89. Stück: Kinojahresrückblick 2017 – Die 10 besten Filme

Und schon wieder ist ein Jahr herum. Zeit für meinen Kinorückblick 2017. Hier kommen erst einmal die zehn Filme, die mir dieses Jahr am besten gefallen haben. Widerspruch und Zustimmung könnt ihr wie immer in die Kommentare schreiben 🙂

10. Kong: Skull Island

„Kong: Skull Island“ von Jordan Vogt-Roberts war viel besser, als ich gedacht hätte. Dieses Mal konnte ich es mir im Vorfeld nicht ganz verkneifen, Kritiken zu dem Film zu lesen, und hatte mich durch Stichwörter wie „flache Figuren“, „dünne Story“ und „pompöse Effekte“ auf eine strunzlangweilige Reizüberflutungsorgie eingestellt – und diese Erwartungshaltung wurde im positiven Sinne enttäuscht. Sicher, die Story ist schon ziemlich unterkomplex. Über die Figuren erfährt man nur das Nötigste, wirklich zum Mitfühlen anregen tun sie in der Tat nicht. Und bei den Effekten wird mächtig geklotzt.

Aber: Wenn man die Insel als Hauptfigur der Geschichte sieht, die Handlung außerdem im historischen und aktuellen politischen Kontext betrachtet, finde ich die Figurenkonzeption und überschaubare Story eigentlich ganz stimmig. Jede Figur steht sozusagen für eine bestimmte politische, gesellschaftliche Position, sie sind Typen, keine Charaktere. Sprich: Sie ähneln eher Schachfiguren als echten Menschen. Ihre Konstellation ist bewusst so aufgebaut, dass es zu Konflikten kommen muss. Das kann man vorhersehbar finden, aber ich fand, es hatte etwas von einer Versuchsanordnung und entfaltete durch ihre Klarheit und Einfachheit eine eigene Spannung.

Außerdem gab es verschiedene Identifikationsfiguren und je nachdem, mit welcher Einstellung und Sichtweise man selbst sympathisiert, ändert sich auch die Lesart des Films. Eine solche Ambivalenz im Interpretationspotenzial ist doch spannend! Ich selbst konnte mich in die Fotografin bestens hineinversetzen und auch die Reaktion von Conrad nachvollziehen. Ebenso fand ich Kongs Verhalten absolut plausibel und es erinnerte mich an die Debatten um den Umgang mit sogenannten Kampfhunden. Können Tiere überhaupt von Natur aus böse sein? Oder reagieren sie nur aggressiv, weil sie ihr Revier, ihr Leben oder ihre Ressourcen verteidigen und Angst haben? Und wie sieht es mit dem Tier Mensch aus? Andererseits wurden diese Urzeitechsen ja als grundböse Wesen dargestellt – wobei die wahrscheinlich auch einfach Hunger hatten und wenn ich jahrtausendelang ohne Sonnenlicht und frische Luft unter der Erde leben müsste, hätte ich wahrscheinlich auch eine Scheißlaune.

Mit der Einstellung und dieser komischen Soldatenehre von Packard und seinen Männern konnte ich allerdings zugegebenermaßen wenig anfangen. Aber ich fand es trotzdem glaubhaft geschildert, sodass ich immerhin gemerkt habe, dass ich beim Thema Militär, Krieg, Loyalität unter Soldaten und dieser unüberwindbaren Hierarchiestruktur innerhalb der Truppe schlichtweg an meine Vorstellungsgrenzen stoße. Und das ist auch hochinteressant, wenn man plötzlich realisiert, dass die eigene Sichtweise nicht die einzig mögliche ist 🙂 Es ist also nicht selbstverständlich, pazifistisch und vernünftig vorzugehen, man kann auch wie Cpt. Ahab seinen Moby Dick oder eben Col. Packard seinen King Kong jagt, obsessiv, rachsüchtig, nachtragend und idiotisch handeln und es ist trotzdem menschlich.

Darüber hinaus war die optische Gestaltung des Films zugegebenermaßen sehr gelungen und beeindruckend. Ich denke aber nicht, dass das der einzige Pluspunkt war.

Fazit: Lohnt sich! Und nach dem Abspann sitzen bleiben, da kommt noch was (auch wenn ich fürchte, dass das, was noch kommt, tatsächlich reines Monsteractiongewitter sein wird.)

9. Baby Driver

„Baby Driver“ von Edgar Wright ist ein Film, der Spaß macht. Zumindest dann, wenn man verschmerzen kann, dass die Story nicht die Hauptrolle spielt, sondern die Musik. Schnitt, Einstellungen, Bilder, Schauspiel – alles ist exakt auf den Rhythmus der Songs getimt, die Baby hört. Das ist so stimmig und präzise, dass es eine Freude ist! So kann es gehen, wenn Handwerk und Talent eine perfekte Einheit bilden.

Die Handlung ist um die Musik herum gestrickt, fast scheint es, als hätte man zuerst den Soundtrack zusammengestellt, dann die Bilder dazu kreiert, und erst am Ende eine Art Alibi-Geschichte erfunden, um die einzelnen Szenen und Rhythmen miteinander zu verknüpfen. Mir hat das gefallen. Und ich habe zu Hause als Erstes gleich wieder meinen alten MP3-Player hervorgekramt, ihn aufgeladen und die Tage drauf mit zur Arbeit genommen. Gute Entscheidung.

Einziges Manko (und Grund dafür, weshalb es 4 und nicht 5 Sterne gibt): Die Figurenzeichnung und das Ende. Vor allem die weibliche Hauptrolle fand ich etwas schwach und flach. Lily James hat ihre Sache gut gemacht, keine Frage. Aber hätte man ihrer Figur nicht noch etwas mehr Ecken und Kanten geben können? Sie ist einfach nur ein ganz normaler, verliebter Teenie mit Abenteuerlust und mehr nicht. In Teenie-Romanzen à la „Twilight“ ist das ja Teil des Programms, aber in dem Film hätte ich mir doch noch etwas mehr Charakter gewünscht. Das Ende war zwar konsequent, aber ziemlich trostlos – das hat das Filmvergnügen etwas getrübt.

Fazit: Von kleinen Schwächen abgesehen ein toller Film, der sich lohnt!

8. Planet der Affen 3: Survival

„Planet der Affen: Survival“ von Matt Reeves ist ein durch und durch gelungener Abschluss der Trilogie. Hier stimmt einfach alles: Timing, Musik, Bilder und Schnitt, Spiel und Charakterzeichnung, Handlung und Spannungskurve. Trotz der nicht unerheblichen Länge von 140 Minuten langweilt man sich keinen Augenblick. Die Entwicklung Caesars mitzuerleben ist fesselnd und nachvollziehbar.

Ich staune immer noch, was für einen Sprung die Technik in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Man vergisst komplett, dass es sich nicht um echte Affen handelt, sondern um Schauspieler, die mit dem Motion-Capture-Verfahren Computeranimationen zum Leben erwecken. Die Mimik und Gestik ist so detailreich, dass die echten Schauspieler dagegen fast verblassen. Und immerhin spielt Woody Harrelson mit, das will also was heißen.

Einziges Mini-Manko: Das 3D hätte nicht zwingend Not getan.

Fazit: Wer schon die ersten beiden Teile der Reihe mochte, sollte den dritten Teil nicht verpassen!

7. T2: Trainspotting

„T2: Trainspotting“ von Danny Boyle ist eine stimmige Fortsetzung des ersten Teils aus dem Jahr 1996. Es empfiehlt sich aber unbedingt, „Trainspotting“ vorher noch einmal zu sehen, denn vor allem im direkten Vergleich entfaltet der zweite Teil seine Kraft. Die liegt nicht, wie im 20 Jahre älteren Film, in der anarchischen Radikalität, der wilden, durchgeknallten Ästhetik und dem rasanten Tempo. Sondern die Stärke von „T2“ liegt in seinem nostalgischen Grundton. Das könnte fast schon melancholisch anmuten, wäre da nicht der lakonische, rabenschwarze Humor, der bereits den ersten Teil davor bewahrt hatte, den Zuschauer vollkommen hoffnungslos und niedergeschlagen zurückzulassen.

Alle sind erwachsen geworden: Die Antihelden Spud, Sick Boy, Beckbie und Mark Renton. Die Crew hinter der Kamera. Und die Zuschauer vor den Leinwänden. Als ich den Film zum ersten Mal sah (das war nicht im Kino, damals war ich noch zu jung), war ich glaube ich so um die 20 und hatte zwar mit Drogen nichts am Hut, konnte aber dieses Lebensgefühl nachempfinden. Dass man nicht so recht weiß, wo einen das Leben hinführen wird, man will nicht verspießern und will seinen eigenen Weg gehen, aber in welche Richtung? Keine Ahnung. Also lässt man sich erst einmal treiben, die Zukunft liegt noch weit entfernt, irgendwo und irgendwann, man wird schon sehen.

Inzwischen bin ich Mitte 30, zehn Jahre älter als die Helden aus dem ersten Teil, zehn Jahre jünger als die gealterten, ernüchterten Helden aus dem zweiten Teil. Und es ist spannend zu sehen, wie man sich selbst verändert hat und wo man sich eventuell vielleicht noch hin entwickelt, wenn man nicht aufpasst und Gelegenheiten verstreichen lässt, die sich auftun. Ich bin ehrlich gesagt heilfroh, nicht mehr in meinen Zwanzigern zu sein und irgendwie herumzuwurschteln, ohne so recht zu wissen, was ich eigentlich will. Die Dreißiger sind eine unheimlich spannende Zeit – ich glaube, in diesem Jahrzehnt entscheidet sich, ob man mit Mitte 40 wie die Männer in der Geschichte da steht, auf sein Leben zurückblickt, und fast alles bereut, was man getan hat. Oder ob man auf sein bisheriges Leben zurückblickt und denkt: Ach, das war schon alles in Ordnung so, ich hab getan, was ich konnte und ich habe mich stetig weiter entwickelt. Und es ist noch lange nicht vorbei, da geht noch was, und ich freue mich drauf. Tja. Mal schauen, wie ich in zehn Jahren dann dastehe.

Fazit: Eine wunderbare Ergänzung zum ersten Teil, etwas nostalgisch, etwas wehmütig, aber trotzdem mit einer Prise Optimismus, die etwas Versöhnliches an sich hat. Lohnt sich für alle, die den ersten Teil gesehen und geliebt haben!

6. Die irre Heldentour des Billy Lynn

„Die irre Heldentour des Billy Lynn“ von Ang Lee ist im Grunde eine bitterböse Satire, die den amerikanischen Heldenmythos und sämtliche fadenscheinigen Gründe für den Armee-Einsatz im Nahen Osten demontiert. Warum man für diese intelligente Tragikomödie in der deutschen Übersetzung wieder einmal einen völlig blöden Titel gewählt hat, der eher an billigen Klamauk und kalauerlastige Klamotten erinnert, ist mir allerdings ein Rätsel. Wenigstens das „irre“ hätte man doch wohl weglassen können, „Die Heldentour des Billy Lynn“ hätte es doch auch getan … Na ja, ich habe keine Ahnung, wer das entscheidet und ich weiß nicht, was diese Leute gelernt haben, sehr viel kann es aber nicht gewesen sein und besonders kompetent scheinen sie auch nicht zu sein. Einmal mit Profis arbeiten und so weiter.

Aber ich schweife ab.

In dem Film geht es um eine Gruppe von Elite-Soldaten, die eine Propagandatour durch ihre US-amerikanische Heimat machen, bevor sie zurück in den Irak in den Krieg müssen. Ihre letzte Station führt sie zu einem Football-Spiel, wo sie in der Halbzeitshow als Helden präsentiert werden sollen. Billy Lynn vor allem wird zum Kriegshelden hochstilisiert, weil er einem tödlich verletzten Kameraden zu Hilfe eilte und einen „Feind“ tötete. Für ihn war es der schlimmste Tag seines Lebens, aber alle anderen bejubeln ihn.

Es wird klar, wie sehr die Öffentlichkeit von der Propagandamaschinerie beeinflusst wird, und dass im Grunde niemand so genau wissen will, wie der Alltag der jungen Leute, die für die Interessen macht- und geldgieriger Politiker in Kriegsgebieten vollkommen zweckfrei ihren Arsch hinhalten, eigentlich aussieht. Keiner will wissen, wie es den Jungs – denn es sind im Grunde tatsächlich noch Kinder – wirklich geht, wie traumatisiert und vollkommen am Ende sie sind. Stattdessen wollen sie ihre Helden beklatschen, sich selbst mit ihrem Patriotismus gut finden, und mit Politik nichts zu tun haben. Die Einzige, die heraussticht, ist Billys Schwester Kathryn – aber sie allein hat keine Chance, ihren Bruder aus dem Militärsystem herauszuholen. Er kennt nichts anderes, er kann nichts anderes, und nur seine Kameraden, die dasselbe durchgemacht haben wie er, können das verstehen.

Für Faeson, die Cheerleaderin, in die Billy sich verguckt, ist er im Grunde nichts weiter als eine Trophäe. Während sie ihn mit Rehaugen und Wimpernklimpern anschaut, verspricht für ihn zu beten und ihm Honig um den nicht vorhandenen Bart schmiert, will sie eigentlich nur mit einem amerikanischen Helden schlafen. Aber Billy sieht sich nicht als Held, er tut, was er tut, weil er keine Wahl hat.

Fazit: Ein kluger, wichtiger und trotzdem unterhaltsamer Film – auch, wenn die Handlung insgesamt recht übersichtlich ist. Ich denke nicht, dass er die Resonanz bekommen wird, die er verdient. Aber er lohnt sich auf jeden Fall.

5. Happy Deathday

„Happy Deathday“ von Christopher Landon ist eine Art Horrorversion von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – und absolut großartig! Ich weiß gerade gar nicht, wo ich mit meinem Lob anfangen soll … die Schauspieler sind (zumindest mir) alle unbekannt, machen ihre Sache aber super. Die Figuren sind mit Ausnahme Carters stark überzeichnet, fast schon karikaturesk. Und das ist gar nicht so einfach, das trotzdem glaubwürdig zu spielen, auf eine Weise, dass man mit den Figuren mitfühlt und mitfiebert. Vor allem Jessica Rothe als Tree spielt überzeugend, wie sie mit jeder Wiederholung der Zeitschleife von ihrer Riesenmiststückigkeit immer weiter abkommt.

Den ganzen Film durchzieht ein satirischer, sarkastischer Unterton, sodass auch die sich langsam (und ebenfalls nachvollziehbar) entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Tree und Carter nie ins allzu Kitschige, Kalenderspruchartige abdriftet. Trotzdem bleibt es spannend und wird nie albern, der Film nimmt seine Figuren und ihr Anliegen (Trees Mördersuche vor allem) stets ernst, ohne dass es aber rührselig wird. Die whodunit-Geschichte hält sogar ein paar Wendungen bereit, die ich an dieser Stelle aber natürlich nicht verrate.

Fazit: Toller Film! Lohnt sich!

4. The Founder

„The Founder“ von John Lee Hancock ist eine bitterböse Satire, die auf einer wahren Geschichte beruht, und einem das Lachen immer mal wieder im Hals stecken lässt. In diesem Lehrstück über Arschloch-Kapitalismus und Nullsummenspiele sind die skrupellosen Narzissten am Ende die Sieger, die gutmütigen, ehrlichen und fleißigen Menschen, die sich mit Geduld, Leidenschaft und Disziplin etwas Wunderbares aufgebaut haben, gucken in die Röhre. (Nullsummenspieler sind Menschen, die davon ausgehen, dass es nur einen Sieger geben kann, wenn es auch einen Verlierer gibt. Der eine gewinnt (+1), der andere verliert (-1), und addiert man das, kommt Null heraus (1 + (-1) = 1 – 1 = 0). Nicht-Nullsummenspieler sind Menschen, die an Win-Win-Situationen glauben, ebenso daran, dass es Momente gibt, in denen alle verlieren können.

Obwohl aber dieser Ray Kroc wirklich ein amoralischer, profitgieriger, hinterhältiger, niederträchtiger, eingebildeter Mistkerl ist, muss man doch seine Beharrlichkeit bewundern. Das muss man ihm lassen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, das zieht er auch durch, ohne Rücksicht auf Verluste, und ohne Skrupel, wenn er dabei über Leichen gehen muss – wenn auch nur im übertragenen Sinn. Er ist der personifizierte Raubtier-Kapitalismus, wie er im Finanzwesen grassiert und die Welt immer wieder in Wirtschaftskrisen stürzt, dabei aber trotzdem nicht totzukriegen ist. Denn die Verlierer sind am Ende nicht die Raubtiere, sondern die, die sich aus Anstand weigern, bei diesem menschenverachtenden Zirkus mitzuspielen.

Dass Kroc trotz seines nicht zu leugnenden Arschlochtums nicht vollkommen unsympathisch wirkt, liegt vor allem an Michael Keatons Darstellung des unverschämten Gauners. Er spielt ihn als einen Mann, der die Chance seines Lebens im richtigen Moment erkannt hat, und seinen Traum voller Hingabe verfolgt, dabei aufs Ganze geht, und an seiner Vision festhält. Das ändert nichts daran, dass er ein elender Schuft ist, der von Fair Play überhaupt nichts hält, aber man glaubt ihm, dass er zwar den Schaden anderer in Kauf nimmt auf seinem Weg die Karriereleiter hinauf, sie aber nicht ins Messer laufen lässt, weil er Spaß daran hat, andere zu quälen. Er ist durch und durch ein Egozentriker mit Größenwahnkomplex, aber kein Sadist.

Fazit: Lohnt sich! Macht Spaß und regt zum Nachdenken an!

3. Die Taschendiebin

„Die Taschendiebin“ von Park Chan-Wook ist ein raffiniert erzählter Film, der sich gar nicht so leicht in ein Genre einordnen lässt. Elemente des Thrillers und Krimis treffen auf psychologisches Drama vor historischer Kulisse, die erotischen Szenen gehen in Richtung Softporno und ein wenig torture porn ist auch dabei ebenso wie gelegentlicher ironischer Humor. Die Geschichte ist unterteilt in drei Kapitel, wobei jedes überwiegend aus der Perspektive einer der drei Hauptfiguren erzählt wird. Tatsächlich sind es auch diese Figuren und ihre Konstellation zueinander, die die Handlung gestalten und vorantreiben. Die überraschenden Wendungen tun ihr Übriges, um keine Sekunde Langeweile aufkommen zu lassen und die Spannung zu halten.

Ich muss zugeben, dass mir die erotischen und die Folter-Szenen teilweise ein wenig zu extrem und unsubtil waren. Aber das ist eine Geschmacksfrage, für die Dramaturgie und Handlung des Films sind diese Passagen durchaus sinnvoll.

Fazit: Ein toller, ungewöhnlicher Film, unbedingt sehenswert!

2. Hell or High Water

„Hell Or High Water“ von David Mackenzie ist ein toller Film! Hier stimmt einfach alles: Die Figurenzeichnung ist differenziert und feinfühlig, die Motive der handelnden Personen nachvollziehbar; sie wirken authentisch, glaubwürdig – und sympathisch. Selbst der kriminelle ältere Bruder kann nicht immer verbergen, dass er auch seine guten Seiten hat. Ben Foster und Chris Pine (der – obwohl ein paar Monate älter – das Nesthäkchen der beiden spielt) harmonieren wunderbar als Brüder, die es nicht leicht hatten in ihrem Leben, und die einmal das Richtige tun wollen, auch wenn sie dafür gegen das Gesetz verstoßen müssen. Aber der gute Wille allein rechtfertigt dann doch nicht immer die Mittel.

Jeff Bridges als Ermittler, der kurz vor seiner Pensionierung steht, ergänzt als Antagonist das Ensemble, und überzeugt mit seiner zwar mürrischen, aber auch von Neugier und Freude an der Arbeit geprägten Art. Er hat eigentlich gar keine Lust auf den Ruhestand, aber er merkt auch, dass er körperlich nicht mehr der Jüngste ist. Seinen Spürsinn hat er jedoch nicht verloren.

Es ist eine Art Robin-Hood-Geschichte, inmitten der texanischen Einöde, und es hätte schauderhaft moralisch, strunzlangweilig oder rührselig werden können. Ist es aber nicht. Im Gegenteil, das ernste Thema wird durch den lakonischen Humor immer wieder aufgelockert, und das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Polizisten und den Brüdern bleibt durchweg spannend. Man wünscht diesen Menschen alles Glück der Welt und weiß dennoch, dass es so nicht ausgehen kann.

Ganz nebenbei bekommt man in diesem wunderbar erzählten Film auch eine Seite der USA präsentiert, die man sonst nicht so oft sieht. Viele sind Opfer der Bankenkrise geworden, haben Schulden und wissen nicht, wie sie die jemals bezahlen sollen. Ihre Würde und ihren Stolz bewahren sie sich trotzdem. Das hat allerdings nichts Kitschiges oder Heldenhaftes an sich – jeder versucht so gut es geht zu überleben. Für mich persönlich fand ich die Mentalität der Texaner sehr schräg, für die Waffen zu tragen so selbstverständlich ist wie für mich, immer ein Buch in der Tasche zu haben. Auch die großen Reden, die sie schwingen, wen sie nicht alles umlegen und ausweiden und als Bettvorleger verwenden wollen, fand ich reichlich merkwürdig. Aber dabei wirkten sie so aufrichtig, dass man merkte, das ist für sie so eine Art Bürgerpflicht und auf ihre Weise versuchen sie nur, sich anständig zu verhalten.

Fazit: Großartiger Film, den man nicht verpassen sollte!

1. Die Beste aller Welten

„Die Beste aller Welten“ von Adrian Goiginger ist eine wunderbar leicht erzählte, tief berührende Mutter-Sohn-Geschichte. Gesehen habe ich den Film auf der Berlinale, zusammen mit einer Freundin, und wir waren richtig glücklich, dass wir nicht nur überhaupt noch Karten für eine Vorstellung ergattert hatten, sondern auch und vor allem, weil wir dabei so ein tolles Filmjuwel erwischt haben. Ich hatte vorher nur kurz den Inhalt überflogen: Kleiner Junge wächst bei drogensüchtiger Mutter auf. Und da hatte ich befürchtet, das könnte schwere Kost oder überambitionierter Kunstquark werden … aber nichts davon trifft zu.

Künstlerisch gut gemacht ist er auf jeden Fall, aber eben auch handwerklich, schauspielerisch und erzählerisch hervorragend gelungen. Die Traum- und Fantasiesequenzen des kleinen Adrian sind einerseits unheimlich, andererseits aber auch poetisch und verleihen dem Film eine federleichte Magie. Die Chemie zwischen den Schauspielern stimmt einfach – besonders zwischen Verena Altenberger als Mutter und Jeremy Miliker als Adrian funkelt und strahlt es. Doch auch insgesamt ist dies eine großartige Ensembleleistung. Auch, als die Schauspieler und der Regisseur nach dem Film auf die Bühne kamen, war noch eine Verbindung zwischen ihnen zu spüren. Der Regisseur und sein kleiner Alter Ego schienen sich ebenfalls toll zu verstehen. (Ich habe überhaupt erst am Ende begriffen, dass die Geschichte autobiographisch war

Noch hat sich kein Verleih gefunden, aber ich hoffe sehr, dass dies gelingt. Es wäre einfach zu schade, anderen Kinogängern diesen Film vorzuenthalten.

Fazit: Einfach toll! Bei erstbester Gelegenheit unbedingt reingehen! (Anmerkung: Inzwischen lief der Film auch regulär im Kino <3!)

Mein Favorit unter den Animationsfilmen dieses Jahr war übrigens „Coco“:

„Coco“ von Lee Unkrich und Adrian Molina ist ein wunderbarer Film, der richtig ans Herz geht. Die Optik, das Setting und die Handlung erinnern zwar stark an „Manolo und das Buch des Lebens“ aus dem Jahr 2015 – dennoch können meines Erachtens beide Filme nebeneinander existieren. Beide Filme sind mit viel Liebe zum Detail und einer überbordenden Farbenfreude gestaltet, mitreißende Musik bestimmt den Soundtrack und die Helden (hier ein kleiner Junge, in „Manolo“ ein erwachsener Mann) sind beide gleichermaßen liebenswert und man wünscht ihnen alles Glück der Erde.

Ich habe mich außerdem darüber gefreut, dass der niedliche Hund aus dem Trailer tatsächlich eine wichtige Rolle in „Coco“ spielt. Unter all der Niedlichkeit, der Farbenpracht und den mexikanischen Klängen verbarg sich aber auch eine anrührende Geschichte mit Tiefgang. Klar, es ging im Kern um Familienwerte, wie das bei Disney so üblich ist. Aber hier war es ohne Kitsch, ohne Pathos, mit realistischen Problemen und vielschichtigen Charakteren geschildert. Es war nicht so, dass sich alle einfach so lieb hatten, weil sie eine Familie sind. Sondern alle mussten sich zusammenreißen, Mitgefühl zeigen, aufeinander zugehen, um miteinander auszukommen und Frieden mit den Wunden längst vergangener Enttäuschungen umzugehen.

Der Nachteil dabei ist allerdings, dass der Film es schwer haben dürfte, den Erwartungen eines Publikums gerecht zu werden, die sich inzwischen an ein recht hohes Erzähltempo gewöhnt haben. Es ist nicht leicht zu sagen, wer die Zielgruppe dieses – wie ich finde – kleinen Filmjuwels sein soll. Für Kinder ist er meiner Meinung nach zu ernst und stellenweise recht gruselig. Für Erwachsene ist er nicht lustig/ironisch genug. Von Teenagern fange ich gar nicht erst an. Entsprechend saßen wir gestern Abend auch nur mit vielleicht 10-20 Leuten im Kinosaal – und dann waren das auch noch außer uns lauter Vollidioten, die die ganze Zeit dazwischengeblökt und Offensichtlichkeiten herausposaunt haben.

Angesichts dieser Quote von 98 bis 99 Prozent Vollidioten wundert es mich nebenbei bemerkt dann aber auch gar nicht, dass sich Leute so massiv über die Länge (22 Minuten) des Vorfilms „Olaf taut auf“ beschwert haben, dass Disney den Kurzfilm in den USA aus dem Programm genommen hat. Sicher, kleine Kinder so lange ruhig zu halten, ist nicht einfach. Aber wie gesagt, ich finde, der Film ist ohnehin nichts für ganz kleine Kinder. Ich fand „Olaf“ nicht zu lang. Er war genau richtig und sehr niedlich, wenn auch etwas unterkomplex in der Handlung. Vielleicht könnte man aber überlegen, ob man dann bei der Werbung und den Trailern ein wenig kürzt, zumindest in den Nachmittagsvorstellungen, anstatt ihn gleich ganz rauszunehmen.

Fazit: „Coco“ ist ein Film, dem man eine Chance geben sollte. Es lohnt sich!


Meinen Jahresrückblick 2016 findet ihr hier.

Den Jahresrückblick 2015 gibt’s hier.

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