✰ Ali Smith – Es hätte mir genauso

51GVQBLepOL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_AA300_SH20_OU03_Es passiert nicht oft, dass mich ein Buch dermaßen ratlos und auch verwirrt zurücklässt wie dieses. Bin ich am Ende wieder am Anfang? Oder umgekehrt? Was genau ist da auf den letzten Seiten eigentlich passiert? Was ist dabei mit mir passiert?

Hätte Gen Lee anders reagieren sollen, als sich auf einer ihrer Dinnerpartys einer der Gäste nach oben stiehlt und sich im Gästezimmer einschließt? Aber wie hätte sie denn damit rechnen können? Wie unwahrscheinlich ist es denn, dass genau so etwas passiert?

Und doch passiert es. Miles Garth macht es. Er geht in einem fremden Haus die Treppe hoch – noch glauben alle, er würde die Toilette benutzen – und schließt sich im Gästezimmer ein. Niemand kennt ihn, und auch Mark, der ihn zur Party mitgebracht hat, kennt ihn im Grunde genommen nur flüchtig. Trotzdem bringt er ihn mit – vielleicht weil er selbst die Gastgeber nicht kennt, vielleicht aus einer Laune der Abenteuerlust heraus – wir werden es nicht erfahren.

Miles weigert sich, aus dem Haus der Lees zu verschwinden, stellt sogar ganz unverschämt Forderungen für seine Verpflegung – er ist Vegetarier. Er bleibt einfach. Tage. Wochen. Monate. Und strapaziert dabei die Nerven seiner unfreiwilligen Gastgeber bis zum Zerreißen.

In ihrer Not wenden diese sich an Anna, eine entfernte Bekannte von Miles, doch auch sie kann nicht weiterhelfen. Denn auch sie kennt Miles nicht wirklich. Niemand scheint Miles zu kennen. Er ist wie ein Geist, wie Nebel; er ist da, aber nicht greifbar.

Mit der Zeit wird das Haus der Lees immer mehr zu einer Pilgerstätte. Wildfremde Menschen zelten hinter ihrem Haus und warten täglich auf ein Lebenszeichen von Miles. Warum sehen sie gerade in ihm eine Art Heilsbringer? Weil er eine unsichtbare Grenze überschritten hat, etwas getan hat, dass man ganz „einfach nicht tut“?

Bemerkenswert bei Ali Smith Roman ist dabei, dass sie sich so oft von Miles entfernt, dass man ihn fast schon vergessen könnte. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von vier Figuren, die alle höchstens am Rand mit Miles in Berührung kommen. Anna hat Miles vor vielen Jahren auf einer Europareise kennengelernt und seitdem nur sporadischen Kontakt zu ihm hat; Mark hat Miles zur Party mitgebracht, kennt ihn aber auch erst seit wenigen Tagen; May scheint keinerlei Verbindung zu Miles zu haben, sie ist eine demente alte Dame, die im Heim lebt; und letztendlich Brooke, die altkluge, wissbegierige Tochter der Nachbarn, die trotz ihrer neun Jahre die Klügste von allen ist. Um sie dreht sich der Hauptteil der Geschichte, und dann doch immer wieder um Miles. Denn der sitzt ja im Zimmer – und in meinem Hinterkopf. Ständig. Bei allem frage ich mich „Was macht Miles?“.

Mir bereitet die Vorstellung, jemand könnte sich einfach so in meinem Leben einnisten, Gänsehaut. In meinem Zuhause, meinem Nest. Ohne mir eine Erklärung für sein Verhalten zu liefern. Mich so hilflos und abhängig machen. Würde ich letzten Endes genauso handeln wie Gen Lee oder die Tür aufbrechen und ihn an den Haaren aus meinem Haus schleifen? Passiv sein oder aktiv handeln?

Es hätte mir genauso wühlt auf, wirft Fragen auf, hat leise und laute Töne. Unterhält und macht nachdenklich. Lässt mich lachen und weinen.

Genauso muss Literatur sein.


Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag
Oktober 2012
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Originaltitel: There But For The
ISBN: 978-3-630-87312-1
5sterne


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