Anna Karenina – weitergedacht

v.l.: Roman Schmelzer, Martina Stilp © Christoph Sebastian

v.l.: Roman Schmelzer, Martina Stilp – © Christoph Sebastian

Anna Karenina stirbt ihren vorprogrammierten Tod und wirft sich, wie Leo Tolstoi es in seinem Roman vorgesehen hat, vor den Zug. Davon ist im Volkstheater in Wien aber nichts zu sehen. Der Vorfall wird einzig in zwei knappen Sätzen von Anna Karenina selbst kommentiert – ganz so, wie der Schriftsteller dies in seinem Monumentalwerk auch getan hat. Das Vor-den-Zug-Werfen wird auf der Bühne aber als Entschlafen im Stehen umgesetzt – zurück bleibt keine blutig zerstückelte Leiche, sondern das Bild einer schönen, empfindsamen Frau in Denkmalpose. Dass sich danach aber weitere Dramen ereignen, dafür ist eine textliche Neufassung verantwortlich. Armin Petras schuf eine 2 Stunden und 15 Minuten-Version. Schon einmal ist er tief in den Stoff eingetaucht – nämlich als Regisseur. 2008 erlebte Anna Karenina als Produktion des Maxim-Gorki-Theaters unter ihm seine Uraufführung. Dieses Mal zeichnete Stephan Müller, der hier am Volkstheater schon Clavigo, Antigone und Don Juan inszenierte, für die Regie verantwortlich. Armin Petras kürzte und verdichtete den Stoff auf die drei Ehepaare – deren Krisen Tolstoi als Anlass nahm, um über Liebe und Moral nachzudenken. So kommt es durch die Kombination von Autor und Regisseur dazu, dass die Demonstration großer Gefühle im Zeitraffer ohne jegliches Pathos dem Abend seine Stärke verleiht. Petras reichte jedoch Tolstois Finale nicht. Ganz systemisch denkendes Individuum unserer Zeit überlegte er, welche Konsequenzen der Tod Anna Kareninas wohl in ihrer Familie noch haben könnte. Und kam dabei zu einer dramatischen Schlussfolgerung.

Hyun Chu taucht die Bühne in ein sattes Rot, das sowohl die Plüsch-betonten Salons der Tolstoi-Zeit, als auch das Feuer der Liebe und nicht zuletzt jenes des Eros symbolisieren. Zwei große, verschiebbare Wände – farblich kontrastierend in kühlem Grau-Blau gehalten – werden immer dann kurz eingeschoben, wenn es gilt, drastische Ortswechsel zu markieren. Die zu Beginn sehr humorvolle Inszenierung verdüstert sich, dem Drama geschuldet, im Laufe der Zeit zusehends. Und dennoch wartet der Abend auch mit einer großen Portion Humor auf. Till Firit als tölpelhafter, ruraler Gutsbesitzer Lewin und Kitty, seine zukünftige Frau (Hanna Binder), agieren mit ihrem Text als Stück im Stück wie in einer Dauerkomödie und reißen das Publikum zu vielen Lachern hin. Ganz einmalig dabei die Szene, in welcher sie nach dem ersten großen Liebesablehnungsdesaster wieder zueinanderfinden. Wie Schulkinder befangen, kritzeln sie auf den ersten Blick sinnlose Buchstabenketten mit Kreide auf die Wand hinter ihnen und erklären danach, welche Sätze sich hinter diesen Anfangsbuchstaben verbergen. Es sind die wichtigsten in ihrem Leben, die sie jedoch durch diese humorvollen Übersprungshandlungen mit so viel Witz versehen, dass gar keine großen Grübeleien oder Peinlichkeiten aufkommen. Hanna Binder als energiegeladener Trotzkopf erhält vom Publikum alle Sympathien und mimt glaubhaft die junge Kitty, die nach ihrer ersten Liebesdepression nichts lieber tut als sich in eine Ehe zu stürzen, um den Zwängen in ihrem Elternhaus zu entkommen. Pudding essen soviel sie will und nackt auf dem Balkon sitzen, das ist ihr Ziel, dem sie mit der Hochzeit ein ganzes Stück näher rückt. Dass ihre Ehekrise – so wie die der anderen – schon vorprogrammiert ist, wird nicht nur in einem kurzen Bekenntnis ihrerseits klar, das sie, während sie zum Altar schreitet, dem Publikum mitteilt. Sie ist es, die die Hosen anhaben wird erklärt sie dabei zischelnd, sodass ihr Bräutigam nichts davon zu hören bekommt und hebelt damit jede romantische Eheidee ad hoc aus. So linkisch und unsicher Lewin über den Großteil der Zeit erscheint, so scharfsinnig erkennt er aber auch nicht nur seine Nachteile, sondern auch die charakterlichen Schwächen von Dascha, Kittys Schwester, die bei Tolstoi Dolly genannt wird. Sie hat sich nach all den Seitensprüngen ihres Mannes Stefan in den Trost der Religion geflüchtet und möchte diese nun missionarisch allen Zweifelnden in ihrer Umgebung überstülpen. Susa Meyer verwandelt sich an diesem Abend bewundernswert von einer hassenden und doch liebestrunkenen Ehefrau zu einer rigiden Persönlichkeit, mit der ihr Mann (Patrick O.Beck) seine Ehe weiter aufrechterhalten kann. Beck verleiht dem Charakter tatsächlich jene glatte Harmlosigkeit, mit der es ihm gelingt, unbeschadet alle Höhen und tiefen der Liebe zu überstehen und niemals in die Tiefen der weiblichen Seele zu blicken.

Von den beiden großen Rivalen – Karenin, dem Ehemann Annas und Wronski, ihrem Geliebten, ist es der Erstere, der in der Inszenierung besonders scharf psychologisch analysiert und herausgearbeitet wird. Hin- und hergerissen zwischen Liebe und gesellschaftlich erwünschtem Lebensentwurf ist er ein Gefangener seiner Unfähigkeit, Emotionen zu zeigen. Doch trotz all seiner Grobheiten, die seine Frau permanent verletzen und auch ihn selbst kein wirkliches Lebensglück erleben lassen, kommen ihm am Ende bittere Zweifel ob seines Handelns. Der Vergleich mit einem Bauern, der aus einem vollen Sack Getreide einen Anteil stehlen möchte, und in der Hast und Eile ein Kätzchen dabei in Stücke reißt, macht klar, dass seine Liebe nur ein Nehmen war, welches seine Frau in letzter Konsequenz zerstörte. Michael Wenninger geht in dieser Rolle großartig an der Grenze der Tragikkomik spazieren und fesselt dennoch in einigen Momenten durch tiefe Emotionalität. Martina Stilp als Anna Karenina, nach ihrem Ehebruch und bei Petras Neuinterpretation nach einer Totgeburt dem Morphium verfallen, verwandelt sich ebenso wie ihre Schwägerin Dascha dramatisch. Sie jedoch erlebt eine ganz andere Wandlung, weg von der duldenden Frau hin zu einer selbstbewussten, keine Aussprachen scheuenden und alle Konventionen über Bord werfenden. Dennoch zerbricht sie an ihren selbst gewählten Schicksal. Ihre Haartracht, eingangs brav in Wasserwellen gelegt, danach mit frechem Pagenschnitt versehen und die Verwandlung ihres Kleides – zuerst hochgeschlossen und danach kess schulterfrei – spiegeln ihre eigene Charakteränderung wider. Der Schmerzmittelmissbrauch und die Gewissensbisse ihren geliebten Sohn verlassen zu haben, nagen an ihrer Psyche und bearbeiten sie so, dass Schreiduelle mit ihrem Geliebten und permanente Eifersuchtsszenen ein harmonisches Zusammenleben unmöglich machen. Martina Stilp spielt dabei scheinbar mühelos auf einer reichhaltigen Emotionsklaviatur und wird besonders dort authentisch, wo sie sich selbst als emanzipierte Frau erkennt, die dennoch der Unterordnung unter ihre Männer nicht entkommt. Roman Schmelzer als Wronski, dem relativ bald bewusst wird, dass die Liebe sich rasch wandelt und nichts so bleibt, wie es die Hoffnung vorgaukelte, kann seiner Geliebten Anna emotional nichts entgegensetzen. Er ist aber nicht der Einzige, den ihr Freitod trifft. Nachdem der letzte Satz erklungen, erhebt Karenin eine Waffe gegen seinen eigenen Sohn – Alexander Mayer agiert mit seinen 12 Jahren völlig stressfrei – und nur das abrupte Verlöschen des Lichtes erspart dem Publikum die Fortführung dieses Familiendramas. Eines Dramas, das wir beinahe wöchentlich in der Zeitung nachlesen können. Dann nämlich, wenn betrogene oder verlassene Ehemänner sich nicht scheuen, ihre Kinder und auch sich selbst auszulöschen. Wie Karenin sind es meist Männer, die ihren Schmerz nicht zeigen können, der sie aber in ihrem Inneren so zerstört, dass sie die scheinbare Ausweglosigkeit ihrer Situation nur mit Gewalt lösen können. Verstört lässt dieser Schluss jene zurück, die Tolstois Ende erwartet haben. Jene, für die der Stoff jedoch Neuland ist oder die sich auf das Wagnis des Weiterdenkens einlassen, dürfte die Akzeptanz für das Finale aufgrund der inneren Logik der Gestalt des betrogenen Ehemannes wahrscheinlich keine Mühe bereiten. Zurück bleibt das Gefühl, dass Liebe nur dann überlebt werden kann, wenn man sich von ihr rechtzeitig distanziert oder das Glück hat, sie nie wirklich kennengelernt zu haben.

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