93. „Bekämpfen Sie weniger die armen Besucher von Schreibschulen“

Franz Schuh war Juryvorsitzender beim Literaturwettbewerb Wartholz. Die Presse sprach am 12.2. mit ihm u.a. über Schreibschulen:

Ein gutes Drittel der Kandidaten beim Wartholz-Bewerb hat am Literaturinstitut Leipzig studiert. Verbessert das die Literatur, wenn die Bewerber aus „Schreibschulen“ kommen?

Die Frage ist eher, ob solche Schreibschulen die Literatur verschlechtern. Sie sind das Resultat der Akademisierung geistiger Leistungen. Wenn man sich bedenkt, wie unendlich lange es gedauert hat, bis die Medizin universitär untergebracht war! Diesen Weg geht nun auch „die Kunst“, weil auch hier die wilden Jahre vorbei sein sollen. (…)

Sind Schreibschulen nicht auch eine Form der Vereinheitlichung der Literatur?

Vereinheitlichen kann der Markt auch ohne Schulen. Für einen Kafka war die Tatsache, dass er die Gesellschaft als Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherung kennengelernt hat, mindestens ebenso entscheidend wie seine unverfügbare, unglaubliche Sprachbegabung. Nur: Einen Kafka werden wir nicht mehr kriegen! Die Kreativität ist selbst kreativ: Sie ist zu jeder Zeit anders. Denken Sie daran, wie viele kreative Prozesse durch das gewöhnliche Leben zerstört werden. Weil es eine unendliche Anzahl von Menschen gibt, die solche Begabungen haben, aber nicht mit ihnen arbeiten können: Die Umstände verhindern es. Beseitigen Sie diese Umstände, und bekämpfen Sie weniger die armen Besucher von Schreibschulen.

 



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