96 bleibt trotz Höhenflug auf dem Teppich

Erstellt am 1. Oktober 2010 von Stscherer

Sport1

Gegen St. Pauli kann Hannover auf Platz zwei klettern. Allerdings wird der Traum-Sturm gesprengt. Auch Pauli hat Personalsorgen.

Hannover – Hannover 96 setzt zum Sprung auf den zweiten Platz der Tabelle an, doch Trainer Mirko Slomka bleibt auf dem Teppich. “Euphorie ist nichts Schlechtes. Die Fans sollen träumen können. Aber bei uns verliert niemand die Bodenhaftung“, sagte der 96-Coach vor dem Nordduell am Freitag gegen den FC St. Pauli.

Doch der beste Bundesligastart der Klubgeschichte mit vier Siegen und einem Unentschieden aus sechs Spielen hat auch beim zurückhaltenden Slomka Begehrlichkeiten geweckt: „Wir wollen unsere Serie weiter ausbauen.“

Heimspiele als Festtage

Zumal die Niedersachsen zu Hause ungeschlagen sind und die Liga derzeit wie sonst nur Spitzenreiter FSV Mainz 05 aufmischen. Eine erstaunliche Entwicklung. Nach dem peinlichen Pokal-Aus vor sieben Wochen glich die Mannschaft noch einem Trümmerhaufen. Nun ist sie auferstanden aus Ruinen. „Momentan macht es einfach riesigen Spaß. Gerade unsere Heimspiele sind echte Festtage“, sagt Abwehrspieler Christian Schulz. Zuletzt wurde Werder Bremen mit einer 1:4-Packung nach Hause geschickt.

Sturm-Duo gesprengt

Es wächst etwas zusammen in Hannover. Die Abwehr wirkt stabil, der Angriff ist stets brandgefährlich. Gegen St. Pauli wird Slomka allerdings zum Umbau gezwungen. Sein kongeniales Sturmduo, das sieben der bislang elf Saisontore erzielt hat, ist gesprengt. Zwar kann Mohammed Abellaoue nach überstandener Schädelprellung wohl mitwirken, sein Partner Didier Ya Konan muss wegen einer Knieblessur allerdings passen.

Hanke und Schlaudraff keine Alternative

Möglicherweise kommt für den Ivorer der bereits abgeschriebene Mikael Forssell zum Zug. Auch Lars Stindl ist eine Alternative. Den beiden früheren Nationalspielern Mike Hanke und Jan Schlaudraff bleibt hingegen wieder einmal nur die Zuschauerrolle. „Wir werden eine Lösung finden. Es gibt mehrere Möglichkeiten“, sagt Slomka.

Rothenbach schwer verletzt

Sein Hamburger Kollege Holger Stanislawski blickt hingegen auf eine turbulente Woche zurück. Zunächst reagierte der Coach des FC St. Pauli auf die 1:3-Heimpleite gegen Borussia Dortmund mit einem wahren Tobsuchtsanfall, dann gab es im Training einen Schock zu verdauen. Abwehrspieler Carsten Rothenbach erlitt bei einem Zweikampf mit Moritz Volz eine 20 Zentimeter lange Fleischwunde am Unterschenkel. Rothenbach wurde inzwischen operiert und ist auf dem Wege der Besserung, gegen Hannover fällt er jedoch aus.

Ein Klaps auf den Hintern

Stanislawski, der neben den Langzeitverletzten möglicherweise auch auf die grippekranken Matthias Lehmann und Florian Bruns verzichten muss, will die Personalsorgen nicht dramatisieren. „Ich kann das Geweine nicht hören. Ich habe immer noch eine zweite Mannschaft und eine A-Jugend. Diese Jungs kriegen einen Klaps auf den Hintern und dann geht’s auf in den Kampf – Attacke.“

Rückkehr zu den Anfängen

Dabei muss der Trainer bei der Suche nach Alternativen aber nicht unbedingt in den Niederungen seines Kaders suchen. In Gerald Asamoah brennt ein Ex-Nationalspieler auf sein Startelf-Debüt. Zumal es für den Offensivallrounder eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte ist. Von 1994 bis 1999 trug Asamoah das 96-Trikot.

Und noch zu Hannover:

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Abstiegskandidat Nummer eins

Im Herbst 2009 herrschte Tristesse in Hannover. Robert Enkes Tod war ein Schock, den die Mannschaft schwer verarbeiten konnte. „Wir hatten im letzten Jahr eine außergewöhnliche Situation mit unvorhersehbaren Dingen, die da auf uns zugekommen sind. Da haben wir lange gebraucht, um das aus der Mannschaft rauszubekommen“, blickt Manager Schmadtke zurück. Der sportliche Absturz folgte, nur durch einen immensen Kraftakt gelang Trainer Mirko Slomka nach einer anfänglichen Pleitenserie der Klassenerhalt. Vor dieser Saison galt 96 aber in den meisten Prognosen – spätestens nach dem Pokal-Aus in Elversberg – als Abstiegskandidat Nummer eins.

Kühnste Optimisten überrascht

Doch Hannover überrascht bislang nicht nur die Kritiker, sondern selbst die kühnsten Optimisten. Mit vier Siegen aus sechs Spielen gelang 96 der beste Bundesliga-Start der Klubgeschichte. Am Tag des Erscheinens von Robert Enkes Biografie steht Hannover 96 auf Tabellenplatz drei, fünf Punkte vor dem FC Bayern und mit der reellen Chance, durch einem Sieg gegen St. Pauli Zweiter zu werden.

Schmadtke-Transfers schlugen ein

Schmadtke hat seinen Beitrag dazu geleistet. Mohammed Abdellaoue, Moritz Stoppelkamp, Didier Ya Konan – der gegen St. Pauli mit einer Knieverletzung passen muss: Spieler die „fast keiner kannte“ hat er bei eng begrenzten Mitteln kostengünstig nach Hannover geholt – nun sind sie Träger des Aufschwungs. Dennoch bleibt man in Hannover auf dem Boden: „Wir bewerten unsere Situation nüchtern und sachlich. Da besteht keine Gefahr, dass jemand abhebt“, versichert Schmadtke. Bei einer Prognose für den weiteren Verlauf der Saison lässt er deshalb Vorsicht walten: „Wir haben erst sechs Spieltage gespielt. Man kann da noch nicht von einem Trend sprechen.“

„Wir sind gespannt“

Zunächst einmal muss die Mannschaft sich ohnehin gegen St. Pauli beweisen und zeigen, wie sie mit der ungewohnten Favoritenrolle zurechtkommt: „Wir sind gespannt, wie die Mannschaft auf die neue Situation reagiert“, sagt Schmadtke zur Partie gegen den Aufsteiger. Wie es aussieht, lässt sich die Mannschaft vom Höhenflug nicht aus der Konzentration bringen, sondern arbeitet wie gewohnt weiter. Nach dem Mittwochstraining machten sechs Spieler sogar Überstunden. Und selbst im Umfeld spricht noch niemand vom Europacup. Eine aktuelle Umfrage der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ lautet bezeichnenderweise: „Wann erreichen die Roten die Nichtabstiegsmarke von 40 Punkten?“

Selbstbewusst, aber nicht überheblich

In der Tat tritt das Team aber in dieser Saison anders auf als in den letzten Jahren: „Die Mannschaft ist selbstbewusst, aber nicht überheblich, sondern motiviert“, beschreibt Präsident Martin Kind im „kicker“ die Einstellung der Mannschaft. Schmadtke erklärt, was zu dieser Wandlung führte: „Wir haben einige Dinge verändert, was den Kader angeht. Und wir haben einen ganz anderen Trainer mittlerweile. Die Dinge greifen jetzt ineinander.“

Zusammenarbeit klappt besser

Offenbar hat Slomka seine Arbeitsweise verändert, geht mehr auf die Mannschaft zu. Dabei stand er nach der Pokal-Blamage im August in Elversberg schon vor dem Rauswurf. Doch die Wende gelang, auch durch Personal-Entscheidungen wie die Ausmusterung von Jan Schlaudraff. Die anfangs nicht reibungsfreie Zusammenarbeit mit Sportdirektor Jörg Schmadtke scheint aktuell, wo es sportlich läuft, ebenfalls zu klappen. „Darauf habe ich hingearbeitet“, macht Kind deutlich, wer aus seiner Sicht für das bessere Verhältnis des Duos verantwortlich ist.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Hannover: Fromlowitz – Cherundolo, Haggui, Pogatetz, Schulz – Schmiedebach, Pinto – Stoppelkamp, Rausch – Forssell, Abdellaoue (Stindl)

St. Pauli: Kessler – Lechner (Volz), Zambrano, Thorandt, Oczipka – Boll, Lehmann – Asamoah (Hennings), Takyi, Naki – Ebbers

Schiedsrichter: Markus Wingenbach


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