91. Selbstanschauungstheater

Zugleich kündet Wagners Metapher vom augenzwinkernden Trotz des Dichters: Er koppelt gern die Schwerkraft, von denen die Ambosse erzählen, mit jenen Sehnsüchten nach Leichtigkeit, die den »kopf beinahe in den wolken« schweben lassen.

Quedlinburger Glocken klingen ihm wie Samt, »um nicht das porzellan der luft zu zerschlagen«. Aber doch Zähmungszeit allenthalben: Schlugen den Poeten früher im Frühling die Bäume aus, so sind es heute Rasenmäher hinter den Kleinstadthecken, die den Mai verkünden, und »im garten jener brunnen voller durst«. Er bedichtet Tiere, Irland und Japan, den Hiddenseer Dezember, den Schlamm des Ersten Weltkrieges, und die Qualle ist dem Poeten eine »lupe, die den atlantik vergrößert«.

Diese Lyrik ist das schöne Selbstanschauungstheater eines Dichters, dessen Skepsis nicht überzeugen, sondern überraschen will. Gedichte, denen dies, »fuß um fuß dem epitaph entgegen«, belebend gelingt. / Hans-Dieter Schütt, ND 16.9.

Poesiealbum 295 (Jan Wagner; hrsg. und ausgewählt von Richard Pietraß) und 296 (Heinrich von Kleist; hrsg. von R. Pietraß, Auswahl: Arno Pielenz). Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 bzw. 30 S., brosch., je 4,90 Euro.



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