Arcade Fire: Das große Durcheinander

Arcade Fire: Das große DurcheinanderArcade Fire
„Everything Now“

(Smi Col/Sony)
Puh, diesmal bekommen sie aber so richtig eine mit: Was passiert, wenn sich die einst mit grenzenlosem Überschwang verehrte Lieblingsband an die Regeln von früher nicht mehr halten mag, sich also gänzlich anders verhält als erwartet, das bekommen Arcade Fire gerade (zumindest hierzulande) deutlich zu spüren. Vor Jahren den totgesagten Indierock auf den dunkel glitzernden Schwingen des Phönix aus der Asche geholt, galten Butler + Butler, Parry, Chassagne und Neufeld stets als die Lieblingskinder der Magazinhipster und  Feuilletonisten. Doch nichts ist für die Ewigkeit – weiße Anzüge, Maskenball, der ganze Guerilla-Zinober und jetzt auch noch Disco-Fever, da war dann doch Schluss mit lustig. Soll heißen: Ungnade und Liebesentzug der verschärften Sorte! In seltenem Einklang verstoßen also ZEIT und FAZ die Kanadier aus dem Olymp, als Ausdruck maximaler Verachtung werden sie mit U2 verglichen und des seelenlosen Pathospop gescholten. Schande!

Dabei darf man schon fragen, was genau denn erwartet worden war. Sicher, sie treiben es weit diesmal und stellen die Treue ihres Anhangs auf eine ziemlich harte Probe. An den schleichenden Abschied vom ehemals favorisierten und virtuos gespielten Gitarrensound hatte man sich gewöhnt, vielspurig komplex waren sie eigentlich zu allen Zeiten – doch die opulenten Dancerhythmen, auf „Reflektor“ noch vergleichsweise behutsam angeteasert, im Hier und Jetzt aber gnadenlos auf ABBA getrimmt, geben sie dem ultraorthodoxen Geschmacksbewahrer schon eine harte Nuß zu knacken. Kaum zuvor waren so viele Loops und Bleeps und Beeps zu hören wie auf „Everything Now“, die Songs zucken, bratzen und pulsieren wie im Rausch und es ist sicher kein Zufall, daß bei einem der schönsten Exemplare („Creature Comfort“) Portishead-Mastermind Geoff Barrow den finalen Mix besorgte.

Man muß diesen neuerlichen stilistischen Schwenk nicht mögen, über Eintönigkeit oder Inspirationsarmut braucht sich hier aber sicher niemand zu beschweren. Die hochgepitchten Tanznummern „Everything Now“ (mit Panflöte!) und „Put Your Money On Me“, der Dub-Sound von „Peter Pan“ und der aufgedrehte Rocksteady bei „Chemistry“ lassen jedenfalls die Bude ganz schön wackeln, von fetten Bläsern und zartem Elfengesang, J-Pop-Referenzen bis hin zum schnöden Mitgrölchorus hat die prall gefüllte Wundertüte alles zu bieten. Zu viel, zu beliebig? Vielleicht. Mithin aber ein Zeichen der Zeit. Und die haben Arcade Fire im Laufe ihrer fünfzehnjährigen Geschichte bislang noch immer ganz fabelhaft abzubilden vermocht – auch inhaltlich.

Und zwar nie mit dem wortblasenhaften Superzeigefinger von Bono oder der weichgezeichneten Alles- und Jedermannumarmung eines Chris Martin. Arcade Fire waren immer mehr als subtile Universalisten unterwegs, die freie Assoziation und Metaphorik der direkten und eben manchmal auch recht plumpen Ansprache des Agitpop vorziehen – nicht anders auch hier. Wenn es auf „Everything Now“ um die Entfremdung und Künstlichkeit unserer Welt geht, dann ist das Fiebrige, teils Wirre und Sprunghafte ihrer Songs vielleicht nicht die schlechteste Art, genau das zu transportieren. Die Vermischung einer unablässig flackernden Medienblase mit biblischen Versatzstücken wie bei „We Don’t Deserve Love“ ist dann zwar nicht eben neu und manch einer mag das auch albern finden – als Inbegriff für das Durcheinander einer zunehmend erodierenden Zivilgesellschaft und ihrer verzweifelten Sinnsuche taugen Song und Album auf ihre Weise aber sehr wohl. Deshalb: Daumen hoch. www.arcadefire.com

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