Ajami

Es ist Ostern. Neben dem fröhlichen Eiersuchen in Eiseskälte und den zahlreichen Familienzusammenkünften, bedeutet das für mich vor allem eins: Urlaub! Konsequenterweise konnte ich mir letzte Woche keinen Film ansehen und rezensieren. Ich bezweifele nicht, dass die italienischen Kinos ein reichhaltiges Angebot liefern, aber mein Italienisch ist nur halb so gut ausgeprägt, wie das Aldo des Apachen, so dass ich mich gegen einen Kinobesuch in Florenz entschieden habe. Einen verstohlenen Blick auf die Filmplakate, der aktuell anlaufenden Filme konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. - „Ein Prophet“ mit Tahar Rahmin zum Beispiel, der eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Shiah LeBeouf hat, es aber nicht ist, wie ich es in den letzten Wochen immer wieder skandiert habe. So entstehen Gerüchte, weil jemand, der von sich behauptet, Ahnung zu haben, zu faul war, einmal im Internet zu recherchieren. Wie dem auch sei: Um „Ein Prophet“ soll es heute noch nicht gehen. Viel mehr hatte ich vor meinem Urlaub Gelegenheit, einen anderen Film zu sehen, der sich einer altbekannten Problematik annimmt. Nach über einem Jahr Verzögerung läuft er nun endlich in Deutschland: „Ajami“
Es geht um das Leben in Tel Aviv, im Stadtteil Ajami. Hier leben Juden und Moslems in direkter Nachbarschafft. Der Konflikt zwischen Israelis und Pallästinensern spielt aber nur eine hintergründige Rolle und bietet den Rahmen für eine komplexe und spannende Familiengeschichte. Omar zum Beispiel. Sein Onkel betreibt ein Café. Eines Tages stürmt ein bewaffneter Schutzgelderpresser herein und wird prompt von Omars Onkel niedergeschossen. Es stellt sich heraus, dass der Erpresser einer verfeindeten Familie angehört und es entsteht eine unvermeidliche Kettenreaktion. Zunächst wird Omars Onkel selbst niedergeschossen und Omar soll nun auch umgebracht werden. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Blutfehde heraus zu kommen, besteht darin, eine große Summe Geld als Wiedergutmachung an die verfeindete Familie zu zahlen. Außerdem geht es um Dando, den Polizisten, der seinen Bruder sucht, der als Soldat zu einem Einsatz aufgebrochen ist und nie wieder gekommen ist. Es geht um Mallek, der illegal aus Palästina nach Tel Aviv eingewandert ist, um hier zu arbeiten, damit er die Krankenhausrechnung seiner totkranken Mutter bezahlen kann. Das sind nur einige der vielen Menschen, denen der Zuschauer in „Ajami“ begegnet.
Für die Regie zeichneten sich die beiden Regisseure Yaron Shanti und Scandar Copti aus, die beide in Ajami aufgewachsen sind. Bemerkenswert ist hier die Tatsache, dass einer Jude und der andere Muslim ist. Dadurch ergibt sich eine einzigartige Perspektive auf die Situation in Tel Aviv, die sich auch immer wieder im visuellen Stil des Films niederschlägt. Das ganze ist mit einfacher Handkamera gefilmt und die Schauplätze sind immer echt. Es wurden keinerlei Kulissen für den Film gebaut. Bei vielen Szenen wurden für die Dreharbeiten nicht mal Straßen gesperrt. Die ausgedachten Figuren agieren also in einer Umgebung, die echter ist, als sie selbst. Und gerade, weil die Umgebung echt ist, wirken einige Szenen und Dialoge ein bisschen zu konstruiert und gekünstelt. Das tut dem Rest des Films allerdings keinen echten Abbruch. „Ajami“ zeichnet ein ultrarealistisches Bild des Lebens in diesem Stadtteil, ohne zu kritisieren, oder zu romantisieren. Das gelingt eben dadurch, dass er das Leben und das Arbeiten einfängt, sowie die ganze undurchsichtige Situation und den alltäglichen Wahnsinn. Die Story wird ein wenig holprig erzählt und man hat sich für eine episodenhafte Dramaturgie entschieden. Das sorgt am Anfang dafür, dass man als Zuschauer Schwierigkeiten hat, in die Geschichte komplett ein zu tauchen. Hat man aber die Verbindungen zwischen den einzelenen Hauptfiguren hergestellt, erschließt sich einem eine spannende und dramatische Familiengeschichte.
„Ajami“ ist ein toller Film, der sich hinter Genrekollegen, wie „Gomorrah“ nicht verstecken muss. Bilder und Story harmonieren perfekt. Einziges Manko ist die deutsche Synchronisation, die möglicherweise wegen zu hohem Zeitdrucks mächtig in die Hose gegangen ist. So toll es ist, wenn bekannte und gute Stimmen zu hören sind, um so ärgerlicher ist es, wenn man lieblose und unmotivierte Sprecher hört. Schade.
Ajami (IL 2009): R.: Scandar Copti & Yaron Shanti; D.:Fouhad Habash, Nisrine Rihan, Elias Saba, u.a.; Offizielle Homepage
In Weimar (noch bis 07,04.2010): Kommunales Kino Mon Ami
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar