Alles nach Plan

Alles nach PlanIhr! Ihr, die ihr so glänzend, so anmutig im Kummer zusammensteht; ihr, die ihr so eingeübt, so gedrillt die amtliche Träne vergießt; ihr, die ihr genau das mit euren konfusen Reden übertönt, worauf wir lauschen sollten: der Toten Schweigen - ihr, ihr solltet euch schämen! Errötet stellvertretend für euren ganzen Berufsstand. Da steht ihr so keck nebeneinander, einer schwärzer, einer betrüber, konsternierter scheints als der andere, alle aber meisterlich studiert in Trauerfeierlichkeit und vom Jammer bewegten Mienenspiel, fordert beredt Aufklärung, geißelt die Veranstalter und ihre Sekundanten in der Duisburger Verwaltung, greift euch namentlich ein Bauernopfer heraus, welches ursprünglich mal als Bürgermeister gedacht war und vergesst, oder besser: macht vergessen, dass ihr die Verantwortungslosigkeit erst gezüchtet, abgesegnet, gefordert habt. Seid es nicht ihr, sind es nicht eure Kollegen und Parteigänger gewesen, die der Entbürokratisierung und Deregulierung einen inbrünstigen Psalm geschmettert haben?
Schemenhaft erinnert man sich an die gravitätischen Worte mancher von euch. Weniger Regeln, habt ihr gefordert; entreißt den Bürokraten die drosselnde Macht - ein dereguliertes Gemeinwesen sei ein dynamisches Gemeinweisen, wolltet ihr uns weismachen. Weniger Gesetze, weniger Regeln, weniger Bürokratie - und es blühen Arbeitsplätze und knospen Profite. Wir regulieren uns tot!, konnte man lesen; ohne manches Regelwerk ginge es flotter, könne man Wartezeiten und Hürden umgehen. Wer sich für ein regulierendes Gemeinwesen aussprach, für eine Gesellschaft, in der Regeln regeln, der war schnell Anhänger einer antiquierten Blockadepolitik. Reformen!, habt ihr gegrölt - Reformen, Reformen! Ihr seid schon gar keine Reformer mehr gewesen, ihr wart Jünger einer reformistischen Kirche - stets repetierendes Glaubensbekenntnis inklusive.

Dass ihr ein Requiem ästhetisch begeht, ist ja irgendwie einleuchtend. Moral und Ästhetik erweisen sich als kongruent, sind untrennbar verbunden in einer Zeit, da es um die oberflächliche Schilderung ansonsten tiefergreifender Vorgänge wichtiger bestellt ist, als um aufrichtiges Sentiment - wie sonst könnte man auch Trauer sichtbar machen, wenn nicht in schwarzer Robe, aufgesetzter Leichenbittermiene und einem mitfühlenden Händedruck? Es bedarf dieser Ästhetik der Trauer, wenn es auch so aussehen soll, als ob ehrlich getrauert würde - ohne Formgefühl, ohne Schönheitssinn entfaltet sich das fingierte Mitgefühl nur schläfrig. Ohne die ästhetische Darbietung der Trauer, untermalt mit geschmackvoller Musik und schmucken Reporterphrasen, kann die unaufrichtige Aufrichtigkeit der Berufstrauernden nicht erkannt werden. Es ist jene selbe Ästhetik, die von der Kommune angestellte Sargträger, Friedhofsangestellte folglich, walten lassen, wenn sie den Holzbehälter in die Erde hinablassen, sich danach aufrecht hinstellen, nochmals die Schirmmütze abnehmen, einen kleinen Bückling Richtung Grube vollziehen, um eine letzte Ehrerbietung zu zollen, danach würdevoll einen Schritt zurücktreten, um von dannen zu ziehen - gäbe es diese Ästhetik nicht, dieses feierlich dargebotene Ritual, würde der Sargträger vermutlich so aussehen, wie seine augenblicklichen Gedanken: lächelnd, ob der Erinnerung an seine nackte Gattin, oder verärgert, ob der Niederlage seines Fußballvereins - oder andersherum. Ohne einstudierte Ästhetik bliebe die Oberfläche, die so aussehen soll, als fühlten und trauerten da welche mit den Angehörigen, nicht realisierbar.
Bis hierher ist das alles also nachvollziehbar. Unerträglich bleibt es dennoch, wenn man diese Mechanik der beschwingten Kümmernis erst einmal durchschaut hat. Geschenkt, dass ihr so auftretet - man verlangt es ja von euch; der Wähler ist dumm genug um zu glauben, dass die Richtlinienkompetenz sowas wie die Fähigkeit zur Anteilnahme, zur herausgepressten Zähre ist. Wer von solchen Kleingeistern gewählt sein will, sollte sich demnach in Trauerzeiten gewählt ausdrücken können. Es läuft ohnehin genügend Trauerpersonal umher - nicht nur Sargträger! -, Leute mit ästhetisch aufgedonnerten Trauergebaren, die mehr an Optik als an Einfühlungsvermögen interessiert sind - da kommt es auf euch auch nicht mehr an! Aber diese Ästhetik damit zu verwechseln, die Duisburger Behörden, Bürgermeister Sauerland zu verurteilen - das ist schon wieder unästhetisch, weil es die eigentlich beabsichtigte Vertuschung eurer Heuchelei, die ja das eigentliche Motiv dieser Trauerästhetik ist, nun doch zum Vorschein bringt. Und es ist überdies unsolidarisch, ein ganz treuloses Benehmen!
Was haben die, für die exemplarisch Sauerland steht, eigentlich getan? Dereguliert haben sie! Unbürokratisch standen sie ihren Kunden gegenüber! Habt ihr das nicht immer gefordert? So eine Gesellschaft wolltet ihr doch. Ihr habt davon geträumt, dass man eines Tages auf eine Behörde gehen könne, ohne auf Blockadementalität zu stoßen. Für Umweltschutz seid ihr immer gewesen - wenn er nicht behindert; für soziale Sicherheit auch - wenn sie nicht blockiert; für Sicherheitsstandards müsse man einstehen - sie darf die Dynamik nur nicht versperren. In Duisburg hat man sich das ganz offensichtlich zu Herzen genommen, man wollte vorbildlich sein - Sicherheitsvorkehrungen: ach was! Wird schon gut gehen! Wir sind da ganz unbürokratisch, liebe Veranstalter, kommt nach Duisburg, da geht was! Wir sind nicht wie dieses lahme Bochum, denn wir sind vorbildlich dereguliert. Effizient war Sauerland, blockadefrei, er und sein Team haben der Dynamik die Dynamik belassen - Ausbremser gab es ja genug: habt ihr doch selber immer gesagt! Sauerland und seine Kamarilla sind Macher; sie haben gemacht, was ihr lange genug in eurem Wahn gepredigt habt. Endlich mal Behörden, die keinen Stunk machen, haben sich die Veranstalter der Loveparade wahrscheinlich vom Glück übermannt gedacht: endlich mal kein Aufhalten mit Sicherheitsblabla, keine ausgiebigen Planbesprechungen, keine Wichtigtuerei seitens eines Paragraphenhengstes; endlich mal steht unser Profit im Mittelpunkt, haben sie vermutlich ihren Denkvorgang beschlossen - das sind die Segnungen des deregulierten, entbürokratisierten Gemeinwesens. Endlich haben die es kapiert, wie man in der modernen Gesellschaft mit Kunden umgehen muß, haben sich die Freunde des gepflegten Humtata gedacht.
Ihr! Da steht ihr nun, ästhetisch fein rausgeputzt, eventuell sogar mit einer Träne im Augenwinkel - die ganz hohe Kunst des einstudierten Mitfühlens praktizierend! Einer übergroßen Trauergemeinde steht ihr vor - dabei seid ihr mitverantwortlich. Saubermänner und -frauen, im Kummer vereint. Hätte es in Duisburg geklappt, wäre niemand zu Tode gekommen und hätten die Macher der Loveparade euch überschäumend berichtet, wie hilfsbereit und unkompliziert es auf Duisburger Behörden so abläuft, ihr hättet Sauerland an den Telefonapparat zitiert. Gratuliere, Herr Kollege, hättet ihr gesagt - vorbildlich! Sie haben verstanden, worauf wir schon seit Jahren hinauswollen! Sie haben begriffen, was diese Republik braucht: keine Blockadeköpfe, keine Betonschädel - wir brauchen kundenorientierte Macher, dynamische Verwaltungen, die sich nicht mit Firlefanz aufhalten. Sicherheit ist zwar wichtig, aber der freie Markt, der hier als Veranstalter der Loveparade in persona vor Ihnen stand, regelt solche Dinge doch wesentlich effektiver, quasi nebenbei. Sauerland!, hättet ihr wie ein Drill-Sergeant eines schlechten amerikanischen Spielfilms in den Hörer gebrüllt, Sauerland, großartig gemacht! Weitermachen!
So wäre er euer vorbildlicher Schüler geworden. Blöd nur, dass das Unglück dazwischenkam, dass man nun von euch erwartet, diese moderne, diese unkomplizierte, ungekünstelte Verwaltung zu verurteilen. Verantwortungslosigkeit sollt ihr Sauerland und den Seinen nun unterstellen. Dabei ist es genau diese Verantwortung, die die Deregulierer und Entbürokratisierer gerne abgegeben haben wollten - die sollte ja planmäßig auf dem freien Markt landen, damit der freie Unternehmer, strotzend vor Vorantwortungsgefühl, sie aufgreift und übernimmt. Natürlich waren die Duisburger Behörden verantwortungslos - denn genau so war es doch vorgesehen; eine moderne Verwaltung darf keine Verantwortung übernehmen, wenn sie denn modern, wenn sie denn von euch honoriert werden will. So habt ihr es wieder und wieder vorgebetet. Und nun würdet ihr diesen Umstand tadeln? Sauerland war verantwortungslos: das ist richtig! Ihr habt diese Art von Verantwortungslosigkeit herangefüttert: das wäre allerdings auch richtig! Ein Bauernopfer letztlich, das zurücktreten soll, damit ihr weiterhin ungeniert von Deregulierung sprechen könnt - wenn er zurücktritt, dann holt ihr ihn euch doch noch ans Telefon: Sauerland, gut gemacht, sie haben das Projekt gerettet! Vielen Dank auch!