94. Wirre, wunderliche Worte

Er ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler und von ganzem Herzen Romantiker: „Ein Leben ohne Gedichte, diese kleinen Leuchtfeuer in der Dunkelheit, ist mir heute nicht mehr vorstellbar.“

Ulrich Tukur hat seine Sammlung der deutschen Liebesgedichte “Wehe, wirre, wunderliche Worte“ herausgegeben. Katharina John hat dafür in ihren Photographien tanzende Paare eingefangen, die illustrieren sollen, dass im Tanz – wie im Gedicht – der Mensch eine leichte, spielerische Form findet, die Einsamkeit, Distanz und Sprachlosigkeit aufhebt. / Hamburg-Magazin

Ullstein Verlag, 176 Seiten, Preis: 14,- Euro

Das in Tukurs  Titel zitierte Gedicht (der Schauspieler schmuggelte ein paar eigene Verse in die Sammlung) stammt von Alfred Lichtenstein (1889-1914), ich nehms aus Anlaß der Wiederbegegnung in meine Anthologie:

Alfred Lichtenstein

Der Rauch auf dem Felde

Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.

Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,

Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.

Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten

Ganz betrunkne Späße machten -
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten

Feldern, die der Mond beschmierte …
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend

Aus und rauchte …

Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Zürich: Arche 1989, S. 16

Das Gedicht besteht aus vierzeiligen Strophen, deren erste drei Verse vierhebig und die vierte jeweils zweihebig sind, ausnahmslos alle Zeilen mit zweisilbiger (weiblicher) Kadenz. Das Gedicht scheint reimlos, jedoch weist es durchgehend in jeder Strophe mindestens zwei durch Assonanz verbundene Verse auf. Die Assonanz (die im Deutschen oft gar nicht als Reim erkannt wird) ist ein Halbreim, bei dem die letzte betonte Silbe den gleichen Vokal hat, während die Konsonanten abweichen. Vierzeilige Strophen aus vierhebigen Trochäen mit Assonanz statt (Voll-)Reim heißen Romanzenstrophe, die spanische Entsprechung zur deutschen Volksliedstrophe. Die deutschen Romantiker bürgerten die Form ins Deutsche ein.

Die Expressionisten benutzen den vierhebigen Trochäus gern (auch Georg Trakl, der wie Franz Kafka die Bezeichnung Expressionist für sich wohl nicht akzeptierte). Die Form ist so häufig, daß ich von „expressionistischem Trochäus“ spreche.

Meine Vermutung über den „expressionistischen Trochäus“  ist, daß die Form sich im Deutschen anbietet, weil man vier zweisilbige Wörter, die im Deutschen in der Regel auf die erste Silbe betont werden, unverbunden nebeneinander stellen kann. Alte Plätze sonnig schweigen. Vier „schwere“ Wörter nebeneinander füllen den Vers perfekt und ohne Füllsel. Die Kompaktheit der Zeilen erinnert mich an manche expressionistischen Gemälde mit starken Konturen.

Ein paar Beispiele von Lichtenstein:

  • tödlich blauen blanken Himmel 57
  • sieben geile Männlein rannten 29

(ein anderes Gedicht von Lene Levi: der Name paßt exakt in den vierhebigen Trochäus, ist schon die Hälfte).

und von Trakl:

  • Kläglich eine Amsel flötet 9
  • Nächtens übern kahlen Anger 10
  • Schatten gleiten übers Kissen 11
  • Wolken über stummen Wäldern 11
  • Alte Plätze sonnig schweigen 15

Expressiv wird der Vers bei Lichtenstein auch durch weitere sprachliche Mittel. Markante Alliterationen schaffen zusätzliche Klangverbindungen, so gleich am Anfang und im Innern noch einmal: Lene Levi lief, so mehrmals im Innern und dann ganz besonders in der zweiten Strophe der vier- oder sogar fünffache W-Anlaut: ver-weinte wehe wirre wunderliche worte (auch hier dreimal hintereinander die trochäischen Zweisilber weinte wehe wirre…).

Der Bau des Trochäus aus vier zweislibigen Wörtern schafft einerseits Geschmeidigkeit, ein leichtes Vorangleiten. Die meisten Zweisilber gleiten dahin, wie auf „langen leeren Straßen“. Nur wenige Einzelwörter sperren sich mit ihrem Klangmaterial, hier das „Trippelnd“ der zweiten Zeile. Zunächst sind es die Konsonantenverbindungen, die den Bewegungsfluß des leichten Metrums hemmen: tr-pp-lnd. Die vielen Konsonanten sind nicht nur für Ausländer vielleicht eine Schwierigkeit, auch der Muttersprachler kann das Wort nicht so schnell aussprechen. Das hat auch einen metrischen Effekt: obwohl es im Deutschen nicht wie im alten Griechischen klar wahrnehmbare Silbenquantitäten gibt, die alten Griechen „maßen“ die Silbenlänge, daher der Name Metrik, wie Meter von Messen, wir „wiegen“ die Silben nach Gewicht (Betonung), der Trochäus ist also im Griechischen lang-kurz, bei uns stark-schwach. Auch bei trippeln ist die erste (die Stamm-)Silbe stark, die Endungssilbe schwach. Wir neigen dazu, die schwachen Endungssilben zu verschlucken, was Auswirkungen auf das Metrum hat. Wir sin-gen nicht, sondrn singn: viele Wörter werden also gesprochen einsilbig, und das Metrum geht flöten. Die gehäuften Konsonanten bremsen das Verschlucken aus. Mit einem Meßgerät könnte man nachweisen, daß man für die „schwache“ Silbe „pelnd“ mehr Zeit braucht als für „tri“: es ist mindestens ein Laut mehr zu sprechen. Der zur Regelmäßigkeit neigende vierhebige Trochäus kommt hier zum ersten Mal ins Stocken. Spannung entsteht zwischen dem dahingleitenden Rhythmus und den Sprachhemmern. Hämmern! Den Rhythmus hemmend wirkt auch die Verkürzung der vierten Verse jeder Strophe. Und hier das gleiche rhythmische Phänomen in dem Strophenschlußwort „Vorstadt“. Zwar betonen wir korrekt die erste Silbe, aber das -stadt hat mehr Laute und zusätzlich das Gewicht des selbständigen Substantivs. Trippelnd und Vorstadt sind nicht stark-schwach, sondern stark-stark.

(Man muß das nicht bemerken, um die Wirkung zu erfahren. Lautes Sprechen, möglichst ohne Verschlucken, genügt.)



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