Alben des Monats – Juni & Juli 2015


Ihr merkt es vielleicht: Im Moment ist hier weniger los, die Pscht!s sind spärlich und auch die Reviews bleiben mehr oder weniger aus. Das liegt aber keinesfalls daran, dass es nicht genug Material zum Schreiben gäbe, im Gegenteil: Mit Everything Everything, Jenny Hval, Girlpool und Tame Impala haben nicht wenige Bands gute, interessante und wichtige Alben veröffentlicht. Da wir Posties in letzter Zeit allerdings ziemlich beschäftigt waren, blieb uns nicht soviel Zeit, uns wirklich mit der Musik zu beschäftigen, um über sie schreiben zu können. Jetzt können wir zum Glück das Tempo wieder ein bisschen anziehen, freut euch also auf die nächsten Monate.

Genug entschuldigt, hier nun endlich die interessantesten Alben der letzten beiden Monate.



Juni

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Mit Afrodisco aus Frankreich, Soft Dick Rock und der aktuellsten Band im Musikbiz

Der Juni ist der Monat des Damals vs Heute vs Morgen. Die Bon Voyage Organisation macht discoiden Afrofunk à la Giorgio „Sound of the Future“ Moroder. Everything Everything klingen schon wieder wie digitales Zeitalter und setzen sich mit den erschütternden Ereignissen des letzten Jahres auseinander. Jamie xx legt seine musikalische Früherziehung mit eigenem Twist für die post-90er-Generation auf und Slaves machen Punk zu Pink. Girlpool spielen die Kindheit von Riot Grrrl nach, während Jenny Hval kunstvoll über Feminismus anno 2015 singt. Die besten Alben des Monats klingen nicht nur überragend und originell, sondern sind auch textlich relevant für unsere heutige Gesellschaft. Früher war halt doch nicht alles besser.


Everything Everything: Get to Heaven

Get to Heaven by Everything EverythingEs besteht wohl kaum Zweifel daran, dass Everything Everything zur Zeit die aktuellste Band im Musikbiz sind. Während sich D’Angelo und Killer Mike in den USA gegen Rassismus und für #BlackLivesMatter einsetzen, weiten die Briten ihren lyrischen Rahmen global aus. Get to Heaven, das dritte Album der Odd Popper, behandelt die Ereignisse des letzten Jahres, den IS und Massenüberwachung. Dabei setzen sich Songs wie „To the Blade“, der Titeltrack und die zweite Single „Regret“ nicht nur mit Terrorismus auseinander, sondern auch mit unseren Reaktionen auf solche Nachrichten und den Sicherheitsabstand, den uns die heimischen Bildschirme bieten: „I’m thinking: ‚What was my password?‘ / As the vultures land.“ Es lohnt sich, sich bei dieser Band mit den Texten zu beschäftigen.

Darüber hinaus sind Everything Everything klangästhetisch eine der wenigen Bands, die heute wirklich innovieren. Schon mit dem Debüt Man Alive konnte man sich am „post-internet sound“ ergötzen, auf Get to Heaven sind wir irreversibel im digitalen Zeitalter angekommen. In den ersten 15 Minuten äußert sich das als stromlinienförmiger Art Rock, die Gitarre-Drums-Version der maximalistischen Ästhetik eines Rustie. Da kann man schonmal durchgehen lassen, dass sich manche Gesangslinien seit zwei Alben wiederholen. Die zweite Hälfte des Albums, von „The Wheel (Is Turning Now)“ bis zu „Warm Healer“, ist aufs Tiefste in zeitgenössische Electrosounds getränkt. Everything Everything als die Radiohead von heute zu bezeichnen, ist da fast ein bisschen einschränkend. Das merkt man besonders auf „Happsburg Lippp“, einem Track der Deluxe Edition von Get to Heaven. Hier krachen Einflüsse herein, die weit über Radioheads Kid A und The King of Limbs hinausgehen: Trap Drums, Yeezus-Rap, dann aber im Refrain der Wechsel zur Kopfstimme, die das Bild von machomäßig-aggressiver Musik umwirft. Ist das noch Pop oder ist das schon Kunst? Beides.


Bon Voyage Organisation:

187418Da das für Juni versprochene neue Album von Chic nicht gekommen ist, besprechen wir an dieser Stelle stattdessen XĪNGYÈ. Adrien Durand, der Produzent hinter Bon Voyage Organisation, hat sich die Frage gestellt, wie Blade Runner in Lagos aussehen würde. Eine alternative Zukunft, in der Afrodisco nicht vom Westen, sondern von China beeinflusst worden wäre. In der nicht in Amerika, sondern in Hong Kong zu „Shēnzhèn 5″ und „Love Soup“ getanzt würde. Daft Punk würden wohl noch genauso klingen, doch so etwas wie die XĪNGYÈ EP von Durands zur Organisation erweitertem Projekt wäre wahrscheinlich verbreiteter als Mark Ronson oder Todd Terje. Man merkt den vier Songs plus In- und Outro das Moroder/Daft Punk-Konzept an – ein „sound of the future“ von aus dem All gekommenen humanoiden Robotern – aber auch einen tatsächlichen asiatischen Einfluss kann man hören, nicht zuletzt dank Li Lijuan am Gesang. Lässt man sich auf das Gedankenspiel ein, kann man XĪNGYÈ eine Menge Hörvergnügen abgewinnen. „Chic“ sagt doch heute eh keiner mehr.


Gengahr: A Dream Outside

gengahrGengahr, das klingt im ersten Moment wie eines der Geister-Viecher aus Pokémon. Tatsächlich aber ist Gengahr eine junge Psych-Rock-Band aus Großbritannien, die bis auf den ab und an geisterhaft hellen Gesang des Sängers Felix Bushe kaum was mit Spuk am Hut hat. Die Band hat es durch gelegentliche Veröffentlichtung in einem knappen Jahr zu einer treuen Fanbase geschafft, die mit A Dream Outside nicht enttäuscht wird. Das Debüt klingt nämlich genau so, wie es sich von Indie-Liebhabern gewünscht wird. Mal geben die Briten die schrägen Psych-Rock-Stars und erinnern an MGMT, mal spielen sie aber schnörkellos ihre eklektizistisch anmutenden Rock-Nummern einfach runter. Die Summe aber ist es, die das Debüt von Gengahr so dermaßen ausgewogen wirken lässt. Ein starkes Debüt!


Girlpool: Before the World Was Big

girlpool kleinRiot Grrrl zeichnet sich durch die Verbindung von an Hardcore grenzendem Punk mit Feminismus aus. Aber Riot Grrrl muss nicht immer hart und krawallig sein. Case in point: Girlpool. Das Duo, bestehend aus Cleo Tucker und Harmony Tividad, verlässt sich auf das Zusammenspiel ihrer Stimmen und der Gitarren, E- und Bass- respektive – Schlagzeug gibt es nicht. Bis auf auf „Crowded Strangers“ und „Ideal World“ ist die E-Gitarre auch kaum verzerrt, ganz zu schweigen vom erfreulich glatten und doch unpolierten Gesang. Auf Before the World Was Big klingen Girlpool eher wie die formative Kindheit von Riot Grrrl. Die Melodien sind verspielt-naiv, ohne kraftlos zu sein. Wenn sie auch keine Texte über feministische Themen schreiben: Ihre Musik ist eine eigene Form von female empowerment. Riot Grrrl für die WG-Küche, und das meine ich nicht schlecht. Wer sich morgens mit dem Kaffee eine Tasse Girlpool einflößt – die Spielzeit von Before the World Was Big beträgt knappe 24 Minuten – geht als besserer Mensch aus dem Haus.


Jamie xx: In Colour

30078-in-colourAllein beim Hören des Namens Jamie xx bekommt eine ganze Subkultur vor Ehrfurcht weiche Knie. Der Brite hat es mit cleveren Remixes geschafft, seine Anhängerschaft zu begeistern und auszubauen. Nun hat er es also gewagt. Mit In Colour traut der Produzent sich erstmals an eine eigene, neue Platte heran. Das Resultat ist ein Kunstwerk. Wie das farbenfrohe Plattencover erahnen lässt, bedient Jamie xx sich verschiedenster Genres und vermischt sie zu einem kontemporären Sound zusammen, der seinesgleichen sucht. Kaum ein anderer Produzent schafft es, Einflüsse aus Hip-Hop, Soul und Electronica so gut in ein selbiges Album zu packen. Die vielen Samples, die er einsetzt, nutzen sich in keinem der Songs ab, sondern veredeln sie viel mehr. Ja, Jamie Smith hat auch uns in die Knie gezwungen.


Jenny Hval: Apocalypse, girl

jenny hval klein„Think big, girl, like a king. Think kingsize.“ Jenny Hval doziert auf ihrem fünften Album über Soft Dick Rock, Selbstzweifel und das vermeintliche Ende des Feminismus. Die Genre-Frage wollen wir bei Apocalypse, girl gar nicht erst stellen. Oder doch, nennen wir das Genre, in dem die Norwegerin operiert, „Björk“. Apocalypse, girl ist ein musikalischer Einzelfall, wie zuletzt Biophilia und Vulnicura als Kosmos-Mensch-Komplementäralben ohne Vergleiche blieben. Hval orientiert sich im Opener „Kingsize“ und danach über das Album verstreut an ihrer Zusammenarbeit mit Susanna Wallumrød, deren Meshes of Voice eines der interessanteren Releases des letzten Jahres war. Ihre Stimme schwebt auch hier über den glimmernden Kompositionen, bis am Ende nur noch ein Hecheln übrig bleibt. Jetzt kann die Apokalypse kommen.


LA Priest: Inji

LA_PRIEST_Inji_Album_Cover_ArtDas Wirken der Band Late Of The Pier (man erinnert sich schwach) liegt so weit zurück, dass das Solo-Debüt von Sam Eastgate Nullkommanull an das ehemalige Bandprojekt gekoppelt ist. Und doch ist das Projekt mindestens genau so anspruchsvoll wie die Musik der ehemaligen Weirdos der Indie-Szene. So ist Inji, was laut unserer ausgetüftelten Suche auf Google irgendetwas mit Ingwer zu tun hat, an manchen Stellen zwar strange und doch ein wahnsinnig gutes Stück geworden. Durch die ganze Platte weht ein tropischer Wind, der sämtliche Songs mit seiner Coolness bestülpt. Es ist einfach an alles gedacht worden. „Party Zute/Learning To Love“ ist nämlich beispielweise nicht nur einer der stärksten Songs der Platte, sondern auch ein Club-Banger, wie man so schön sagt. Andererseits beinhaltet Inji aber eben auch Nummern wie „Fabby“, die zum Entspannen einladen. Diese spielend leichte Komplexität macht das Debüt von LA Priest zu einem der besten Alben des Jahres.


Miguel: Wildheart

miguel_wildheart_cdSchon lustig, wie prophetisch einem der eigene Musikgeschmack manchmal vorkommt. Seit knapp einem Jahr – um genau zu sein, seit dem Appletree Garden Festival 2014, auf dem am Zeltplatz abwechselnd Voodoo und Jane Fonda’s Weight Loss Walkout lief – ist R&B als Genre in meiner persönlichen Hitparade auf Platz 2. Dass das überhaupt nichts mit Voraussehung zu tun hat, dürfte jedem aufmerksamen Musikfan klar sein. Frank Oceans alternatives R&B-Meisterwerk channel ORANGE war zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre alt und auch FKA twigs war mir schon begegnet. Doch dass nun innerhalb eines halben Jahres D’Angelos erstes Album seit 15 Jahren erscheint (und nicht enttäuscht), Bilderbuch mit Schick Schock deutsche Texte mit einem R&B vereinen, bei dem das „R“ für Rock steht, und nun auch noch Miguel musikalisch interessant wird, ist schon bemerkenswert. Wildheart macht Black Messiah zwar keine ernsthafte Konkurrenz, zeigt aber mit warmen, bassigen Gitarren und hitzigen Funkbeats, dass selbst jenes Überalbum nicht „alternativlos“ ist. Miguels dritte LP wendet sich ab vom Mainstream-Einheitsbrei à la Rihanna (muss auch mal wieder gesagt werden), hin zu altem Prince und neuen Hip-Hop Sounds.


Slaves: Are You Satisfied?

SlavesPunk’s not dead! Ausgelutschter könnte der Spruch in Zeiten, in denen das Logo der Sex Pistols Kreditkarten ziert, kaum sein. Und doch haben es zwei Briten aus Kent geschafft, so etwas wie eine kleine Euphorie loszutreten. Mit ihrer Durchbruchssingle „The Hunter“ hat das Duo die perfekte Hymne für Pogo-willige dieses Festivalsommers geschaffen. Auf ihrem Debütalbum Are You Satisfied? beweisen Slaves, dass sie viel mehr als nur laut sein können. „Sockets“ beispielsweise ist eine lockere Garagerock-Nummer, die einen schnell über die Tanzfläche steppen lässt. Natürlich gibt es momentan viele Bands da draußen, die durchaus feinfühligere Musik machen. Doch darum geht es Isaac Holman und Laurie Vincent auch gar nicht. Ein Sprachrohr für die junge Generation in Großbritannien sein, das ist das Ziel, das sie anstreben. Mit Are You Satisfied? sind sie diesem Ziel ein gewaltiges Stück näher gekommen.


Wolf Alice: My Love Is My Cool

Wolf_Alice_-_My_Love_Is_CoolKaum eine Band wurde in den letzten bereits lange vor der Veröffentlichung eines Albums so gepusht wie Wolf Alice. Die Band um die Sängerin Ellie Rowsell hat sich vom Druck die neue Hoffnung eines ganzen Genres aber nicht unterkriegen lassen. Auf ihrem Debüt geben die Briten sich nämlich keineswegs so grungig wie manch ein Experte wohl insgeheim gehofft hat. Nein, Wolf Alice spielen befreit auf, zeigen, dass sie nicht immer nur wütend in die Gitarren hauen müssen, um Energie in ihren Songs freizusetzen. In Songs wie „Bros“ zeigen sie, dass sie auch durchaus gewillt sind, Pop-Musik zu machen. My Love Is My Cool ist ein Debüt, das sich nicht in die bereits geöffneten Schubladen der Experten stecken lässt und durch viel Witz und Kreativität zu überzeugen weiß.


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