Arbeiterkind.de soll an die Uni

Von Modesty

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, die ich keineswegs schön reden will, denn schön im eigentlichen Sinne waren die Siebziger Jahre nun wirklich nicht. Aber in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Jahrtausends, denn gefühlt ist es eine Ewigkeit her, da gab es tatsächlich Bildung für fast alle. Zumindest als Idee. Es wurden Gesamtschulen gebaut und Universitäten, und so manches Arbeiterkind kam auf den Gedanken, nicht nur Abitur zu machen, sondern auch zu studieren.

Diese Zeiten sind vorbei. Gerade heute, wo überall von der Wissensgesellschaft die Rede ist, wo es heißt, dass massenweise Akademiker gebraucht würden, wo tatsächlich mehr Schüler als je zuvor die Schule mit Abitur verlassen, hat man festgestellt, dass kaum noch Arbeiterkinder an den Unis zu finden sind. Was nicht nur daran liegt, dass es immer weniger Arbeiter gibt. Sondern auch daran, dass ein Studium richtig Geld kostet – es geht ja nicht nur um die in den vergangenen Jahren erst eingeführten Studiengebühren an sich, sondern auch um den Lebensunterhalt, der irgendwie verdient werden muss. Und das Leben in einer Universitätsstadt ist nicht billig.

Bei herkömmlichen Akademikerkindern verdienen die Eltern genug, um den Kindern das Studium zu finanzieren, aber schon bei so genannten Normalverdienern ist das einfach nicht drin. Arbeiten und Studieren gleichzeitig war schon früher kein Zuckerschlecken, als man ruhig 16, 17 Semester rumstudieren konnte, bis man ernsthaft an den Abschluss dachte. Aber da war es immerhin möglich, sich mit Ranklotzen in den Semesterferien und einem bisschen Bafög die restlichen Monate über Wasser zu halten. Oder halt neben der Uni zu jobben, wenn das Bafög wegen Überlänge des Studiums ohnehin ausgelaufen war.

Heute sind die Studiengänge so vollgepackt, dass sie auch mit größter Konzentration auf das Notwenigste schlicht unstudierbar geworden sind. Und in den Semesterferien werden Praktika erwartet, unbezahlt, versteht sich. Kein Wunder, dass unter diesen Bedingungen nur noch die Leute studieren, deren Eltern sich das leisten können. Oder die so überzeugt sind, dass sie in ihrem Fach Karriere machen werden, dass sie sich auf ein Studium auf Pump einlassen. Aber wer will schon am Anfang seines Berufslebens mit einem höheren fünfstelligen Betrag in den Miesen dastehen?

Die Landesregierung in NRW hat jetzt eine Initiative gestartet, mit der sie Jugendlichen aus der Arbeiterschicht den Zugang zu Hochschulen und Stipendien erleichtern will. Das Ganze nennt sich Arbeiterkind.de und wird mit 30.000 Euro aus der Landeskasse gefördert. Angesichts der eigentlichen Probleme mit dem Bildungsstandort Deutschland ein Versuch, der so rührend komisch ist, dass einem schon wieder die Tränen kommen.

Laut einer aktuellen Studie des deutschen Studentenwerks nehmen von 100 Akademikerkindern 83 ein Hochschulstudium auf, während von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft lediglich 23 studieren. Ehrenamtliche Mentoren sollen Kindern, die als erste ihrer Familien ein Studium anstreben, Hilfestellung geben, wie man sich an einer Uni und für ein Stipendium bewirbt. Das ist ja irgendwie nett gemeint, aber wer in der Lage ist, ein Abitur zu bestehen sollte auch in der Lage sein, sich an einer Uni zu bewerben. Die Frage der Finanzierung des Unterfangens, das eigentlich Problem also, ist damit keineswegs gelöst.

Immerhin setzt sich die rot-grüne Landesregierung in NRW für eine Abschaffung der Studiengebühren ein, wofür sie möglicherweise eine Mehrheit im Landtag erhalten. Die Linke in NRW will die Studiengebühren bereits zum Sommersemester 2011 abschaffen, die Koalition erst zum Wintersemester. Aber auch das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Denn sonst sieht für es Studienwillige finster aus: Nicht mal das lächerliche Deutschlandstipendium, ein Lieblingsprojekt von Bildungsministerin Anette Schavan (noch so eine CDU-Frau) kriegt die Bundesregierung auf die Reihe. Derzeit reicht das Geld nur für 1000 Stipendien – in ganz Deutschland! Und die Stipendiaten bekommen ja keineswegs ihren Lebensunterhalt bezahlt, sondern ein Zubrot von 300 Euro monatlich, sofern sie „besonders begabt“ sind.

Von diesen 300 Euro sollten nach ursprünglichen Planungen 150 „aus der Wirtschaft“ kommen und von Bund und Ländern jeweils weitere 75 Euro. Aber die Länder wollen nicht mitmachen und auch die Universitäten selbst zeigen wenig Interesse – viele wollen sich gar nicht beteiligen. Gegner dieses Programms fürchten ohnehin, dass die Wirtschaft nur Fächer fördern wird, von denen sie sich einen Nutzen verspricht. Außerdem ist sehr wahrscheinlich, dass sowieso wieder genau die an ein solches Stipendium kommen werden, die es weniger brauchen als andere: Wer finanziell keinen Stress hat und sich auf sein Studium konzentrieren kann, bekommt auch bessere Noten und gehört folglich eher zu den „besonders Begabten“, die gefördert werden sollen. (Das erklärt nebenbei auch, warum dieses Stipendium nicht aufs Bafög angerechnet wird – kommt in der Praxis wohl kaum vor.)

Typisch für so eine CDU-Idee ist auch wieder, dass ein „Geschenk“ an eine bestimmte Klientel mit der Streichung bewährter Leistungen erkauft wird: Die bisher praktizierte Begabtenförderung über das Bafög wird gestrichen. Bisher bekamen die besten 30 Prozent eines Jahrgangs einen Teil der Bafög-Rückzahlung erlassen. Die Ausrede dafür ist, dass die Ermittlung der Jahrgangsbesten ein so hoher bürokratischer Aufwand sei, dass man das besser gleich ganz lassen sollte. Warum es einfacher ist, besonders Begabte zu ermitteln, die dann ein Deutschlandstipendium bekommen sollen, erschließt sich allerdings nicht. Dafür bekommt die Wirtschaft einen Fuß in die Tür – aber das ist natürlich so gewollt. Denn warum sollte der Staat sich weiter um die Finanzierung staatlicher Hochschulbildung kümmern, wenn sich das auch Privatisieren lässt. Und die privaten Geldgeber aus der Wirtschaft wissen ohnehin viel besser, welchen Nachwuchs sie haben und somit auch fördern wollen. Ob das den Arbeiterkindern nun besonders schadet oder nutzt bleibt abzuwarten.

Erfahrungsgemäß nutzt es aber immer wenigen und schadet vielen, wenn man die Wirtschaft machen lässt. Stichworte wären da Niedriglohn, Leiharbeit, Mehrarbeit, unbezahlte Überstunden, gestrichene Urlaubstage und so weiter und so fort. Es ist tatsächlich immer weniger schön, ein Arbeiterkind zu sein. Und für Kinder, deren Eltern nicht mal mehr Arbeit haben, gilt das um so mehr.