ALG II – Abschied von der Menschenwürde

Wer es bis zu Hartz IV geschafft hat, hat sein Ziel erreicht. Er wird nie wieder arbeiten müssen und darf alles haben, außer Besitz. Ein Lebenskonzept mit Stil, das zusehends Verbreitung findet

 

Konterfei Inge HannemannIn der Mitte ein Schreibtisch. Dahinter sitzt die Fallberaterin und davor – der Fall. Eine geeignete Beschreibung, denn wer immer auf diesem Stuhl zu sitzen kommt, hat bereits einen tiefen Fall hinter sich. Vieles wurde dem Fall bereits vermittelt. Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Mutlosigkeit, gekonnt kombiniert mit einer massiven Ichreduzierung. Nur eines wurde dem Fall nie vermittelt, ein anständiger Arbeitsplatz. Allenfalls ein Job, ein Minijob für ein paar Münzen, ein 1 Euro- Job oder ein 400 Euro- Job. Eine ordentliche Festanstellung sieht anders aus. Und die Fallberaterin? Sie ist genauso chancenlos wie ihr Fall, denn sie soll vermitteln, was es nicht gibt – anständig bezahlte Arbeit.

Warning SignalsEine einzelne aus diesen Heerscharen von Fallberatern- und Managern hat nun die Nase voll. Sie tritt an die Öffentlichkeit und redet. Sie erzählt von der Situation hinter den verschlossenen Türen der Jobcenter, oder war es nicht die ARGE, bzw. das Arbeitsamt? Viele Namen für ein und dieselbe Sache, nämlich für das fast komplette Versagen unserer sozialen Sicherungssysteme, unserer Gewerkschaften und unserer Arbeitsmarktpolitik. Nachdem Helmut Kohl 1982 durch einen Putsch an die Macht gekommen war, nachdem die CDU/CSU durch Bestechung von Abgeordneten ein fadenscheiniges Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt vom Zaum gebrochen hatte, entpuppte sich der dicke Pfälzer als Abrissbirne, ein Spitzname, der ihm bis heute anhaftet – auch wenn er es selbst nicht mehr merkt.

Inge Hannemann, die in Hamburg in einem der Jobcenter arbeitet, wird von ihren Kollegen als Nestbeschmutzerin wahrgenommen, weil sie schonungslos die Missstände hinter den Mauern deutscher Arbeitsämter aufdeckt und öffentlich kritisiert. Damit kann sie leben, sieht sich selbst eher als Whistleblowerin und pfeift auf die angefressenen Einwände von Kollegen, die sich von ihr öffentlich bloßgestellt sehen. Mutig deckt sie auf, prangert an und regt damit vielleicht sogar den einen oder anderen Kollegen zum Nachdenken an. Heute Abend nun ist sie zu Gast bei Jungle Drum Radio und wird dort ab 19 Uhr aus dem Nähkästchen plaudern. Viel Spaß bei Reinhören, die Player befinden sich oben rechts.