94. Luxusproblem

Man wird das Gefühl nicht los, dass sich ein 1969 geborener Gegenwartslyriker einen Lyriker wie eine Romanfigur erfindet, welcher dann gleich Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ eremitisch in der weiten, rauschenden Landschaft steht, als gäbe es keine sieben Milliarden Menschen, keine Vernetzung, keine Globalisierung, keine Fernseher, keine Flughäfen, keine Discounter, keinen Sex und kein Fußballspiel.  Die Ausklammerung der realen Welt mit all ihren Begrifflichkeiten wird in einem Maße überstrapaziert, dass einem nur wenig Raum zur Identifikation bleibt. Man assoziiert ständig einen Klausner in stachliger Kutte, barfuß, nach Beeren suchend. Selbstredend geht es beiAufkommender Atem um die Kultivierung einer Ausnahmesituation, um die (Re-) Mystifizierung des Individuums im Glauben, doch bergen die Gedichte konzeptionell eine mitunter ärgerliche Realitätsferne, beinahe einen aufkommenden Eskapismus, beispielsweise, wenn Lehnert für den Sommer die chronologisch dem Jahreslauf folgenden Gedichte nach Lanzarote verlagert, um die Kulisse für seinen tragischen Gegenstand weiterhin aufrecht erhalten zu können:  Der schwarze Sand verrinnt.  Die schwarzen Burgen / am Wasser, schwarze Steinchen auf der Haut: / Weißt du, wie lang es ist bis zum Erwachen? (S.54), Ein schwarzer Strudel, dessen Maß noch fehlt / folgte der menschenhohen Lavawelle (S. 56).

In diesem Sinne spricht auch die Umschlagabbildung Auferstehung, eine Radierung des 1968 (sic!) geborenen Künstlers Michael Triegel, der in der Manier alter Meister, besonders der späten Renaissance tätig ist, für sich.  Ich kann feststellen, dass ich die Gedichte des Pfarrers Christian Lehnert  nicht unbedingt für das schätze, was sie sind, sondern eher für das, was sie – für einen exkursiven, nostalgischen Novembernachmittag mit meiner Katze und einem Kaffee – innerhalb der heutigen Lyrik, aber nur ausnahmsweise, auch mal nicht sind. Aber wer es tatsächlich vermag, sich mit dieser Poesie nachhaltig zu identifizieren, der hat ein Luxusproblem. / Dominik Dombrowski, fixpoetry

Christian Lehnert, Aufkommender Atem, 99 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011



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