon zu Gast. Ihnen zeigten die beiden, wie der Tsunami-Rückfluss durch Sedimentablagerungen in Boca do Rio nachweisbar ist. Dort dürften also noch manche spannenden Geheimnisse im Untergrund lagern.


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