ALI Karl Wilhelm Keul, gefallen als SS-Mann bei Weimar

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ALI (Karl Wilhelm Keul 1917- gefallen am 11.4.1945 bei Weimar als SS-Mann). Seine Geschichte
Einige Bilder
Familienbild 1923: Ali mit Roland ganz rechts sitzend. Sein Vater ganz oben links. Seine Mutter dritte von links
Der Vater Karl Keul und die Mutter Friederike:
Ein Brief von Ali nach Hause nah Schässburg 1943:
ZU SCHÄSSBURG GEHÖRT IMMER AUCH ALI
S. 60
Tor des Stundturms aus dem14.Jhdt. Aufstieg zur Burg
Schässburg. Stundturm aus dem 14.Jhdt
Mit dem Paulinus-Haus 15. Jhdt.
S.
Schässburg: Zinngiesserturm (14Jhdt.), Pfarrhof, Bergschule (1901) und Bergkirche
(13./14.Jhdt.) Foto: Joachim Fabini
([email protected]);
S. 84
Schässburg. Zinngiesserturm mit Stadtmauer am Pfarrhof , 14. Jhdt.
Vorgesehen als „Poetenstübchen“
S. 55
Schässburger Klosterkirche (1298; 1492-1508),
deutsch-rumänische Hochzeit 2003
S.88
Schässburg. Das „Knopphaus“ aus dem 16. Jhdt. in der Schanzgasse.
Heute renoviert und Sitz des „Interethnischen
Jugendbildungszentrums“. Im Hintergrund die Katholische Kirche.
S. 116
S. 100
Schässburg. Ehemalige Apotheke „Zur Krone“ Inh.Capesius.
Die Apotheke „Corona“ gab es schon im 17. Jhdt.
S. 161
Schässburger Synagoge (1903)
Werk der Tapisseriekünstlerin K. Theil mit drei westlichen
Teufeln, die ein ordinäres Weib verführen
S.57
Mein Elternhaus, das lange Jahre von Securitateleuten
bewohnt wurde
S. 90
Mein Geburtshaus, das „Baruchhaus“ (18.Jhdt.)
in der Baiergasse 49
S. 158
Rechts das „Baruchhaus“ (18.Jhdt.)
S. 158
Die Bauruine des „C.E.C“-Gebäudes mit Leerfläche,
wo einst die von Ceauşescu abgerissenen alten Häuser
standen. Im Hintergrund die Burg.
Zu S. 49
Die Innenstadt von Schässburg, rechts mit der ehemaligen
Schnittwarenhandlung A.V. Hausenblasz
S. 63/64
Elisabeth schrieb:
Was für ein wunderbares bild diesen jungen strahlenden mannes! es ist so ein wahnsinn, solch ein verbrechen der krieg mit all seinen schrecklichen, so sinnlosen, menschenverachtenden seiten, der verblendung und den tod den vielen auch so jungen menschen brachte...
Ich kann mir vorstellen,dass du diesen onkel sehr gemocht hast.
Es ist so viel gestern gewesen, in hottelstedt und auch in E.
Herr Ewers hat sich viel zeit genommen, und man merkte auch, dass es ihm gefiel, dass sich jemand für sein kenntnisse und in gewisser weise auch sein lebenswerk interessiert.
Dumm ist,dass ich die karte nicht ins kartenlesegerät bekomme und dir nicht die bilder gleich schicken kann. Ich muß morgen jemanden um hilfe bitten Ich schick dir dann die erklärungen.
Und morgen ist der Todestag von deinem Onkel Ali und des anderen jungen SS-Mannes, der mit ihm zusammen gefunden wurde.
An diesem tag kamen die amerikaner von westen her auf den beiden straßen dem dorf entgegen und schossen auf alles, wovon sie widerstand erwarten konnten, eben auch auf die beiden windmühlen, von der eine am eingang des dorfes in richtung Ballstedt stand, dort, wo wir mit dem auto aus dem ort zum hotel und am 18. wieder hineingefahren sind (fotos). Die Hottelstedter waren gar nicht begeistert über die amerikaner. Auf der kirche war über der wetterfahne ein hakenkreuz. Einige frauen waren ja auch mit SS-Leuten zusammen, die dann auch im ort wohnten. Der erste lagerkommandant wohnte auch im ort, vor diesem haus hatten die amis diese 30 ss-männer zusammengetrieben (foto). bei der durchfahrt der panzer wurde auch der eine flügel des kriegerdenkmals abgerissen (foto).
Und das grab: es ist ein ganz flacher hügel zu erkennen, leider neben dem abfallcontainer. die bilder sind nicht so richtig gut, weil die sonne in diesem moment einen ungünstigen schatten der hecke warf. und auf dem streifen der wiese, der sich links von dem hügel hinzieht, waren alles die gräber der ss-leute.
Begraben haben diese männer die frauen des dorfes. Sie mußten ihnen die erkennungsmarken abnehmen und eine eidesstattliche erklärung abgeben, dass sie sie begraben haben. die marken wurden nach weimar gegeben...wohin?
Die gräber und das kreuz mit den beiden namen sind 1986, als die gedenktafel an den todesmarsch aufgestellt wurde, eingeebnet worden, weil man die beiden dinge nicht miteinander bestehen lassen wollte/konnte.
Es tut mir so leid, dass ich das kästchen nicht fotografiert hab. es war ein schmuckkästchen, dass ich mit schönen, würdigen engelsbildern oben, unten und innen beklebt hab, und hab das keramikkreuz mit dem lederband hineingelegt. Meinen kurzer text war doch bei dem gedicht dabei, so wie du es mir geschickt hattest, hab dann noch handschriftlich meinen vornamen druntergesetzt.
Ja, morgen, an einem herrlichen tag wie heute, fand er den tod dort. Und wenn man sichs vorstellt: seine knochen liegen sicher noch unter diesem hügel.
Wir gingen dann noch in Buchenwald ins informationszentrum, ich wollte sehn, ob der C. vielleicht inzwischen angeschafft wurde - leider nicht. Ich hab nochmal angefragt, bei der mit-leiterin, die von damals war leider nicht da. Wir sollten uns nochmal kümmern. Gibt es so etwas wie ein kurzes exposé, das wir hinschicken könnten? [email protected] Soll ich das machen? und wenn ja, schreib mir, wie man das professionell macht.
Wir konnten der versuchung nicht widerstehn, einen kurzen abstecher in die Weimar-Stadt zu machen, du, ich sag dir, wunderbar, sehr sehr schön. Ich war wohl als jugendliche mal dort gewesen....
13.4. 2011. Wieder scheußliche Träume. Diesmal eine Zelle, wo ein Kumpan, ohne mich im Bett lag. Ich war verhaftet und frei zugleich, wie K. im Prozess. Und solche Traumszenen, an die ich freilich glaubte. Eigentlich sollte ich verhaftet sein, war aber unerklärlicherweise frei. Dann doch als Gefangener in einer Begegnung mit der rumänischen SS, die mich fragte, was denn mit mir sei. Doch es lässt sich nichts erzählen, es sind nur Gefühle und halbvergessene Bilder, eine Art sprachloser Zustand.
Nachts wieder ganz durcheinander, und voller Ängste. Etwas hat sich verändert, aber was ist wirklich mit mir los?
Dass mein einziger tiefer Lebenshalt, das Schreiben nicht mehr hilft, und ich nur mit dem mit mir nicht mehr und nie mir gehörten und ich zugehörten „Realen“ allein leben muss, dass es nur wehtut, mit Tod und Angst und Alter droht? Kein Trost mehr? Die Liebe? Aber auch die will Zukunft!
Dass ich nirgends mehr dazu-gehöre, auch mit meinen Büchern nicht. Ich nirgends mehr erinnert werde, als wäre ich schon tot?
Und dann musste ich an Alis Grab denken, habe ich es von Elisabeth erhalten?
Sie spricht davon. Ja und hier ist es, sie ist ja so wahninnig lieb und ist extra nach Hottelstedt gefahren, um es aufzunehmen:

Ja, als er noch lebte, vor 70 Jahren, wie ihn das Bild zeigt.
1934.
Was dem Großvater am meisten Sorgen bereitete, das war unser Tallo, der Töffti. Der war doch sonst so forsch, wenn er "die Männer" des Coetus beim Skobationsfest, bei den Aufmärschen mit der Blasia streng anherrschte: „Wer spricht da im Glied!“
Aber sehr ungeschickt, abwesend war der Tallo. Lag oft im Braten. Und die zogen ihn dann auf, die älteren Geschwister; vor allem dieser Fratz, die schnippische Eri, sonst ja seine Lieblingsschwester, die Schnuck, aber auch der sarkastische Hermann, sonst verträglich, der Hamuker, zog ihn auf. Und dann wettert unser Töffti los, stampft mit den Füßen auf, leicht unartikuliert wütend, als hätte ihm jemand seine offnen Nervenenden berührt. „Er ist ein Schwieriger“, seufzt der Tierarzt. Trabt schnaubend und prustend davon, wenn sie ihn ärgern, trabt über die Katzenköpfe des Hofes in die Baiergasse, manchmal mit der Agnethler Kleinbahn, die der Richtung Post zu faucht und pfeift, um die Wette, es kaum schafft; da hat er wenigstens einen "Überlegenheitsspaß", sagte er.
So gemütlich ist ein Schässburger Frühnachmittag. Und dem Jungen kommt wieder sein sonniges Lachen, wenn er die dunkelblaue Mütze mit den Oktavafarben abnimmt und Bekannte grüßt; verraucht ist der Zorn af des Schkäpsen, seine Schwester und det Schwenj, seinen nüchtern überlegenen Bruder. Was die sich einbilden! Als er ins Lager zog... Gut, dies Lager zur Ertüchtigung … gegen dies Weiche und Verträumte in uns, sehr gut. Zum futtern nach schwerer Arbeit, also Bewässerungsgräben ausheben bei Trappold, gestählter nackter Oberkörper, "Arbeitsmänner" marschieren mit geschultertem Spaten in Reih und Glied, haben ein fröhliches Lied auf den Lippen.
Heute wollen wir marschiern,
einen neuen Marsch probiern,
übern grünen Westerwald
ja da pfeift der Wind so kalt...
Oh, du schöööner...
Vor allem dieser kleine Affe, die Eri, verspottete ihn, Kinder sind ja grausam: sie ist so ganz anders, als hätte sie den Veitstanz, lacht sie und quieckt, flettert und macht alle nach, ist ein Irrwisch; Tallo hatte seine Initialen (Karl W. K.) auf die nach Vorschrift eingepackten Lebensmittel geschrieben: „K.u-K.-Bonen.“ Die Geschwister gaben ihm alle möglichen Spitznamen, Töffti, Tallo, Ali. Und unser Irrwisch spottete: K. und- K.-Bonen, kaiser-königliche Bohnen, und führte dazu einen Indianertanz auf.
Dabei sollte diese Göre wissen, was wir Männer leisten, denkt der arme Töffti: Das greift ans Herz, Lied und Vogelstimmen, und gesunde Oberkörper, wie die Zukunft leuchtet auf dieser Lichtung. Kameradschaft. Gemeinschaft, da gehört jeder dazu, sogar die Stupsnase, das hässliche Gesicht, das Schielen, die hervorstehenden Backenknochen – all das wird geläutert, wenn der Mann in der Formation erscheint, hier im Spiel wird sogar die Säufernase plötzlich rein¬ gewaschen vom Morgen, alles Jüdische, alles Asiatische ver¬schwin¬det. Vielleicht geerbt? Jede heimliche Schuld der Ahnen, die einer im Blut mitzuschleppen hat als vielleicht unglückseliges Erbe, das ihn unrein, minderwertig machen könnte. Manche sind vielleicht kör¬perlich etwas behindert und leiden seelisch unter den unglückse¬ligen transsylvanischen Depressionen, wohl ein Erbe unserer jahr¬hunderte¬alten Inzucht.
Unbeschreiblich tief greift es ins Gemüt, das es aufwühlt, so dass die Tränen locker sitzen: Heil, heil, heil möchtest du immer rufen: als Teil dieses zuchtvollen Einmannwesens, das wir sind, wenn wir soldatisch stramm und nicht in der Masse, dem Sauhaufen stehen, wenn es in uns hineingreift wie ein tiefer heiliger Gehorsam, mitschwingend im Herzen, nicht im trüben, nein im geläuterten bewussten Willen, der gestählt alle deine Glieder durchdringt, und du dich straffst, spürbar im Marsch, wenn es deine Beine hochreißt, wenn es dich dabei durchrieselt im Entzücken, dazuzugehören im Rhythmus des einen Taktes, den kosmische Wellen zu durchzucken scheinen, unbeschreiblich in der Größe, unsichtbar im heiligen Mitmarschieren für die Idee, Teil der Idee.
Auch der Strom dieser Reden aus dem Reich, der uns durchgießt, der uns erhebt, ist unbeschreibliches Entzücken, erhoben zu sein, ein Sein zu sein, als solches: ein Sein hocherhoben im Strom des Deutschseins, wir, sonst ausgeschlossen in der fernen Heimat, nun zum Reich und zu seinem Führer und zu seinem Volk zu gehören.
So dachte Tallo, auch Hermann, der Nüchterne, begann so zu denken, vor allem aber Roland lief es kalt über den Rücken, wenn ihn diese Idee ergriff, dann spielte er wild auf dem Klavier ... Wagner vor allem, aber auch die Marschlieder!

Erstaunlich, dass sich in einem Verschlag des Holzmarkthauses noch Fotos und Fotoalben und alte Zeitungen befanden, Agapie zeigte sie mir stolz, ich könne sie natürlich mitnehmen, wenn ich wolle. Ich wollte. Und ich sah begierig diese alten Fotoalben an (sie waren bei der überstürzten Aussiedlung vergessen worden), las Zeitungen, las vergilbte Familienbriefe aus alten Kartonschachteln, aus Schuh- oder Schokoladeschachteln und Koo-i-noor-Büchsen; nahm Fotos aus einer Blechdose, auf der Kinder mit Tschakos und Holzschwertern hintereinander hermarschieren; abgebleicht freilich die Dose, mit Kratzern auf der Farbe, daraus zog ich wie beim Zaubern das bekannte braunblasse Großvaterbild hervor: Karl K. saß als kaiserköniglicher Offizier auf einem Schimmel, war ein Herr, saß aufrecht im Sattel; auf einem Klepper neben ihm der Bursche; Galizien 1917. Winzige Negative in der Koo-i-noor-Schachtel, oder Faschingsfotos aus den dreißiger Jahren, gelblich, die Umrisse kaum erkennbar, wie Geisterbilder – schwebend, leise Stimmchen schienen hörbar zu werden, schienen hervorzukommen, auch die Figuren wurden lebendig; im Zimmer ein Rumoren wie zu Hause: Ich sah das Herrenzimmer am Holzmarkt, es muss 1934 gewesen sein, Frühjahr, Mutter mit dickem Bauch auf dem Eckdiwan. Ich muss wohl im Kommen gewesen sein – um sie herum die Großfamilie, Onkel Ali, der Töff, im dunklen Anzug mit Gerda, der Nichte der Mitzmother, auch sie elegant, als die Jüngsten in der Familienrunde hocken die beiden auf dem Boden, Töff und Gerda nun schon lange tot, tot auch mein Vater, der hinter ihnen saß, eine dicke Hornbrille entstellte sein Gesicht; dann Franzonkel, Hildetante, die Bistritzer Verwandten, Großvaters Geschwister, Friederike ganz jung und mit Konch, die Heidelischen, Gustitante und Hermannonkel traut vereint nebeneinander; am grünen Kachelofen lehnte Rozsika, die Székler-Magd, nur ein Schatten ist von ihr zu sehn; auch die Bibliothek ist nicht erkennbar. Alle sind tot, außer ... dem damals noch ... Ungeborenen...
„Aber wir haben mitmachen müssen“, höre ich diese Stimme, „es gab keine andere Möglichkeit. Bitte, ich war Freiwilliger, natürlich, bin desertiert aus einer Armee in die andere… ich bin ja 41 bei der zweiten Tausendmannaktion aus meinem rumänischen Studienurlaub verkleidet über die Grenze, in verhängten LKWs; wir haben uns der Division „Das Reich“ angeschlossen, die aus dem Serbienfeldzug kam. Wir haben sogar in Temesvar schon in Zivil Wachdienst geschoben für die deutsche Wehrmacht, ein Gefangenenlager bewacht, und das mit deutschen Gewehren, die deutschen Brüder haben wir entlastet, weil die überfordert waren im Wachdienst. Aber es ging damals schon alles drunter und drüber, und wir Siebenbürger waren damals schon eine Art Staat im Staat…
Schon als junger Mann stiess ich auf die Reichsgedichte meines Großvaters, die völlig in meine Kerbe schlugen. Wir Siebenbürger waren ja immer prudentis et circumspecti. Nicht wahr. So sind wir ja in die Geschichte eingegangen. Aber in dem Augenblick, 1940 eben, da gabs nichts, da wurden wir hingerissen…“
„Ja, auch in Auschwitz waren doch vor allem Volksdeutsche.“
„Fast nur, fast nur! Und in der SS waren sowieso ein Drittel Volksdeutsche, ein Drittel waren andere Europäer. Und nur ein Drittel waren Reichsdeutsche am Ende des Krieges.“
„Sag, weißt du etwas von Töff, dem Tallo, dem Onkel Ali.“
„Ich hab ihn zum letztenmal 42 in Stralsund getroffen. Wir waren in derselben Kaserne. Er war dort Rekrut. Er war dort als Freiwilliger. Er hat sein Studium unterbrochen und war nachher bei der SS-Wehrgeologen-Kompagnie. Aber in Stralsund machte er seine Rekrutenzeit mit. Und es ging ihm gar nicht gut. Es machte ihm keinen Spaß. Es machte ihm keinen Spaß.“
Und die gestoppten Gesichter, zum Beispiel von Onkel Ali, der auch Töff hieß und jetzt– nur noch ein Foto? Darauf der Doppeladler: Montanistische Hochschule Leoben. Und seine Unterschrift mit blauer Tinte. Und auf Großvaters Fotowand gab es ein spätes Bild über dem Schreibtisch, man sah darauf Alis "sonniges Lächeln“, sein ovales Gesicht, weder nordisch noch ostisch geschnitten, ein wenig abstehende, kleine, leicht verformte Ohren (die haben uns als Säuglinge alle nicht richtig gelegt!), kleiner Glatzenansatz, wie hinein geschnitten ins Haar, genau wie ich selbst auf meinen Uni-Fotos sieht er aus. Ali blieb immer so (jung?) Da schaut mich ein netter Junge etwas vergrämt an. SS-Mann? Die Runen hat jemand vom Foto vorsichtig und sorgfältig getilgt. SS-Mann? Die Familie, vor allem sein Vater, aber sogar auch seine Liebste, sie haben ihn so weit gebracht. Er zögerte, er war zu weich, er war gegen das Soldatsein, dazu gar nicht geeignet. Doch wer sich nicht meldet, wer feige sich drückt, ist ein ehrloser Hund. Ja, so hieß es, und ein Verräter. So wurde auch er ein Teil vom großen Totenkopf-Heer mit Rune und Befehl zum Töten ... Auf dem Foto aus Leoben noch völlig unbeschwert, ein wenig zusammengekniffen die Augen, wohl wegen des Fotografenblitzes. Ein Ansatz von Grübchen. Rührend der breite Rockkragen, einfacher grauer Anzug, weißgepunktete Krawatte, ein nicht gerade tadelloser und etwas schiefliegender Hemdkragen. Dahinter eine undefinierbare graue, eine unheimliche Wand. Die Arme abgeschnitten wie auf jedem Brust- und Passfoto, keine Beine.
Wenn er auf Fronturlaub kam, setzte er mich hoch auf seine Schulter, trug mich. Wir machten vom Baumgarten aus einen Tagesausflug auf die Breite, Eichplateau, tausendjährige Eichen mit lauschigem Schatten. Ich halte meine Hände über seinen gestutzten Kopf. Hitlerscheitel. "Läuseallee“, sagt er. Damit sich das Haar besser hält, hat er am Morgen ein Netz auf, riecht nach Pomade und nach Kölnischwasser. Die Tellermütze hing an der Garderobe. Ich spüre seine Stirn.
Wenn die Sonne dann untergeht, die Nacht kommt, werden alle weich. Wie aufgelöst in Wehmut. Georg bläst die Trompete aus den Wiesen. Alle sind gerührt. Der Mond löst die Landschaft in Silber auf, sagt Tante Cäcilie. Der Mond kommt und singt: Der Mond ist aufgegangen...
Ali ist in Zivil, aber er sieht auch in Zivil stramm aus. Andreas sieht in Zivil noch strammer aus. Alle halten sich gerade. Brust heraus, Bauch hinein. Auch ich soll es so machen: Brust heraus, Bauch hinein, und der Turnlehrer Kraus klopft mir auf den Bauch. Auf die Finger. Oder auf den Hintern. Mama auch, ein kleiner Mann. Der Onkel setzt mir lachend seine Kappe mit dem Totenkopf auf.
Heute hat er keine Tellermütze. Ich spüre an seiner Stirn, wenn ich mit den Händen den Kopf umfasse, um mich festzuhalten, eine klopfende Ader, es ist heiß, eine Bullenhitze heute wieder und anstrengend.
Heute ist Gottesdienst in der Bergkirche. Die große Glocke hat geläutet. Ernst und schwer. Großvater ist Kurator. Er sitzt vorne im Gestühl. Er ist der Vater von Ali, dem SS-Mann. Und Onkel Daniel, Rolands, des anderen SS-Manns, der in Auschwitz SS-Pflichten hat, Vater, spielt die Orgel. Ein- und Ausgang. Und jetzt predigt der Pfarrer Wagner. Wie schön er spricht, vom Vaterland spricht er. Ein großes schwarzes Loch, sagt Onkel Daniel. Denk an unsere vielen Toten.
Mutter aber ist immer da; ihre Stimme ist zu hören, wenn ich schreibe, denn sie erzählt, sie hat ja immer noch einen Ungeborenen vor sich; ihre Stimme ist ein wenig hektisch:
Hermanns Bruder, der Karl Wilhelm hieß, doch Ali genannt wurde, und er hatte viele Spitznamen, so auch Töff, Onkel Ali also, unser Töff, stand 1944 unter der Goetheeiche von Buchenwald. Goethe hatte hier, mit Blick auf Hottelstedt, Wanderers Nachtlied geschrieben. Und die Frau des Lagerkommandanten, Ilse Koch, machte später aus feindlicher Haut Lampen¬schirme. Oh du schöner Westerwald...
Ali ist später Scharführer geworden, war Tiefbauingenieur und baute Bunker für Geheimdokumente des Reiches: unweit des Kyffhäuser. Ein Testament für die nächsten tausend Jahre. Kein schöner Land.
Ali ist der einzige der Familie, ausgerechnet er, der nicht mehr heimgekehrt ist, er wurde am 11. April 1945 in Buchenwald von Häftlingen während des Buchenwald-Aufstandes erschlagen.
Töff blieb immer so jung. Da schaut mich ein netter Junge etwas vergrämt an. SS-Mann? Die Runen hatte jemand vom Foto getilgt. Die Familie, vor allem sein Vater, aber auch seine Liebste, hatten ihn so weit gebracht, dass er sich freiwillig meldete. Er zögerte, er war zu weich, er war gegen das Soldatsein. Doch wer sich nicht meldet, wer sich feige drückt, ist ein ehrloser Hund. Ja, so hieß es, ehrloser Hund und ein Verräter.
16. 3.11. München Lesung. Auch Dachau. Buchenwald. 17.3. Buchenwald Hottelstedt mit Elisabeth. Ali-Suche. Immer die Liebe dabei? Auch mit Hel, erinnert: Ja, weißt du noch Hel, bei Schirmeck kamen wir zum KZ Struthof. Ich hatte dir erzählt, dass ich in meinem Haus eine Zeichnung vom ehemaligen Buchenwald-Häfttling Muzic an der Esszimmerwand hängen hab. „Kennst du Music?“ „Ja. Aber mit so einem Bild könnte ich nicht in meinem Haus leben!“ „Für mich ist es ein Zentrum des Hauses, ein Symbol dafür, weshalb ich überhaupt da und nicht zu Hause lebe! Es ist der letzte Atemzug eines Häftlings kurz vor dem Tod. Und solche Augenblicke hatte Music im Lager erlebt; erst 1971 kam es als spätes Trauma in ihm wieder hoch. Und er zeichnete diese letzten Lebensmomente der Armen; vielleicht waren es auch Augenblicke der Erlösung. Sicher waren sie das! Und du weißt ja, wie alles zurückreicht in meine Familie, wie viele meiner Leute da beteiligt waren…!“ „Ja.“ Wir hielten. Und das grausam-niedliche winzige Kz lag vor uns, das wie Hitlerhaarschnitt und Hitlerscheitel sauber aussehenden Areal, die farbigen Baracken, der elektrisch geladene Zaun. Der Galgen mit der Galgenschlinge, die im Wind baumelte, der Block. Und im Hintergrund diese Schönheit der Vogesen im Nebel feenhaft geschichtet, ringsum der Wald. Ich sagte, „dies will ich nicht aufnehmen, es wäre wie eine Blasphemie.“ Wir gingen nicht hinein. Wir blickten nur hinab ins Areal, umarmten uns. Ein langer Kuss, als müssten wir auch hier etwas reinigen, wir, mit dieser Sprache, mit diesen Lippen, mit diesen Mündern.
Dann fuhren wir an der Gaskammer vorbei. Und du erzähltest entrüstet, dass es hier, gleich neben der Gaskammer, ein Restaurant für Touristen gäbe. „Willst du es sehen?“ Nein. Jetzt reicht es.
E. ist anders. Sie fotografiert genau. Dann suchen wir in Hottelstedt, die Kirche der kleine Friedhof, es ist kein Grab , kein Mahnmal zu finden. In Berlstedt sind die ganzen Akten , Hottelstedt hat keine Verwaltung. Verwaltungsgemeinschaft, Frau Kaufmann sucht in allen Sterbebüchern von 1945. Nichts. Die einzige Hoffnung ist noch der ehemalige Bürgermeister, der eine Dorfchronik schrebt: Bernd Evers, im Dorfe 64, 99439 Berlstedt. T. 036452/71156.
Und dann treffe ich bei der Jenalesung Eberhard Schwartze, Leiter der Kriegsgräberfürsorge a.D. Der meint, er habe am Hang, außerhalb der Kirchhofsmauer in Hottelstedt zwei Soldatengräber, aber ohne Namen gesehen. Es heißt, es seien zwei erschlagene SS-Leute da begrabe. Kein Name. In Jena hatte ich meinen alten Text über Buchenwald mit der Goetheeiche gelesen. Jetzt aber finde ich nur den trostlosen geschotterten Appellplatz. Und den Stumpf der Goetheeiche. Bei einem Luftangriff ist diese verbrannt.
Doch dazu 4 nahe Verwandte, die zu meiner Kindheit, zu meinem Gedächtnis gehören, und die in Neuengamme, Auschwitz, Flossenbürg Dachau und BUCHENWALD als SS-Leute und SS-Offizieren mit zur Vernichtungsmaschine gehört haben. Und – wäre ich 8 Jahre älter gewesen, hätte ich mit jener gleichen Sozialisation ebenso dazu gehört. Wie hätte ich mich verhalten.
Ich habe gestern wieder Buchenwald besucht, und wieder tauchten diese Erinnerungen auf- so möchte ich vor allem Texte zu Buchenwald lesen… Immer geht es um Heimleuchten durch Verbrechen.
BUCHENWALD
(Transsylwahnien)
Die Goetheeiche von Buchenwald, wo Goethe picknickte… Und unser Besuch vor Jahren in Weimar, als es noch die DDR gab…Gasthof Zum Elephanten, gegessen mit ganz normalen Spießern, alte, aber billige Suppe, eine Roulade, dachte dabei an Lotte, die Greisin. Und kamen auch nachher nicht weit mit dem Auto in Richtung Buchenwald; auf der Chaussee stellte uns ein Vopo; stand da breitbeinig auf der Landstraße und hielt das Westauto an, blätterte in unseren Pässen. Eine Kompanie der Roten Armee kam den Hang herab. Als wäre nun alles zurückgedreht erinnerungsfrisch wie aus dem Kopf gesprungen, Uhr zurückgestellt, und da ein Trupp Phantome, die das Jahr 45 hier zurückgelassen hatte. Nach einigen Steigungen erreichten wir den Ettersberg: auf dem Appellplatz Risse, schwärzlicher Pulverschnee, weite Betonfläche, Sausen des Windes, Schnitt ins Gesicht; Risse im Beton: scharfe, ein Baum, eine Buchengruppe abseits, Herzen in die Zacken Stämme geritzt, Liebessprüche (ich schnitt in seine Riindee....). Gipfel des Ettersberges, Berg umhüllt, Laub modert nassglänzend, Risse, kein Gras; Beton eiskalt, Schilder, ACHTUNG LEBENSGEFAHR! KOMMAN¬DAN¬TUR¬BEREICH, OHNE ANRUF WIRD SCHARF GESCHOSSEN! Flugplatz für ganz andere Tote, die zum Abendappell angetreten sind. Schnee auf Beton, auf dem Appellplatz, Goetheeiche und Baracken, leergefegt der Flugplatz, eisiger Wind und gute Sicht weit ins Land hinab, das Dorf Hottelstedt mit rotem Kirchturm. Die Eiche näher im Blick. Entziffere die drei Buchstaben: JWG. Märzhimmel blass, Sonne kaum erkennbar über Thüringen. Onkel Ali, der Töff,. war einmal hier gewesen, blutjunger SS-Ingenieur, baute Stollen für den Durchbruch in die Ewigkeit, Tausendjähriges Reich; er ein Toter, ein Zeuge: liegt unten in Hottelstedt. Von jüdischen Häftlingen beim Aufstand am 13. April 45 erschlagen. Über dem Beton schaukelt trocknes Astwerk, sieh, Knochen, schöne Knöchlein brechen ab, Unterholz im Schnee, blendet. Über allen Gipfeln ist ja Ruh. Spürest du kaum einen Hauch. Goethe unter den Buchen, sein Spaziergang; an diesem Morgen zu einer Spazierfahrt geladen nach der Hottelstedter Ecke, westliche Höhe Ettersberg, zum Jagdschloss Ettersberg eingeladen. Der Tag überaus schön, zeitig in Weimar zum Jakobstore hinaus, oben auf der Höhe rasch weiter, zur Seite Eichen und Buchen sowie anderes Laubholz." Hier ist gut sein; Goethe ließ halten. Gebratene Rebhühner, frisches Weißbrot, Wein, feine goldene Schale im gelben Lederfutteral auf dem noch nicht vorhandenen Appellplatz, der ist jetzt fast nicht mehr da. Zeitschichten im Hirn, im Gewissen brechen sie erst auf. Zubetonierte Erde kein Hälmchen mehr in der Mondlandschaft, Risse versuchen durchzubrechen zur Erde, du reißt dir die Hand auf, blutig. Und immer noch steht Zeit still, reißt: zugleich: rast: weiter! Eiserne Öfen, Schienen, Bahrenwagen, wie ein Trog, man bäckt, da ist die Menschenform, grauer Staub, lang gestreckter Steinbau, eine Kammer, Betonbau und Pfützen, Betonboden abgetreten, massiv die Betontragbalken, vier Öffnungen, quadratisch..... alles viereckig, appellplatzartig, deutsche Kommandos, Ruh, Komma, fühlest du Komma kaum einen Hauch; im Faust und anderswo, wie Hier, gleiche Worte, das Komma, der Punkt, der Satz bricht aus, übergibt sich, kann nicht mehr, gleiche deutsche Worte und: Komma Strich fertig ist das Mondsgesicht... gewesen, ein Guckloch in die Betonwelt mit Menschen... dicht gedrängt, ganz kahl der Raum, nichts ist drin, kein Raum außer Raum, Leere zum Fühlen nicht gedacht oder zum Gutsein wie edel sei der Mensch hilfreich und gut; Menschen in der Kammer Beton, kantig schneidet er ins Fleisch, hart tot, der Boden hat Betonrisse, Deckel, oben ein Gitter, das körnige Präparat ... die eisenbeschlagene Tür... Tür wie oft kommt Tür im Wilhelm Meister vor ... gar in Sämtliche Werke ... Wer wagt es noch, einen Grashalm etwa oder gar eine Blume auf der Heiden ... rot ohne Blut in die Betonkammern ... wo Herzschlag oder Augenlicht, Haut und Knochen nackt "saubergemacht" werden sollen? Auch die Nacktheit wird ausgezogen, auch der Leib, auch der wird ihnen ausgezogen, wehe, es lebt noch einer, regt sich, atmet... Linde, Appellplatz, Vögel im Geäst. Es gab den ORT, es gibt ihn noch. Dort war jedes Und und Oder mit dabei. Eine Sicht geht weit hinab nach Thüringen zur Oder. Der Tod hat seither ein anderes Gesicht. Wirf das Buch fort und lies! Hör, wie sie sprechen! Nein, es ist ein anderer, der da redet, den triffst du nie!
Fotos Buchenwald und Hottelstedt. Zweimal auf die Mappe klicken.
Auch Jean Amèry war hier gewesen als Häftling. „Des Häftlings letzte Pflicht aber ist der Tod“. Hier wurde nicht in Gaskammern, sondern
Ich spreche mit dem ehemaligen Bürgermeister Bernd Ewers. Er bestätigt mir die Familienlegende, dass Ali auf dem Hottelstädter Friedhof, gleich neben dem Eingang liegt, allerdings ohne Holzkreuz und Namen, unerkennbar. Aber das Foto aus der Kindheit stimmt: Holzkreuz mit Namen, Stahlhelm. Und es waren tatsächlich neun Mann, die gegen die Amerikaner gekämpft und gefallen sind. Im Straßengraben lagen und dann von einer Gruppe Arbeiter beerdigt worden sind, die Erkennungsmarken wurden ihnen abgenommen. Todesdatum auf dem Kreuz 11. April 1945. Die Totengräber mussten eine eidestattliche Erklärung abgeben.
Es stimmt also, was der Hamburger, der entkam und die Neun gefunden, auch die Brieftasche Alis, so dessen Frau Liesl nach Hamburg schrieb und berichtete.
Ewers sagte auch, dass wegen des SS-Widerstandes, die Amerikaner auch auf das Dorf geschossen hatten, den Kirchturm zerstört, beschädigt, weil sie meinten, dass von dort as Widerstand geleristet worden sei. Beschrieben von Ernst Haberland in: Der Pelerinenmann, in den siebziger Jahren, Doch Zeitzeugen kaum, die Hottelstedter saßen in den Kellern. Und die Befragten hatten alle eine andere Sicht. Es lässt sich sehr schwer alles rekonstruieren, sagt Ewers. Der damals ein Zehnjähriger war. Den Bruno-Apitz-Roman (der war ja auch Augenzeuge) bestätigt er.
Viel Solidarität, alles geführt durch das komm. Lagerkomitee. 900 Kinder wurden gerettet. Außenlager „Dora“ im Harz zur Raketenproduktion. Am Ende 110000 Häftlinge. April 45 noch 45.000. Die Hälfte Abtransport in Todesmärschen. (Bluttraße?) 3.US-Armee Panzer am 11.4.
51.000n Tote. Gehenkt, erschossen, zertrampelt, abgespritzt. 30 Nationen. Mahnmahl weit ins Land sichtbar. Trauerfeier am 19. April. Schwur von Buchenwald.
Von Weimar bis Buchenwald die Blutstrasse, asphaltiert von Häftlingen, 1000 m entfernten Steinbruch die Steine herangeschleppt.
Gustloff Rüstungswerk. Luftangriff 24. August 44. Über 300 tote Häftlinge und über 500 Schwerverletzte. Schön… 1943 auch ein Bahnhofanschluss von Weimar.
Bunker und Krematorium. Doch auch Gashinrichtungen?
Todesauspeitschungen auf dem Appellplatz. Prügelbock.
Östlich die Goetheeiche. Vor der Wäscherei. Josph Roth widmete ihr 1944 sein letztes Gedicht.
Eindruck: Nicht wissen/ kaum den Zustand. Nur Angst und Tod. Ganz schwarz mit Runen: SS, du, Ali warst in diesem Wahnsinn. Mit Roland/ der in Auschwitz war/ konnte ich noch sprechen. Du warst und bist/ der Unerreichbare DORT.
ALI. VERGANGENHEIT. IM TODESBLICK TRAUM ZUKUNFT
„Der Ali äs kun.“
Ausgespannt hier. Unmöglich zu schreiben.
Äm Kotez? Oder Hühnerstall hinten im Hof, da wo die Tauben waren und wieder mit Gittli Mann und Frau spielten? Ali war da, zwar tot, doch trauernd. Da steht Fräulein Zigan/ und du hast ein Kind mit ihr.
Der Ali äs hä“, sagt Großvater. Ali ist aber nicht zu sehen. Der Großvater ist kaum zu sehen, blass, fast Verschwunden , ein Gesicht wie ein Nebelstreif aus Stimme gemacht. Großmutter, die Ami, ist weder zu sehen, noch zu hören. Es sind lauter Tote, doch sie sind da. Wie Ali, der sich nicht ganz freiwillig meldete, doch die Eltern bedrängten ihn, seine Liebe bedrängte ihn, dass man die Zähne zusammenbeissen müsse, in dieser schweren Zeit dem Vaterlande zu dienen, er studierte Tiefbau in Berlin Charlottenburg, meldete sich dann, und fiel als SS-Mann bei Weimar, er ist in Hottelstedt begraben . Jetzt sind sie alle wieder da, um ihn wieder möglich zu machen, ohne es zu wollen sind sie da. Er war sechsundzwanzig Jahre alt. Und jetzt kommt er wieder. Und ich glaube es, dass er wieder kommt und auch wirklich da ist, denn ich träume ja, und im Traum glaubt man alles, und glaubt, dass es wirklich ist.
Ami, spricht nicht, doch sie ist spürbar da, eine ganz blasse Anwesenheit nur aus Gefühlen, ihr Gesicht in der Kammer, eine kleine Maus huscht darüber, sie ist in der Kammer über ihr hängen di Speckseiten, und sie ist aufgewacht, doch sie möchte Ali nicht wiedersehn. Sein Vater will ihn ebenfalls nicht wiedersehn, doch als Realist, stimmt er dem zu, dass Ali wieder da ist. Sie hatten es damals als die Todesnachricht kam, neun Mann sollen es gewesen sein in einem Graben, Heldentod gegen die Amerikaner, andere sagen: Erschlagen beim Buchenwaldaufstand am 13. April 45, die Eltern hatten es nicht glauben wollen, dann hatten sie gelitten und sich schließlich mit Alis Tod abgefunden. Mutter sagt: Er war und ist jetzt wieder mein Lieblinsbruder, einer der Edelsten. Und ihr feines Gesicht, das es nicht mehr gibt, verbindet sich mit de Küchenschrank, den es nicht mehr gibt, mit ihren Händen, die nach dem Salzgefäß fassen, um es Ali zu geben, der sich ein Butterbrot schmiert, den es lang nicht mehr gibt, aber er sagt: Man darf niemals lügen, steht am Mägdebett, das es nicht mehr gibt, und sagt, weil ich nicht lügen darf, sage ich es lieber nicht. Im Auge habe ich den Hühnerstall hinten im Hof, in der Ecke mit den Maiglöckchen, dort steht Elsa, die schöne Zigeunerin (oder Türkin), mit dem Kind von Ali, Alis Kind also, nicht nur Birgit, die übrigblieb, er hat die Zigeunerin geliebt, In Buchenwald hat er sie geliebt, sagt der Traum, im Traum, dass es wirklich ist also, ich träum ja noch immer
Und er kriecht über die Hühnerleiter hinaus, um zu entkommen, öffnet den Holzdeckel des Aufbaus, als wärs ein Unterseeboot, Elisa, welch eine Schande, hat er geliebt, und ihre Familie, trotz ihres Flehens, getötet, denn Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst, und darüber kann er jetzt nicht sprechen, auch nicht, dass er sich deshalb versteckt hat, und dass er erst jetzt wieder gekommen ist, ein letztes Mal. Aber warum hast du nicht wenigstens geschrieben, ein Lebenszeichen…? Dann hätte ich ja lügen müssen, denn die Wahrheit, warum ich nicht nach Hause kommen konnte, war unaussprechbar, gehörte mir nicht. Es gehörte sich nicht. Weder das eine noch das andere gehörte sich. Ja, schon, aber gehört haben wir vom Einen schon, nur die Schande, die du uns angetan, wussten wir nicht. Wir hätten es dir nie verziehen. Denn weder das eine noch das andere tun deutsche Menschen. Sowas tun Deutsche nicht. Doch Ali hatte sich nur aus Familienzwang, also nicht freiwillig gemeldet, er hatte es dann auch sehr schwer, und wurde vom Spieß sehr gequält. Er war etwas ungeschickt und liebte den Drill auch zu Hause nicht; er war ein friedlicher Mensch, und liebte sogar die Tiere. Das Schweineschlachten lehnte er ab und weinte als Kind, wenn sie schrieen.
Aber auch ich seh mich weinen/ nd dann Verschwinden/ wie Ali/ heute siebenundneunzig. Und Elfi/ die Schwester, die mit ihm korrespondierte/ aus dem gelben Nebenzimmer der Küche/ schrieb.
Wann aber hatte dieses Verschwinden begonnen? 1939 begann das große Töten. Und zu Hause die Idylle. Die unglaubliche Naivität, ja, Infantilität. Und dazu eine Ahnung des sich vorbereitenden Unheils. Ich habe im Schopfen einen Stoß Familienbriefe gefunden. Auch einen Brief der armen Friederike. Nach ihrer Hochzeit 1939 beschrieb sie Tallo, ihrem Bruder, der in Berlin-Charlottenburg Hoch- und Tiefbau studierte. ihre neue Wohnung: „Die Tapeten sind orangen-rosa wie die Blüten. Die Vorhänge im Wohnzimmer und die Möbelüberzüge in einem matten Grün. Im Schlafzimmer zitronengelbe Vorhänge. Es ist entzückend. Doch wenn ich an die Rechnungen denke, wird mir ein wenig bang. Ich habe es früher sehr schwer gehabt, nun ist alles abgefallen… Doch es sind schlimme Zeiten. Aber unsere Sorgen sind klein und überschaubar. Eri (das ist Mutter) klagt über Rückenschmerzen, die drei Rangen (das bin ich und meine Geschwister) rauben ihr den Lebensnerv, solch ein Radau täglich, sie kann es nicht mehr aushalten. Die zarte Eri wirtschaftet in der großen gekachelten Küche, im Garten, und nebenan lärmt die Löwische Tuchfabrik den ganzen Tag, immer das gleiche Geräusch, als wären Drachen in der Luft, die mit eisenbeschlagenen Zähnen klappern. Ami möchte, die Eri solle endlich mal ins Sanatorium zu Dr. Müller, es ist ja ganz nah, nur über die Neue Brücke. Und sie soll unbedingt ein Kindermädel nehmen, zusätzlich zu Marischka, der Dienstmagd. Eri hat sie dann auch genommen, diese Magd aus dem nahen Szeklerland, Roszika mit einem heftigen Liebesschmerz im Leib. Das hatte Eri gerade noch gefehlt!
Ali auf dem Boden sitzend neben Gerda
Doch jetzt sind alle tot, außer diesen drei Rangen. Und auch ich bin todmüde.
Und Tag für Tag fast abwesend. Die Welt so blass. Wie im Nebel. Erwarten sei mich schon? Fridericus Rex, unser Köönig und Herr/ um die Ecke im Astrakin. Ich mit Ai beim Friseur Roth. Die Türklingel sc hellt aut. Hitlerscheitel, sagt er. Und im Baumgarten ruft er HoppHopp.
Meine Augen entzündet. Ein kleiner Weltspalt nur noch.
UND ZU GLEICHER ZEIT SCHÄSSBURG. Ich seh sie ja alle vor mir, als wäre es JETZT... jener Anfang vom Ende... sie sitzen alle hier unter den Eichen... Nichts, Nichts ist vergangen... und wenn es regnet sitzen sie auf der schönen Veranda... Das Wetter ist nämlich wechselhaft. Zum großen Kränzchen von Mutter kommen alle Freundinnen. Man spricht darüber, daß Booth Rob Krebs hat; aber er geht trotzdem einen halben Tag ins Amt. Frau Friedel F. hat ein kleines Mädchen geboren. Es wird Kaffee getrunken, mit Schlagsahne. Friedel F. erkundigt sich nach Onkel Ali, der sich nun auch endlich freiwillig melden muß. Ein feines Bild von Gerhard in SS-Uniform wird herumgereicht, er ist schon Sturmführer und sieht schmuck aus. Mutter erzählt von Sles, der eine Karte geschickt hat; Sles steht an der Grenze zu Bessarabien: Sie heben dort Schützengräben aus und schlafen in Zelten, marschieren in Regen und Dreck. Wozu? Die Russen rücken vor.
„Im Herzen versuchten wir, uns einen neuen Himmel aufzubauen“, sagte Mutter: einen schönen deutschen Himmel. Und abends im Bett beteten wir: Läwer Hergottata loß asen Vother wedder gesangt aus dem Kräch hiemen kun.“
„Aber der liebe Gott ist doch längst gestorben“, sagte Onkel Daniel. Mein kleiner Bruder, der vor dem Blaupunktfensterchen auf einem Stuhl steht und einen zackigen Marsch dirigiert, kann sich das nicht vorstellen. Ob das Begräbnis wohl auch mit Blasmusik war oder ohne? Adjuvanten etwa? Und ein Solotrompeter; dirigiert wird das Ganze vom Herrn Generalmusikdirektor Schlüter.
Aber nein, der ist ja schon im Warthegau, wo er hungern soll. Daniel aber sagt, auf den leeren Thronsessel im Himmel habe sich ein ekelhafter Kerl gesetzt, einer mit einem Pferdefuß, nein, mit tausend Pferdefüßen, ein Tausendpferdefüßler oder Pferdetausendfüßler. Wie schnell der sein muß. Onkel Daniel ist ja früher Stuhlrichter gewesen, muß es also wissen. Der K.-Großvater aber war nicht begeistert, er schrie, Daniel sei schon fast ein Volksverräter: „Die Kirche ist doch die Kirche des Volkes, die Volkskirche, eine völkische Kirche zum Schutz der sächsischen Nation, wie in der Tartarenzeit. Der Osten, der Osten, das Chaos droht. Man muß zusammenhalten mit Gott und dem Führer im Herzen. Ja.“
Schöne Gedichte konnte man ab 1940 in den "Kirchlichen Blättern" Siebenbürgens lesen. Etwa dies: "Herrgott/ steh dem Führer bei,/ daß sein Werk das deine sei,/ daß sein Werk das seine sei,/ Herrgott, steh dem Füh¬rer bei." Oder diese Verse des "wertvollsten" Sachsen-Autors Heinrich Zillichs, seine Hitler-Hymne: "Den Deutschen von Gott gesandt... Gütiges Auge, blau, und erzene Schwerthand,/ dunkle Stimme du und der Kinder treuester Vater..."
Und dieses ist Roland, der SS-Überzeugte mit meine Mutter:
„Und schon mit dem Tod im Kopf“, schrie der Organist zurück. Er wurde blassrot und dachte wohl an seinen SS-freiwilligen Sohn Andreas, der ihm großen Kummer machte, dieser Andreas: „Das mir!“
WACHTURM. Andreas: Heute ist Zweiter Pfingsttag. Ob, glühende Zungen von oben zünden? Solls wahr gewesen sein? Ausgiessung des hellsten Lichts. Blitz, wie ein Gottesschuss. Ein herrlicher Morgen. Na cha. Mother. Äm Millenhamm herrliche Frische. Der frohe Morgen weckt mich wieder… Und ladet mich zur Arbeit ein. Dienst jetzt. Schwerer Dienst. Andreas hoch, höher als die Rampe in der Ferne, die vielen Todgeweihten, hab ich Todgeweinte gehört? dort wie Ameisen. Das dort unten nicht sehen. Nur ja nicht! Eben ist ein Transport angekommen. Dort unten. An¬dreas, der blonde Hühne. Sie sagen: Ein schöner Mann. Steht auf dem letzten Turm. Oder ists der erste? Sieht die andern Türme im Osten klobig, qualmend. Roter Feuerschein sagen sie, sei zu sehen bis nach Kattowitz und weiter. Weiter. Krakau? Schöne Bischofsstadt. Alte Stadt. Von weither am Himmel. Die MP im Arm, es hindert beim Lesen. Hat die späten Hymnen Hölderlins heut mitgebracht. Die Augen auf dem Wachturm, die wasserblauen Augen im Vers, das Gewehr im Arm; da sieht ihn keiner, Wachvergehen… Gewehr im Arm. Wachvergehn? Tornister, Rock voller Bücher. Liest. Sieht dann auf. Zeit ist vergangen. Rezitiert leise Hölderlin:
„… im Vernehmen das schikliche Gut.“
Viel traurige, wilden Muts, doch göttlich
Gezwungen, zuletzt, die anderen aber
Im Geschik stehend, im Feld. Unwillig nämlich
Sind Himmlische, wenn einer nicht die Seele schonend sich
Zusammengenommen, aber er muss doch; dem
Gleich fehlet die Trauer.“
LANDESGERICHT FÜR STRAFSACHEN IN WIEN AM 23.5.1962 : Dr. Gisela Böhm, geborene Mendel, geb. 30.5.1897 Sighisoara/ Schässburg. Ohne religiöses Bekenntnis. verwitwet. Kinderärztin. Odorhei, Str. Lenin 17, sagte aus:
„Ich habe in Odorhei/ Siebenbürgen gelebt. Ungefähr im April 1944 wurde ich u. andere Juden von der ungarischen Gendarmerie in der Nähe von Odorhei in einem Ghetto untergebracht. Wir durften uns ins Ghetto nur wenig Habseligkeiten mitnehmen.
Wir blieben nur einige Wochen im Ghetto u. wurden anschliessend per Eisenbahntransport nach Auschwitz gebracht. Mit meinem Transport ging auch meine Tochter Ella mit. Wir werden ungefähr gegen Ende Mai 1944 nach Auschwitz gekommen sein. Mein Mann kam einige Tage später mit einem anderen Transport nach Auschwitz und wurde, wie ich von anderen Häftlingen erfahren habe, sofort bei der Ankunft vergast. Der Transport erfolgte in geschlossenen Güterwagen, in welche ungefähr 70 Personen gestopft wurden. Wir erhielten während der Fahrt keine Verpflegung. Es war nur manchmal möglich, etwas Wasser zu erhalten Bis zur ungarischen Grenze wurden wir von Ungarn bewacht u. danach bestand die Zugwache aus Deutschen. Ich kann aber nicht sagen, ob die Zugwache Militär- oder SS Uniform getragen hat. Während des Transports wurden wir sowohl von den deutschen als auch von der ungarischen Bewachungs-Mannschaft unserer Habseligkeiten beraubt.
Bei der Ankunft in Auschwitz wurden sofort die Männer von den Frauen getrennt u. blieben die Kinder bei den Frauen. Dann mussten wir an einer Kommission von SS-Leuten vorbei marschieren u. wurden wir in marschfähige und nichtmarschfähige Personen auseinander geteilt. Es wurde gesprochen dass die Nichtmarschfähigen mit Lastwagen in das Lager gebracht werden. Der Kommission gehörte Dr. Victor Capesius an, der mir von meiner Heimat gut bekannt war. Capesius war in Odorhei Repräsentant der Bayerwerke Medikamente. Der Kommission gehörte auch Dr. Mengele u. Dr. Klein an, die mir aber bis dahin noch unbekannt waren. Erst später habe ich deren Namen erfahren u. sie als Lagerärzte kennengelernt.“
ES wurden Lastwagen bei den geschlossenen Türen abgestellt. Und Borowski hört, wie der SS-Riese brüllt: „Wer Gold nimmt, wird erschossen!“ Und denkt, Gold? Ist das der ganze Zweck dieser Deportationen? Raub? Reichtum, sie haben ihre ganze Habe mitgebracht, müssen sie deshalb sterben? Hier ist alles offen und nackt. Überfluss jetzt wieder im Lager. Reicher die Küche, Suppen, Brotsuppen, Fettaugen, Gänseschmalz, Konserven, Obst, Slibovitz, Gold, Gold, Schmuck…
Er hört die Riegel knarren. Offne Waggons, sieht förmlich wie die frische Luft da eindringt, die Menschen fast umwirft, Atemnot. Sie japsen nach Luft, Menschen zwischen Koffern, Paketen, Ranzen, Bündeln, Rucksäcken, Taschen, sie zwischen dem, was sie bisher waren, ihr Leben, hofften es mitzubringen, so hatte man ihnen gesagt, ein „neues Leben“, das in einem Lagerghetto mit Leidensgenossen aufzubauen sei, Bücher, Akten, Schmuck, die Ärzte aber, die Zahnärzte, hatten alle ihre Instrumente mitgebracht, Unmengen von Medikamenten, nicht nur die vielen Apotheker brachten Medikamente mit. Sie müssen alles neben den Waggons auf einen Haufen legen. Vorsichtig legen, nicht werfen. Sorgsam sein, wie man es auch zu Hause hörte. Auf seine Sachen sorgen, auf sie aufpassen, jaja.
Eine Frau bückt sich noch einmal nach ihrer Tasche, da pfeift die dünne Rute des SS-Mannes, mit einem Aufschrei fällt die Frau zu Boden, und ein kleines zerzaustes Mädchen weint und schreit „Mamele, Mamele, Mamele!“ Handtaschen aus denen Banknoten, Gold, Uhren, Schmuck hervorquellen. Marmeladegläser, eingemachtes Obst, Wurst, Siebenbürgische Salami, Zucker liegen verstreut wie Schnee da, darüber trampelt die bunte Menge, mit Peitschenworten: schnell. schnell!! zur Eile angetrieben; Frauen schreien, Kinder weinen, und überall das Sausen der Peitschen und das Brüllen der SS. Vorbei an den selektierenden Ärzten, heute konnte man auch die massige Gestalt unseres Schäßburger Apothekers dort sehen, sie gehen dann langsam und im Gänsemarsch an ihm vorbei, eine Handbewegung links, rechts. Links, ja, da werden sie mit Lastwägen abgeholt, die Alten, Schwachen, Kranken, Kinder, pausenlos fahren sie, ein Rotkreuzwagen (wie beruhigend, also wird man versorgt!) hinter ihnen her, immer wieder leuchtet das Rote Zeichen, das sonst rettende auf, sieht Tadeusz, denkt, das beruhigt die Leute etwas, dabei enthält es das tödliche Zyklon fürs Gas. Und er muss selbst die Menschen schubsen, alle vom Kanadakommando trennen die Todgeweihten von den zur Arbeit Ausgewählten, sechzig „Stück“ pro LKW, bei sechzehn Wagen ist das Tausend voll. Ein junger glattrasierter SS-Mann mit Notizbuch macht bei jedem Lastwagen einen Strich. „Los. Bewegung. Bewegung.“ Deutsch ist die Hassprache. Deutsch, die Henkersprache, jedes Und, jedes Oder tut weh wie Peitschenhiebe. Befehle auf Deutsch wie Schüsse, die töten!
Haus des Seins?`
Jedes Komma jedes Und
Hat der Mörder gespalten
gespalten die Zunge
und im Befehl vernichtet
vor den Opfern was war!
Blut klebt an ihrem Hauch
An jedem Laut.
Dort auch aus der Stadt woher
Ich kam aus allen Städten
Mit unseren Lauten
Ist für immer eine Blutspur
Zu uns gelegt!
Lass uns die Zeiten vermischen
Wie unsere Glut die in uns zittert
Lass uns die Worte oben mischen
Mit denen die Mörder das Töten befahlen
Lass uns sie waschen im Liebesgeflüster
Lass sie uns jung in die Lippen tauschen
In Küssen so zur Welt
Gebracht/ sie und uns
Liebste zu einer neuen Geschichte.
GÖPPINGEN, MAI 1978. CAPESIUS: Ja. Nach der technischen Auslegung konnten in den Krematorien täglich 4.756 Leichen verbrannt werden. Dies war aber nur ein theoretischer Wert, der die Zeit für die Wartung und Entschlackung der Feuerstellen miteinschloß. Tatsächlich wurden in den Krematorien II und III bis zu 5.000, in den Krematorien IV und V bis zu 3.000 Leichen pro Tag verbrannt. Die Kapazität der Scheiterhaufen bei den Bunkern war unbegrenzt. Im Sommer 1944, während der Deportation der ungarischen Juden, nahm die SS daher den Bunker II erneut in Betrieb. In dieser Zeit konnten täglich bis zu 24.000 Menschen getötet und verbrannt werden.
Die Asche der Toten diente als Dünger auf den Feldern, zur Trockenlegung von Sümpfen oder wurde einfach in die umliegenden Flüsse oder Teiche geschüttet. Vor allem in die vorbei fließende Sola.
„Immer hatten auch meine Kinder eine Freude: Ob Schildkröten oder Marder, ob Katzen oder Eidechsen, stets gab es etwas Neues, Interessantes im Garten“, so der KZ-Kommandant Rudolf Höss in seinem Buch „Kommandant in Auschwitz“, das er vor seiner Hinrichtung 1946 im Gefängnis in Polen schrieb: “Oder sie planschten im Sommer im Planschbecken im Garten oder in der Sola. Ihre größte Freude war jedoch, wenn Vati mitbadete. Der hatte nur wenig Zeit für all die Kinderfreuden… Ich glaubte ja immer, ich müsse ständig im Dienst sein.“
GÖPPINGEN. Mai 1978. Der Zeuge Josef Glück habe beim Prozeß gelogen, sagt unser Auschwitzapotheker, der dafür nichts kann: „Die Juden wollten gerne einmal nach Deutschland kommen, gratis, nach Frankfurt zum großen Prozess in den sechziger Jahren.“ Ja, er sei dem Glück und seiner Familie nicht nur in Frankfurt, nein vorher schon, und zwar "dort" begegnet, "dort", wo der Himmel immer blutigrot war vom Feuer und dem Qualm des Rauches aus dem Rauchfang des Krematoriums, und ein schrecklicher Gestank in der Luft lag, ein Geruch nach verbranntem Fleisch, Haut und Haar.
AUSCHWITZPROZESS, Frankfurt 1965. Der Zeuge Josef Glück, jetzt Kaufmann in Haifa, früher Textilfabrikant in Klausenburg aus Siebenbürgen, ist am 10. Mai 1944 verhaftet worden, weil er Jude war, mit 2800 andern Juden aus Klausenburg. Von ihnen wurden vierhundert zur Arbeit selektiert, die andern aber gingen direkt ins Gas; der Transport verließ am 11. Juni den Bahnhof von Klausenburg in Richtung Nordosten, in Richtung Lemberg und Kattowitz, mit ihm waren im Viehwaggon Josef Glücks Frau, seine zwei Kinder, seine Mutter, seine Schwester und deren zwei Kinder, sein Bruder, seine Schwiegermutter und seine Schwägerin.
„Sie sind der einzige von all denen, die Sie genannt haben, der am Leben geblieben ist“, hatte der Richter Josef Glück gefragt. „ Ja“, hatte Josef Glück geantwortet.
Ja. Der Zeuge hat den Apotheker Victor Capesius auf der Rampe von Birkenau bei der Selektion an jenem Tage gesehen, handelnd. Der Apotheker habe nur gefragt, ob man arbeiten wolle, ja oder nein. Jene, die nein gesagt hatten, habe er nach links geschickt, ins Gas, die andern nach rechts, und die durften leben.
Anfang Oktober 1944 habe er dann den Dr. Capesius nochmals mit Dr. Mengele gesehen. Mengele sei mit drei Offizieren, darunter auch der Apotheker, zur Baracke Nr. 11 gekommen. Jüdische Kinder im Alter zwischen sechzehn und achtzehn Jahren seien dort untergebracht gewesen. Sie hatten alle geahnt, was ihnen bevorstand. Und sind geflohen. Da hat sie der Lagerführer mit Hunden wieder zusammengetrieben. Das war an einem jüdischen Feiertag gewesen. Zwei Tage später wurden diese Buben auf Lastwagen verladen und ins Gas geschickt. „Dabei hat man gelacht“, sagt Josef Glück: „Man hielt es wohl für sehr komisch, dass diese Kinder nach ihren Müttern schrien.“
Den Zeugen übermannt die Erinnerung. Dann greift er in sein Jackett, entnimmt der Brieftasche ein kleines Foto, streckt es mit starrem Arm dem Richter entgegen und ruft weinend: „Kinder haben sich die Arme aufgeritzt und mit Blut ihren Namen an die Barackenwände geschrieben; mein Neffe hier, dieses Kind, schrieb: Andreas Rappaport - lebte sechzehn Jahr. Der Junge habe ihm noch vom Lastwagen zugerufen: „Onkel, ich weiß, dass ich sterben muss, sag meiner Mutter, dass ich bis zum letzten Moment an sie gedacht habe.“ „Dieser kleine Bub“, sagt der Zeuge Glück aus Klausenburg in Siebenbürgen, heute Haifa in Israel, „dieser kleine Bub wusste, dass er sterben muss, er wusste aber nicht, dass seine Mutter schon vergast worden war.“
Der Zeuge Glück ist erschöpft im Gerichtssaal zusammenge¬sunken. Weinend sitzt er an seinem Tisch, in der Hand das Bild seines Neffen Andreas Rappaport - lebte sechzehn Jahr.
GÖPPINGEN 1978. Dr. CAPESIUS: Aber das ist alles hauptsächlich im letzten Jahr passiert, weil man dem Rückfluten auch nicht mehr gewachsen war. Auch die Aufnahme in Auschwitz konnte nicht 150 000 oder 300 000 Menschen aus Ungarn innerhalb eines Monats schlucken...
„400 000...“
CAPESIUS: Ja, aber es sind ja 200000 oder 250000 gleich ins Gas gegangen, die haben nichts zu essen bekommen. Und an jedem Zug waren zwei Waggon Lebensmittel angehängt, die hat man dem Lager zur Verfügung gestellt. Man hat sie nicht für die deutsche Bevölkerung freigemacht, wie man das hier so schön im Prozeß sagen wollte. Zwei Waggon waren voll mit Lebensmittel, da war die ungarische Regierung dafür verantwortlich, das mußte vollgestopft sein: Ein Waggon mit Speckseiten ( Siebenbürgischer Speck!) Ja, die kamen ja alle aus Siebenbürgen. Und halbe Schweine geräuchert. Oder dann waren Bohnen und Erbsen in Säcken, ebenfalls, der Waggon bis oben voll.
„Und sie haben das dann auch bekommen, die Häftlinge?“
CAPESIUS: Ja, ja.
FRAU FRITZI CAPESIUS: Aber das war doch zu wenig!
CAPESIUS: Nein, für die die gearbeitet haben, war es nicht zu wenig, denn die haben 2000 Kalorien bekommen, und haben sich noch manches beschaffen können. Denn wenn die irgendwo in der Erde oder bei den Arbeiten etwas gefunden haben, was man noch verscheuern konnte, dann haben sie es nach außen verscheuert. Und der Bäcker, der Weißbäck, der hat gegen Gold und Diamanten denen Brot gegeben noch und noch.
„Ein richtiger Schwarzmarkt.“
CAPESIUS: Na, sicher.
„Wenn man aber da ist...“
CAPESIUS: Ja, wenn man das Elend sieht, ist es so deprimierend und es kommt einem zum Kotzen. Ein Erbrechen ist unbedingt da. In der ersten Zeit. Man gewöhnt sich dran.
Capesius sagte es in Göppingen, sagte es auf dem Weg von der Marktapotheke zur eigenen Wohnung. Und Fritzi, seine Frau, die neben ihm herging, klein, zart, mit einer randlosen Brille und klugen Augen, korrigierte ihn im Wiener Dialekt sanft, wenn er wieder einen Gedächtnisausfall hatte, anfing zu stottern, der alte massige Mann, der schon im Frankfurter Römersaal nervös und zerfahren war, wenn er aussagen sollte, keine zusammenhängnde Darstellung geben konnte, einen schlechten Eindruck auf das Gericht machte, oft geistesabwesend und etwas dümmlich lächelte:
AUSCHWITZPROZESS, Mai 1965. Dr. Victor CAPESIUS: „Herr Vorsitzender, am letzten Montag war ich in einem starken Spannungsverhältnis, weil ich von der Frühe an damit gerechnet habe, zur Sache gehört zu werden, was sich dann bis nachmittags hinausgezogen hat. Dadurch war ich nachher verwirrt und habe von vorneherein unbewusst, wie sie mir vorgeworfen haben, gelächelt. Es war mir sicher nicht zum Lächeln und ist damit zu erklären, dass ich seit über vier Jahren in Einzelhaft sitze. Dadurch schon und durch eine Menschenansammlung wie hier und das viele elektrische Licht war ich verwirrt, und deshalb gab ich meist unkonzentrierte Antworten.“
DIE dunkle Brille, der feierliche dunkle Anzug konnten ihm keinen Halt geben. So etwas wie ein innerer Nebel, als hätte er andauernd Stirnhöhlenkatharrh, drückte ihn nieder. Er war einfach nicht da, wusste auch nicht, wie er sich dazu bringen sollte, schärfer und genauer zu denken. Ich habe einen Augenblick Mitleid mit ihm, mit dieser quälenden Hilflosigkeit und Schwerfälligkeit, mit diesem unsicheren Hinterweltler, einer aus meiner Geburtstadt, einer, den ich seit meiner Kindheit kenne. Die beiden Alten sehen mich als einen der „ihren“, als einen Landsamnn an, und sind gerührt. Und die kleine, zierliche Frau Doktor, sie haben sich ja während des Studiums in Wien kennengelernt, sieht mich forschend durch ihre scharfe Brille an, genau wie früher, als ich in die Apotheke kam; Vater kaufte Hustensirup für mich ein. Die Frau Doktor war eine Respektperson, und sie „ratschte“, so dass man zu ihr bewundernd aufsah, sie kam ja „von oben“. Aber sie hatte ihr ganzes Leben in Siebenbürgen verbracht, hatte in Göppingen Heimweh nach Schäßburg. Die beiden Alten verwechselten die Städte, sprachen von „Hermannstadt“, wenn sie Stuttgart meinten, wohin sie oft zu Konzerten oder zu Vorträgen ins „Haus der Heimat“ fuhren, und von Kronstadt, wenn sie München meinten.
„In einer Stunde werdet ihr euch wiedersehn... in einer Stunde... keine Angst...“. soll er auf der Rampe gesagt haben, unser Apotheker. „...da ist Sodom und Gomorrha, sagte er in Göppingen: Es gibt noch etwas mit der Unterwelt, irgend so ein Zitat, das auch vorkommt, wenn es dir mies geht, wenn es am allermiesesten ist.“ Der Himmel sei immer rot gewesen, sagt er, „Luft voller Rauch, süßlich, du riechst es, jeder weiß... versengt nach Haut... Ja, man hat es gewußt...“
SCHÄSSBURG. Mutter, die befreundet mit ihm war, ihn seit der „Studenten“ - und Kränzchenzeit gut kannte, ich fand Fotos von ihr und ihm aus Schäßburg, aufgenommen im Garten der befreundeten Familie Mild, drei Mädchen knien im Gras, er hinter ihnen, und macht da ein segnendes Zeichen über ihren Köpfen, Mutter sagt, er habe etwas „Brutales“ an sich gehabt, etwas Eiskaltes, Sachliches, der Vic. Aber er habe immer mitgesungen: Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe…“Und er hat mir ja den Hof gemacht. Aber ich ließ ihn abblitzen, er war mir zu massig. Immer wirkte er so groß und schwer, und auch sein Gesicht, ich dachte, ja, der hat zigeunerische Vorfahren, da hat einer wider das Blut gesündigt. Doch tanzen konnte er, wir haben schön Walzer miteinander getanzt. Und er hat uns ja auch im Baumgarten besucht. Kam mit den Kränzchenfreundinnen, den Mildschwestern und auch der Paula zu unseren Festen.
Und das war ja meist am Sonntag: Die Gartenwege sind schön gekehrt und geharkt. Auf dem Verandatisch liegt die blaugepunktete Decke, und auf dem alten blauen "Glaskasten" von Ami, meiner Mutter, steht im dicken Tonkrug ein großer Feldblumenstrauß. Ami hat die Riesenportion "gefüllte Ardei" eben fertig und schickt Marischka, das ungarische Dienstmädchen, mit der "Bremer Speise"-Creme in den Keller. Harry, der Schäferhund, liegt schläfrig vor der Verandatür. Plötzlich spitzt er die Ohren, und schon ertönt vom jenseitigen Bachufer Tante Cäcilies melodisches "Hopp hopp", der Familienbegrüßungsruf. Und bald gibt es eine stürmische, lautstarke Begrüßungsszene. Ja, das ist die geliebte Tante Cäcilie, wie immer in ihrem weißen Kleid, den Florentinerhut mit dem schwarzen Samtband auf dem Kopf, ein Wortschwall in unnachahmbarer Schnelligkeit ergießt sich zur Begrüßung über alle. Ruhig, still daneben Onkel Daniel mit seinen gütigen blauen Augen. Dann ihre zwei Söhne, Andreas und Reinhard. Der Andreas hatte es ja immer mit den Braunen, der „Erneuerungsbewegung“ bei uns. Der Vic ist diesmal auch dabei, der hatte aber mit dem Politischen nichts am Hut. Doch Andreas hatte schon früh auch damals schon mitgemacht. Und ich erinnere mich, einmal zu so einem Fest brachte er sogar eine Soldatenkappe oder SA-Kappe mit. Ich seh noch wie er vorher zärtlich über den Totenkopf streicht, als hätte er da eine Sehnsucht, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, redet er in einem fort.
Nach der Begrüßung werden die Badesachen hervorgeholt, und schon gehts hinunter zum Schaaser Bach. Unter dem Wehr, am "Dusch" erfrischen wir uns. Und der Vic hatte so einen unschönen grossen Knochenkörper, schwer. Und war auch behaart. Er erzählte von Wien, wo er eben gewesen war, ich glaub er war sehr habgierig, machte auch Geschäfte, und war sehr auf Wertsachen aus und aufs Geld. Dann glänzten seine Augen, sonst hatte er keine besonderen Interessen, war auch nicht so gebildet wie der Andreas, der Reinhard oder gar die Tante Cäcilie und der Onkel Daniel. Er fühlte sich auch nicht gut bei uns, glaub ich. Er redete immer von seiner Wiener Braut, einer „feinen Wienerin“, wollte mich eifersüchtig machen, das fand ich abgeschmackt. Und er ging immer neben mir, und umfasste mich einmal. Vater kannte ich ja damals noch nicht. Auf einem Gebirgsausflug in die Hargitha hab ich Vater dann kennengelernt. Und der Vic war auch da dabei. Es gibt ein Foto vom Silvester unseres Kränzchen im Speisezimmer, man sieht die grosse Tafel und den Weihnachtsbaum, alle Freunde waren da, und der Vic schaut mich auf dem Foto so an, er hat ein Weinglas in der Hand, ich sitze, er steht, wie ein schwarzer Berg sieht er aus, und er beugt sich zu mir herab, und wir sind ja maschkuriert, Neujahrsnacht eben, er als Schornsteinfeger, hat einen Zylinderhut auf und das Gesicht geschwärzt, er war mir unheimlich, aber auch ohne Maschkura unheimlich, er hatte etwas Lauerndes und Gewalttätiges. Und manchmal auch was Absentes, dann starrte er ins Leere. Also damals an jenem Familienfest im Baumgarten, das war so: Nach dem Bad essen wir Himbeeren im Gemüsegarten und schütteln den Sommerreisapfelbaum. Auf der Terrasse, unter den alten Eichen ist dann die lange Familientafel gedeckt. Jeder nimmt seinen Platz ein, mein Vater begrüßt die Gäste, und Tante Cäcilie sagt ein Gedicht auf: Immer hat sie ein Goethezitat parat. Alle sind ergriffen und gerührt. Aber bald gibt man sich den leiblichen Genüssen hin. Die "gefüllten Ardei" werden aufgetragen.
Ergriffen und gerührt. Soo schön. aber dann hebt das "Tschawalles" an: Alle reden durcheinander. Tante Cäcilie am schnellsten, zungenfertigsten. Man kann sein eignes Wort nicht verstehn, brummt mein Vater.“
Diese schlechte Familienangewohnheit. Warum schreien sie alle? Unbeherrscht. Keiner hört dem andern zu. Wie ein großes wabberndes Wesen umgibt die Großfamilie alle, zieht sie zu sich rein, diese Atmosphäre der Nähe auf der Eichterrasse an den reichlich gedeckten Tischen – ist dick zum Schneiden, mit den Händen faßbar, und man bewegt sich sicher in dieser Umgebung, im kühlen Schatten, in diesem Element des glücklich Vertrauten: Alles ist so einfach und schön geordnet wie die Schüsseln auf dem Tisch. Und doch - warum schreien sie alle durcheinander. Als wären sie gefährdet, als müßten sie ertrinken oder sich gegen irgend etwas selbst behaupten? Es ist so, als wären sie alle mehr, als stände ihnen mehr Selbstbewußtsein zu als sie bekommen, als sie hier jedenfalls brauchen können. Oder ists ein Rausch, dieses Zusammensein, in dem man das tägliche leise ziehende Unbehagen, diese leise Angst vor dem Kommenden vergessen kann?
Die Männer sind ruhiger. Als hätten sie sich an eine Ahnung von etwas Unvermeidlichem längst gewöhnt; man ist hier schön geborgen, und doch ists so, als wäre dies alles nicht mehr ganz wirklich; der Nußbaum, die Terrasse, der Blick auf die vertrauten Konturen der Burg, die Buner Berge, die Nähe hier: die Tannen, der Huflattich zwischen den Steinen – alles ist schon wie längst vergangen, wie stehngeblieben, auf einer kleinen Insel. Mein Vater trinkt einen grossen Schluck Nadescher Wein und sagt dann zu Andreas´ Vater, dem Organisten, Daniel, der neben ihm sitzt und aufmerksam durch die runde Omabrille auf ihn blickt: „Seit dem verlorenen Krieg vom Achtzehner und dem Zusammenbruch der Monarchie ist nichts mehr so wie es war. Und alles nur en schwankender Boden und Unsicherheit, seit wir nun zur Walachei gehören.“
Der Himmel bedeckt sich plötzlich mit dunklen Wolken, es ist drückend schwül, konnte nicht regnen. Dann endlich sausen dunkle Schatten lautlos über die Erde. Ozonduft, Frische. Erste große Gewittertropfen. Schnell die Stühle reintragen. Und als sie dann gemütlich im Sommerhaus auf der Veranda sitzen, meinen sie zu träumen. Krachend schlägt der Blitz in der Nähe ein. „O Jessus, Urahne, Großmutter, Mutter und Kind“, ruft die Ami erschrocken, als könnten sie die Worte schützen wie ein Zauberspruch. Harry jault erschrocken. „Ja, es sind ferne Heimaten in uns, Wolkenstreifen, wir denken immer, es könnte jeden Augenblick etwas Schlimmes passieren.“ Sagt Andreas. Andreas sitzt mit Vic am Fenster und sieht auf die Silhouette der Burg, die zwischen den tiefhängenden Regenwolken und den Regenstreifen gerade noch zu erkennen ist: Es schüttet. Es trietscht; durch den Hohlweg schießt schon gelbes Lehmwasser, die Wege sind kleine Bäche. „Schade“, sagt Vic, „dass wir jetzt nicht hinauf zm Tanzplatz können, ich hatte mich schon sehr gefreut, und jetzt hab ich das Grammophon ganz umsonst mitgebracht.“ „Wieso, komm, wir setzen uns oben in die Mansarde, zum Tanzen ist wenig Platz, doch, vielleicht zwei Paare, und du spielst deine Tanzplatten ab, hast du nicht auch was Klassisches, Schubert oder Beethoven.“ „Nein, ich mag Charleston und Strausswalzer lieber“, entgegnet Vic. „Banause“, murmelt Andreas.
Und dann hören die Alten, die auf der Veranda sitzen und weiter dischkurieren: Oh, Donna Clara, ich hab dich tanzen gesehen… Und Oh Mädle ruckruckruck an meine grüne Seeite, i hab di gar so gern, i mag di leideee“ Und natürlich auch: Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe…Oder Kornblumenblau sind die Augen der Frauen beim ieben… Und: Wo die Nordseewellen schlagen an den Strand…
Und die Ami singt dann auch gleich mit: Wir gehören zusammen/wie der Wind und das Meer,/ Von dir mich zu trennen,/Ja das fällt mir so schwer…Und man hört den Vic falsch singen, er ist aus allen herauszuhören am lautesten…
Andreas aber sagt: „An unseren Liedern erkennt man genau diesen Wesensunterschied zwischen uns und den Juden. Kannst du dir vorstellen, dass sie unsere Lieder nachfühlen können…. Das Verjazzte, diese Asphaltmusik, ja, mit der sie die Welt heute vergiften… in Berlin oder New York. Auch Paris, dies Vernegerte, diese Negermusik.“
Und wir? Die Anderen? Unser Untergang? Es war August. Aber es war nun viel zu spät für unsere Wunderwaffe. Und man hörte, die Amerikaner seien die ersten gewesen, die einen Vorgeschmack auf die Apokalypse geliefert hatten. Am 6. August 1945, also ein Jahr später…. Großvater las die Nachricht in der Zeitung, er konnte sich aber unter jenem Lichtblitz nicht viel vorstellen. Auch der Name sagte ihm wenig, Japan war weit. Trotzdem nahm er in jenen Tagen seine Bibel, als wäre sie zuständig, und strich sich einige Stellen aus der Offenbarung an.
Vom Tode seines Sohnes Ali wusste er noch nichts, auch über Georgs Hungertod in Frankfurt an der Oder wusste er nichts. Keine Nachricht, obwohl beide schon seit einem halben Jahr tot waren. Sie lebten weiter an der Familien-Fotowand über dem klobigen Schreibtisch. Im Innern des Schreibtisches gingen die vielen Aktenbündel in einer flächigen Zinkkassette auf, Münzen, dazwischen eingeschoben das grünlich netzartige Zwischen¬fach für das Papiergeld, es zeigte kaiser-königliche Münzen mit dem Kopf des Franz Joseph, dann den Michael des König¬reiches Rumänien. (Später, ab 1948, kam das billige Nickelgeld der Volksrepublik hinzu, mit Wappen – aber ohne Kopf.) Vor der Fotowand die unförmige, wie eine Frucht geformte alte Messinglampe. Die Fotowand erinnerte sich, auch wenn niemand mehr dabei war: Nahe am Fenster zum verwilderten, unkrautreichen Garten des Nachbarn hing das ovale Porträt der Großmutter, dies milde Gesicht, auf der Brust eine weiße Schleife mit großer Goldbrosche, die Ami; und nicht weit von diesem Gesicht das erste Foto der Kriegstoten...
Und ich hörte die Stimme Mutters: „Die Internationale und die russische Hymne erklangen auf unserem Marktplatz. Stell dir das vor – die Internationale! Und auf der Villa Franca stand russische Flak. Und Verwundete mit Mongolengesichtern auf dem Bahnhof in langen Reihen.
Onkel Daniel sagte, es sei freilich ein Mangel an Gastfreundschaft, unsere friedlichen Jungs aus Russland so raus zu schmeißen, dann gar hier bei uns in unsere Heimat so ungebeten einzudringen, die Russen doch sonst ein so gastfreundliches Volk!
Als die Internationale und die russische Hymne auf dem Marktplatz erklangen, auf der Villa Franca russische Flak auffuhr, ich Verwundete mit Mongolengesichtern betreuen musste, im Mädchenlyzeum, auf dem Bahnhof, als die Kölnisch Wasser und Brennspiritus tranken, uns die Uhren abnahmen, dawai tscheas – Uhr her!, sagte Onkel Daniel: „Aha, nun gut, die andere Zeit ist da. Der Heilige Geist in neuartiger Form.“
Alle waren verstört, als sie hörten, vor allem der K.-Großvater war verstört, wütend sogar, als Daniel einen einzigen Satz sagte: „Wir wollten die Roten erledigen, dann haben sie uns erledigt.““
Das blieb, das war mal ein Wort. Und Daniel machte sich weiter Luft: „Der Hass auf die Roten, die Angst vor den Armen: Wir wollten sie erledigen, dann haben sie uns erledigt. Klare Sache. Wir waren ein Volk von Bürgern und Bauern, wir Sieben¬bürger Sachsen, ja. Dass sie Gold und Besitz bei uns suchten, war doch normal. Ja, dass jene, die uns Jahrhunderte lang in Häusern und großen Höfen, in schönen Gärten bedienen mussten, Milchmänner, Tagelöhner, Erdarbeiter, mit Vor¬namen nur angesprochen und mit Du, nun die Wut überkam, ist doch menschlich, nicht wahr? Dass sie sich die Geschäfte, die Häuser beibogen, die Gärten, die Höfe dieser arbeitswütigen Sachsen.“
Bei Alarm wurde der kleine Hannes grün und gelb im Gesicht und weinte. Minch bekam Durchfall. Ich zitterte am ganzen Leib und wollte nichts essen!
Und Mutter erzählte: „Wir Frauen mussten den Verwundeten, die vom Bahnhof kamen, die schmutzige Wäsche waschen. In früheren Klassenzimmern des Mädchenlyzeums waren Betten in langen Reihen aufgestellt, ein Lazarett, da lagen Kirgisengesichter, die waren freundlich, aber die Frauen hatten eine Sterbensangst vor ihrer Wildheit; und in der Zeitung hatte man sie als Affen gesehen; jeder Verwundete… der da lag, war ja ein Bolschewik.
Und dann gab es auch diese Vergewaltigungen. Hermann¬onkel und Gustitante waren von zwei Rotarmisten in Schach gehalten worden, während der dritte seelenruhig die Hosen runterließ und sich über die weinende Tochter, die arme Gerda, hermachte. Und dann kamen auch noch die anderen beiden zum Zuge. Das hat die Arme nie vergessen können!
Großvater aber, der ehemalige k. u. k.- Offizier, wurde rot im Gesicht als er das hörte, wollte seinen Revolver holen …“ (Hatte er den überhaupt noch?) das Jagdgewehr? Ja, hat er die nicht genauso wie Telefon und Radioapparat abgeben müssen?
Die Frauen aber schrieen entsetzt: bleibt hier, Karl, bleiw hä, gang net! Denk doch an die Kinder! Sie werden euch alle umbringen!
So blieben sie also, zitternd vor ohnmächtiger Wut und Scham. Und dann kamen auch die Drei von drüben, kreidebleich und stumm. Am nächsten Morgen musste die arme Gerda ins Spital, sie haben ihr gleich eine Waschung und Desinfektion gemacht.
In diesen Tagen gab es viele Begräbnisse... vor allem in der Corneşti... klagende Frauen mit schwarzen Kopf¬tüchern... Kerzen... Weihrauch Geruch... ein Pope in silber¬besticktem Messgewand sang…“

Und die Erinnerungen flossen, Bild für Bild… wie sonst als Kind hier war ich erwacht, hatte die schlechte Luft im Schlafzimmer gespürt, das heiße verbeulte Kissen am Kopf. Der Wecker hatte geschnarrt – Schmerz des Frühaufstehens. Und ich war wieder ein Kind: Vater stand auch auf, er musste in die Stadt. Ich durfte mit.
Aber ich sehe die Überschwemmung der Kokel noch nicht, unter der Maria-Theresia-Brücke schießt das Wasser noch nicht durch. In den Häusern sind die Wände noch nicht nass und feucht, das gelbe Erdreich löst sich noch nicht auf, man kann davon noch nichts erkennen – erst das nächste Jahr wird es zeigen, langsam wird sich alles auflösen. Jetzt, im Spätherbst 1944 sind nur die Gesichter fahl, die Leute schleichen niedergedrückt und wortlos durch die Straßen, grüßen kaum, manche flüstern, der Mundfunk ist verbreitet, es sind die einzigen Nachrichten, Gerüchte über Gerüchte, davon lebt man. Und wieder hat die Oma davon geträumt, dass kochendes Wasser vom Himmel fällt, statt Regen. Und auch die Steine des Trottoirs am Marktplatz sollen sich aufgelöst haben. Ich taste mit den Händen vorsichtig an ihren Kanten entlang und Vater wird böse: „Du machst dich ganz dreckig, Junge!“ Dann versuche ich es mit den Füßen – alles noch fest. Nichts ist zu bemerken, nur die Leute haben Gesichter wie zehn Tage Regenwetter.
Aber als Mirjam, unser Nachbarmädchen, dem alten Mendel, dem Rabbi, davon erzählte, sagte der nachdenklich, wie es seine Art ist: „Ja, Fluss oder Stein, all dies hat mit dem Ende zu tun, hat mit dem vorletzten Buchstaben der Welt zu tun, mit dem Schin.“
Dann ging Vater mit seinen langen Schritten und ich mit kleinen Schrittchen an der Apotheke Zur Krone vorbei. Sie war gesperrt, die Apotheke, auch unser Geschäft im gleichen Gebäude der Gewerbebank war gesperrt. Doch Vater nahm den Schlüssel, öffnete, ging von hinten rein, durch die Tür der Bank mit den automatischen geräuschlosen Türöffnern, dann öffnete er das Wertheimerschloss, ging mit schnellen Schritten am Klo vorbei, und dann zu den Büchern im Kontor, nahm das Hitlerbuch an sich und einige Schriftstücke und Zeitungen, verstaute sie vorsichtig in einer großen Aktentasche und hatte es dann, nachdem alles wieder gut gesichert war, sehr eilig, die Baiergasse hinab zu kommen ins Stadthaus und in den Garten am Kokelufer. Dort sah er sich um, nahm dann das Hitlerbuch und alle Schriftstücke und Zeitungen aus der Aktentasche und warf sie in hohem Bogen in die Kokel. Schlamm drüber!
Und auch Vaters rumänischer Hauptmann war da, der ihn vor der SS gerettet hatte, sie zogen nun gegen die Deutschen, gen Westen, auch er, der kleine Hauptmann mit seiner Kompanie. Er wollte Vater etwas Gutes tun, und sagte: „Te îmbraci in uniformă română şi vii cu noi. Ziehst jetzt eine rumänische Uniform an und kommst mit uns.“ Ja. Es sei besser, Vater kämpfe jetzt gegen die Deutschen. Das sei gut für alle Zukunft. Du kommst auf die andere Seite der Front. Aber Vater wich zurück, wie vor etwas Verbotenem. „Nein, nein“, sagte er. „Danke. Ich bleibe jetzt bei meiner Familie, die braucht mich.“

Großer Raum. Eine Orgel. Gesang. 1945. Hört ihr die Große Glocke? Der Bischof auf der Kanzel. Onkel Daniel an der Orgel. Hört ihrs: Jesu, meine Zuversicht?
Die Große Glocke, von drei Männern gezogen. („Da tönt voll Ernst, da tönt voll Macht vom Berg die Glocke droben.“)
Auf einem Wandmedaillon, schildartig, verzierte Randleiste: „Auff dien grosz Martr Sterben/ Und Leydn/ Kommn wir o Herr zu/ Dir bescheydn.“
Wir waren am Ende. Keine Auferstehung. Peenemünde hatte versagt, dies Fischerdorf auf der Insel Usedom, wo ja auch Großvaters Jagdfreund, unser Raketen-Oberth, gewesen war – schließlich hatte er die Rakete erfunden – und sollte seine Erfindung weiterführen bis zur Wunderwaffe V 1 und V 2, was er auch gern getan hätte. Bevorzugt wurde aber dann sein Schüler von Braun. Das werden die Siebenbürger der Obersten Heeresleitung nie verzeihen, die hat den falschen Mann gewählt.
Ich saß im Baruchhaus in der Stube, wo ich geboren wurde, am neuen Schreibtisch und schrieb:
Alle, die mit den Deutschen kämpften, blieben weiter an der Front. Für Führer und Reich. Auch wenn bei uns in Schesz-Brich ein seltsamer Frieden herrschte. Unter den Russen.
Es geschah etwas, was wir auch in unserem heutigen Wohlleben gar nicht mehr nachfühlen können: Im Januar 45 wurden alle jungen Sachsen und Sächsinnen nach Russland verschleppt. Auch Georg wurde deportiert. Befehl des russischen Stadtkommandanten, sich zu stellen. Wie früher die Deutschen ihre Juden bestellt hatten – Befehl des Stadtkommandanten.
Friederike erzählte, wie es gewesen war:
„Als die Bekanntmachung des russischen Stadtkom¬mandanten und der Polizei publik wurde, handelten alle genau so wie vorher, ohne Widerrede und ohne Rücksicht auf ihr kleines Leben, eben so wie wir es gewohnt waren, genau so (ohne Räcksicht af as klien Liewen), blind auch der neuen Obrigkeit gehorchend. Und die Baruchischen lachten über uns und sagten noch, wenn man euch auffordert, morgen in der Früh auf dem Marktplatz zum Erschossenwerden anzutreten, seid ihr vollzählig und pünktlich da. Aber sie, die Juden, hätten es ja genau so gemacht. Vielleicht sind wir uns zu ähnlich, so dass dieses Unglück zwischen uns geschehen musste. Dieser Wahnsinn, stell dir das vor! Und da war doch der junge Roth, der Sohn vom Friseur, der hatte sich ja wie alle übrigen auch gestellt, wä menj Georg uch. Wie mein Georg ja auch. Um ein Uhr mittags mussten sie sich in der Mädchenschule versammeln, dort war der Sammelplatz; sie wurden bewacht von rumänischen Polizisten und von Russen, aber man hätte sie gar nicht bewachen müssen, sie wären sicher nicht weggelaufen, sicher nicht! Und als man den jungen Roth nicht aufrief, alle wurden aufgerufen beim Appell, nur er nicht, da meldete er sich wie in der Schule und sagte: Bitte, mich hat man nicht aufgerufen. Oder hat er es vielleicht auf Rumänisch gesagt?! Ich weiß es nicht. Ja, wir, wir waren schon ganz schön dumm; ich packte Georg den Rucksack, zuerst hatten wir noch Mittag gegessen, und es war vorgeschrieben, was man mitnehmen durfte, es gab eine Liste dafür, und ich sagte zu ihm, als die alte Spieluhr auf der Kredenz anfing zu spielen, du weißt ja, dieses Üb immer Treu und Redlichkeit, dies Mozartlied war auf der Walze, die Ami hatte das so gern, man muss ja jetzt nach so vielen Jahren lachen, obwohl mir jetzt die Tränen kommen, da sagte ich, dass es ja schon dreiviertel eins sei, und sagte noch, Georg, tea messt dech beellen, du musst dich beeilen, sonst kist tea noch ze speet. Und er: Jaja, ich gehe schon, behät dech Gott, menj Läwet uch de Känjder. Behüt dich Gott meine Liebe, dich und die Kinder! Und ich komm bald wieder, ich bin ja gesund. Ja, und er nahm den Rucksack vom Tisch, schnürte ihn sorgfältig zu, ging zur Tür hinaus, über den Gang ging er, Georg, mein Mann, ich sah ihm nach, er ging die Treppe hinab, tauchte im Hof nochmals auf, ging durch den Hof, am Tor wandte er sich nochmals um, winkte mit einer Hand, ich sah die Hand ganz oben, ganz oben sah ich seine Hand, seine liebe Hand, und er verschwand dann auf der Gasse und kam nie mehr wieder.
Einige hatten sich versteckt, unter anderen auch dein Vater, manche änderten wie Fredi ihren Familiennamen, heirateten Rumänen, du kennst ja die Geschichte vom Leutnant Popescu, der die Gret geheiratet hat, die schon in der Schule war, er holte sie raus, fragte, ob sie einen Verlobten habe, naja, sagte sie, der ist noch bei der SS. Der blutjunge rumänische Offizier geng mät em straks zem Standesamt, ging mit ihr stracks zum Standesamt, und sie kam als Doamna Locotenent Popescu wieder heraus, er wünschte ihr noch viel Glück, und nach dem Krieg können wir uns wieder scheiden lassen. Es kam aber nicht mehr dazu, er kam aus dem Krieg nicht mehr zurück, und die Gret war nun rumänische Kriegswitwe, sie wartete noch anstandshalber das Trauerjahr ab, und heiratete dann ihren Franzi, der gesund von der SS wieder nach Hause gekommen war. Und sie bezieht noch heute ihre rumänische Offizierspension, obwohl sie längst in Westdeutschland lebt, in der „neuen Heimat.““

Dr. HELMUT KEUL
„Januar 45 war ich freilich noch im kämpfenden Berlin. Und mit der V 2 sollte es nun so weiter gehen. Ich war ja noch dabei in jenem Zentrum des eingekesselten Großberlin“, so Onkel Hermann: „Dann kam der 2. Mai. Ein leichter Regen ging nieder, jenseits des Nollendorfplatzes erste weiße Fahnen. Frühlingsduft, Rauch, Geruch von Blut und Schweiß, wir stiegen mit weißen Armbinden über die Trümmer. Hatten uns sorgfältig Kragenspiegel und Rangabzeichen abgetrennt. Ergaben uns den Russen“, erzählte Hermann: „Wir hoben die Hände hoch, ergaben uns einer Gruppe Rotarmisten, die lächelnd abwinkten. Die Uniformen von SS und Wehrmacht sind gleich feldgrau. Ich war SS-Unterarzt, also Unteroffizier, und bei der Kontrolle – die untersuchten zuerst jeden nach Blutgruppenzeichen – fanden sie mein Zeichen nicht, das war mein Glück, ich hatte keines. An dem Tag, als bei unserer Einheit diese Operation vorgenommen worden war, konnte ich mich drücken“, lachte er leicht gequält auf. „Ja“, sagte er: „Mer bekamen alsi den Passierschenj, sätzten es än den Zach, in debn Zug, und kamen no enner langen Fohrt drun än Temeschburg auf dem Bahnhof un. De Let sachen as un, als wären mer Giester. Als wären wir Geister, also Gespenster, ja, so sahen uns die Leute an, ein Häuflein deutscher Soldaten fast ein Jahr nach dem Zusammenbruch. Und prompt nahm uns dann auch eine russische Patrouille hopp. Wir zeigten aber unsere Zapiska, das Papier, vor, die schüttelten die Köpfe und ließen uns ziehen. Im Zug sahen uns die Leute an, als wären wir eine Befreiungsarmee, die Rumänen, die hatten jetzt von der Befreiung und den Befreiern genug und hätten sich wohl gern zurückerobern lassen. Zu Hause in Schäßburg angekommen, drückte ich mich die Wände entlang, von Hauseingang zu Hauseingang, als gälte es, mich in einem heimlichen Straßenkampf zu bewähren...
Kam dann in meinem Elternhaus an, ging durchs Hoftor, über die Katzenköpfe am Baruchhaus vorbei, im Hof schlugen die Nachbarn die Hände über dem Kopf zusammen, unsere Gysi machte Kulleraugen und rief: Joi a Doktorur. Und nur ein Baruchmädchen, ich glaube, es war die Mirjam, machte ein sehr erschrockenes Gesicht. Friederike sah mich vom Gang, wurde ganz rot vor Aufregung und lief mir entgegen, auch meine Mutter war inzwischen alarmiert, und es fand eine große Begrüßung statt.
Zuhause aber herrschten noch echt rumänische Zustände. So hatte die Polizei nach einigen Tagen von meiner Ankunft Wind bekommen, oder die brauchten noch Menschen für einen neuen Transport in den Ural. Im Januar 1945 waren Abertausende unserer Leute verschleppt worden. Jedenfalls kam ein Zivilist zu uns in die Baiergasse und sagte zu meinem Vater: Sa poftiţi cu fiul Dumneavoastră la poliţie, kommen sie bitte mit Ihrem Sohn zur Polizei. Und da hat mein Vater gesagt: Mein Sohn ist nicht da. Und der Zivilist ist gegangen; doch nach einer Stunde kam er wieder und bestand darauf: Ich muss Sie jetzt mitnehmen, machen Sie sich sofort fertig. Und wie der auf unserem Gang am Wohnzimmerfenster entlang geht, in die Küche, um mich festzunehmen, bin ich zum Haupteingang hinaus, wir hatten ja zwei Eingangstüren, zuerst ins Klo und dann auf den Holzmarkt zu Sles. Und da hat mein Vater wieder gesagt: Mein Sohn ist nicht da, und der Zivilist musste wieder unverrichteter Dinge abziehen.
In der Holzmarktgasse bei Sles und Eri war eine rumänische Kommission, die wollte sich die Wohnung ansehen und enteignen. Ohne zu wissen, was da los war, kam ich in das Zimmer herein. Und da sagte dieser Rumäne, ich weiß nicht, wie er hieß, wir kannten uns von früher: Ah, domnule Doctor, aici sunteţi! Ah, Herr Doktor, hier sind Sie! Sie hatten mich ja gesucht, die Sigurantza. Aber der von der Kommission war ja nicht für mich und meine Verhaftung zuständig.
Und später, da kam einer, sah mich von der Gasse zum Tor herein gehen, zwinkerte mir zu und sagte: Sie müssen sofort zur Polizei. Ließ mich aber hineingehen. Ich sagte zu Vater: Jetzt verschwinde ich; zu den Russen geh ich auf keinen Fall, das kenne ich. Und habe dann nachgedacht, was ich jetzt tun könnte, bin dann zur Krankenkasse gegangen und habe die gebeten, mir einen Einlieferungsschein zu geben.
Ein andermal kam zu meinem Vater einer vom Cerc, vom Wehrkreiskommando, mit einem Pferd zur Behandlung, Vater war ja ein angesehener Tierarzt. Ein Sachse war es, und ich frage ihn: Was machen Sie da beim Cerc? Und der sagte: Ich war ja auch in Deutschland bei der SS, aber wir sind mindestens zehn SS-Sachsen jetzt beim Cerc. Der Oberst beschäftigt uns.
Ich musste mich sowieso beim Cerc melden und bin mit meinem Vater am nächsten Morgen zu denen gegangen. Und da hat der Oberst Popa gesagt: De îmbraci în uniformă romînă, ca porcii ăştia dela Siguranţa să nu te prindă.. Du ziehst eine rumänische Uniform an, damit dich diese Schweine von der Sicherheit nicht finden, so hat er wörtlich gesagt.
Da bin ich tagelang als Schreiber durch die Stadt gewandert, so gegen Morgen. Früh um acht habe ich dort meinen Dienst angetreten, und es waren meistens Sachsen oder Ungarn da, die auch alle draußen und auser Landes gewesen waren. Und überall in den dicken Büchern stand: Dat desertor. Als Deserteur erkannt. Daneben ein großer Stempel: In sensul convenţiei romîno-germane din 1943 a fost incorporat in armata germana. Entsprechend des deutsch-rumänischen Abkommens von 1943 wurde er zum deutschen Heer eingezogen. Auch Geheimschreiben gingen durch meine Hände, in denen stand, die Sachsen und Schwaben, also die hitlerişti, versuchten mit allen Mitteln, jetzt wieder über die Grenze zu kommen. Man sollte sie auf keinen Fall wieder hereinlassen.“
„Was war das für ein Abkommen?“
„Nun, das war ein Geschenk des Volksgruppenführers Andreas Schmidt, ein Staatsabkommen zwischen Berlin und Bukarest. Es bedeutete praktisch, dass alle Deutschen Rumäniens ihren Wehrdienst freiwillig bei der SS abzuleisten hätten. Von Freiwilligkeit war zu dem Zeitpunkt freilich kaum die Rede. So kamen fast 70.000 unserer Leute völlig ahnungslos und unter Zwang in den Schwarzen Orden und leider als Wachpersonal auch in die Lager wie mein Bruder Tallo und Roland.“
1945 und 1946 läutete sehr oft die Große Glocke der Bergkirche. Viele kamen nicht wieder, und für jeden läutete die Glocke.
Es läutete also ganz tief die Glocke. Als die Nachricht von Alis Tod kam, weinte sich Mutter die Augen aus, tagelang. Töff fiel bei Weimar am 11. April 1945; die Todesnachricht aber kam erst ein Jahr später an.
Neun Mann sollen es gewesen sein, in einem Weggraben, das Gesicht im Gras, vielleicht schon Blumen. Die Blumen aber hatten keine Köpfe mehr, Stängel nur, und auch die zerfetzt. Tau? Töff war sechsundzwanzig Jahre alt, als er fiel. Lager oben auf dem Ettersberg. Lager, kein Todeslager wie bisher, und doch: Dort oben Wanderers Nachtlied unter einer Linde, am Appellplatz, Vögel singen im Geäst; eine Sicht geht weit hinein nach Thüringen.
Und genau an diesem Tag kam auch die Nachricht von Georgs Tod, auch sie kam ein Jahr später; auch Friederike weinte sich die Augen aus, und lebte nachher kaum mehr, war Kriegswitwe und Mutter.
Die alte Todeskunde, auch sie gilt nun nicht. Keine Erfahrung ist annehmbar.
Georg war in Frankfurt an der Oder an einem Hungerödem langsam verlöscht. Wie eine Kerze, sagte sie, wie eine Kerze verlöscht, Georg.
Es folgte Schlag auf Schlag. Zwei Jahre später die eigentliche große Enteignung.
Ich sehe es noch so genau vor mir: Der S.-Großvater war wie jeden Tag gegen neunzehn Uhr mit Vater aus der Firma A.V. Hausenblasz, unserem Geschäft, nach Hause gekommen. Sie hatten ihm das Geschäft enteignet. Er bewegte sich langsam, mühsam, müde, ein wenig schlurften seine Schritte auf dem Asphalt; neben ihm Sles, sein Sohn, der ihn manchmal sogar untergefasst hielt und mit gebremsten Schritten besorgt neben ihm herging.
Die Kuckucksuhr schlug, der freche Holzvogel kam aus seinem Häuschen. Der Großvater ging die knarrende Stiege hinauf, er blieb auf jedem Treppenabsatz stehen, atmete schwer, ich neben ihm, konnte es kaum erwarten, oben zu sein. Großvater wollte mir etwas sehr Wichtiges zeigen, „eine Überraschung“, ein Buch. Nein, Briefmarken waren es. „Mit Briefmarken kannst du die ganze Welt kennen lernen, Mächel, du kannst sehr weit weg sein. Man kann auch im Brockhaus lesen und weg sein.“ Großvater war in Budapest gewesen und in der Kaiserstadt Wien. Preßburg, Prag. Die ganze Monarchie. „Die größte Reise aber geht anderswohin, weißt du, dazu ist die Erde zu klein“, sagte er leiser als sonst.
Auf dem letzten Treppenabsatz, bevor er den Fuß auf den Boden des kleinen Korridors setzte, brach er wie vom Blitz getroffen zusammen, er fiel auf die Knie, und ich fing einen Blick aus seinen wasserhellen Augen auf. Ich schämte mich, weil der Großvater so schwach vor mir auf dem Boden kniete, stumm, mit bittendem Blick da vor mir auf den Knien rutschte, sich festhielt am Treppengeländer, und ich war so erschrocken, dass ich nicht schreien konnte, keinen Mucks von mir gab, dastand und den Großvater anstarrte, der nichts sagte, gar nichts, immer tiefer und tiefer einknickte, und plötzlich schrie ich gellend durchs Treppenhaus, „der Ota äß gefallen, hie laat…“ Rannte die Treppe hinab, sturckelte fast, raste hastig in die Diele. Und dann kamen sie alle gelaufen, Sles und Mutter und auch die Minch halfen Großvater ins Bett.
Aber er lebte nicht mehr lang, es zehrte, es nagte an ihm. „Sein Lebenswerk“, sagte Vater, „ist ruiniert, das hat er nicht verwinden können, das nicht. Es war ja diese Sache mit der Komman¬ditgesellschaft, da hatte er die alte Firma umgewan¬delt, umbenannt. Sie hieß nun Firma Elegant, da gab es rumänische und jüdische Teilhaber, um in diesen schweren Zeiten zu überleben. Aber auch das war dann gescheitert, es hat auch nicht lange gehalten, es gab eine. schleichende Enteignung. Das wollten sie ja, das wollten sie. Die hätten uns am liebsten ausgerottet. Und unsere jungen Leute immer noch in Russland. Aus und vorbei. Die ganze Lebensarbeit. Aus bitter armen Verhältnissen. Sich hochgearbeitet. Aber jetzt? Alles aus und umsonst gewesen...“

21
„Sommeranfang, ein schöner, wolkenloser Juni 1948. Da ging eines Tages das Schreckensgerücht um“, erzählte Mutter: „Frau Flechtenmacher kam zu uns herauf und sagte: Um Gotteswillen, sie nehmen uns alles... Und sie sind in jenem schönen Juni zum Beispiel zu unserem alten Freund Wacke in seine Mühle gekommen und haben ihm befohlen, die Schlüssel vom Geldschrank herauszugeben; er habe in seiner Mühle nichts mehr zu suchen. Und bei den andern war´s ganz ähnlich: Sie können nach Hause gehen, hat man ihnen mitgeteilt, so als würden sie Guten Tag oder Grüß Gott sagen. Sie können nach Hause gehen, die Firma gehört Ihnen nicht mehr, die Firma ist nationalisiert, sie gehört jetzt dem Volk. Und sie haben dann auch schreckliche Dinge gemacht, dieser Pöbel. Sie haben sich zum Beispiel den Herrn Flechtenmacher gegriffen, abgeholt, der war Prokurist bei der Firma Hesshaimer; Joi, furchtbar, ich sehe ihn jetzt noch vor mir, totenblass durch die Straßen gehen, begleitet von einer johlenden Menge von Mob und Fratzen, Halbwüchsigen und Gassenjungen begleitet, so gingen sie also nebeneinander her, ein merkwürdiges Paar, der distinguierte Herr Flechtenmacher hochaufgerichtet, blass und voller Scham, und die Lenjel-Neni, die alte Gemüsehändlerin, die johlende Menge hinterdrein und unter Pfeifen der Gassenjungen über die Neue Brücke und bis in die Baiergasse und durch die ganze Stadt.
Ich bin schnell vom Fenster weg, es war ja an dem Tag Kaffeekränzchen bei der Pasketwitsch Geri, meiner Freundin im Elektrizitätswerk, ging schnell vom Fenster weg, konnte es nicht mit ansehen, denn ich kannte ja die beiden als ehrenhafte Leute. Vor allem den Herrn Flechtenmacher. Einen mussten sie herausgreifen, zur Schaustellung. Dabei war er doch so ein distinguierter Herr, mit einem Achtung gebietenden Auftreten.“
Und auch die Juden wurden dabei nicht verschont. Salmen hat es mir erzählt. „Ja, weißt du, Dr. Mendel, der Bruder von der Dr. Ella Böhm, war ja mit dem Ministerpräsidenen Ion Gheorghe Maurer eng befreundet, und so wurde der Mendel in Bukarest stellvertretender Direktor einer Bank und war dann in die "Ana-Pauker-Affaire" verwickelt, kam so ein volles Jahr in Einzelhaft; er fiel einen Tag nach der Entlassung in Schäßburg auf der Straße tot um. Und die Brüder Baruch wurden auf der Straße mit einem Plakat "Ausbeuter, Klassenfeind" von einer johlenden Menge herumgeführt; sie waren die ersten, die dann von Israel abgekauft wurden. Sie leben aber auch schon lange nicht mehr!“
Es war auch ein trauriges Weihnachten, trauriges Ostern und Pfingstfest gewesen; der Schnee schien dünn, nicht fallen zu wollen, das Frühlingslicht und das Grün, das Licht anders als sonst, die Bäume kleiner, die Häuser, auch die Menschen schienen fahl, wie überlebt.
Augenöffnung? War dies der Himmelssturz, von dem der große Adolf immer gesprochen hatte und der heldenhaft zu vermeiden sei, indem man andere ins Jenseits beförderte?
Ich schätzte meinen Vater, weil er bekannte:
„Wie ein Stein fiel es mir von der Seele, als der ganze Plunder weg war, der uns so belastet hatte, ein ganzes Leben, schon die Väter und Vorväter verbraucht hatte.“
Und er, er habe ja nie etwas besessen, er sei immer nur Angestellter gewesen. War´s denn für die Ewigkeit, das Bleibende? Von dem die Großväter immer sprachen, für das sie ihr Leben geopfert hatten? Auch im Kopf sollte die Welt stillstehen. Noch auf dem Totenbett, umgeben von zwanzig Enkeln: Grund, Haus, Hof. Und der Patriarch machte sein Testament. Ein Leben voller Macht über andere als das Höchste der Güter und Gefühle?

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