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Im Zirkus ist der Löwe los!
Von Günter Verdin
Sommerferien! Kein Wort löst in Kinderköpfen mehr und schönere Gedankenverbindungen aus: Wasser, Sonne, Himbeereis , Abenteuer ... Sommerferien, das ist wie ein Zirkus mit Superprogramm bei freiem Eintritt. Ich fahre in den Sommerferien gerne für ein paar Tage an den Tatort meiner Kinderstreiche zurück, in ein kleines, schmuckes Dorf in Niederösterreich. Auch heute schwirrt es hier nur so von unternehmungslustigen Knirpsen, einheimischen wie Touristenkindern, und die Luft ist voller Abenteuer. Und manchmal geschehen die unglaublichsten Dinge.
Der Zirkus gastiert im Dorf. Es ist einer jener Wanderzirkusse, die täglich mit harter, aber ehrlicher Artistenarbeit um ihr Weiterbestehen kämpfen. In einem solchen Familienunternehmen müssen auch schon die Kleinsten trainieren und sich auf ihre Auftritte in der Manege vorbereiten. Sie toben jetzt noch als Mini-Clowns durch die Manege, später werden sie wie ihre älteren Geschwister größere Aufgaben übernehmen. Dieser Zirkus trägt den verheißungsvollen Namen „Tohuwabohu“ und bietet ein schräges, lustiges Programm voller phantasievoller Einfälle. Gänse reiten auf Ponys, zwei wunderschöne Schimmel tanzen Wiener Walzer, und der Zirkusdirektor tritt unter anderem auch als Wort-Akrobat auf: er lässt sich von den Besuchern Begriffe zurufen und macht dann spontan kleine Gedichte daraus. Zum Beispiel: Sommerferien.
In den Sommerferien
Fahr ich niemals nach SCHWERrin.
LEICHT ist die Reise nicht dahin,
deswegen besuche ich mal Wien.

Es gibt immer viel Applaus für diese Art der sorglosen Blitzdichterei, aber den größten Beifall bekommt immer Franz, der Sohn des Zirkusdirektors. Franz balanciert mit dem Fahrrad auf dem in mittlerer Höhe gespannten Seil, was von den meist sehr jungen Besuchern atemstockend verfolgt wird. Wenn Franz dann aber noch mit dem Tretross über seine auf dem Seil liegend balancierende Schwester springt und auf der anderen Seite sicher aufkommt, da kennt der Jubel der Anerkennung keine Grenzen mehr.
Da es sich schnell herumspricht, wenn ein Zirkus etwas Besonderes zu bieten hat, anregende Artistik zum Beispiel, angesichts welcher die Sensation erst im Kopf des Zuschauers entsteht, ist das Zelt von „Tohuwabohu“ immer bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wo kommt der Löwe her?

So auch heute wieder: der Zirkusdirektor bedient die Stereoanlage – eine richtige Band kann sich das Unternehmen nicht leisten -, Trommelwirbel vom Band erklingt, und Franz setzt mit seinem Fahrrad wieder einmal zum Sprung an. Da erklingt durch das Mikrofon eine grelle entsetzte Stimme: „Der Löwe ist los! Der Löwe ist los!“ Franz fällt vor Schreck fast vom Seil. Und ehe der Zirkusdirektor noch rufen kann: „Wir haben doch gar keine Löwen!“, rast die Bestie bereits in die Manege. Die Kindern laufen in Panik laut schreiend aus dem Zelt. Der Zirkusdirektor schlägt verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen. So ein Vorfall kann ein Unternehmen ruinieren, denn das Gerücht macht schnell die Runde, dass die Sicherheit der Besucher nicht garantiert sei. Nur Franz behält kühlen Kopf. Erst hilft er seiner Schwester vom Seil, und dann stellt er sich kühn vor die Bestie und gibt laut und bestimmt den Befehl: Sitz!“
TEIL 2 der Geschichte
Samstag, 7. August 2010Im Zirkus ist der Löwe los Teil 2
Was bisher geschah: Während der wie immer gut besuchten Vorstellung des Zirkus „Tohuwabohu“ ertönt durch das Mikrofon eine grelle entsetzte Stimme:“Der Löwe ist los! Der Löwe ist los!“ Die Kinder verlassen panikartig das Zelt, obwohl der Zirkusdirektor ihnen nachruft:“Wir haben doch gar keine Löwen!“ Da rast die Bestie auch schon in die Manege. Nur Franz, der Sohn des Zirkusdirektors, behält einen kühlen Kopf. Er stellt sich vor die Bestie und sagt:“Sitz!“
Die Bestie erstarrt wie verwundert. Dann bequemt sie sich auf den Hinterbeinen Platz zu nehmen. Beim Löwen heisst es natürlich Hinterläufe. Aber Franz hat schnell erkannt, dass der Löwe nur – ein Hund war. „So,“ sagt Franz, jetzt nehmen wir den schrecklichen Löwenkopf einmal ab .“ Zum Vorschein kommt der treuherzige Blick eines jungen Schäferhundes. „Und jetzt,“ sagt Franz gütig, “gibt es erst einmal eine Knackwurst, und dann spielen wir Kommissar Rex. Bei Fuß! Und wo ist denn dein Herrchen?“ Der Hund trabt ergeben vor Franz her, in Richtung des Nachbardorfes. Bei einem Busch am rechten Wegesrand jault „Rex“ erfreut auf und wedelt wie verrückt mit dem Schwanz. Hervor kommt ein ziemlich zerknirschter Junge, ungefähr so alt wie Franz. Der schuldbewusste Knabe heisst Roman und dementsprechend hat er sich folgende Geschichte ausgedacht: der Zirkus seines Vaters hat den Namen „Spinelli“ und gastiert im Nachbardorf. Der Zirkus ist immer leer, weil die Konkurrenz von „Tohuwabohu“ so groß ist. Roman wollte also mit seinem bösen Streich dem Ruf des Kontrahenten schaden, um das Publikum ins Nachbardorf zu locken. Franz ist entsetzt: „Wir Zirkusleute sollten doch nicht gegeneinander kämpfen. Ich glaube immer noch daran, dass wir Artisten hart, aber ehrlich arbeiten.“ „Wir haben doch auch ein tolles Programm.“ meint Roman verzagt, „ aber alle reden nur von deinem Fahrrad-Balance-Akt, und nicht von unserer Löwendressur: unser Hund nimmt das spielerisch, er hat sich an den Löwenkopf gewöhnt und springt sogar durch brennende Reifen.“ Franz und Roman regeln die Sache wie unter Männern. Roman verspricht mit großem Ehrenwort, nie wieder so ein Ding zu drehen. Und Franz beruhigt seinen aufgebrachten Vater. Er überzeugt ihn sogar davon, dem Konkurrenz-Zirkus mit einer Gutschein-Aktion beim Kartenverkauf zu helfen.
Auf meinem Spazierweg von einem Dorf zum anderen trotten mir zwei Jungen und ein Schäferhund entgegen, der einen täuschend echt aussehenden Löwenkopf aus Pappmaché im Maul hat. „Na,“ frage ich launig, wie Erwachsene nun einmal sind, „habt Ihr den Löwen besiegt?“ „Noch nicht ganz.“ antwortet der eine Bub. „Denn der grimmigste Löwe wütet in uns drinnen: es ist der Neid.“ „Alle Achtung,“ sagte ich, „willst Du einmal Philosoph werden?“ „Nein,“ sagt der Junge, „ganz bestimmt nicht. Ich werde Zirkusdirektor.“