"Anohni. My Truth" - Ausstellung in Bielefeld, noch bis Oktober 2016

"Anohni. My Truth" - Ausstellung in Bielefeld, noch bis Oktober 2016

Das war ja alles erst sehr fremdartig für mich - doch dann haben zwei Elemente der Ausstellung mir den Zugang geschaffen: ein zerbrochener Teller und ein Eisbär. Die Merkwürdigkeiten bleiben trotzdem. Diese Ausstellung hat keine Beschriftung an den Wänden, die Angaben zum biografischen Hintergrund sind spärlich. Die Werke sollen für sich wirken, sagt die Künstlerin. "Meine Wahrheit" eben, die Betrachter*innen werden andere Wahrheiten haben. Selbst bei einem Pressetermin war sie nicht bereit, aufzutauchen und eigene Erläuterungen zu geben. Und wenn ich eben "die Künstlerin" sagte, ist das ungenau (eine Ungenauigkeit in einem Bereich, der doch nicht genauer sein könnte, so meint man: entweder männlich oder weiblich - doch ist es wirklich so einfach?) Anohni ist unter dem (männlichen) Namen Antony Hegarty mit seiner Band "Antony & the Johnsons" weltberühmt geworden, jetzt möchte er Anohni genannt werden und als weiblich gelten (obwohl keine Geschlechtsumwandlung stattgefunden hat).

Die Bielefelder Ausstellung ist, genau genommen, eine Vierfach-Ausstellung: Ahnonis Werke füllen den zweiten Stock, im ersten Stock werden drei Künstler*innen vorgestellt, mit denen Ahnoni persönlich verbunden ist, sie hat sie selber ausgesucht - James Elaine, Peter Hujar und Kazuo Ohno."Meine Wahrheit" schließt andere Menschen mit ein.

Den amerikanischen Künstler James Elaine, geb. 1950,  hat Anohni in New York kennen und schätzen gelernt, wo Elaine in den 1980er- und 1990er-Jahren lebte. Elaine arbeitet mit vorgefundenen Objekten, oft sind seine Werke von großer Melancholie durchzogen (so sagt es der Pressetext). Am meisten in Erinnerung habe ich von James Elaine die Bohnen, die zwischen alten Buchseiten keimen und wuchern. Im Ausstellungsraum sind Bücherregale aufgestellt, das würde sehr nach bürgerlicher Gediegenheit aussehen, wären da nicht die Bohnen: Sie wurden zwischen Buchseiten gelegt und dürfen sich tagtäglich verändern. Das "tote" Wissen in den Büchern wird von der Natur lebendig gemacht. Andere Bücher haben Wasserschäden, Kunstbücher mit Bildern aus der Renaissance. Es gibt auch Bücher mit an der Sonne getrockneten Tierkadavern. Verfall und was daraus wird ist Elaines Thema - die Bohnen sind eine Ausnahme, sie zeigen einen möglichen nächsten Schritt. Aber auch die zerbrochenen und wieder zusammengefügten Teller und Gefäße vertreten das Motiv Verfall mit einer Wendung ins Positive.

Peter Hujar (1934 - 1987) gilt als der Fotograf der "Aids-Generation" im New York der späten 1970er- und 1980er-Jahre - er hat Künstler, Musiker und Intellektuelle der Schwulen-Szene Manhattans porträtiert. Berühmt geworden ist Hujar durch das Schwarz-Weiß-Foto "Candy Darling on her Deathbed" (1973), das die transsexuelle Schauspielerin Candy Darling (1944-1974) auf dem Totenbett zeigt. Immer wieder hat Hujar Porträts von Leichnamen fotografiert, teilweise mit gegenübergestellten Porträts von Lebenden. Ein Beispiel sind die schon 1963 in den Katakomben von Palermo entstandenen Bilder, die in seinem einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Bildband wiedergegeben sind.

Werke des japanischen Butho-Tänzers Kazuo Ohno (1906-2010) gehen, soweit sie als Fotos oder Film ausstellbar sind, in eine vergleichbare Richtung - ein Film z.B. heißt "Mr. O's Book of the Dead" (1973). Der Butoh-Tanz lässt sich als "Tanz der Finsternis" übersetzen. "Die Toten und deren Vermächtnis sind es, die dem Butoh-Tänzer seine Identität nehmen, den Tanz als Sprachrohr nutzen und so wieder zum Leben finden" (Text aus dem Kurzführer). "Der Augenblick äußerster Müdigkeit", sagte Ohno selbst, "wenn eine extreme Anspannung den Körper wieder aufrichtet: das ist der wahre Ursprung des Butho".

Werkbeispiele von Anohni selbst (geb. 1971) werden, wie gesagt, im zweiten Stock gezeigt. Drei Hauptthemen sind "Paradise", "Exodus" und "Angel of Death". Der Todesengel "weist in eine unsichere Zukunft: Globale Erwärmung, Krieg, Terrorismus und die Ausrottung ganzer Tierarten durch die menschliche Zerstörung der Biosphäre" (Pressetext).

In einer eigenen Werkgruppe werden Anohnis "Gemälde" vorgestellt, die in Enkauistik ausgeführt sind, "eine Technik, bei der erhitztes Wachs als Bindemittel für Pigmente verwendet wird. Anohni schließt auch gefundenes Material in das Wachs ein, sodass die Oberfläche der Bilder geschichtet und zusammengeklebt ist. Manchmal verbrennt und zerstört sie diese Oberflächen auch wieder" (Pressetext).

Ein zentrales Objekt in der Ausstellung ist ein ausgestopfter Eisbär. Er wird ergänzt durch eine Collage (die Anohni bereits auf einem Cover verwendet hat) mit dem Bild eines gerade getöteten, verblutenden Eisbären mit Namen "Swanlight". Durch die globale Erwärmung sind Eisbären vom Aussterben bedroht.

Anohnis Anliegen - teilweise auch das der anderen Künstler, insbesondere James Elaine - wird deutlich und ist durch die Gestaltung der Ausstellung gut herausgearbeitet: ein Bewusstsein zu schaffen für die Zerstörung unserer Umwelt, namentlich den Klimawandel, und die Verantwortung jedes Einzelnen für diese Welt, eine zutiefst humanitäre Mission. Mit Anohnis Worten: "Ich habe meine Vorstellung dieser Welt als 'Paradies' beschrieben und die ihres Verschwindens als 'Exodus'. Ich umkreise den Gedanken der Virulenz unserer menschlichen Spezies in Bezug auf Biosphäre und Biodiversität. Ich frage mich, ob ein Virus sich seines selbstzerstörerischen Verlaufs bewusst ist, und welche Umstände uns dazu bewegen können unseren Kurs zu ändern. Diese Momente sind in der Geschichte beispiellos und ich fühle, dass es meine Pflicht ist, meine schöpferischen Gesten der Erde zu Füßen zu legen, als ein Gebet für ihr Heil."

Der zerbrochene Teller und der Eisbär haben mir den Hinweis gegeben: Diese Künstler*innen sind zutiefst als Heiler*innen tätig. Sie wollen heilen im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: etwas (wieder) ganz machen.
Den Besuch der Ausstellung empfehle ich jedem Menschen, der neugierig genug ist, sich auf besondere Ausdrucksmittel einzulassen zu einem Anliegen, das uns allen gemeinsam ist (oder sein sollte). Im Monat August darf die Ausstellung kostenlos besucht werden.

Weitere Informationen auf der Netzseite der Kunsthalle Bielefeld.

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover, unter gelegentlicher Verwendung der Presse- und Katalogtexte. Bilder, von oben nach unten: Anohni – My Truth. Ausstellungsansicht | Installation View. James Elaine. Photo: Ingo Bustorf; Anohni – My Truth. Ausstellungsansicht | Installation View. James Elaine. Photo: Ingo Bustorf; Peter Hujar, Palermo Catacombs #10 (Girl with Flowers), 1963, © 1987 The Peter Hujar Archive LLC; courtesy Pace/MacGill Galery, New York and Fraenkel Gallery, San Francisco; Kazuo Ohno, Mr. O’s Book of the Dead (still), directed by Chiaki Nagano, 1973, 88 min., Courtesy Kazuo Ohno Dance Studio and Canta Co. Ltd.; Anohni, Green Angel of Death, 2015, Stoff | cloth, Photo: Gunter Lepkowski.


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